Begründung der Verleihung des ‚ersten Filmpreises‘ an Heidi Vágyi für Platón
Begründung der Verleihung des ‚ersten Filmpreises‘ an Heidi Vágyi für Platón
Platón ist ein Film, der eine ausweglose Welt zeigt. Schauplatz ist ein geschlossener Raum ohne Türe und Fenster. Alle Oberflächen des Raums sind Landkarten. Die Figuren des Films sind drei identische graue Oberkörper von Schaufensterfiguren. Im Raum bewegt sich auf einem Oval fortlaufend ein Modelleisenbahnzug. Die Gestaltung der Welt und die Tätigkeiten der Figuren (Schlafen, Musik, Schach, Lesen, Schlafen) folgen dem Muster auswegloser Wiederholung: Landkarte neben Landkarte, Kreis nach Kreis, gleichbleibende Tagesroutine. Und all das wird mehrmals gezeigt, der Film selbst wiederholt sich. Es passiert nichts, es gibt nichts zu sehen in einer sich wiederholenden Welt mit sich wiederholenden Vorgängen.
Verstärkt wird der erschreckend ausweglose Eindruck dadurch, dass die Welt perfekt ist. Die Landkarten wie die wohl geformten Plastikfiguren fügen sich zu einer glatten und abgeschlossenen Oberfläche zusammen. Genauso spulen sich die Bewegungen des Tagesablaufs in notwendiger Ordnung ab. Ausweglos funktioniert alles wie automatisch, ohne dass auch nur die kürzeste Überlegung oder der kleinste Zweifel aufkommen würde.
Die Technik der Animation unterstreicht den Eindruck weiter: Die auf ihre Art unfertigen, lückenhaften Bewegungen der animierten Bildkette führen zu einem technischen, maschinellen Ausdruck. Die Ausweglosigkeit der Wiederholung kommt in der Technik selbst zum Ausdruck.
Die Abgeschlossenheit bedeutet zu einem Punkt des Films Fehler. Ohne weitere Motivation oder Vorwarnung tritt in der Landkartenoberfläche ein Riss auf. Die Figuren bemerken diesen und versuchen ihn mit anderen Teilen der Welt zu stopfen. Folge kann nur sein, dass noch mehr kaputt geht; die Welt geht unter. Die perfekte totale Welt, die scheinbar in sich selbst ruht, schließt ihr Gegenteil (den Fehler) ein, kann jeden Augenblick kippen. Der natürliche Zustand ist nur vorgegeben und mit Gewalt zusammengehalten.
Ergebnis ist, dass sowohl im Bestehen als auch im Zusammenbruch Platón eine kaputte Welt nicht nur zeigt, sondern im Sehen diese im besten (schlechtesten) Sinn der Avantgarde entsteht. Das Werk bleibt nicht rein äußerlich, sondern überträgt sich ins Eigene des Zusehenden.
Bis hier könnte man bei Platón von einem abstrakten Experiment sprechen. Der Zusammenhang zwischen Totalität und Brüchigkeit wird ohne weiteren Kontext auf allgemeiner Ebene ausgetestet. Das trifft sicher zu, verschweigt aber, dass die Welt im Film aus besonderen Gegenständen besteht. Landkarten, Schaufensterfiguren, Modelleisenbahn stehen jeweils für etwas anderes. Die Landkarte hat den Anspruch die existierende Welt abzubilden und in dieser Orientierung zu geben. Die Schaufensterfigur mag zeigen, wie ein Kleidungsstück auf einem Körper aussieht, um vom Kauf der Kleidung zu überzeugen – die Schaufensterfigur steht für den Menschen, der das Kleid später trägt. Die Modelleisenbahn behauptet hingegen als Modell das Große im Kleinen nachzubilden, um es als Spielzeug in die Wohnung holen zu können. In ihrem symbolischen Charakter sind die drei Elemente der abstrakten abgeschlossenen Welt übertragen konkreter Inhalt.
