Pécs
Pécs
In unserer letzten Nummer kündigten wir diverse Lehrveranstaltungen an, die in Pécs stattfinden sollten. Zu manchen kam es gar nicht, andere finden den Umständen entsprechend anders statt. Aber wir wollen trotzdem ein Element aus diesen Lehrveranstaltungen herausgreifen und gewissermaßen die Nachricht der Überschrift hinzufügen. Dieses Element wählten wir in Rücksicht auf die Geschichte, oder besser gesagt, Vorgeschichte des Schmetterlings aus: Damals im Extreblad (Nummer 3) wurden Formulare abgedruckt (Datenblatt zur Zulassung von Sportfahrzeugen ‚fäkallabor‘, Integrationsvereinbarung). Warum das Extreblat diese Formulare abdruckte, wurde nicht erklärt: vielleicht wollte das Extrablad einfach die österreichischen Behörden unterstützen und diese wichtigen Formulare verbreiten. In der ersten Nummer des Extrablats wurde ein Lückentext abgedruckt, in den man den Tagesablauf K.s eintragen konnte (Nachdruck siehe unten). Die Aufforderung Formular-Geschichten zu schreiben, wird nun an die Studierenden in Pécs gerichtet.
Der Rahmen ist eine Sprachübung, in der bestehende Sprachfähigkeiten aktiviert werden sollen. Genauer gesagt, fügt sich die Formular-Geschichte in eine Erzählübung ein. Unter einer Erzählübung ist zu verstehen, dass die Übungsteilnehmer von Bildern ausgehend eine Geschichte erzählen. Die Bilder wurden in diesem Fall aus der Sammlung historischer Aufnahmen fortepan.hu ausgewählt und die Bilder sollen Orten zeigen, die die Studierenden kennen. Damit soll eine Verbindung zwischen den Erfahrungen der Studierenden und den Bildern hergestellt werden, Bekanntes und Fremdes sich verbinden. Nicht zuletzt soll diese Verbindung dabei helfen einen Ansatzpunkt für die zu erzählende Geschichte zu finden. Ein weiteres unterstützendes Element ist, dass die Übung in Kleingruppen durchgeführt wird, also nicht alleine zu einer Geschichte gekommen werden muss.
Die Hilfen sind gleichzeitig als Einschränkungen und Erschwernisse zu sehen, denn man muss sich in der Gruppe auf eine Geschichte einigen, womit viel Austausch zusammenhängt: Man muss reden. Dadurch wird die Planung der Geschichte selbst zu einem interaktiven Element, zu einem Ziel der Übung. Vielleicht wird die Planung sogar zum zentralen Element der Übung. Und das Gleiche gilt für die Bilder: Sie legen auch einen bestimmten Rahmen fest. In der Gleichzeitigkeit von Hilfe und Erschwerung wiederholt sich im Übungsaufbau ein Element, das auch zentral für die Formular-Geschichten ist: Unterstützende Rahmen sind nie nur Hilfe, sondern auch Herausforderung.
Nach der Planung der Erzählung und dem Erzählen ist der Lehrveranstaltungsleiter mit dem Problem der Dokumentation konfrontiert. Natürlich könnte man sagen, dass es sich bei dem Verlangen nach Dokumentation nicht um ein Problem handele, denn warum solle man alles festhalten, warum dürfe nicht eine Übung alleine aus flüchtigem Erzählen bestehen. Dieser Einwand hat seine Berechtigung, man muss nicht überall kleinlich den Fehler suchen und im Verwenden der Sprache wird schon irgendwann der Fehler verschwinden oder irrelevant werden. Wenn die Übung provoziert Sprache zu verwenden, dann erreicht sie ihr Ziel. Doch dass Fehler sich durch Verwenden beheben könnten, müsste zu einem andauernden Verwenden gekommen werden. Hier handelt es sich hingegen um eine Übung und so um eine Ausnahmesituation der Sprachverwendung. Sprachunterricht als Ausnahmesituation muss also abstrakt werden, um das Fehlen des kontinuierlichen Sprachverwendens umgehen zu können. Darin ist Dokumentation, das Festhalten von Fehlern, um sie schneller beseitigen zu können, ein zentrales Element.
