Das Wiener Derby, ein historisches Medley

 


Das Wiener Derby, ein historisches Medley

Wer wartet nicht sehnsüchtig auf das Wiener Derby, und da es nur viermal im Jahr stattfindet, hat man immer sehr lange zu warten. Gestern am 29.11.2020 war es wieder mal so weit: 1 zu 1 unentschieden ist das Ergebnis. Die Torschützen waren Thorsten Schick (7, Rapid) und Patrick Wimmer. Im Frühjahr wird es zum nächsten Aufeinandertreffen kommen. Doch nicht nur, um die Wartezeit zu überbrücken, sondern auch, da die aktuellen Torschützen niemand kennt, begeben wir uns in die Vergangenheit, hin zu einem Super-Derby, einem Derby der besten Spieler des Jahrhunderts. Bevor wir die Jahrhundertauswahlen aufeinandertreffen lassen, wollen wir noch kurz die Geschichte loben, dass sie das ermöglicht, was die Realität nicht erlaubt. Sie erlaubt, dass alte und junge Männer miteinanderspielen, Männer, die sich nie begegneten und so ermöglicht sie uns den Spaß dieser Zusammenstellung der Superteams. Die Geschichte lässt uns unmöglich gute Mannschaften zusammenstellen, die auch nicht enttäuschen können, denn Enttäuschung gibt es nur in der Realität. Man könnte sagen, dass wir uns in die perfekte Situation des Fußballfans begeben: Eine unendliche imaginierte Siegesserie, in der sich fußballerische Leckerbissen aneinanderreihen.

Die Mannschaften sind: Rapid (1999 vom ‚Rapid-Magazin‘ gewählte Leserauswahl) und Austria (2011 von Fans gewählte Jahrhundert-Elf)

Die Startaufstellungen: Michael Konsel, Ernst Happel, Heribert Weber, Peter Schöttel, Antonin Panenka, Andreas Herzog, Steffen Hofmann, Gerhard Hanappi, Dietmar Kühbauer, Josef Uridil, Hans Krankl, Franz Binder.

Franz Wohlfahrt, Robert Sara, Erich Obermayr, Anton Pfeffer, Felix Gasselich, Ernst Ocwirk, Herbert Prohaska, Ernst Baumeister, Andi Ogris, Matthias Sindelar, Toni Polster. Mit dem Trainer Hermann Stessl.

Ob man jetzt all diese Spieler kennt, man wird doch erkennen, dass man vor einer beeindruckenden Aufzählung steht. Die Legenden, die einem gerade aus dem Gedächtnis abhanden gekommen sind, werden durch ihre Gesellschaft erneut zu Legenden. Wenn ein Erich Obermayr in einem Atemzug mit Matthias Sindelar genannt wird, dann muss es sich um eine Legende handeln. Und was ist das erst für eine Rapid Mannschaft, die gleich so legendär ist, dass sie aus einer Person mehr besteht: Der sprichwörtliche zwölfte Mann scheint sich auf das Spielfeld eingewechselt zu haben. Und doch handelt es sich bei Steffen Hoffmann nicht um einen zufälligen Rapid Ultra, sondern um einen weiteren, wohl auch in seiner Qualität nicht zu unterschätzenden, Fußballspieler. Die Mannschaften stehen sich in einem numerischen Ungleichgewicht entgegen. Vielleicht wollte Rapid mit diesem Trick die Nichtauswahl des besten Torschützen der gesamten Fußballgeschichte ausgleichen. Obwohl zwischen 1931 und 1935 Josef Bican bei Rapid spielte und immerhin in 61 Spielen 66 Tore erzielte und 1934/35 mit Rapid Meister wurde, findet er sich nicht in der Jahrhundertauswahl. In seiner Karriere soll Bican 805 Tore geschossen haben. Woher sollen dann die Tore kommen? Vielleicht von Hans Krankl und Franz Binder. Gemeinsam schossen sie immerhin 1060 Tore, wenn auch nicht alle für Rapid. Es sollte trotzdem kein Mangel entstehen.

In der Liste der Spieler mit mehr als 500 Toren findet sich kein Spieler der Austria, ob das vielleicht einen Hinweis auf das Ergebnis des Spieles gibt. Wir wissen es nicht, wir lassen es gar nicht so weit kommen, wir lassen das Spiel nur in der Imagination ablaufen, in jeweils perfekten Passstafetten, die von den Legenden in legendäre Tore umgesetzt werden, aber gleichzeitig von den besten Verteidigern und Torhütern des Jahrhunderts abgewehrt werden, während sofort der Gegenangriff eingeleitet wird und so weiter und so weiter. Bis in der 90 Minute schließlich jeweils die eigene Mannschaft gewonnen hat und man sich sicher ist, dass nur die eigene Mannschaft die erste Mannschaft Wiens sein kann. Viel Vergnügen beim Giganten-Derby der Vergangenheit.

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