Schreibmaschinen-Literatur
Schreibmaschinen-Literatur
Die Schreibmaschine ist ein anachronistisches Gerät. Kaum mehr wird sie ernsthaft zur Produktion von Texten verwenden, da sie in jeder Hinsicht den Fähigkeiten des Computers (auch im engen Bereich in der Textverarbeitung, also ganz zu schweigen von all den weiteren Möglichkeiten des Computers) unterlegen ist. Um einen Text zu schreiben, macht es keinen Sinn eine Schreibmaschine zu verwenden – sagt der gegenwärtige Stand der Technik.
Macht man es trotzdem, muss man besondere Gründe dafür haben.
Abgesehen von zufälligen Gründen wie Alter, Vertrautheit oder auch Verfügbarkeit, worin sollen Gründe für die Verwendung gefunden werden, als genau in den dem Computer unterlegenen Eigenschaften; also in einer absichtlichen Entscheidung zu Fehler und Schwäche und deren bewussten Anwendung und Ausnutzung. Unter folgende Punkte könnte eine Einordnung der Nachteile gemacht werden: Festgeschriebenheit (fehlende Korrektur- und Überarbeitungsmöglichkeit), Einmaligkeit (fehlende Kopier- und Reproduzierbarkeit) in Bindung an Papier und Tinte (Materialität), Abhängigkeit von mechanischen Vorgängen (fehleranfällig, körperlich anstrengend, Abweichungen). Zusammengefasst: Schwerfälligkeit und Anstrengung in einem einmaligen, nicht veränderbaren, fehlerhaften Prozess. Mit der Schreibmaschine schreiben bedeutet Fehler, Abweichung, Unperfektheit. Umgekehrt betrachtet, dass das Schreiben auf der Schreibmaschine speziellen Ausdruck hat: sowohl im Prozess des Schreibens als auch im materiellen und textlichen Resultat. Gerade im Vergleich zur aktuellen digitalen Methode der Textverarbeitung in ihrer perfekten Anonymität und Anpassungsfähigkeit werden die Eigenschaften des Alten deutlich und haben speziellen Ausdruck. [Ohne den Vergleich zum Computer sind die Eigenschaften von anderer Bedeutung. Was gegenüber dem Computer als Fehlerhaft und Mangelhaft erscheint, stellt gegenüber Handschrift einen Fortschritt der Möglichkeiten von Textverarbeitung dar. Das, was als Vereinheitlichung für Vereinfachung sorgte, ist inzwischen überholte Unzulänglichkeit einer Vereinheitlichungsversprächung, die sich nicht einlöst.]
Aufgabe der Schreibmaschinen-Literatur, weiter gesagt Schreibmaschinen-Kunst, ist es dann die Eigenschaften und die Bedingungen des besonderen Schreibens auf der Schreibmaschine aufzuzeigen, zu verwenden, sie Teil ihrer weiteren ästhetischen Darstellung und Aussage zu machen.
In der Schreibmaschinen-Kunst können grundsätzlich zwei Formen unterschieden werden: eine äußere und eine innere. Innere Form bedeutet, dass die speziellen Eigenschaften des Schreibens notwendiger Teil der Konstitution des Werkes sind. Ohne Schreibmaschine könnten diese Werke nicht nur nicht sein, sondern wären undenkbar. Das Resultat (Werk) ist Ausdruck der Schreibmaschine.
Von dieser strengen Form unterscheidet sich die äußere Form. Werke dieser Gruppe sind ohne Schreibmaschine denkbar – könnten auf andere Weise (Computer) geschrieben und hergestellt werden. Die Schreibmaschine fügt in der allgemeinen Möglichkeit ‚nur‘ die konkrete Erscheinung als äußere Eigenschaft des Resultates (Werk) hinzu: Es ist mit Schreibmaschinen-Buchstaben geschrieben. Dadurch verändert und bestimmt die Schreibmaschine zwar die Eigenschaften des Werkes, ist aber nicht konstituierende Bedingung davon; das Werk könnte auch ohne Schreibmaschine existieren.
