Wirbel in der Unterwelt

 

Wirbel in der Unterwelt

Es gibt wohl kaum einen Bereich in der Gesellschaft, der festere Hierarchien und Strukturen ausgebildet hat als die sogenannte Unterwelt. Wer dort einmal etwas zu sagen hat, bleibt einflussreich, bis zu dem Tag an dem unvorhergesehenes passiert. Und so ein unvorhergesehener Tag scheint nun passiert zu sein: Eine bekannte Größe ist nach einem Polizeieinsatz verschwunden und hinterlässt eine Leere, die wohl schon bald durch neue Player gefüllt sein wird. Wir fragen uns, wie es zu dieser Veränderungen kommen konnte, was dazu führte und was dahintersteckt.

Abseits großer Öffentlichkeit kam es Ende Oktober zu einem Polizeieinsatz in einem einschlägig bekannten Lokal. Die Polizei veröffentlichte einzig auf Twitter eine kurze Meldung, dass der Polizei ein Schlag gegen das organisierte Verbrechen gelang, dass bei einer Razzia größere Mengen Rauschgift beschlagnahmt wurden und mehrere Anzeigen wegen Menschenschmuggel aufgenommen wurden.

Gegen wen sich diese Polizeiaktion richtete und welche Folgen sie hatte, wurde nicht gemeldet und ein größeres Interesse für diese Aktion scheint nicht zu bestehen – was auch nicht verwundert angesichts der Flut anderer Nachrichten. Wir fragten bei der Polizei nach. Eine Antwort wurde unter Verweis auf das laufende Verfahren ausgeschlagen. Die Recherche muss sich also andere Anknüpfungspunkte suchen.

Will man Neuigkeiten aus der Unterwelt erfahren, muss man nicht auf Informationen der Polizei warten, ein Spaziergang zur richtigen Zeit am richtigen Ort gibt genauso, wenn nicht besser, Auskunft. In der gut organisierten Unterwelt, in der durch mehr oder weniger ausgesprochene Vereinbarungen Einflussbereiche abgesprochen sind und zu einer mehr oder wenigen friedlichen und freundschaftlichen Nachbarschaft der verschiedenen Lokale führt, fällt sofort auf, wenn eines dieser Lokale nicht mehr öffnet. Und auch wenn man den Besitzer nicht im Telefonbuch nachschlagen kann, weiß doch jeder, wem ein Lokal zuzuordnen ist. In unserem Fall scheint es Hubert K. getroffen zu haben, der in der Szene besser unter dem Namen Zuckergoscherl bekannt ist.

Bei K. handelt es sich um eine vergleichsweise neue Figur in der Konkurrenz der lokalen Größen. Er ist seit etwa 10 Jahren im Geschäft und er legte eine für diesen Bereich typische Karriere hin: Mit all ihren Lücken und Mythen. Viele Stationen seines Werdeganges liegen im Dunkeln, als gesichert gilt, dass er bei bekannten Lokalen arbeitete, bevor er sich selbstständig machte. Wie er diesen seltenen Schritt aus der Abhängigkeit und zur eigenen Rechnung schaffte, darum ranken sich die wildesten Mythen. Keine der erzählten Geschichten wird der Wahrheit entsprechen, aber alle haben eine Gemeinsamkeit: Das Verhältnis zur Polizei. Bei seinem ungewöhnlich schnellen Aufstieg muss die Polizei ihre Hand im Spiel gehabt haben. Über Details kann oder will man nicht sprechen, doch müssen K.s Beziehungen in höhere Etagen der Polizei gereicht haben. Anders ließe sich nicht erklären, warum Zuckergoscherls Konkurrenten seinen Drohungen mit der Polizei Glauben schenkten. Die Drohungen, und so die Polizei, sorgten dafür, dass er von seinen alt eingesessenen Kollegen akzeptiert wurde.

Diese schützende Hand über Zuckergoscherl hat es sich jetzt offensichtlich anders überlegt und ihre Gunst entzogen. Dieser plötzliche Umschwung führt in der Szene zu Ratlosigkeit: Wie konnte die Razzia genau den treffen, der über einen speziellen Draht in die Polizei verfügt? In dieser klagenden Frage schwingt die Angst vor einer grundsätzlichen Veränderung in der Wiener Unterwelt mit, die als nächstes auch gut einen selbst treffen könnte.

Darüber, wo Zuckergoscherl sich jetzt aufhalte, will niemand etwas wissen. All seine Lokale sind geschlossen, manche scheinen gar ausgeräumt zu werden, aber niemand mag daran glauben, dass Zuckergoscher wirklich in die Fänge der Polizei geriet: Er wird es sich noch mal gedreht haben, irgendwo an einem ruhigen Ort wird er sitzen, im letzten Augenblick eine Warnung bekommen haben. Und so wird davon ausgegangen, dass Zuckergoscher den ersten Sturm abwartet und dann, wenn sich die Sache etwas gelegt hat, zurückkommt. Doch ob er dann seinen Marktanteil behaupten wird können, ob zum friedlichen Nebeneinander von vor der Razzia zurückgekommen werden kann, daran kann gezweifelt werden. Die Konkurrenz hält sich – zumindest noch – zurück, denn verständlicherweise mag man in der Öffentlichkeit nicht über seine eigenen Pläne sprechen. Gerüchten zu folge, und erste Anzeichen wollen schon beobachtet worden sein, drängt ein neuer Akteur in den Wiener Markt, was die Angst der eingesessenen Größen vor Veränderung nur weiter befeuert. Eine in der Szene aktive Person sprach mit uns über unruhige Zeiten, die der Wiener Unterwelt bevorstehen. „Der Zuckergoscherl hatte sicher seine Macken und Eigenheiten, doch ein Auskommen konnt man mit ihm finden. Doch was jetzt kommt, schaut nach Konflikt aus, Ungewissheit mögen wir hier nicht.“

