Zoltán Danyis Rosenroman ist kein Buch über Rosen
Zoltán Danyis Rosenroman ist kein Buch über Rosen
(Zoltán Danyi: Rosenroman: Terézia Mora (Übersetzung): Berlin, 2023. – Ungarisch: A rozsákról, Budapest, 2021.)
Der Literaturveranstaltung des österreichischen Kulturforums kann man im Zusammenhang mit Danyis Roman keine Vorwürfe machen. [Für die (negative) Besprechung der Veranstaltung, an der nicht nur Zoltán Danyi, sondern auch Birgit Müller-Wieland teilnahm, vergleiche Schmettering 22.3.2025.] Sie erfüllte ihr Ziel, verleitete dazu das Buch zu kaufen und zu lesen. Sie schaffte das, indem sie den Eindruck entstehen ließ, dass es sich um ein Buch über Rosen (wie der ungarische Titel des Buches lautet) handelt. Über Rosen allerdings nicht auf der üblichen Art in Vergleichen oder Metaphern, sondern indem direkt über sie gesprochen wird. Sie erzählen die Geschichte der im Roman behandelten speziellen historischen Situation vor, während und nach den Balkan-Kriegen der 90er Jahre. Ein Art realistischer Roman, der seinen Gegenstand nicht am Naheliegenden und Oberflächlichen findet – etwa Figuren und was sie denken und machen – sondern an Pflanzen. Möglich erschien diese hochgesteckte Erwartung deshalb, da die Rose nicht zufälliger Teil der Natur ist, sondern in sie der Eingriff der Kultur in vielen Schichten und sichtbar eingeschrieben ist: Durch Züchtung zur absurden Eigenschaft brüchiger Schönheit und Schmuck. In dieser Besonderheit wird der Grund für die herausgehobene Rolle der Rose in der (Liebes-)Metaphorik liegen, also des herkömmlichen bildhaften Erscheinungsbilds der Pflanze in der Literatur, aber das Gemachte der Rose könnte auch zur buchstäblichen, nicht übertragenen Lesart der Rose führen: dass sie selbst die Verbrechensgeschichte des Menschen erzählt und darstellt. Alles aber etwas, das der Roman nicht einlösen kann.
Der Roman ist ein herkömmlicher Roman über einen Menschen (den Ich-Erzähler), der Rosen züchtet und als Teil der ungarischen Minderheit vor, während und nach den Balkankriegen der 90er Jahre in Nord-Serbien – im Gebiet um Subotica – lebt, also in einem schwierigen historischen Umfeld. Dargestellt werden die Probleme des Erzählers in der Beziehung, mit dem Vater, mit der Arbeit, und, als ein Hauptpunkt, mit der Gesundheit. Zusammengefasst: Es handelt sich um eine problematische Figur in problematischer Umgebung. Wie die einzelnen Probleme sich ausgestalten, ist dann natürlich nicht herkömmlich, sondern individuell und besonders; eine besondere Beschaffenheit einer Figur und ihres Charakters in einer bestimmten Zeit entsteht. Der Weg zum Besonderen ist aber der herkömmliche Weg, der das Naheliegende und Oberflächliche (die Figur) wählt, anhand der schon so oft die verschiedenen Geschichten der Probleme erzählt wurden. Erwartet man hingegen (berechtigterweise) einen andersartigen Text wird man enttäuscht: Der Roman geht über den Ich-Erzähler, nicht über Rosen.
Rosen sind aber trotzdem Teil des Romans. In welchen Funktionen sie auftreten, mag mein Text behandeln. Dadurch soll über die nicht eingeschlagene Möglichkeit der Rosen versucht werden die Herkömmlichkeit des Textes zu beschreiben. Die Funktion der Rosen lassen sich in zwei Gruppen teilen: Einerseits sind sie der Beruf des Erzählers, er arbeitet als Rosenzüchter; sie sind Inhalt seines Lebens. Wenn das Buch das Leben des Erzählers erzählen mag, werden in der Erwartung an umfassende Information über die Hauptfigur eines Romans die Rosen vorkommen. Andererseits werden mit den Rosen Vergleiche zum Zustand, Beobachtungen und Reflexionen des Erzählers formuliert; mittels des Umwegs über sie werden andere Sache beschrieben. Die Rosen kommen als die bildliche Rede des Vergleichs im Text vor. Jeweils dienen sie der Absicht etwas anderes (die Figur) zu beschreiben.