Dieser Text mag für beide Formen Beispiele anführen, wodurch Charakteristika der Schreibmaschinen-Kunst genauer dargestellt werden sollen. Die Beispiele sind für die äußere Form einerseits ein Krimi-Text des Extrablatt-Verlages (Fall Oberwölz). Für die innere Form muss hingegen im Konjunktiv des Fehlens gesprochen werden: Überlegte, konzipierte Texte (nicht bestehende) werden als Beispiele zur Verdeutlichung entworfen. Der Extrablatt-Verlag plant zwar eine Umsetzung, ob diese möglich und wie das Konzept sich in Gegenstand umsetzt, muss allerdings erst gezeigt werden. Die Beschäftigung mit der inneren Form bleibt Konzeptkunst.
Äußere Form (Fall Oberwölz):
Der Fall Oberwölz wurde 2022 ganz jenseits der Schreibmaschine konzipiert. Die Entscheidung für seine formale und inhaltliche Gestaltung lag anders begründet. Zum Inhalt wurde durch die Fortführung eines bestehenden Charakters (Kommissar Kurt K.) und durch eine Fahrt an den titelgebenden Ort gekommen. Die Motivation zur Gestaltung des Textes als Protokoll entsteht aus der Frage wie Texte gegenwärtig gestaltet werden können. Besonders bei Kriminaltexten, die in der Entwicklung von Verbrechen und Aufklärung mit Spannung verbunden sein wollen, ein entscheidendes Problem. In Gegenwärtigkeit steht das Erzählen der durchschnittlichen Erzählsituation entgegen, das auf passierte und abgeschlossene Ereignisse zurückschaut – und somit eine Konstruktion, die Spannung grundsätzlich entgegensteht. Alles ist zum Erzählzeitpunkt bereits passiert, das Ergebnis steht fest. Selbst wenn am Anfang des Textes nicht konkret benannt werden kann, wer der Mörder ist, so kann doch gesagt werden, dass das Ende im Anfang enthalten ist, dass zum Ende gekommen wird, ein Zusammenhang in der Konstruktion besteht, der aus der Bekanntheit der Ereignisse durch den Erzähler entsteht. Im Fehlen grundlegender Offenheit, als Voraussetzung von Spannung, kann diese maximal auf der Oberfläche und im Ausblenden der Abgeschlossenheit bestehen, also sehr reduziert. Folge ist, dass man aus der grundsätzlichen Konstruktion des Textes mit einem langweiligen, mangelhaften, Text konfrontiert ist.
Ein bis in seine formale Konstruktion spannender Text muss als Reaktion Möglichkeiten zum Ausdruck von Gegenwärtigkeit finden, um aus dem offenen Passieren heraus zu erzählen. Das Protokoll in seiner Aufgabe der unmittelbaren, nicht abgeschlossenen, Dokumentation verspricht diese Möglichkeit: hin zu Gegenwärtigkeit, Offenheit, Spannung.
Diese Überlegung (nicht die Schreibmaschine) führte zum Protokoll als Form und dem Versuch der Umsetzung des speziellen sprachlichen Ausdrucks des Protokolls. Entsprechend wurde der Text 2022 ganz herkömmlich am Computer geschrieben. Das Protokoll als Textsorte steht in keinem notwendigen Verhältnis zur Schreibmaschine, kann mit den verschiedensten Hilfsmitteln geschrieben werden.
Erst später verband sich der Text mit der Schreibmaschine: 2025. Eine Assoziation war dafür verantwortlich. Als klassische Vorstellung eines Protokolls kann eines auf der Schreibmaschine geschriebenes gelten – zu dieser klassischen Vorstellung sollte zurückgekehrt werden. Damit führte eine äußere Verbindung, ein vorbildhaftes Erscheinungsbild, zur Umsetzung des Textes auf der Schreibmaschine, die nicht in die Struktur des Textes eingriff, sondern einzig für eine neue Oberfläche (Schreibmaschinen-Buchstaben) sorgte. So wurde der bestehende Computertext mit der Schreibmaschine abgeschrieben.