Aber wie konnte es passieren, dass es einen traf, der offensichtlich über die beste Vernetzung mit der Polizei verfügte. Vielleicht müssen wir, um die Veränderung in der Unterwelt zu verstehen, uns auf die Suche nach Veränderungen in der Polizei machen, die zu einer Verschiebung der Protektion und so indirekt die Veränderung in der Unterwelt bewirkte. Und wirklich gab es in letzter Zeit einige Wechsel auf Führungspositionen in der Wiener Polizei: Beispielsweise der Leiter der Kriminalpolizei, die wohl wichtigste Unterabteilung, ging im Frühjahr in Pension und ein junger gut in die Politik vernetzter Aufsteiger bekam überraschend den Zuschlag. (Man hört, dass er im gleichen Semester sein Jus-Studium begann, wie der Kanzler. Nur schloss er es auch ab.) Ältere Kollegen erzählen von radikalen Reformen und beklagen, dass darunter auch die Einsatzbereitschaft leide. Wie die Reformen des neuen Leiters der Kriminalpolizei zu bewerten sind, kann noch nicht abschließend gesagt werden, denn feststeht, dass die Kriminalpolizei dringend einen Modernisierungsschub nötig hatte. Aber es ist nicht auszuschließen – wenn nicht sogar wahrscheinlich –, dass mit den notwendigen Reformen auch ideologische Verschiebungen einhergehen. Es wäre eine Überraschung würden die geänderten Voraussetzungen in der Polizei, die neue Stimmungslage, nicht auch zu einer Veränderung im heiklen Bereich der Protektion illegaler oder halblegaler Aktivitäten führen. Die unausgesprochenen Richtlinien, wo und bei wem man nicht so genau hinschaut und wem man vielleicht die eine oder andere Information zukommen lässt, werden sich verändert haben. K. erfüllte die Erwartungen und Voraussetzungen des neuen Geistes in der Polizei nicht mehr, er setzte auf die abgelösten Kräfte und muss jetzt den Preis für diese Fehleinschätzung zahlen. Wer K. in der Gunst der Behörde abgelöst hat, wissen wir noch nicht, aber es kann vermutet werden, dass eine Verbindung zum neu nach Wien strebenden Player besteht.

Es liegt somit nicht fern, den Fall des Zuckergoscherls als ein weiteres Symptom des türkisen Umbaues des Staates zu sehen. Es ist naheliegend, dass Umfärbungen im Beamtenapparat Auswirkungen auf die Bereiche haben, die von Beamten abhängen. Darunter ist Protektion im weitesten Sinne zu verstehen und trifft so natürlich auch auf den Bereich zu, der sich nur halb in der Legalität befindet: vielleicht sogar mehr und direkter dort, da er angesichts seines grauen Charakters mehr auf den Staat angewiesen ist. Protektion hat dort einen größeren Stellenwert, wo es um illegale Geschäfte geht. Feststeht, dass Wegschauen und Protektion sich direkt in Gewinnzunahme umsetzt, also ein großes Interesse dafür und eine große Konkurrenz darum besteht. Entsprechend werden die gebotenen Summen und Dienstleistungen sein, die einem das Entgegenkommen der Behörden wert ist. Sicher wird sich jemand gefunden haben, der bereit ist sie zu zahlen, jetzt verlangt er die Gegenleistung.

Die Macht in der Regierung ist nach der turbulenten Zeit mit den Blauen stabilisiert und auch befinden sich langsam mehr und mehr der eigenen Leute an den entscheidenden Stellen. Die Gefälligkeiten und Spenden können also langsam vergolten werden, die Schuld zurückgezahlt werden. Hubert K. scheint das erste Opfer dieser Umfärbung der Unterwelt zu sein. Ob er, oder die anderen bisherigen Unterweltgrößen, sich diese Veränderung einfach so gefallen lassen, wird abzuwarten sein. Allerdings ist eher davon auszugehen, dass K. versuchen wird nach Wien zurückzukommen, denn auf das mühsam aufgebaute und sehr profitable Geschäft wird er wohl kaum freiwillig verzichten. Nicht nur seine Rückkehr könnte mit einem Gewaltausbruch einhergehen, sondern auch die anderen eingesessenen Größen werden einen neuen Konkurrenten kaum ohne Widerspruch akzeptieren. Und die Widerstandskraft der straff organisierten Unterwelt sollte nicht unterschätzt werden.

So werden auch in der Unterwelt unruhige Zeiten auf uns zukommen, die vielleicht sogar an der Oberfläche sichtbar werden. Auch solche Leute, die normalerweise nicht in solchen Lokalen verkehren, könnten in Zukunft etwas von dem Leben in den mit bunten Vorhängen verhängten Lokalen mitbekommen, auch wenn es sich dabei vorrangig um unschöne Dinge handeln wird.


 

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