Ein Versuch die wunderlichen Ereignisse am Kamp zu verstehen
Der Schmetterling 22.2.2020
Ein Versuch die wunderlichen Ereignisse am Kamp zu verstehen
Die Berichterstattung über das Ereignis am Kamp brach unerwartet mit dem 16. Februar ab. Während in den Tagen zuvor lange Artikel erschienen, die wilde Vermutungen und wüste Anschuldigungen aufstellten, war danach nichts mehr zu hören. Am 15. Februar lud der Bundeskanzler zur Besichtigung des Tatorts: Ausgewählte Journalisten durften neun Tage nach dem Beginn der Krise den Ort aufsuchen. Doch was sie dort sahen und über die Ereignisse erfuhren, darüber schrieben sie nichts. Die angekündigte Aufklärung drückte sich in einer kurzen Notiz aus, die in allen Zeitungen gleichlautend den Bundeskanzler bestätigte und lobte. Die vom Kanzler verkündigte Version sei die richtige und es seien keine weiteren Fragen offen, deshalb muss man auch keine Artikel mehr darüber schreiben. Alleine die Kürze der Notiz brachte die Abgeschlossenheit und die Aufklärung zum Ausdruck, denn wozu lange erklären, dass alles erklärt ist, da hätte nur das Zweifeln beginnen können. Die Sache war einfach beendet. Der Kanzler hatte sie dazu erklärt und gleichzeitig, dass er das Land überzeugt habe und seine Offenheit das Bedürfnis der Menschen nach Information befriedigt habe: Der Fall ist geschlossen; es kann mit der Normalität weiter gehen.
Weder ich, noch ein anderer Journalist des Schmetterlings waren zu dieser Besichtigung eingeladen, also können wir das Schweigen nicht mit der Schilderung unterbrechen, wie es am Tatort ausschaut, was dort passierte. Ich kann meine Rekonstruktion nur von Außen anstellen, von den öffentlich zugänglichen Materialien ausgehend. Die sind rar. Doch das allgemeine Schweigen rechtfertigt die Berichterstattung, die Aussagen der Involvierten, das Wenige sich genau anzuschauen und vielleicht entdeckt man dabei ja etwas.
Ich besuchte in der letzten Woche auch den Tatort, alleine, ohne hochoffizielle Begleitung. Geht man vom Bahnhof durch das Dorf, über den Kamp hin zum Haus, das im Zentrum des abgesperrten Gebiets gelegen ist, so merkt man nicht, dass sich um dieses stille Gebiet noch vor wenigen Tagen die erbittertsten Auseinandersetzungen in der Republik drehten. Die Normalität ist wirklich wieder eingekehrt, wie vom Kanzler verlangt. Freilich ganz zum Haus kann man nicht gelangen. Nicht mehr die Polizei hindert einen daran, sondern eine Baustelle. Ob das Haus abgetragen oder saniert wird, das ist nicht erkennbar und auch die Bauarbeiter und das Sicherheitspersonal dürfen darüber keine Auskunft geben. Die Nachbarn können sich an die letzte Woche nicht mehr erinnern: Ihre Klagen über den Lärm, zuerst die Schüsse, dann die Polizei, all das hat nie stattgefunden. Wenn man sie trotzdem darauf anspricht, kommen mürrische Antworten, und dass sie so viel zu tun haben: Im Garten müsse noch das und das gemacht werden. Die Normalität ist vollständig.
Und auch wenn man bei der Schilling Zeitung anruft und fragt, ob es Neuigkeiten über das Gerichtsverfahren gibt, dass die Zeitung als Reaktion auf die Untersuchung ihres Hauses anstrebte, wird keine Auskunft erteilt. Aus den flammigen Verteidigern des Redaktionsgeheimnisses und der Verfassung sind wieder normale Schreiberlinge geworden, die zentral vorgefertigte Notizen in ihre Zeitung übernehmen und denen der, übrigens noch andauernde, Rechtsbruch wieder egal geworden ist.