Sobald aber die Umsetzung auf der Schreibmaschine begonnen, beginnen sich die speziellen Eigenschaften der Schreibmaschine in den Text einzuschreiben. Die äußere Eigenschaft des Erscheinungsbilds bestimmt trotzdem den Text und verändert die Bedeutung, selbst wenn es sich um eine Kopie eines in anderer Form bestehenden Textes handelt. Die Veränderung befindet sich auf einer Ebene, die für alle auf Schreibmaschinen geschriebenen Texte gültig ist. Es handelt sich also nicht um eine spezielle Verbindung zwischen Werk und Schreibmaschine, wie sie die innere Form der Schreibmaschinen-Kunst kennzeichnen würde. Grund, dass man umfassend von Schreibmaschinen-Eigenschaften sprechen kann, hängt hingegen mit der Konkretisierung in Material zusammen, zu der es bei jedem Schreiben auf der Schreibmaschine kommt. Mit Material konfrontiert läuft sowohl der Schreibprozess (die Verarbeitung) in jedem Fall anders ab, als auch das Ergebnis ist jeweils anders beschaffen. Jeder Schreibmaschinen-Text wird dadurch besonders, verfügt über spezielle (individuelle) Eigenschaften.
Konkret zeigt sich die Materialität des Schreibmaschinen-Textes: 1) Jede Schreibmaschine ist als mechanisches Gerät anders und verändert sich im Lauf der Verwendung. 2) Jede Buchstaben-Taste wird mit unterschiedlichen Eigenschaften gedrückt: stärker, schwächer, gerade, zentral, wodurch die Buchstaben jeweils unterschiedlich auf das Papier gelangen, 3) und zwar nicht nur als Tintenabdruck, sondern als physischer Einschlag, der ebenfalls Spuren hinterlässt. 4) Das Farbband nützt sich ab, im Laufe des Schreibens steht immer weniger Tinte (bei Tausch plötzlich mehr) zur Verfügung. 5) Schreib- bzw. Tippfehler sind nur durch Überschreiben korrigierbar, wodurch sie weiterhin Teil des Texts sind. 6) Die Papierblätter können nie auf exakt gleiche Weise eingespannt werden: Der Seitenspiegel wird mal gerader mal schiefer sein. 7) Gleiches gilt für jede Zeile, die kaum jeweils mit gleichbleibenden Seitenabständen beginnt, da das Zurückstellen des Wagens kaum immer gleich ablaufen kann. 8) Zu diesen Unterschieden kommt es auch am Zeilen- bzw. Seitenende: Es ist ungewiss, bzw. die spontane Abwägung falsch sein, wann Zeile oder Seite zu Ende gehen. Folge ist, dass jede Zeile und Seite anders (unkontrollierbar) gestaltet ist. 9) Der mechanische Prozess, der das Papier durch die Walze befördert, kann neben Buchstaben-Abdrücken zu Knitter-Abdrücken führen; das Papier vom Beschreibprozess gekennzeichnet werden. 10) Im Extremfall führt das Schreiben zum Schaden des Gerätes, der Weiterschreiben unmöglich macht. In diesem Fall kann nicht einfach zum nächsten Gerät gewechselt werden, die Datei übertragen werden, sondern der Wechsel wird durch die anderen Eigenschaften der anderen Maschine konkret im Text sichtbar. 11) Im Schreiben vergeht mehr Zeit, als es das Schreiben eines Textes am Computer bedeuten würde – also der Schreiber verändert sich im Prozess eher; unterstützt auch davon, dass der Prozess mehr körperliche Anstrengung und Abnützung bedeutet.
Ergebnis ist, dass in der Versprechung der Schreibmaschine zur Vereinheitlichung es zu Fehler, Mangelhaftigkeit und Abweichung in der Materialität kommt und somit zu einer jeweiligen besonderen Aussage des einzelnen Text-Exemplars. Etwas, was auch in der konkreten Ausführung des Fall Oberwölz auf der Schreibmaschine nachvollzogen werden kann. Was diese Eigenschaften für eine Interpretation – eine sich vom Computer-Text unterscheidende Interpretation – bedeuten, ist mit der allgemeinen Feststellung nicht beantwortet; die genaue Textarbeit kann nicht umgangen werden und soll in einer detaillierten Besprechung des Textes nachgeliefert werde.