Die Rose als Inhalt
Im Beruf verbinden sich zwei Probleme des Erzählers. Sein Vater begann mit dem Züchten von Rosen und verpflichtete seinen Sohn früh im Betrieb mitzuarbeiten, bzw. später führte es zu großen Konflikten, als der Sohn einen anderen Beruf ergriff. Die Rosen sind also der Konflikt mit dem Vater. Zweiter Punkt ist, dass der Erzähler in seiner Krankheit zur Arbeit mit den Rosen zurückkehrt. In der Ungewissheit der Krankheit, wie sie sich weiterentwickeln wird, ob sie fatal enden wird, oder welche Auswirkungen sie auf das Weiterleben haben wird – ganz abgesehen von den akuten Schmerzen, Einschränkungen und Schwierigkeiten mit dem Gesundheitssystem – kehrt der Erzähler in die körperliche, bekannte, von außen (die Natur) vorgegebene und so notwendig scheinende und sich wiederholende Arbeit mit den Rosen zurück. Die Rosen sind als bekanntes und bestehendes ein Rahmen und Sicherheit fürs Weiterleben. Damit sind sie mit den verschiedenen Regeln vergleichbar, die der Erzähler aufstellt, und die sein Leben gliedern und ordnen sollen. Gleich die erste Szene des Romans schildert eine solche Regel: Der Erzähler muss abwarten bis die Sonne untergeht, bis dahin darf er das Fenster nicht verlassen, muss den Sonnenuntergang bis zu seinem Ende beobachten. Andere Beispiele sind, dass verschiedenen Zahlen gute oder schlechte Eigenschaften zugeschrieben werden, oder verschiedene Gegenstände im Alltag und besonders im Straßenverkehr gezählt werden.
Als Arbeit stellen die Rosen auch den ökonomischen Hintergrund der Figur dar, wodurch sie die spezielle historische Situation widerspiegeln. Krieg und Sanktionen erlauben es nicht wie üblich die Rosen nach Deutschland auszuführen. Welche Alternativen Vater und Sohn suchen und diese umsetzen, wird geschildert. Gleichzeitig sind es aber auch die Rosen, mit denen der Vater den Erzähler vor dem Einrücken in den Krieg befreien kann.
Neben der klaren inhaltlichen Rolle als Beschäftigung und Arbeit haben die Rosen als Rahmen fürs Weiterleben, wie die Regeln, auch erzählerische Konsequenzen. Die Wiederholung in der Rosenarbeit, wie der Regeln, stellt eine Behauptung für die Zukunft auf: Arbeit und Regeln werden immer gleich sein. Das bedeutet, dass es eine Zukunft gibt, diese berechenbar ist und man weiß, wie man mit ihr umgehen kann. In dieser Prognose wird der Gegenwart Sicherheit gegeben und Weiterleben – besonders mit der Krankheit konfrontiert – wird möglich. In einem retrospektiven Roman, in dem der Erzähler auf sein eigenes Leben zurückschaut, ist Weiterleben etwas gegebenes. Würde die Krankheit nicht überlebt werden, könnte sie auch nicht erzählt werden. Das Erzählen bedeutet, dass es Zukunft im geschilderten Augenblick gibt, es weitergeht.
Beide Strategien können allerdings keine begründeten Aussagen darüber treffen, dass in der Gegenwart die Zukunft enthalten ist. Das Erzählen ist Retrospektive, also die Zukunft bereits passiert. Rosen und Regeln bedeuten hingegen ein esoterisches Element, so als ob wortwörtlich das Weitergehen in einen selbst verlagert wäre. Mittels zweier falscher Strategien wird eine falsche Aussage über eine Sicherheit in der Gegenwart getroffen. Es kommt nicht zu einer Begründung des literarischen Tricks durch den Inhalt, sondern im Gegenteil: Indem die beiden Strategien sich vermischen, droht, dass sich ihre jeweilige Lüge über die Zukunft gegenseitig bestätigt. Der literarische Trick der Verschleierung der Retrospektive scheint zu funktionieren, wie die esoterischen Elemente der Regeln wahre Aussagen treffen. Beides, auch in ihrer Wechselwirkung, muss als herkömmliche Erzählstrategie bezeichnet werden, die einen herkömmlichen Text zum Ergebnis hat. Beispiel kann eine Stelle sein, in der der Erzähler sicher ist die Operation zu überleben, weil er Rosen gesehen hat (vgl. 66).
