Nuke the Duke Mindset Flabbergasted
Nuke the Duke Mindset Flabbergasted
Jetzt ist sie erschienen die neue CD von Nuke the Duke und sie machte mit einem Knall auf sich aufmerksam. Der Duke veranstaltete, den Umständen entsprechend, eine Youtube-live-CD-Präsentation. Diese Präsentation ist vielleicht das Einzige, wofür wir den Umständen dankbar sein können, denn sonst hätte der Duke ein herkömmliches Konzert organisiert, um seine CD vorzustellen, er hätte sich nicht überlegen müssen, wie mit den speziellen Bedingungen umgehen. Nein, dankbar dürfen wir dem Virus trotzdem nicht sein, denn es ist nicht selbstverständlich, was hier entstand. Nur zu oft werden die traditionellen Formen, die wir aus Konzertsälen und Hörsälen kennen, ins Internet übertragen. Das, was früher funktionierte, muss auch jetzt funktionieren. Dabei geht die Frage nach den Veränderungen verloren, so als ob Internet und Konzertbühne austauschbare Orte wären, die jeweils die gleichen Bedingungen und Möglichkeiten bieten. Der Duke führte eindrucksvoll vor, dass es sich auszahlt, sich über neue Formen Gedanken zu machen und dass diese Internet-Möglichkeiten nicht schlechter sind.
Vielleicht der zentralste Punkt dieser Internet-Möglichkeiten ist Gleichzeitigkeit: Die technischen Möglichkeiten stellen mehrere und verschiedene Kanäle zur Verfügung, die gleichzeitig bespielt werden können: Es besteht nicht die Monotonie, dass nur der Professor im Hörsaal reden kann oder nur die Band auf der Bühne spielen kann. Der Duke war in seiner Show gleich mehrmals auf dem Bildschirm präsent: in einem Live-Video (kleines Fenster) und einem Video (der Duke als Schauspieler seiner eigenen Lieder). Und natürlich auch zu hören: Live (lauter) und von Band (natürlich die Instrumente, doch auch weitere Stimmen). Zusammengefasst: Der Duke sang zum Tonband und tanzte zur Filmrolle (Stimme und Tonband; Körper und Video).
So als ob es so einfach wäre. All diese Elemente standen in andauernder Wechselwirkung, die sowohl geplant waren, als auch vom Duke live gesteuert wurden. So als ob es so einfach wäre. Die Live-Zuseher konnten über den Chat mit dem Duke interagieren, ihm ihre Reaktionen zuschreien und der Duke reagierte durch seine Show, sein Singen, gesprochen. Gleichzeitigkeit.
Bis jetzt haben wir den Aufbau der Show grob beschrieben, aber noch kein Wort über den Inhalt verloren und jedes Wort wird zu wenig sein, die Inhalte (Plural) beschreiben zu können. Aber wir werden es trotzdem versuchen, um einen ersten Überblick über das neueste Werk des Duke zu geben.
Als verbindendes Element wird man das Computerspiel ausmachen können. Im dritten Block der CD ist dies am eindeutigsten (in diesem versammeln sich die Barden-Lieder, also Lieder, die Barden in Skyrim singen könnten). Der zweite Block legt die Überleitung in die Welt des Videospiels hinein, indem er in die Fantasiesprache wechselt und die Internet-Welt, mit ihrer eigenen Ästhetik, auf dem Bildschirm auftreten lässt: Es spazieren Sticker (diverse Tiere) durch das Bild (‚Alwed Thîr‘). Der Unterschied zwischen den beiden Blöcken besteht in der musikalischen Ausrichtung: Im zweiten Block spielt nicht die Barden-Band, sondern der Duke ohne Verschleierung. Entsprechend härter geht es dort zu Sache (das Metall-Lied ‚Kinseyolstrun‘).