[Exkurs Schrift der Schreibmaschine: Hauptteil der Vereinheitlichungsversprechung der Schreibmaschine ist, dass die unendliche Vielfalt der Handschriften zu leichterer Lesbarkeit in eine Maschinenschrift vereinheitlicht wird. Ergebnis der Vereinheitlichung ist aber eine reichlich eigenartige Schrift. Jeder Buchstabe, ganz gleich seiner unterschiedlichen Abmessungen, nimmt wegen den mechanischen Voraussetzungen der Maschine (alle Hämmer müssen gleich groß sein, ein Zahnrad gibt einen gleich großen Platz für die Buchstaben vor) in der Schreibmaschinen-Schrift den gleichen Raum ein. Großen Buchstaben wie ‚M‘ oder ‚W‘ wird genau soviel Platz zugewiesen, wie einem ‚i‘. Folge ist, dass sich die Proportionen und Schriftgrößen innerhalb der Schrift ändern. Das ‚i‘ ist größer als es ‚M‘ oder ‚W‘ sind, bzw. wird der Unterschied mit absurd überzeichneten Serifen versucht zu kaschieren. Eine Schrift entsteht, von der man kaum von Einheitlichkeit sprechen kann – etwas, was von einer Schrift aber durchaus Erwartung wäre. Auf der Ebene der Schreibmaschine kann sich Vereinheitlichung nur als Uneinheitlichkeit in der Schrift ausdrücken.]
[Exkurs Reproduktion: Gegen die Eigenschaft der Einmaligkeit im Schreiben auf der Schreibmaschine bietet die klassische Bürotechnik den Trick des Durchschlagpapiers. Aus einem Exemplar werden zwei. Trotz Verdoppelung kann kaum von der Ermöglichung (massenhafter) Reproduzierbarkeit gesprochen werden, und selbst die Verdopplung hat einen nur zu sichtbaren Preis. Ergebnis ist nicht perfekte, ununterscheidbare, Kopie, sondern die Gleichheit wird in Unterschiedlichkeit der Exemplare geradezu herausgehoben: Die Schriftfarbe wechselt von schwarz auf blau. Auch sonst fügt die Übertragung verschiedenste Spuren hinzu: durch die Stabilisierung der beiden (mit Durchschlagpapier sogar drei) Blätter zu einander und durch aus dem Durchschlagpapier austretende Farbspuren. Innerhalb der Möglichkeiten der Schreibmaschine bleibt es bei der Einschränkung auf das eine Exemplar.]
Neben den allgemeinen äußeren Eigenschaften als Schreibmaschinen-Text findet sich auch eine spezielle (innere) Eigenschaft der Schreibmaschine im Fall Oberwölz. Denn Eigenschaften der Textsorte Protokoll verfügen über eine Affinität zu Eigenschaften der Schreibmaschine: Verkürzung und Verknappung prägt sowohl Text als auch Maschine. Die Anstrengung des Schreibmaschinen-Schreibens bedingt die Suche nach Abkürzungen; nach Wörtern, Buchstaben, die weglassen werden können, um allgemein zu knapper und sparsamer Ausdrucksweise zu kommen. Das Protokoll muss gleichsam sparsam mit Sprache umgehen, um in geringer Zeit zu möglichst viel Ausdruck zu kommen.
Die sprachliche Verkürzung des Protokolls ist natürlich auch am Computer gültig, doch wird sie dort nicht körperlich; das Schreiben auf dem Computer stellt geringere Anstrengung dar. Der Zwang zur Verknappung ist auf der Schreibmaschine somit unmittelbarer. Mit dem Ergebnis, dass eindringlicher über weitere Verknappungen nachgedacht wird und diese auch spontan im Abschreiben auffallen und verändert werden. Konstruktionen fallen auf, die bei der Überarbeitung am Computer noch als unproblematisch (der Textsorte entsprechend) und nicht weiter verkürzbar erschienen, folglich nicht beachtet wurden.