Zusammengefasst: Es gibt sowohl inhaltlich als auch erzählerisch keine notwendige Verbindung zu Rosen. Für Beruf, Routine im auseinanderfallenden Leben oder als Konflikt mit dem Vater könnten auch andere Tätigkeiten oder Symbole eingesetzt werden. Schlicht der individuelle Fall des Erzählers ist mit den Rosen verbunden, sie sind es, die mit der individuellen Ausgestaltung seiner Probleme verbunden sind. Folge ist, dass selbst wenn es um Rosen im Roman geht, diese deswegen behandelt werden, um die Figur des Ich-Erzählers darzustellen.
Die Rose als Vergleich
Die zweite Funktion der Rosen führt zum gleichen Ergebnis: Die Rosen sind Mittel um über etwas anderes (die Figur des Ich-Erzählers) zu sprechen. Anders bei der Vergleichsfunktion ist, dass der Verweis der Rosen auf der rhetorischen Ebene sich befindet. Im Versuch einen Gegenstand möglichst gut zu beschreiben und zu verstehen, wird sich des indirekten Ausdrucks mittels des Bildes der Rose bedient; Rosen sind Verstehenshilfsmittel. Damit bedient sich der Roman einer Strategie, auf der auch die klassische Verwendung der Rose als Metapher, etwa in der Liebeslyrik, basiert; er ein ganz stereotypes Verfahren anwendet. Wie es bei der Rose des Liebesgedichts nicht um die Rose, sondern die Liebe oder das Geliebte geht, so geht es in den Vergleichen des Romans ebenfalls nicht um die Rosen.
Mit dem Vergleich wird gesagt, dass der Erzähler, oder seine Beobachtungen und Reflexionen eine Gemeinsamkeit mit den Rosen haben und über deren Umweg der eigentliche Gegenstand besser beschrieben werden kann. Weil der Erzähler den Vergleichsgegenstand (die Rosen) besser kennt, kann mit ihnen das Unbekannte, in dem aber das Interesse liegt, erforscht werden.
Sprachlich macht der Text keine großen Geheimnisse darüber, dass es sich um Vergleiche handelt. Es wird in klassischen Konstruktionen formuliert. Verwendet werden etwa: ‚wie‘, ‚das gleiche‘, ‚auch‘, ‚nichts anderes als‘, ‚bedeuten‘. Interessanter sind die einzelnen Stellen, die die Vergleiche formulieren und womit jeweils der Vergleich hergestellt wird. Von sehr allgemeinen Vergleichen geht es zu Aussagen über das Leben des Erzählers und die mit ihm zusammenhängende Umgebung und schließlich hin zum Schreiben selbst. Die Vergleiche finden sich gehäuft im zweiten Teil des Buches, wo der Erzähler einen Freund in Brüssel besucht. Während im ersten Teil die Rosen als Arbeit und Struktur im Vordergrund stehen, bietet die touristische Reise, also das Verlassen des Alltags und der Arbeit mit den Rosen, größeren Raum zur Selbstreflexion und zur Entfernung von den konkreten Rosen in ein bildhaftes Verhältnis.
1) Die abstrakte Frage, dass man nicht weiß, was alles eine Bedeutung haben kann, verhält sich so wie Rosen. Bei ihnen ist auch unklar, welche Bedeutung und Resultate die einzelnen Arbeitsschritte haben (vgl. 46).
2) Die Rosen werden zur Beschreibung von Brüssel verwendet. Der Erzähler fährt mit dem Auto ziellos durch die Stadt, plötzlich kommt er an einen Punkt, von dem sich eine Aussicht auf die Stadt eröffnet. Der Blick wird mit einer sich für einen Moment öffnenden Rose verglichen. Nicht das Unmittelbare, die Gebäude der Stadt, wird beschrieben, sondern das vom eigenen Rosenfeld bekannte: „sie [die Stadt] öffnete sich für einen Moment vor mir wie eine riesige Rose, eine hellrosa und violettblaue Rose, mit butterfarbenen Flecken versetzt, dann verschwand sie wieder […]“ (345)
3) Während bei der Frage nach den Konsequenzen von Handeln, bzw. der Beschreibung der Stadt es sich um eine relativ nachvollziehbare Verbindung zwischen den beiden Seiten des Vergleichs handelt, werden die Vergleiche auch verdrehter. Wenn die Rosen etwa dazu verwendet werden, um Kolonialismus und im speziellen die belgische Kolonialgeschichte zu verstehen, verlässt der Vergleich nicht nur die Gegenwart, sondern führt auf eine konzeptionelle Ebene.