Aber immerhin kann die Schilling Zeitung mit einiger Berechtigung behaupten, dass sie es war, die den Kanzler auf Linie brachte. Das gilt für die anderen Zeitungen nicht, die haben einzig den Rückzug ins Schweigen angetreten. Von ihren Theorien und Berichten bleibt nichts. Was sollten sie auch schon schreiben, denn alles Weitere würde bedeuten, dass das Zuvor Lüge war, dass all ihre Berichte falsch, frei erfunden waren. Das freiwillige Schweigen der Zeitungen soll durch Druck der Regierung ergänzt sein, wie man unter der Hand von Journalistenkollegen hört. Das Schweigen hört aber nicht mit dem beruflichen, veröffentlichten, Bereich auf. Denn fragt man die Journalistenkollegen so ganz privat, was sie denn bei der Besichtigung gesehen haben, dann wird auch keine Auskunft gegeben. Das Schweigen geht über den offiziellen Druck hinaus, ist selbst im Privaten zum selbstverständlichen Teil der Journalisten geworden. In der Normalität spricht man nicht darüber und wer weiß, worüber man sonst auch nicht spricht, in dieser Normalität.
Mit den Medien ist mein Mitleid beschränkt, denn die finden immer eine neue Geschichte, doch die Opposition kann einem in dieser Angelegenheit wirklich bisschen leid tun. Sie witterte die große Möglichkeit mit dieser Sache gegenüber der Regierung punkten zu können, gegen die überwältigende Übermacht der Regierung sich durchsetzen zu können. Und so setzte sie alles auf das Thema. Sie spitzte ihre Inszenierung auf den großen Tag im Nationalrat zu, der seinen Höhepunkt im Misstrauensantrag gegen den Innenminister finden sollte. Doch dann setzte der Bundeskanzler dazwischen, stahl allen die Show und vereinte das ganze Land hinter sich. Obwohl der Kanzler genau nichts sagte außer Drohungen, die sich vorrangig gegen den ach so bedrohten Österreicher richteten, interessierte sich niemand mehr für die inszenierte Aufklärung der Opposition: Inszenierung schlug Inszenierung. Des Sieges sicher, war die Niederlage umso bitterer und schmerzhafter.
Aber der Kanzler hatte auch mehr anzubieten: Er verfügt über die Mittel Orte des Landes nach seinem Willen abzusperren oder öffnen zu lassen. Er erfüllt den autoritären Wunschtraum des durchschnittlichen Österreichers so viel besser als die austauschbaren und machtlosen Oppositionspolitiker. Er zog alle in seinen Bann und niemand erwartete noch irgendetwas vom Parlament, das einmal mehr seine Handlungsunfähigkeit und Bedeutungslosigkeit bewies. Und jetzt, nach der Niederlage, können die Oppositionsparteien gar nicht mehr anders, zumindest sagen sie das, als auf die doch irgendwie berechtigten Forderungen der Regierung einzugehen, die Spitzen wegzuverhandeln und wie all die Phrasen lauten. Das Ergebnis, das seinen Ausdruck nicht nur in Gesetzesverschärfungen finden wird, steht allerdings schon fest. Egal welche Grauslichkeiten noch verhindert werden können, sicher ist, dass das Ergebnis weiterhin grauslich ist. Und das auf allen Ebenen: Die Ausweitung der Regierungsbefugnisse wird zum andauernden Normalzustand werden (mit Eingriffen in die privatesten Bereiche des Lebens); das Parlament, das sich in der Krise nicht bewährt hat – einzig mit seinen vielen Fragen dem Kanzler im Weg gestanden ist – verliert auch noch den Schein, dass die Gesetze im Parlament beschlossen werden, und dass es die Regierung kontrolliert. Die Macht verschiebt sich weiter zur Exekutive. Zukünftig werden, wenn es der Regierung gerade passt, beliebige Regeln aufgehoben und mit beliebigen Maßnahmen ersetzt. Willkür wird zum Mittel das Land im nationalen Interesse zu regieren. Alles im nationalen Interesse, das versteht sich.
