3 Monate danach, Vor drei Monaten erschien unsere Rückschau auf den Fall Kamp, jetzt fragen wir uns, was seitdem passierte
Der Schmetterling 22.5.2020
3 Monate danach
Vor drei Monaten erschien unsere Rückschau auf den Fall Kamp, jetzt fragen wir uns, was seitdem passierte
Wurden in der Zwischenzeit neue Informationen über die Ereignisse am Kamp und die Reaktion der Behörden darauf bekannt? Diese Frage kann schnell und einfach mit einem klaren Nein beantwortet werden.
Man könnte sich erwarten, dass so einem Ereignis, das ein Land bis auf weiteres verändert, eine größere Öffentlichkeit geschenkt wird: Doch weder besteht eine Aufmerksamkeit durch die Medien, die Politik oder die Bevölkerung. Die Ereignisse sind zum Gleichgültigen geworden, zu etwas selbstverständlichen, sie müssen nicht weiter beachtet werden. Allgemeines Interesse hat sich in allgemeines Desinteresse gewandelt.
Der Fall zeichnete sich dadurch aus, dass jeder eine verschiedene Meinung zu ihm hatte, jeder eine andere Angst mit ihm verband. Jetzt zeichnet ihn aus, dass nur noch eine Meinungen zu ihm besteht und zwar die, dass es keine dazu gibt. Im Wirtshaus, im Parlament und den Redaktionen wird offensichtlich über andere Themen gesprochen: Das alltägliche Schimpfen richtet sich heute gegen das, morgen gegen das und in diesem Wirtshaus gegen das und an diesem Familientisch gegen das. Und ab und an werden zwischendurch sogar so Nebensächlichkeiten wie Fußballergebnisse, Weltpolitik oder eine Theateraufführung besprochen. So als ob davor keine Zeit gewesen wäre fürs Fußballschauen, den gelegentlichen Blick in die internationale Presse oder den Abend im Theater oder Kino.
Vergleichbar geht es in Parlament und Redaktionen zu: Die austauschbaren Debatten in den seltenen Nationalratssitzungen drehen sich mal darum, mal darum und die Phrasen werden mal besser mal schlechter zusammenmontiert, dass die Reden nicht immer all zu peinlich geraten, manchmal sogar ein gewisses Unterhaltungspotential entwickeln, was in einer politischen Rede auch nur als Themenverfehlung gesehen werden kann. Und die Erklärungen und Pressemitteilungen der Regierung könnten sich ein Vorbild an den Lernmethoden der Kinder der Regierungsmitglieder genommen haben, dass der Lückentext mal so, mal so ausgefüllt werden soll, solange die Grammatik stimmt.
Worum sollte es in der Politik auch schon gehen, in der stilistischen Übung des Redenerstellens erschöpfen sich ja auch wirklich die Probleme des Landes. Und diese rhetorischen Künste finden sich dann in den Medienprodukten wieder, vermittelt über Presseagenturen und mal hierhin mal dorthin kopiert und es ist ein Pech, wenn es dann am Schluss keinen Satz mehr ergibt. Aber die Leser unseres wertvollen Internetauftritts zahlen so oder so nichts, also verdienen sie die beschworene journalistische Qualität gar nicht, die man natürlich liefern könnte, doch hier wie da ist man doch zu dumm dafür, also steht es nicht dafür. Wer könnte den Journalisten diesen flotten Umgang mit der Sprache verübeln, denn wer mag schon wie am Fließband den Berufsethos hochleben lassen und dafür nicht angemessen entlohnt werden. Arbeitsbedingungen und Entlohnung haben natürlich in der Beliebigkeit der Themen auch keinen Platz in diesem schönen Land.
Der Alltag ist zurück. Das zeigt sich darin, dass die behandelten Themen beliebig sind und den beliebigen Umgang mit einem Thema, dem Fall Kamp, ersetzt haben, der zuvor alles andere ersetze eingliederte und unterordnete. Die Konzentration der Verschiedenheit in ein Ereignis bedeutete gleichzeitig etwas bedrohliches und befreiendes, wobei das Bedrohliche und Befreiende austauschbar sind: Die Bedrohung ist die Befreiung und umgekehrt.
Für die Regierung war die Befreiung die Möglichkeit das etwas ins Alter gekommene Selbstverständnis des Landes zu erneuern, dass alle Österreicher wieder auf ein zentrales Erlebnis zurückblicken können. Über das spricht man zwar nicht, aber doch ist es da und verbindet alle. Man findet in der Rückschau auf die Krise die Begründung des momentanen Handelns, dass die Krise sich nicht wiederhole, oder um dagegen vorzusorgen, oder was auch immer, eine Verbindung kann immer hergestellt werden. Die alte Begründung fand sich immer noch irgendwie im Zweiten Weltkrieg, der den Wiederaufbau, die Neutralität, das Verhalten im Kalten Krieg, die Sozialpartnerschaft, ja auch die EU rechtfertigte, diese Liste wäre beliebig erweiterbar. Doch an diesen Krieg erinnert sich niemand mehr, dass sogar die Politik in belanglosen Phrasen über ihn sprechen kann, an die Schrecken mahnen kann, dass es sich nicht wiederhole. Es wird sogar nebenbei darüber gesprochen, dass Österreicher führend in der Verbreitung des Schreckens beteiligt waren. Würde die Erinnerung noch bestehen, warum sollte sich die schöne und allgemein akzeptierte Position verändern, dass es sich bei Österreich und den Österreichern um Opfer handelt. Die OpferTäter waren einer nach dem anderen den schönen friedlichen natürlichen Tod gestorben, bis es niemanden mehr angriff von Mit-Verantwortung zu sprechen. Aber es versteht sich natürlich weiterhin, dass aus der Vergangenheit resultierende Forderungen weiter abgekanzelt werden, was natürlich in keinerlei Widerspruch zu den schönen Reden steht, die mal von diesem Amtsträger, mal von jenem, aber es wäre schon gut, wenn das Wort Präsident in der Amtsbezeichnung vorkommt, gehalten werden.
