Ein Theater im Internet

 

PREMIERE | DigiTheater | Paparazzi oder die Geschichte eines gescheiterten Sonnenaufgangs

 

 Ein Theater im Internet

Es stellt sich mal wieder die Frage, wie mit dem Internet umgehen. Und die Antwort ist wieder einmal: Man muss bewusst damit umgehen, man muss auf die speziellen Möglichkeiten eingehen, man darf nicht meinen, dass man das Herkömmliche einfach so ins Digitale verlagern könne. Obwohl das eine schlichte Erkenntnis ist, ist sie nicht derart verbreitet, wie man meinen könnte, nicht derart langweilig, wie man meinen könnte. Wir besprechen hier eine gelungene Verlagerung ins Internet: die Aufführung des Stücks Paparazzi oder die Geschichte eines gescheiterten Sonnenaufgangs einer Laientheatergruppe aus Pécs.

Plötzlich, im Internet, sind die Einschränkungen der Laiengruppe nicht mehr so groß. Es braucht keinen Theatersaal (Aufführungsort) und auch all die damit verbundenen Sachen nicht mehr. Das was die Laiengruppe nie hatte, steht jetzt niemanden mehr zur Verfügung. Im allgemeinen Mangel der Amateure fällt es leichter Alternativmöglichkeiten zu finden. Man zieht sich ins schlichte Internet zurück und findet dort einfacher seine Hilfsmittel, Internethilfsmittel. Und die schlichte Umsetzung führt dazu, dass diese Aufführung keine Kostüm, Verkleiden, Bühnenbild, Licht braucht; nein, nicht einmal Bewegungen, Gesten gibt es. Die Reduktion hat nur die Stimme und das Gesicht übergelassen und die Möglichkeiten der digitalen Hinzufügung. Aber wie können wir uns dann die Szene dieses Theaters vorstellen?


Schwarz, und aus den Zoom-Feldern schauen getrennt verbunden Gesichter hervor, wiederum aus einem schwarzen Hintergrund. Es gibt wenig zu sehen, deshalb sieht man das Wenige besser: die Gesichter und ihre leichten Bewegungen (und das Wichtigste: die Stimmen).

Jede Bewegung fällt auf, bekommt Gewicht. Als die eine Mörderin ihren Kopf mit der tätowierten Hand stützt (im Mangel an Gesten), wird die Bewegung sofort zur unmissverständlichen Drohung (und es ließen sich noch weitere solche Augenblicke hinzufügen).

Nicht nur die Handbewegung drückt die Gefahr der Mörderinnen aus, sondern auch ihr digitaler Kostümwechsel (im Mangel an Kostümen): Aus den Musikerinnen, die über die verschwundene Straßenkreuzung streiten, werden durch die digital aufgesetzten Hüte Mörderinnen (und es ließen sich noch weitere solche Augenblicke hinzufügen).

Und der Stillstand (der Mangel an Bewegung) entwickelt Dynamik (dramatische Situationen). Das Läuten eines Telefons unterbricht den Dialog der Mörderinnen, die sich gerade darüber austauschen, ob sie nicht die Wirtin erschlagen sollen. Die vorgestellte Bewegung eines nicht stattfindenden Ereignisses hat große Auswirkungen (und es ließen sich noch weitere solche Augenblicke hinzufügen).

Mimik und Stimme fügen sich als konventionelle Theaterelemente der Liste hinzu. Sie bekommen dank der fehlenden zusätzlichen Elemente hingegen mehr Aufmerksamkeit als in konventioneller Umgebung. Verschobene Augen, Runzeln und in welchen anderen Details noch der Ausdruck der Mimik sich findet; oder Beschleunigung, Verstellung usw. der Stimme treten in den Vordergrund. (Solche Augenblicke finden sich viele in der Aufführung.)