Das, was von der Demokratie bestehen bleibt, ist Fassade. Denn im Ausland, wo nur zu oft ähnliche Prozesse ablaufen, soll doch nur das Beste von uns gedacht werden, und welche Fragen die stellen. Aber wir sind eine schöne friedliche Demokratie. Aber das nationale Interesse erfordert und ihr versteht doch schon, und so weiter.
Und so bleibt nichts von der Opposition oder den Medien über, sie sind aufgegangen in der großen Anstrengung des Kanzlers, schweigen oder stimmen aktiv zu. Der Widerspruch betreibt Selbstaufgabe, die Vereinheitlichung, die der Kanzler dem Land verordnet hat, wird zur ausgangslosen erklärt. Die erste Frage, die in dieser Situation nicht mehr gestellt werden darf, ist die, was denn damals am Kamp passierte.
Also was passierte damals am Kamp?
Man wird davon ausgehen können, dass nichts passierte. So weit werden die Ermittler schon recht gehabt haben, als sie von einer Verkettung von Umständen sprachen: Diese Umstände lösten keinen Schuss oder Einsturz, keine Familientragödie oder Ausländermord aus, sondern ein lautes Geräusch, das dem Nachbarn irgendwie komisch vorgekommen sein muss. Und so geriet die Angelegenheit ins Laufen. Die Polizei rückte an, fand auch irgendetwas komisch und mehr und mehr Polizei kam, die Sache wurde größer. Die verschiedenen Vertuschungsversuche, verschiedene Erklärungen zu lancieren, funktionierten nicht, die Angelegenheit blieb am Laufen. Und da ist es kein sonderlich abwegiger Gedanke, all das zu nutzen. Dafür bot sich der Vorfall perfekt an: Ganz Österreich wusste davon, alle Zeitungen schrieben darüber, jeder hatte eine Meinung und jeder fand eine Bedrohung darin entdecken zu können, egal wie unterschiedlich diese auch waren. Die privaten Versionen schlossen sich nicht aus, ergänzten sich viel mehr zu einer gigantischen Bedrohung, die vom Kleinsten bis ins Größte alles anzugreifen schien. Die Zeitungen stimmten ein und indem sie ihre Theorien an ihre Leserschaft richteten, brachten sie diese auf weitere Ideen, plötzlich ging von jeder Eisenbahnschiene eine Bedrohung aus. Klar ist, dass in so einer Situation nur noch hart Durchgreifen hilft. Und das wurde auch erfüllt.
Das Problem dieser Theorie ist, dass sie ein instrumentelles Verhältnis zur Angst voraussetzt und meint, dass das Ereignis am Kamp vollständig austauschbar ist, egal ist. Auch behauptet die Theorie, dass, zumindest ab einem bestimmten Punkt, eine Planung hinter den Ereignissen stand, diese unter Kontrolle waren. Die Ereignisse so inszeniert wurden, um ein bestimmtes bereits feststehendes Ziel zu erreichen. In diesem Fall die Verschärfung der Gesetzeslage, um die Macht der Exekutive auszuweiten. Und so wäre das eine auf das nächste gefolgt. Dabei sind Absicht und Vorfall austauschbar, jegliches Ziel hätte mit jeglichem Anlass erreicht werden können. Die Theorie kann keine Verbindung zwischen einem spezifischen Grund und einer Folge erkennen, alles ist austauschbar.
Also was ist, wenn dort am Kamp doch etwas passiert ist, ein spezifisches Ereignis. Der Ablauf, die widersprüchliche Berichterstattung, die Versuche das Ereignis zu vertuschen, all das spricht gegen eine Planung, eher dafür, dass wirklich davon ausgegangen wurde, dass etwas passiert sei. Und ich meine nicht, dass die Berichterstattung oder die Machtausdehnung der Regierung passiert ist, die jeweils als kriminell einzustufen sind, als Angriff auf die Verfassung oder als wilde Hetze gegen alles, was dem Redakteur nicht passt und nicht Mensch sein darf. Vielmehr meine ich mit so einem Ereignis, dass dort einfach die Normalität passierte.