Mit der Erinnerung an den Krieg geht nicht nur die Begründung des Handelns verloren, sondern auch die Schreckenserfahrung, mit der man seinen aktuellen Wohlstand vergleichen kann, dass es sich bei Österreich um eine Erfolgsgeschichte handelt. Doch wenn Erfolg auf Erfolg folgt, dann geht es irgendwann nicht noch erfolgreicher, an einem Höhepunkt ist schwer anzuknüpfen. Neu ansetzen kann der Erfolg aber allemal, nach einem kurzen Zacken in der Wirtschaftsleistung nach unten kann es beruhigt weiter nach oben gehen, stetig versteht sich, bis zur nächsten Krise.
Neben der Erneuerung der Erinnerung an eine neue allgemeine Krise, haftete all dem verantwortungsvollen Sprechen über den alten Krieg ein fauler Nebengeschmack an. All die Moral und Pädagogik und die zeitliche Entfernung schaffen nicht die eigene Rolle wegzumachen, führen weiter vor, dass man es war, der für den Schrecken sorgte, den Schrecken verantwortet. Obwohl die Schuld einem nicht vorgehalten wird, war sie doch in jeder Entscheidung enthalten, die Selbstbegründung hatte einen Makel. Angesichts des Vergessens hätte die Selbstbegründung so oder so eine Veränderung erfahren müssen, sie hätte sich ins Abstrakte wenden können, als Begründung ohne individuelle Erinnerung, doch auch da, oder gerade da, wäre die Verbindung zur Schuld erhalten geblieben, also warum sich nicht grundsätzlich erneuern. Am vergessenen Leid des Krieges gibt es nichts zum hinterhertrauern.
Auf Tote können die Ereignisse am Kamp nicht verweisen, doch vielleicht eignet sich der opferlose Schrecken am Kamp sogar besser zur allgemeinen Begründung: Denn wer mag schon trauern, das schlägt doch nur zu schnell in Anklage um. Gleichzeitig betrifft und bedroht das Opfer nicht alle. Das ist bei der unkonkreten Bedrohung, die sich am Kamp manifestierte, anders. Sie traf zwar niemanden aber kann deshalb überall zuschlagen. Jeder ist durch die unkonkrete und so allgegenwärtige Handlung bedroht, die sich im Alltag selbst findet: Der Schrecken wurde allgemein.
Aus dieser Perspektive stellt der Fall Kamp eine Befreiung dar, oder um in den Worten des Kanzlers zu sprechen: die Auferstehung, den Krieg, die Befreiung und den Wiederaufbau gleichzeitig. Diese Allgemeinheit eignet sich nicht nur für die Selbstbegründung des Staates, sondern stellt gleichzeitig eine Bedrohung dar: Denn es passierte damals etwas am Kamp, der Alltag. Dass es sich beim Alltag nicht immer um das Erfreulichste handelt, ist ein verbreitetes Wissen. Doch normalerweise nimmt man den Alltag nicht wahr, merkt nicht, dass man in einer problematischen Umgebung lebt. Tritt aber, in welchem Zufall auch immer, der Alltag als Alltag hervor, wird er sichtbar. Dann bedroht er den herkömmlichen Gang der Dinge, fordert eine radikale Veränderung des Alltags ein. Diese Bedrohung liegt der Reaktion der Regierung zugrunde, die irgendwann begann das Ereignis bewusst für sich einzusetzen, den neuen Mythos Österreichs daraus zu konstruieren. Darin wird nicht nur für die Zukunft vorgesorgt, sondern es ist auch ein Bewältigungsmittel, das den unbekannten und unkontrollierten Prozess in bekannte Bahnen lenkt. Gemeinsam mit anderen staatlichen Reaktionen, wie etwa die massive Polizeipräsenz oder die Grundrechtseingriffe, wurde so über den Alltag wieder die bekannte Schutzschicht aus Staub und Schönheit gelegt, dass der Alltag wieder in seiner Normalität verschwindet: Alles wieder so ist wie zuvor. Und nur so ganz nebenbei ist Österreich jetzt eine Spur autoritärer, aber immerhin ist die Normalität als neue Normalität zurück.
Und seit drei Monaten läuft diese neue Normalität schon wie geschmiert, nimmt ihren gewohnten Gang. Und so ist auch klar, dass in diesen drei Monaten nichts neues über den Fall Kamp bekannt wurde und es wird auch nichts mehr darüber bekannt werden. Dafür interessiert sich niemand und hat sich auch niemand zu interessieren, denn zentrale Punkte verschwinden nur zu gerne in den Graubereichen des öffentlichen Lebens, dass sie das öffentliche Leben nicht weiter stören.

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