Aus dem Fall Oberwölz wurde nachträglich Schreibmaschinen-Literatur, die sich aus äußerer Assoziation zum äußeren Erscheinungsbild des Textes mit seinen allgemeinen Eigenschaften als Schreibmaschinen-Text ergibt (abgesehen vom Detail der sprachlichen Verkürzung in Protokoll und Schreibmaschine als innere Eigenschaft). So wurde der Text abgeschrieben, zum Schreibmaschinen-Text gemacht. Da der Trick des Durchschlagpapiers keine Möglichkeit zu größerer Verbreitung bietet, wurde anschließend wieder ins Digitale zurückgekehrt: Die Schreibmaschinen-Seiten eingescannt. Damit wurde aus dem Schreibmaschinen-Text ein Bild – ein beliebig vervielfältigbares, allerdings auch eines, das nicht mehr direkt die Zeichen der mechanischen Verarbeitung in der Schreibmaschine trägt, sondern ein vereinheitlichendes Bild dieser ist. Durch den Wechsel von Computer zu Schreibmaschine zurück zum Computer kommt allerdings der anachronistische Charakter der Schreibmaschine umso mehr zum Ausdruck, womit selbst eine Aussage getroffen wird.
Innere Form
Im Ausdruck spezieller Eigenschaften der Schreibmaschine beschränkt sich die innere Form nicht auf das Erscheinungsbild eines Textes als Schreibmaschinen-Text. Werke der inneren Form könnten ohne Schreibmaschine nicht nur nicht in dem bestimmten Aussehen eines Schreibmaschinen-Textes sein, sondern überhaupt nicht. Die innere Form drückt das Schreiben der Schreibmaschine selbst aus, diese ist konstitutiver Bestandteil.
Grundlage des Schreibens auf der Schreibmaschine ist deren technische Konstruktion; zu ihrer Versprechung der Vereinheitlichung, die Einschränkung, Fehler und Abweichung bedeutet. In der Konstruktion teilen Zahnräder das Papier auf und weisen den Buchstaben feststehende Plätze zu: Die Schreibmaschine gliedert das Papier in einen unsichtbaren Raster. In der Ausführung, dem geschriebenen Schreibmaschinen-Text, verschwindet die strenge Einteilung des Papiers nur zu schnell in der individuellen Abweichung: In unregelmäßiger Größe der Buchstaben (siehe Exkurs Schreibmaschinen-Schrift), in den Unterschieden, die durch die Bedienung der Mechanik entstehen usw. Regelmäßigkeit als Grundkonstruktion drückt sich in ihrem Gegenteil aus, so als ob die Ordnung nicht durchgehalten werden könnte und in Unordnung umschlagen müsste. [Ein Problem und Zusammenhang, mit dem sich der Extrablatt-Verlag schon wiederholt beschäftigte. Besonders in den Büchern aus geformtem und gefundenem Papier wie ‚Die ordnung‘, ‚Papierkatalog‘ oder ‚Wohnungsverpackung: vgl. https://www.kochverein.at/medien/extrablatt-verlag/]
Künstlerische Auseinandersetzung mit der verschwindenden Einteilung des Papiers in ein Raster durch die Schreibmaschine ist die Sichtbarmachung des Rasters. In den Abmessungen der Schreibmaschine (pro Zeile und pro Buchstabe) wird das Papier mit Linien gegliedert, in die dann wie zufällig – aber hineinpassend – einzelne Buchstaben gesetzt sind. Die Möglichkeit, wie das Papier beschrieben werden kann, ist durch den aufgezeichneten Raster vorhergesagt – die Funktionsweise der Schreibmaschine dargestellt.
Neben dem Raster der Zahnräder, das die Fläche des Papiers gliedert, besteht in der Konstruktion der Schreibmaschine auch eine Art räumlicher Aspekt. Das Blatt bewegt sich um eine Walze herum, auf der jeweils die Buchstaben auf das Papier gedruckt werden. Eine spezielle Krümmung und Weg des Papiers an der einen Beschreibstelle vorbei, ist typisch für die Schreibmaschine.