Also wie eine Geschichte festhalten, die flüchtig schnell, möglichst spontan, erzählt wird? Man könnte sagen, der Lehrveranstaltungsleiter müsse dafür sorgen, denn wenn die Teilnehmer erzählen, dann kann der Leiter die Dokumentation übernehmen. Das würde bedeuten, dass das Zuhören des Lehrveranstaltungsleiters keine Tätigkeit wäre. Die gleichzeitige Dokumentation durch den Lehrveranstaltungsleiter fällt aus. Und spätestens hier kommen die Formulare ins Spiel.
Spätestens: Denn die Formulare können nicht nur Mittel zur Dokumentation sein, sondern sie können auch schon Gerüst in der Erstellung, Planung der Geschichte sein. Mit ihren Vorgaben können sie sowohl Mittel gegen die Einfallslosigkeit sein und sie können bestimmte formale Bestimmungen im Erzählen festlegen: die Geschichte auf Person und Tempus festlegen. Etwas, was nie genug betont werden kann, ist, dass herkömmliche Geschichten sich durch Langsamkeit des Erzählens auszeichnen. Im Formular werden Elemente der Entschleunigung gegeben (wie etwa direkte Reden), doch gleichzeitig legt das Formular auch den Raum, der für die Erzählung zur Verfügung steht, fest: Es scheint so, als ob die Erzählgeschwindigkeit durch die Lücken vorgegeben wäre, das, was in den Lücken keinen Platz hat, kann nicht Teil der Geschichte werden. Gegen diese Einschränkung muss betont werden, dass die Einschränkungen des Formulars auch gebrochen werden dürfen, dass zusätzliche Lücken (leere Lücken) hinzugefügt werden dürfen. Die Maxime des Regelverstoßes lautet, dass eine geringere Erzählgeschwindigkeit jeglichen Regelverstoß rechtfertigt. Die Festlegung von Geschwindigkeit und formaler Punkte des Erzählens ist sehr wichtig, um eine größere Klarheit über die Bedingungen, in denen das Erzählte steht, zu erreichen: Dabei kann das Formular helfen.
Worauf aber zu achten ist, ist, dass das Formular erst nach dem Erzählen der Geschichte fertig ausgefüllt wird. Das nachträgliche Ausfüllen soll verhindern, dass das Erzählen zu einem Vorlesen einer fertig verfassten Geschichte wird.
Die Verwendung von Formularen im Sprachunterricht lässt sich auf die Methode des Paralleltextes zurückführen. Beim Paralleltext wird zuerst ein Text behandelt, analysiert, der anschließend in einer Skelettversion an die Teilnehmer verteilt wird. Die Aufgabenstellung ist nicht den Vorbildtext zu reproduzieren, sondern in dessen Struktur, Skelett, einen neuen Text zu schreiben. Dabei kann man zwischen zwei unterschiedlichen Fokussetzungen unterscheiden: zwischen inhaltlicher und formaler (grammatikalischer). (Hinzufügen wäre noch der Fokus auf die Textsorte.) In der inhaltlichen Fokussetzung werden Schlüsselwörter (Nomen) das Skelett bilden. In der formalen Fokussetzung werden Wörter übernommen, die bestimmte grammatische Strukturen bedingen, denen im Ausfüllen entsprochen werden muss.