Die Reduktion führt nicht zu einem Verlust von Ausdruck, sondern ermöglicht vielmehr neue Möglichkeiten, steigert den Ausdruck. Dieser Gegensatz spiegelt sich in der digitalen Umsetzung wieder, denn die Reflexion auf die digitale Form hört nicht bei der digitalen Bearbeitung auf. Grundsituation der Reduktion ist der starre, leere Blick der Figuren in den leeren Computerbildschirm vor ihnen, in dem es nichts zu sehen gibt: nicht das Publikum, nicht die anderen Schauspieler. Doch das Licht des Bildschirms (im Mangel an Beleuchtung) projiziert den bewegten Stillstand der Schauspieler in die Kamera. Leere projiziert die Reduktion zum Zuseher. Das Digitale tritt nicht am Schluss als vermeintlich neutrales Vermittlungsmittel hinzu, sondern ist im ganzen Entstehungsprozess enthalten.

Nicht nur in der digitalen Umsetzung findet sich die Reduktion, sondern sie ist im Stück selbst angelegt. Das Stück handelt von dem Nichtaufgehen der Sonne in der Nacht. Ein recht normales Phänomen also wird als sichere Katastrophe dargestellt. Obwohl die Katastrophe nicht sichtbar sein kann soll sie durch Sehen der Sonne bestätigt werden. Die beiden blinden Figuren (der Blinde und der Getränkeautomat) suchen bei den sehenden Figuren um Bestätigung der Nachricht. Die Bestätigung kann nicht gegeben werden und ob den Fernsehnachrichten geglaubt werden kann, ist genauso ungewiss.

Auf jeden Fall läuft eine (behauptete) Katastrophe ereignislos ab und diese wird gleichzeitig auch nicht direkt besprochen. Es wird im Ton der Katastrophe (überhöht) über belanglose Ereignisse geredet (Erinnerungen an die Mütter, Umgebungsbeschreibungen, Mordaufträge). Anstelle panisch zu flüchten, sitzen die Figuren in Bars, zuhause, telefonieren oder sind am Bahnhof. Es passiert nichts: das Stück zeigt überhöhte Leere.

Die Szene am Bahnhof ist vielleicht der beste Ausdruck der verdrehten Darstellung der Leere. Ein Ehepaar versucht Fahrkarten zu kaufen und scheitert dabei, da die Verkäuferin keine Fahrkarten verkaufen mag. Das Gespräch läuft vermittelt über den Mann ab, der mit seiner Frau und der Verkäuferin spricht und jeweils deren Sätze der anderen Figur wiederholt. Dies macht das Gespräch mechanisch, langsam und reduziert noch weiter den Inhalt. Im Zuge des Gesprächs wird die Verkäuferin emotionaler und schreit schließlich hinter dem geschlossenen Schalter hervor. Das Ehepaar steht dem ruhig gegenüber. Das ändert sich auch nicht, als die Frau beschließt ihren Mann zu verlassen: Das emotionslose Verkaufsgespräch ist emotional, die emotionale Trennung des Ehepaars ist emotionslos.

Alle Dialoge des Stückes laufen in dieser Verwechslung ab. Über belanglose Angelegenheiten wird überhöht gesprochen, worunter die wichtigen Ereignisse (die Katastrophe) vergessen werden. (Natürlich steckt die Katastrophe viel mehr im normalen Alltag, in der absurden Einrichtung unserer Welt, als in der Absurdität des ‚Absurden Theaters‘. Die Katastrophe ist verdreht.)


Durch und mit den reduzierten Mitteln (technisch, als auch darstellerisch) wird das reduzierte Stück nicht nur entsprechend, sondern packend und gut zur Aufführung gebracht: Dafür sind Inszenierung und Schauspieler verantwortlich, die die Aufführung schließlich umsetzen. Und mit der ästhetischen Qualität hört die Relevanz dieses Stückes noch nicht einmal auf. Hinzugefügt muss noch die individuelle Bedeutung für die Darsteller werden, denn das Stück steht im Kontext von Sprachelernen und Sprachelehren (doch auf diese Bedeutung kann vielleicht ein andermal eingegangen werden). Das Stück ist auf dem Youtube-Kanal des Pécser Lenauhauses zu sehen und ist sehr empfohlen. (https://www.youtube.com/watch?v=rRJOHDIBEQg&fbclid=IwAR2elSZdOzibQEj6UF1bLFdH0mq7l2cccEjflHDBscD5rgxrdEZFlUVAKQs)

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