In diesem Weg des Papiers kommt es zu eigenartigen Effekten und Überlagerungen zwischen den beiden Seiten des Papiers. Vorder- und Rückseite scheinen in der Drehung um die Walze teilweise sich auf der gleichen Seite des Papiers zu befinden. Im neutralen Schreiben interessiert diese Eigenschaft nicht weiter, man interessiert sich für das Ergebnis, in dem Vorder- und Rückseite wieder klar voneinander getrennt hintereinander liegen.
In der künstlerischen Auseinandersetzung kann die verschmelzende Eigenschaft nicht zusammengehörender Teile eines Textes aber gerade ausgenutzt werden. Nachdem die Vorderseite geschrieben ist und begonnen wird an der Rückseite zu schreiben, wandert der Text der Rückseite Zeile für Zeile an der Vorderseite nach oben. Der Text der Vorderseite findet scheinbar nahtlos seine Fortsetzung auf der Rückseite (nur dass dazwischen ein größerer Teil des Textes nicht sichtbar ist). An der Rückseite weiterschreibend wird weniger und weniger des Textes der Vorderseite sichtbar, bis schließlich die Rückseite die Vorderseite vollständig verdeckt. Der Text der Rückseite hat seine Vorgeschichte gelöscht.
Alleine in der fehlenden Verbindung, den nicht sichtbaren Teilen des Textes, kommt die sich um die Walze drehende Funktionsweise der Schreibmaschine zum Ausdruck. Wie wäre es aber, könnte ein solcher Text geschrieben werden, der sowohl in seinem linearen Verlauf Zusammenhang hat, aber auch in der neu entstehenden Verbindung von Vorder- und Rückseite. Die erste Zeile der Vorderseite würde Fortsetzung nicht nur in der zweiten Zeile der Vorderseite finden, sondern sobald die erste Zeile der Rückseite unter sie gewandert ist, auch in dieser. Ein Verändern und Verschieben von Fortsetzung und Zusammenhang, das sich Zeile für Zeile verändert. Ein Text, der sich nach jeder geschriebenen Zeile auch in seinen Voraussetzungen, in seinen früheren Teilen verändert. Ein Text in ständiger Bewegung wäre das Ergebnis.
Nicht mehr nur die Funktionsweise der Schreibmaschine würde in einem solchen Text zum Ausdruck kommen, sondern auf sehr eindeutige Weise auch eine allgemeine Aussage getroffen werden, alleine aus der formalen Konstruktion des Textes, und so abgesehen von dem in der ständigen Veränderung nur interessant seien könnenden Inhalts.
Verbindung aus Raster und sich in Überlagerung veränderndem Text können Textgebilde sein. An im Raster vorhergesagten Stelle fügen sich Textstücke von anderen Stellen des Papiers ein und werden in den Text dort eingeschoben – wiederum den Text verändernd und ihm mehrfache Bedeutung gebend. Das Ergebnis stellt sich in Dreidimensionalität und Veränderung und Überlagerung jenseits des besonderen Ortes der Walze der Schreibmaschine dar, womit die doch recht paradoxe Situation des Textes, der sich in verschiedenen Möglichkeiten fortsetzt, besser kontrolliert, gesteuert und so wahrscheinlich auch bewältigt werden kann.
Zu diesen drei Möglichkeiten der inneren Schreibmaschinen-Kunst lassen sich sicher weitere Ausprägungen hinzufügen. Zuerst sollte aber einmal der Bereich der Konzeptkunst verlassen werden, hin zur Umsetzung – etwas, was besonders von der Schreibmaschine in ihrer zentralen Eigenschaft der Materialität eingefordert wird.
Über die Resultate der Umsetzung wird der Schmettering berichten, genauso wie er grundsätzlich das Feld der Schreibmaschinen-Kunst beobachten wird. Eine genaue Besprechung des Fall Oberwölz ist gleichfalls überfällig und wird nachgereicht.

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