Formular-Geschichten würden sich also als Paralleltext ohne Paralleltext bezeichnen lassen. Der Paralleltext (Vorbild) liegt in den erzählten Geschichten, die im Rahmen des Formulars festgehalten werden kann. Erhalten bleibt auch die Charakteristik als Übung, womit Anknüpfungspunkt (Hilfestellung) und Einschränkung (Erfüllen bestimmter Voraussetzungen) gegeben sind. Das Formular bedeutet also Erschwerung und Hilfestellung. Hilfestellung bietet es darin, dass die Weite der Sprache nicht ganz leer ist. Erschwerung darin, dass die Hilfestellungen sinnvoll in das Ganze eingefügt werden müssen. Das Ausfüllen des Formulars ist also gleichzeitig einfacher und schwieriger als die offene Fragestellung, die lauten würde: Schreiben Sie eine Geschichte. Mit dem Verhältnis zwischen Lücke und Vorgabe nimmt das Formular einen bestimmten Platz im Sprachenlernen ein, das als ein sich von selbst aufgelegten Einschränkungen befreiender Prozess bezeichnet werden könnte.
Aber wie soll man ein Formular für eine Geschichte schreiben, die man nicht kennt? Über eine bestimmte Gruppe von Texten ist eine bestimmte abstrakte Aussage möglich. Das Formular ist der angewandte Ausdruck dieser abstrakten Aussage. In dem abstrakten Rahmen des Formulars kann sich dann der individuelle Text herausbilden. Natürlich kann diese Abstraktion nicht alle Möglichkeiten von Geschichten abdecken, aber es kann ein Formular für eine inhaltliche Richtung angeboten werden: Das Formular für die Spionagegeschichte, die Liebesgeschichte, die Traumgeschichte und welche Möglichkeiten man sich alle ausdenken könnte. Es gibt noch eine zweite Möglichkeit, die den Fokus nicht auf den Inhalt legt, sondern auf die Grammatik. Bestimmten grammatikalischen Konstruktionen muss entsprochen werden, doch der Raum dazwischen kann mit jeder Geschichte individuell gefüllt werden.
Doch genug, wir wollen hier solche Formulare zeigen:
Wobei: Klar ist, dass der Anspruch dieser Formulare auch bei ihnen aufhört, sie vielleicht ein Mittel im Sprachunterricht/Sprachpraxis sein können, doch weiter auch schon nichts mehr.
Ein Tag an der Universität 1960 (1)
Der 17.11.1960 begann wie jeder andere Tag. Ich ________________ Studentenheim ___________ Studienkollegen __________. Er sagte: „_________________________________.“ Ich antwortete: „________________________________.“ ______________________ Vorlesung ____________ in der Mensa ________________. Ich sagte: „_____________________________________.“ Und so verabredeten wir uns. ________________ Verkleidung __________________________ auswählen. _________________ Helm _______________________________________. Meine Freunde _____ ______________________________________. Abends __________________________________ ___________________. ___________________ Pistole _____________________________. Foto _____________________________ Alibi: _________________ gemeinsam __________________ _____. Am nächsten Tag __________________________________________ Polizei ___________ ____________. Ich erzählte, ______________________________________________ und dass ich _______________________. Zuhause __________________________ Fotoalbum _____________ _________________________.
Ein Tag an der Universität (2)
Der 17.11.1960 begann wie jeder andere Tag. _________________________________ Fußballspiel _______________. ____________________ Meisterschaft __________________________Rivalen _________________. Das Training _________________________________________ Vorlesungen __________. Das Spiel ___________________________________________________ Zuschauer. ___________ Schiedsrichter _____________________________ gegnerische Mannschaft _______ _______________________ unfair ___________________. ____________________________ Tor _______________ Nachspielzeit ___________________. Das Ergebnis ______________________ ______________. Nach dem Spiel __________________________________ Streit ____________. ________________________ Zuschauer ______________________. _____________ Sonnenbrille ______________________________ Fußballschuhe ___________________. Ich sagte : „________ ________________________“ und schlug ___________________________. Bei der Siegerehrung ______________________ Professor _____________________________. ___________________ Prüfungsvorbereitung _______________________________. _____________ Erinnerung _______ ___________ Fotoalbum _______________________.
