Die neue Wiener Dating-Plattform App-L‘amour

 


Die neue Wiener Dating-Plattform App-L‘amour

Viele Wiener und auch Wienerinnen werden sich denken, warum kommen denn all diese Sozial Media Anwendungen aus Amerika. Dass diese Behauptung nicht immer stimmen muss, zeigt jetzt eine neue Wiener Entwicklung: Ein Startup aus der Bundeshauptstadt brachte eine lokale Variante von Tinder auf den Markt. Damit werden auch die Zweifler an den amerikanischen sozialen Medien auf den Markt gebracht, auf den Liebesmarkt. Wir probierten die App aus.

Das Erste, was bei dem Selbstversuch auffällt ist, dass nicht nur der lokale Einschlag für die App spricht, sondern sie auch andere Features hat als das große Vorbild. Im Vergleich und in der Konkurrenz mit dem übergroßen Marktführer könnte die kleine Anwendung auch gar nicht mithalten. Jeder, der sich auf den heiß umkämpften Markt um die Liebessuchenden begibt, muss eine Nische suchen.


Diese Nische wird hier in der Wienerischheit gefunden. Seine sprichwörtliche Griesgrämigkeit kann der Wiener mit der App in den digitalen Bereich umsetzen. Nicht mit schlichtem Wischen werden Matchs erreicht, sondern hier können auch – natürlich vorgegebene – Beschimpfung zur Kontaktanbahnung führen: Gerade die sich am meisten beschimpfenden und sich ablehnenden Paare werden miteinander verbunden. Die Programmierer der App nahmen den Sinnspruch ernst, dass sich Abstoßendes anzieht. Der lokale Charakter findet sich auch in den Fragen zur eigenen Person. Hier wird auf gut Wienerisch nach Panier und Bock, nach Wampe und Visage gefragt. Und selbstverständlich auch geantwortet. Wörter, die man sich beim Würschtlstand nicht mehr traut zu verwenden, da man zurecht fürchtet, nicht verstanden zu werden, kann man hier im digitalen Bereich noch lesen. Wie so oft, fühlt man sich in der digitalen Distanz und Anonymität sicherer und greift auf vermeintlich vergessene Ausdrücke zurück. Doch man kann davon ausgehen, dass bei den vermittelten Dates diese Sprache dann auch gesprochen wird: Es werden die zusammengeführt, die noch im originalen Wienerisch leben. Ganz nebenbei tut die App so einiges dafür, das Wienerische, die Wiener Kultur und Identität zu bewahren und fortzusetzen. Klar ist, dass die digitale Umsetzung zu einem neuen Wienerisch führt. Aus der Verbindung zur Tradition entsteht etwas neues unabhängiges. Dieses Neue kann man etwa an wienerischen Variationen der neuen englischen Internationalismen sehen: Von Handy über Google bis hin zum Date, werden Wörter den wienerischen Aussprache-, Ableitung- oder Wortbildungssregeln angepasst. Aber natürlich bleibt die Lust an der vergessen gemeinten Sprache ein Nebenbei, denn in erster Linie geht es darum, Liebesbeziehungen zu vermitteln, für individuelles Glück zu sorgen und nicht darum, ein Museum fürs Wienerische aufzubauen.

Auch in dieser Aufgabenstellung ist die App durchaus innovativ und unterscheidet sich vom großen Vorbild. Der Unterschied findet sich wieder im lokalen Charakter und in der Verbundenheit mit der Tradition. Früher lernte man sich in der Disco oder am Arbeitsplatz, Schule, Universität, beim Gassigehen mit dem Hund oder beim Einkaufen im gleichen Supermarkt kennen. Die Gemeinsamkeit dieser verschiedenen Orte ist, dass sie Orte sind, die nahe zum eigenen Alltag liegen: Man ist regelmäßig dort und dort kreuzen sich Lebenslinien und dort entstehen Verbindungen. Aber woher soll ich wissen, dass das Gegenüber, das jeden Tag zur gleichen Zeit mit dem Hund in den Park geht, auch einen Partner sucht? Das Hin und her wird viele durchwachte Nächte bedeuten, ob man sie jetzt ansprechen soll oder nicht. Diese schwierigen Überlegungen nimmt einem die App ab, denn sie zeigt an, ob das Gegenüber auch am Suchen ist und schon fällt das Ansprechen viel leichter – auch weil es zuerst im Digitalen beginnen kann. Die Verbindung von digitaler Distanz und lokaler Nähe ist die Innovation der App: Wichtigste Kategorie zur Vermittlung bleiben die Orte, an denen man sich immer schon begegnet, doch die App macht sie zu aktiven digitalen Verbindungsorten. Aus der Anonymität des Alltags reißt die App die Liebessuchenden, stiftet im grauen Einerlei feurige Liebe, macht aus sich wiederholenden Gemeindebaustiegen verbindenden Orte oder aus dem nebeligen Park im November den Schauplatz eines aufregenden Suchens.

Der lokale Einschlag macht App-L‘Amour großartig und dass bereits eine große Menge von Wienern und Wienerinnen sie nutzen, ist nicht nur ein Zeichen des Erfolgs, sondern auch Ausdruck dafür, dass es sich bei Wien nicht um eine austauschbare Stadt handelt. Die Internationalisierung hat hier keine Chance und wird auch nie eine haben, schon gar nicht in der Liebe. Weil das so ist, lieben wir alle diese Stadt so sehr, dieses Wien.

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Zoltán Danyis Rosenroman ist kein Buch über Rosen

Begründung der Verleihung des ‚ersten Filmpreises‘ an Heidi Vágyi für Platón

Schreibmaschinen-Literatur