Angesichts der Stadt werden dem Erzähler die Verbrechen des belgischen Kolonialismus im Kongo offensichtlich. Die Schönheit und Prunkhaftigkeit ist nur verdrehter und überdeckender Ausdruck von Raub, Zwangsarbeit, Mord, Verbrechen. Dazu fügt der Erzähler: „Was wieder vertraut war, viel zu vertraut, denn im Grunde machten wir das Gleiche mit den Wildrosen.“ (326) Das Rosenzüchten verhält sich gleich, wie die wegen dem Kolonialismus bestehende Schönheit. Die Ähnlichkeit des Vergleichs wird nicht weiter ausgeführt. Ausbuchstabierter könnte er aber lauten: Wie der Kolonialherr die Schätze der Kolonie zur Schönheit des eigenen Landes macht und damit Leid erzeugt, so raubt der Rosenzüchter die Schätze der Wildrose, um sie zur Schönheit der Zuchtrose zu machen, wodurch wiederum die Wildrose beraubt wird.
4) „Vielleicht bräuchte es nur so viel, dass wir sie [die Leichen der während des Krieges ermordeten] herausholen, wie wir im Herbst immer die Rosen aus der Erde holen, und sie dann wieder begraben, schön, einzeln, wie man die Rosen in den Garten pflanzt.“ (349) Dieser Vergleich überträgt die bekannte Strategie aus der Rosenzucht auf das unverständliche Feld der Erinnerungsarbeit. Der Vergleich mit den Rosen kann nicht nur die belgischen Kolonialverbrechen aufhellen, sondern hilft auch im Blick auf die Geschichte und deren Konsequenzen des eigenen Landes; wie mit den Verbrechen der Balkankriege der 90er Jahre umgegangen werden könnte. Wenn die Analogie aus dem Zitat weitergeführt wird, wie aus den ausgegrabenen und neu eingesetzten Rosen neue Rosen wachsen, würden die ausgegrabenen Leichen nicht schlicht neu beigesetzt werden, sondern dadurch würde aus ihnen neues Leben entstehen. Die Erwartung an Auferstehung ergibt sich aus dem Vergleich. Anders als bei den Rosen, wo eine körperliche Kontinuität zwischen alter und neuer Pflanze besteht, kann – wenn man nicht von einer messianistischen Argumentation ausgeht – von einer solchen bei den Toten des Krieges wohl kaum ausgegangen werden. Das Neuleben nach dem Krieg liegt auf einer allgemeinen gesellschaftlichen Ebene, als Erinnerungsarbeit, Versöhnung und Umgang mit der Vergangenheit.
Diese doch recht große Verschiedenheit innerhalb der behaupteten Gleichheit des Vergleichs bedeutet Vereinfachung. Wenn der Vergleichsgegenstand eine doch nicht unwesentliche Eigenschaft verschweigen muss, dass der Vergleich funktioniert, kommt es zu Reduktion der Komplexität und somit kaum zu einer treffenden Aussage über den Gegenstand. Die Vereinfachung, die grundsätzlich Gefahr der bildhaften Rede ist, wird in diesem Beispiel besonders sichtbar.
5) Neben der allgemeinen gesellschaftlichen Vergleichsfunktion die Vergangenheit betreffend, werden mittels der Rosen auch Aussagen über die aktuelle Gesellschaft getroffen. Die Rosen ‚berichten‘ die Kehrseite von Verzierung und Luxus: „denn es scheint, wir müssen ununterbrochen Zehntausende Lebende vernichten, damit die Gärten anderer voller Rosen sind […]“ (394) Damit Schmuck, als nicht unmittelbar benötigtes, existieren kann, müssen andere Menschen leiden oder sogar sterben. Doch nicht nur in ihrem Resultat als luxuriöse Ziergegenstände sind Rosen Teil eines zerstörenden Verhältnisses, sondern auch ganz konkret sie selbst. In ihrer Zucht wiederholt sich Zerstörung für Schmuck: Rosen berichten „vom Herausziehen, dem Ausreißen, dem Abschneiden, dem Niederspritzen und dem Ausmerzen, und nach alldem ist das Blühen nur noch, wie wenn die Sieger die Fahne über einer zerstörten Stadt hissen […]“ (394) Für Schönheit und Luxus muss zerstört werden, verdeutlicht der Vergleich. Was der Unterschied in der Produktion von Verzierung und Luxus zu der notwendig gebrauchter Produkte ist, wird nicht behandelt, geht erneut vereinfachend im Vergleich unter.