Doch die Verbindung zum Computerspiel ist auch im ersten und vierten Block prägendes Motiv, diskreter und interessanter. Musikalisch geht es hier goldig und zitronig zu, glänzend und sauer, schmeichelnd und beißend. Diese Mischung führt uns die Übertragung der geschlossenen Computerspielwelt auf die Realität vor: Das Leben wird als Computerspiel gesehen. Und plötzlich kippt die Beschränkung, die im Computerspiel für Lust gesorgt hat, in Fesseln und Zwang. Am eigenen Körper ist die geschlossene Welt nicht Freude, sondern der festlegende Druck der Gesellschaft. Der Paketbote (‚Chasm Runner‘), der wie die Computerspielfigur durch den engen Gang marschiert und in jedem Element seines Alltags – bis in den Schlaf – mit seiner Arbeit verbunden ist, ist in der geschlossenen Welt einer Aufgabenstellung gefangen, die es in ständiger Wiederholung, Beschleunigung und Ausschließlichkeit zu wiederholen gilt. Die Aufgabe ist nur nicht mehr den Drachen zu besiegen, sondern die Pakete die Stiegen hinaufzuschleppen. Oder ‚Drowner‘. In diesem Lied ist das Video comichaft einfach und konturenhaft gehalten und könnte so die Grafik eines Computerspiel sein. Nur, der Held dieses Spiels geht ins Wasser, er stirbt nicht heroisch am Schlachtfeld (und steht dann wieder auf), wie es das Computerspiel verspricht, sondern er scheitert am ganz normalen Alltag. Einsam still und verborgen und unbemerkt macht er sich in seiner Badewanne selbst ein Ende. Und das abschließende Lied der CD-Präsentation (‚Mi chiamo fiore‘: live lebendiger), das nicht das letzte Lied der CD ist, schlägt den Bogen zu denen, die die Beschränkung zu verordnen glauben müssen. Der schöne Demagoge, der auf italienisch das Lied singt, gibt Stärke und Kontrolle vor: Eigenschaften, die nur in der beschränkten Welt des Computerspiels wahr sein können. Dieser Widerspruch hindert natürlich nicht daran, zu fordern, dass die eigene Stärke und Kontrolle die Einschränkung der realen Welt wird, die Einschränkung – das Computerspiel – real wird. Der souveräne Computerspiel-Demagoge hat aber die Kontrolle über sich und sein Gedächtnis verloren, er ist seiner Widersprüchlichkeit erlegen. Im Vorgeben die Gesellschaft zu kontrollieren, log der Demagoge schon die ganze Zeit, im vollzogenen Gedächtnisverlust und Scheitern wird die Lüge nur noch offensichtlich. Aber Lügen hält am Ausgangspunkt fest, hält an der Behauptung Stärke und Kontrolle zu haben fest. Lügen bedeutet ohne Grundlage an einem Standpunkt festzuhalten. Lieber Lügen, als die fehlende Stärke und Kontrolle einzugestehen, denn solange kann der Schein der Kontrolle aufrechterhalten werden (durch immer weitergeführtes Lügen): Lieber vorgeben, ein Idiot und debil zu sein, als eingestehen, dass der schöne Demagoge nur Teil einer fiktiven Welt sein kann. Lügen und Vergessen ist die verdrehte, geblühmte, pervertierte, Fortführung der Kontrolle über sich und Gesellschaft.
Der Duke führt mit der sichtbarmachenden Verdopplung der Computerspielrealität dessen Leid und Elend vor, das uns alle so nahe betrifft. Damit kann nur die Forderung gemeint sein, die Beschränkung aufzuheben, dass die Lust wirklich wird. In diese Lust gibt uns der Duke im Mittelteil der CD einen Einblick. Wir hören die Freuden des Bardenlebens und der Fantasiesprachen. Das Spiel bleibt jeweils das Gleiche, der Bezugspunkt verändert sich: In diesem Spannungsverhältnis ergibt sich die Kritik und Größe der CD des Dukes.
Zusammenfassend kann man nur davon sprechen, dass CD und online Präsentation bis ins Letzte gelungen sind. Wobei es nicht möglich ist zu sagen, was dieses Letzte sein soll: Alle Elemente stehen nebeneinander, gleichberechtigt, im Vordergrund. Entsprechend können wir nur manche Punkte hervorheben und da zeigten wir uns über die technische Umsetzung der Live-Präsentation angetan und über die Wahl und Variation des Themas Computerspiels. Die weiteren Elemente wird man selber erleben und erschließen müssen: Die Live-Präsentation ist auf Dukes Youtube-Kanal (Inemuri Outlet: https://www.youtube.com/channel/UCGBb8O6j8_bipbs9ZeHF-Ow) nachzusehen. Die CD kann sogar als echte CD beim Duke bestellt werden oder aus dem Internet heruntergeladen werden (https://speising.bandcamp.com).

Danke Schmetterling für diese ausführliche Rezension 🙂
AntwortenLöschenWahre Worte! Tolle Rezension dank der tollen CD Release Show! Man konnte "mitspüren" trotz oder gerade wegen der technik! Kreatives denken hoch 10!
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