Ein Tag an der Universität (3)
Der 17.11.1960 begann wie jeder andere Tag ______________ Kopfschmerzen. Ich ____________ Gedanken ______________: Gestern ___________________ Vorlesung _____________________ und heute wieder. ___________________ Feri ________________, was dachte er sich? _________ __________________ oder ___________________________________________. Wenn ich frage, ______________________________ Mensa _________________ viele Leute. ________________ Andererseits, ______________________________________ und wenn _____________________. Nein, ___________________________________ sagte Feri: „____________________________.“ ____________________ antworten: „_________________________________.“ Aber __________ ____________________. Was steht hier? ________________________________ Vorlesungsskript ______________. Wenn Feri _______________________________________, wie letzten Sommer __________________________. _____________ aufstehen, dass _________________ Vorlesung. Das Bild _____________________________ Fotoalbum _________________________________.
Ein Tag an der Universität (4)
Am 17.11.1960 sah _______________ in der Universität _____________. Um wen könnte es sich handeln? ________________________ Sportunterricht _______________ Fechten, Turnen ______ Gymnastik. Nein, ________________________. Vielleicht ______________________ Mensa beim ___________________ oder doch ___________________ Medizinvorlesung. Nein, ____________ zu viele Leute, dass ______________________________. Jetzt weiß ich es: __________________ Wochenende ___________________________ archäologische Ausgrabungen _________________ Arbeiter mit der Schubkarre. _____________ sicher, oder der mit der Pfeife? Was ______________ ausgegraben? __________________________ Ruinen oder eine alte Siedlung? ________________ die Straßenlaterne __________________________________. Ich _____________________ fragen: „_______________________________________.“ Er antwortete: „_________________________ _____________________________.“ _______________ verwirrt ___________. Wer könnte dieser Mann bloß sein? __________________________________________________________________
Als Zusatzinformation könnte hinzugefügt werden: Wörter des Skeletts dürfen mit Wörtern des selben Typs ausgetauscht werden. Beispiel: sie mit er (Personalpronomen); oder die mit der (Relativpronomen); usw. und Wörter dürfen verändert werden, an ihren syntaktischen Kontext angepasst werden. Nicht alle Lücken müssen ausgefüllt werden und zwischen die Lücken können weitere Sätze eingefügt werden. In diesem Fall gilt die Regel, dass Regeln dazu da sind, um gebrochen zu werden.
Bilder, die als Zusatzmaterial, Ausgangsmaterial dienen könnten, könnten etwa diese sein (die Bilder kommen aus der Fotoplattform fortepan.hu):
Aus Exträblud 1:
Die Straßenbahn
K. steigt ein. K. steigt aus. K. geht in__________. K. kommt kauend heraus. K. stellt sich in die Sonne. K.___________. K. hat einen Sonnenhut auf. K. spuckt. K. ist verärgert. ___________________________________________________________________. K. will weg. K. steigt ein. K. ärgert sich mehr, weil __________________. K. steigt aus. K. hilft den Kinderwagen zutragen. K.s _____________ tut weh. K. mag nicht mehr. K. setzt sich_____________. K. wird nass. K. steht vor__________________. K denkt: ___________________. K. kann sich nicht entscheiden. K. geht weiter. K. muss warten, weil ____________________. K. s Eis schmilzt. K. mag es eh nicht mehr. K. ist verwundert, weil _____________________. K. steigt ein. K. steigt aus. K. ist zuhause. Ks. Sofa ist bequem. K. _____________________. K. ist an der Endstation. K.s ___________ schmerzt. K. wird nass. K. will weg. ________________________________________________________________.
K isst weg _____________________________. K. trinkt weg ________________________.
K. geht. K. steigt ein. K. ist Zuhause. Ks. Sofa ist viel bequemer. K. ___________________.
K. kann endlich schlafen.






Kommentare
Kommentar veröffentlichen