Zeichen dafür, dass die Erwähnung der Rosen zur allgemeinen Aussage dient, ist auch der Kontext der Stelle. Während der Fahrt nach Belgien besucht der Erzähler mit seinem Freund gemeinsam den Arbeitgeber des Freundes, G. den Gründer einer NGO, die sich für Flüchtlingsrechte einsetzt. Im Rahmen dieses Gespräch zieht der Erzähler die Verbindung zwischen Rosen, Leid und Schmuck. Er antwortet damit auf eine allgemeine Frage G.s: womit der Erzähler sich sonst beschäftige, neben den Rosen. Aussagekräftig ist, dass der Erzähler diese Frage trotzdem mit Rosen beantwortet. Als Antwort gegeben sind sie Vergleich für die in der Frage intendierte größere Aussage. Um seine Gedanken auszudrücken, bedient sich der Erzähler allgemein der Rosen.
6) Am Meer in Oostende, zu dem der Erzähler während seines Belgien Besuches fährt, vergleicht er das ‚gepflügte Wasser‘ mit dem ‚Rosenfeld‘, er sieht im Wasser die Rosen. In diesem Vergleich wird im Versuch des Verstehens nicht nur das Bekannte (Rosen) auf das Unbekannte (Meer) übertragen, sondern es kommt auch zu einer Bewegung in die Gegenrichtung. Der Vergleichsgegenstand ist nicht mehr fix, sondern verändert sich selber. Die offensichtliche Eigenschaft des Meeres, dass es ewig sei, wird im Vergleich auch zur Eigenschaft des Rosenfelds. Wie die Veränderung und Ewigkeit zu verstehen sind, wird nicht ausgeführt; hinzugefügt wird nur, dass es sich um eine andere Art der Ewigkeit handelt (vgl. 388). Selbst in der Veränderung des Vergleichsgegenstandes wird nicht über diesen gesprochen, als bekanntes müssen und werden auch nicht die Rosen behandelt.
7) Neben den Wellen des Meers, ist es auch der Sand, der mittels der Rosen beschrieben wird. Meer, Sand und Rosen teilen nämlich die Eigenschaft, dass sie nicht beschrieben werden können. Ihr Aussehen verändert sich andauernd, es besteht kein fixer Punkt, was aber notwendig wäre, um sie in einen Begriff als andauernde Bezeichnung zu bringen, also eine zutreffende Aussage über sie treffen zu können. Aus diesem Grund kann der Erzähler seinem Brüssler Freund „nicht von den Rosen erzählen“ (409) wie er es sich für einen Brief vorgenommen hätte. [Warum dieses Problem genau bei Sand und Meer auftritt und sich anschließend auf die Rosen überträgt, ist nicht klar. Beim Problem der Benennung in der Vielschichtigkeit und Veränderung der Gegenstände sollte es sich doch um ein allgemeines handeln. Meer, Sand und Rosen haben keinen qualitativen Unterschied weder in ihrer Beschaffenheit als Gegenstand noch in ihrem Verhältnis zur Bezeichnung.]
Der Verbindungspunkt des Vergleiches funktioniert nicht durch eine vorhandene gleiche Eigenschaft, sondern durch das jeweilige Fehlen einer Eigenschaft. Das Verhältnis wird wiederum komplizierter.
Die gesteigerte Komplexität liegt nicht nur im negativen Vergleich, sondern auch darin, dass die Schwierigkeit des Benennens nicht beim textinternen Brief aufhört, sondern natürlich auch für das Schreiben des Romans selbst gültig ist. „Ich kann die Geschichte der Rosen nicht erzählen […]“ (410) Der Erzähler führt als Begründung an: „denn das wäre zu einfach, ich könnte nur die irreführenden Dinge erzählen, und wenn ich das Unbekannte als etwas Bekanntes zeige, denn das ist es, was jede Geschichte tut, sie vereinfacht, identifiziert, benennt, sie zeigt das Unbekannte als etwas Bekanntes und täuscht damit gezwungenermaßen jeden, immer und überall.“ (410) Der Vergleichsgegenstand selber wird unsicher. Über das, worüber Wissen vorausgesetzt wurde, besteht doch keines, es handelte sich nur um ein scheinbares Wissen. Wird über die Rosen trotzdem gesprochen, entsteht die falsche, gelogene Aussage des Erzählens. Damit gerät man in einen Kreis: Denn, wenn jede Geschichte das Falsche (als Festlegung und Vereinfachung) als Eigenschaft hat, dann sollte es doch kein Problem sein, mit seinem unzureichenden (festlegenden) Wissen eine Geschichte zu erzählen; es wäre der falschen Form sogar entsprechend. Die falsche Lösung, also auf falscher Basis eine falsche Geschichte zu schreiben, wird als Option nicht behandelt, aber als Text muss ein Ausweg gefunden worden sein, anders hätte der Roman nicht entstehen können und die Rosen nicht als Vergleichsgegenstände verwendet werden können.