Die Normalität ist nicht als Verbrechen einzustufen, deshalb wird sich die Staatsanwaltschaft auch schwer tun in ihren weiteren Ermittlungen, genauso wie sich die Polizei schwer getan hat. Doch wird sie, die Normalität, dort, in dem Haus, in ihrer ganzen Brutalität hervorgetreten sein, die schlimmer ist, als das durchschnittliche Verbrechen. Wie genau wir uns das vorstellen können, ist ungewiss, da wir von dem Tatort ausgeschlossen blieben. Doch es wird auf eine Verkettung von Umständen zurückzuführen sein: Der Zug, der Brunnen, das Haus, der Fluss auf den leicht Tropfen fallen, die Weinreben, der Weg, der trübe Ausblick. All das fügte sich zu einem allzu normalen Bild des Alltags zusammen, das dann plötzlich nicht mehr normal war, sondern trist und aussichtslos, bedrohlich. In dieser Hütte und in dieser Landschaft ereignet sich das Verbrechen des Alltags, es ist durch die menschliche Arbeit in den Boden eingeschrieben, welch besseres Bild könnten dafür Weinreben bieten. Und es ereignet sich im alltäglichen Umgang der Menschen untereinander, das hinter den Mauern verborgen bleibt. Die Selbstbeschneidung des Menschen wurde offensichtlich und ließ aus irgendwelchen magischen Gründen den Alltag als Verbrechen erscheinen. Die Normalität steht Leben entgegen.
Um den Alltag gegen das bedrohliche Andere zu schützen, mussten umso mehr Polizeikräfte anrücken und dann alles versucht werden, dass es eingesperrt bleibt. Gegen das Unkonkrete, da allgemeine Verbrechen, muss mit der höchsten Gewalt vorgegangen werden. Die Absperrung funktionierte und die Angst vor dem unbekannten Weggesperrten verbreitete sich. Dadurch wird das Unbewältigbare bewältigbar. Widersprüchliche Erklärungen entstanden, mussten entstehen, da über den Auslöser nichts bekannt werden durfte, bis der Kanzler mit seiner Autorität erklärte, was passierte. Und er bestätigte, dass all die widersprüchlichen Sachen gleichzeitig passierten. Unmögliches passierte, um das Undenkbare zu verdecken. Alle sahen sich bestätigt und auf alle Ängste wurde mit der Ankündigung der neuen Gesetze, die auf alle Ängste eine Antwort bieten, reagiert. Und die Normalität kann sich wieder unbekümmert fortsetzen. Aus der Jugendlichkeit des Kanzlers heraus wurde das Land neu eingeschworen, dass das Leben in den bekannten Bahnen weitergeht, natürlich auf der Basis stehend, dass Österreich für die Österreicher ist und nur für die ist. Die Jugendlichkeit des Kanzlers bedeutete noch nie ein Aufbegehren gegen die Eltern oder einen Ansatz die alte Welt zu verändern. Seine Jugendlichkeit ist die unveränderte Erneuerung des immer schon Bestehenden. In den Ereignissen am Kamp fand diese Politik ihren Abschluss. Die Ereignisse stellen das Gründungsmoment, den gemeinsamen Schwur der Gesellschaft dar, dass alles so weitergehen wird wie bisher. Diszipliniert wird das Leben abgespult und der Alltag umschließt den Einzelnen bruchlos, das gute Leben des Österreichers kann unbedroht weiter gehen. Und all das sind wir dem Kanzler schuldig, der die Normalität zurückgerufen hat, das unbedenkliche Bedenkliche. Nichts ist passiert, nichts wird passieren.

Manchmal ist die Normalität abnormal normal
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