Bezug zu bestimmten Inhalten besteht nicht nur direkt, wie der Strich auf der Landkarte für die Form im Gelände steht, sondern auch Gesellschaft betreffend. Es ist eine bestimmte Gesellschaft, die derartige symbolische Abbilder hervorbringt, die Notwendigkeit verspürt sich auf einer derart abstrahierenden Form auszudrücken und zu organisieren. Die drei abbildenden Elemente sind nämlich nicht schlicht Wiedergabe, sondern indem und wie sie abstrahieren, bedeuten sie Formung und den Versuch die unbeherrschte Welt beherrschbar zu machen, im Abbild in eine sich wiederholende Ordnung zu bringen. Das beginnt mit der Vorstellung wie ein Körper sein soll, wie durch die Schaufensterpuppen ausgedrückt, hin ganz allgemein zur Meinung, dass Welt in Modell und Plan gebracht werden könnte.
Das, was der Film als konkreten Inhalt zeigt, ist die ausweglos sich wiederholende Welt – nur dass sie unsere Welt ist. Der Realismus des Films liegt nicht darin, dass das Bestehende durch Menschen, Objekte und Natur gezeigt wird – so als ob das direkt abgebildet werden könnten – sondern durch Abstraktion wird gleichzeitig eine genauere und allgemeinere Aussage über die bestehende Welt getroffen. In dieser Hinsicht verfolgt der Film das verschrobene und paradoxe Programm des Sur-Realismus und verwendet abstrakte Mittel zum konkreten Ausdruck.
Zeichen haben aber auch an sich, dass ihr Ausdruck nicht eindeutig ist: Es gibt keinen notwendigen Zusammenhang zwischen Zeichen und Bezeichnetem. Das schließt für den Film ein, dass die Verbindung zum Inhalt in verschiedenen Arten und individuell abhängig konkretisiert werden kann. Möglichkeiten zu solchen Interpretationen schließen ein:
Die Verbindung zur Realität kann in einen sozialgeschichtlichen Hintergrund ausgeweitet werden: Besonders die Landkarten und die Modelleisenbahn kommen aus einer bestimmten Zeit, aus der des Sozialismus. Staaten, die das Reisen streng reglementierten, bringen Landkarten und Züge heraus, so als ob jeder Ort erreichbar wäre. Die geschlossene Welt präsentiert sich als offen.
Die Welt kann als Gedankenwelt der Figuren gesehen werden. Gerade da sie keine Köpfe haben, handelt es sich beim im Film Sichtbaren quasi um den Blick in die Köpfe hinein, bzw. durch diese durch. Über Landkarten und die Modelleisenbahn geformt sehen die Figuren die Welt. Da das Gezeigte sich wiederholt und feststeht, wird offensichtlich ein geschlossenes Denken gezeigt. Ein Denken, das neue Erfahrungen und Informationen aus sich heraushalten mag – ideologisches Denken ist. Allerdings ist es ein Sehen und eine Weltvorstellung, die nicht funktioniert. Der Zusammenbruch der Welt ist das Resultat.
Die Vorstellung als Gedankenwelt kann umgedreht gesehen werden: die Landkartenwelt, die als feststehende und geordnete Sicherheit gibt. Fällt die Welt zusammen, fällt die Figur aus dem Zug, der leer weiterfährt. Ohne die Sicherheit der bestehenden Anschauungsformen kann nicht weitergereist, weiterbestanden, werden.
Die Figuren können sehr konkret gesehen werden, so als ob sie direkt Menschen wären. Darin wird interessant, wie sie sich zueinander verhalten, in welcher Beziehung sie zu einander stehen, wie ihr Zusammenleben funktioniert. Der Film wird zur Geschichte eines eigenartigen (Familien-)Lebens.
Als konkrete Geschichte kann der Film als die eines Eisenbahnunfalls verstanden werden. Am Anfang sitzt der Reisende im Zug, der durch die Landkartenwelt fährt. Als die Welt zerbricht, fällt er vom Sitz und das Zugabteil wird leer. Zug und Reisender ist verunglückt.
Die Geschichte des Zugunglücks kann abstrakter als Fortschrittskritik gesehen werden. Der unaufhaltsame Zug fährt, am Anfang und am Ende des Films. Die Welt kann währenddessen zu Bruch gehen, aber der Zug fährt weiter. Egal, ob der Passagier noch im Zug sitzt, der Fortschritt muss weitergehen, er ist das Entscheidende.
Dass Platón glaubwürdig und berechtigt eine derartige Vielschichtigkeit der Interpretationsansätze erzeugen kann, basiert auf der abstrakt-konkreten Ausdrucksweise – und das ist es, was den Film zu einem guten und funktionierenden Werk macht, der als solches jede Auszeichnung verdient.


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