Im folgenden Abschnitt (410-412) findet der Erzähler nach der Krise doch noch den allgemeinen Punkt innerhalb der sich oberflächlich verändernden Gegenstände (Meer, Sand, Rosen); und somit die Möglichkeit zu Benennen und in weiterer Folge zu Erzählen. Für Oostende und seinen verbrannt stinkenden Sand ist es die kriegerische Vergangenheit des Ortes, die trotzdem zu einem bestehenden und lebenden Ort im Jetzt führt: Krieg, Zerstörung und Verbrechen der Vergangenheit sind im Gestank, der der Schönheit des Ortes anhaftet, weiter präsent. Für die Rosen ist es die Tatsache, dass trotz Schneidens sie immer wieder austreiben: „Auch das ist ein Schlachtfeld […]“ (412), das von Zerstörung zu Schönheit führt. Jedes Sandkorn in Oostende und jede Rose hat in jedem Augenblick, in dem sie auch noch so verschieden wirken, diese Eigenschaften gemeinsam: Schönheit aus Zerstörung. Auf dieser abstrakteren Ebene findet der Erzähler die Gemeinsamkeit, die den Vergleich rettet und legitimiert.
8) Die Eigenschaft von Schönheit aus Zerstörung führt der Erzähler anschließend auf eine allgemeinere Ebene weiter. Das ganze Leben hat diese Eigenschaft: „zum Leben ist ein Brennen notwendig.“ (412) Im Körper drückt sich das Verhältnis als Wunde aus, die zerstört und doch Leben bedeutet. Veranschaulicht wird der Zusammenhang erneut mit einem Vergleich zu Rosen: „deswegen braucht es auch unsere Wunden, damit sie den Körper von uns ablösen, damit sie das Fleisch abreißen, wie man Blütenblätter abreißt, unser Schicksal also, oder was wir so nennen, ist nichts anderes, dachte ich wahrscheinlich, als eine zerrissene, zerfetzte Rose.“ (412) Das Element eindeutiger Schönheit aus Zerstörung, das im vorangegangenen Punkt für Oostende und Rosen bestand, existiert allgemein das Leben betreffend nicht mehr. Ergebnis ist der verwundete Körper, bzw. die zerfetzte Rose. Schönheit wird allgemein das Leben betreffend durch Weiterleben ersetzt; die Ansprüche erheblich reduziert.
Auf die allgemeine Reflexion folgt das Exempel. Aus dem Leben des Erzählers werden Beispiele für den Zusammenhang von Wunde und Weiterleben angeführt (vgl. 412-413).
Obwohl es fortlaufend zu Vergleichen mit den Rosen kommt, hinterfragt Vergleich 7 kurzfristig die Basis dieser Vergleiche, ob überhaupt ein Wissen über die Rosen besteht. Diese Krise kann überwunden werden, in den Rosen doch ein sicherer Punkt, der für einen Vergleich Voraussetzung ist, gefunden werden. Reaktion auf den grundlegenden Zweifel ist eine Veränderung des Werts des Rosenvergleichs, nicht die Aufgabe der Methode; es wird beim Vergleich geblieben und somit dabei, dass mittels etwas anderem eine Aussage über anderes getroffen wird – also kein Roman über Rosen entsteht. Die Veränderung des Wertes ist, dass an die Stelle der üblicherweise mit Rosen verbundenen Schönheit und Liebe aus dem umgedrehten Blick des Rosenzüchters (der nicht nur das schöne Resultat sieht) Zerstörung und falscher Schmuck gesetzt wird. Das, was mit dem vergleichenden oder metaphorischen Bild der Rose verbunden ist, kann es nur noch verdreht geben. In dieser neuen ‚schlechten‘ Vergleichs-Bedeutung der Rose findet sich dann hingegen doch noch ein positives Element: Zerstörung und Schönheit, bzw. Leben hängen zusammen. In diesem Verfahren rettet der Roman nicht nur die bildliche Rede grundsätzlich, sondern auch die spezielle Ausgestaltung, die sich der Rose bedient. Ganz herkömmlich kann der Vergleich mit Blumen und Rosen angetreten werden, im bestehenden Vertrauen, dass über diese Umwegskonstruktion mehr über den eigentlichen Gegenstand ausgesagt werden kann.
Die neue umgedrehte Bedeutung der Rosen findet sich nicht nur auf der übertragenen bildlichen Ebene, sondern auch in der direkt inhaltlichen. Spricht der Erzähler über seine Krankheit oder sein Verhältnis zum Vater sind die Rosen zuerst mit Abhängigkeit verbunden; nur dass die Bedeutung genauso umschlägt: „Die Rosen bedeuteten für mich zu dieser Zeit […] die Heilung, oder, noch genauer, die Gesundheit, die ich langsam, sehr langsam zurückgewann, und dabei spielten die Rosen eine wichtige Rolle, möglicherweise spielten die Rosen dabei sogar die wichtigste Rolle, so dass von da an die Rosen nicht mehr das Kopieren, sondern das eigene Leben für mich bedeuteten […]“ (271) Die Rosen werden zum eigenen (nicht kopierten) und selbstständigen Leben, bzw. im Gesundwerden grundsätzlich zu Leben, ermöglichen, dass der Erzähler weiterleben kann. Ausgelöst wird der Umschwung in der Bedeutung nicht dadurch, dass eine Veränderung, etwa im Verhältnis zum Vater, angestrebt wird, sondern in der Anerkennung der bestehenden Situation des Lebens. Die Rosen sind nicht mehr das Kopieren des Leben des anderen, sondern werden zum eigenen. Darin können sie eine Rolle erreichen, die beinahe einer (individuellen) Erlösung gleichkommt.
Zur Anerkennung der Situation – in Verbindung mit Rosen – kommt es nicht nur im Zusammenhang mit dem Vater, sondern der Erzähler schildert das gleiche Verfahren auch die allgemeine gesellschaftliche Ebene betreffend: also das Verhältnis zum Krieg, dessen Verbrechen, wie die andauernden Folgen davon. Den Wunsch, dass sich an der Situation etwas ändert – dass man nicht mehr in andauernder Kriegsbereitschaft zu sein hat – bezeichnet der Erzähler nicht nur als unrealistisch, sondern auch dem eigenen Leben fremd. Die Anerkennung der falschen Situation und der eigenen Unzulänglichkeit darin machen hingegen den Erzähler aus, gibt eine treffende Beschreibung von ihm. Anerkennung ist so zuerst Selbsterkenntnis, führt in Folge allerdings paradox zu Verbesserung der Situation. Das, was schlecht ist, aber nicht geändert werden wollte, verändert sich gerade dadurch ins Positive.
Im Vergleich zu Rosen wird die Erkenntnis veranschaulicht, „die sich wie ein Blütenblatt an meine anderen Erkenntnisse anschmiegte, und dann ist das auch eine Rose, dachte ich, weil es aus Blütenblättern besteht, eine aus aufeinandergeschichteten, sich zueinander neigenden Blütenblättern bestehende Blume, die Rose meiner sogenannten wichtigen Erkenntnisse.“ (351) Das Verstehen ist eine Rose, die sich aus dem verschiedenen Wissen und den verschiedenen Erkenntnissen zusammensetzt wie aus Blütenblättern. In einer späteren Stelle wird der Gedanke gesteigert: „aus den Blütenblättern der wichtigen Erkenntnisse konnte ich endlich die Rose zusammensetzen, die Rose meines eigenen Lebens […]“ (366) Das ganze Leben ist die Rose, das sich in Teilen zu Selbsterkenntnis zusammensetzt.
Angesichts der sowohl physisch als auch psychischen heilenden Kraft der Rosen, die sich zu einer Erkenntnisblume zusammensetzten, kann kaum mehr von einem konkreten Inhalt die Rede sein – dem Verhältnis zum Vater oder zur verbrecherischen gesellschaftlichen Situation um einem. Die Verwendung des Worts ‚bedeuten‘ (etwa 271) unterstreicht die Verbindung zum Konkreten weiter. Spätestens mit der Verdrehung der Bedeutung der inhaltlichen Ebene, die am Anfang meines Textes konkret als Arbeit und Beschäftigung mit Rosen verstanden wurde, wechselt auch sie in den symbolischen Bereich der indirekten Rede und stellt damit den nächsten zusammenfassenden und umfassenden Vergleich zu Rosen her.
9) Die Rosen werden ganz allgemein zu Bild und Metapher fürs Leben. Der Erzähler und besonders sein Inneres der Erkenntnis wird im Bild der Rose vorgestellt.
10) Neben Leben in Gegenwart und als Erkenntnis in der Vergangenheit sind die Rosen auch Bild für das Weiterleben. Der Erzähler steht in Oostende am Strand und wird bereits vom Wasser umflutet. Sein Gesicht reflektiert sich einen Augenblick im Wasser, bevor es wieder im Sand verschwindet: ein Wechsel von Bestehen und Auslöschen. Der Vorgang passiert nicht nur mehrmals, sondern wird im Text auch mehrmals angegeben, was die Dauer und den repetitiven Charakter unterstreicht. Die Gedanken des Erzählers, während er im Meer steht, sind, dass es nur noch „das Wasser und den Sand und die Rosen“ gibt (415). Wie sein Gesicht sich auslöscht, so löscht er sich selber in seinen Gedanken aus. Die Welt besteht dort nur noch daraus, was im restlichen Text als Vergleichsgegenstand verwendet wurde; die Welt sind nur noch Rosen. Inhalt und selbst der, der die Vergleiche herstellt – der Erzähler – haben sich aufgelöst. Die Welt meldet sich aber in den speziellen Gedankenzustand zurück, und zwar über die Füße und die Kälte des Wassers. Die Furcht vor einer Erkältung lässt den Erzähler sich aus seiner Auflösung herausreißen und ihn in G.s Wohnung die Schuhe wechseln. Mit diesen Schuhen beginnt er direkt anschließend seine Fahrt nach Frankreich – nach Lyon oder eher Lille. Motivation dafür ist, ‚das zu beenden, was er angefangen hat’: also sich mit seiner gescheiterten Beziehung zu konfrontieren und sich weiter von den konkreten Rosen hin zu deren erlösender Funktion zu bewegen.
11) Zurück aus Lille in Oostende beginnt der Erzähler zu schreiben: seinen Bericht. Die weitest mögliche Entfernung von den Rosen, die er in Frankreich erreichte, ermöglicht den Prozess: in Selbsterkenntnis und Selbstständigkeit. Wobei, besser gesagt, die Entfernung führt dazu, dass die Rosen nur inhaltlich nicht mehr präsent sind. Wo sie allerdings noch präsent sind, ist im Schreibmaterial (vgl. 428). Der Text wird auf alte Deklarationen geschrieben (bzw. auf Packpapier G.s), die die Ausfuhr der Rosen ermöglichen hätten sollen. Da der Krieg und die damit verbundenen Sanktionen die Ausfuhr verhinderten, wurden die Dokumente bedeutungslos, der Vater hob sie aber trotzdem auf. Für den Erzähler werden aber die Rückseiten interessant, als leere Blätter, auf die die eigenen Texte geschrieben werden können. Die Verwendungsmöglichkeit, die für die Rosen blieb, ist schlicht als materieller Untergrund des Schreibens, was nicht nur maximale Entfernung, sondern auch die Verbindung ins Schreiben ausdrückt. Letztlich eine nicht zu unterschätzende Verbindung, ist das Papier als Schreibuntergrund doch auch Voraussetzung im Entstehen eines Textes.
Die Deklarationen sind auch das Ziel des Textes. In der letzten Szene – aus Belgien zurück in Serbien – geht der Erzähler in den Lagerraum, in dem sein Vater gerade die auf den Verkauf wartenden Rosenstöcke gießt. Der Erzähler geht unbemerkt am Vater vorbei und gelangt an den Ort, wo die alten Deklarationen aufbewahrt werden. Mit und doch ohne kommt der Erzähler zu seinem Ziel: Gleichzeitig mit und ohne Vater, wie mit und ohne Rosen. Im gleichen Raum und in der selben Tätigkeit wie der Vater, aber doch unerkannt von ihm; die Rosen als Schreibuntergrund, aber doch an den gelagerten konkreten Rosen vorbeigehend. Der spezielle Zustand der Selbsterkenntnis-Rose ist in dem Schlussbild erreicht. Der Text stellt den gelingenden Prozess zum persönlichen Ausgleich und Selbsterkenntnis des Erzählers im Bild der Rose dar: Nach dem Schreiben des Textes kann das Leben trotz aller Schwierigkeiten weitergehen – könnte die Aussage des Textes sein.
Mit dem Text, der auf den Rosen-Deklarationen geschrieben ist, kann das allgemeine Verhältnis des Romans zu den Rosen zusammengefasst werden. Es ist kein Roman über Rosen, sondern diese sind Hilfsmittel (als Schreibuntergrund, sicherer Bezugspunkt und wichtig als Vergleich) um etwas anderes zu erreichen: Der Roman ist nicht der Roman über die Rosen, sondern der über den Ich-Erzähler. Nicht nur darin, im Naheliegenden einer Figur seinen Gegenstand zu finden, sondern auch darin sich der klassischen und durchaus zweifelhaften Methode der bildlichen Rede des Vergleichs und der Metapher zu bedienen, lässt den Rosenroman ein herkömmliches Programm verfolgen.
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