Raufschaumuseum
Auf instagram (https://www.instagram.com/raufschaumuseum/) und auf https://www.raufschaumuseum.at/ findet sich ein neues Projekt, das sich Raufschaumuseum nennt. Es hat sich zum Ziel gesetzt 'künstlerische Fassadengestaltungen von 1919 bis 1989' – hauptsächlich aus Wien – zu sammeln, dokumentieren und beschreiben. Die gefundenen Fassadengestaltungen werden fotografiert und mit Informationen zu den Werken im Internet veröffentlicht, woraus irgendwann ein Verzeichnis all dieser Fassadendekorierungen entstehen soll. Zu welchem Ergebnis diese Recherchen führen, kann noch nicht abgeschätzt werden. Die Informationen, die bereits abrufbar sind weisen allgemeine Schwierigkeiten von Beschreibung und Einordnung von Kunstwerken auf: Es ist ein Einordnen in große Strömungen, der einzelne Entwicklungsgeschichten einzelner Künstler entgegenstehen, so dass über das konkrete Werk gar nicht sonderlich viel gesagt wird. Das wird sicher auch mit der Schwierigkeit an Informationen zu gelangen, verbunden sein. Vielleicht wäre eine formalisierte Beschreibung ausreichend und aussagekräftiger, in der schlicht Ort, Entstehungsjahr, Künstler, Titel und vergleichbares angegeben wird. Diese Basisinformation haben gar nicht die Möglichkeit abzuschweifen und mit unverbundenen Betrachtungen vom Gegenstand abzulenken. Und alles weitere wird das Internet parat haben, worauf mit Links verwiesen werden kann. Kommt es in der Recherche zu Hinzufügungen dann müssten die Informationen so oder so eine andere Darstellungsform finden, als sie in den jetzigen Beschreibungen praktiziert wird.
Aber was, und in welcher Form, sich in diesen Beschreibungen findet, ist gar nicht so wichtig, denn das Entscheidende sind die Fotos selbst und der interaktive Charakter, hauptsächlich der interaktive Charakter. Denn dieser macht aus den Fassadengestaltungen eine Gestaltung des Internets, mit den Möglichkeiten des Internets. Die Einsendungen zieren nur zu oft digital gezeichnete, geschriebene oder animierte Reaktionen auf die Fassadengestaltungen im Hintergrund, womit auf die meist gegebene Zweifelhaftigkeit der Fassadengestaltungen reagiert wird.
Kunstwerke sind meist in Museen oder Privaträume eingeschlossene Gegenstände, die als Behübschungselement verwendet werden. Das Ziel eines Museum ist entsprechend möglichst viele Leute anzuziehen, dass diese die bunten irgendwie schönen Dinge bestaunen und erstarrt zur nächsten Attraktion eilen. Von welcher Art die Attraktionen sind, ist dem Tourismus egal: Der Berg, das Museum, das Bauwerk, die Stimmung einer Stadt alles ist Attraktion und kommen die Touristen plötzlich nicht mehr, dann rechnet es sich auch nicht mehr die Attraktionen zu öffnen. Die Gegenstände im Museum sind egal, sie müssen einzig als Besuchermagneten dienen. Obwohl die Fassadengestaltungen nicht den Effekt des Magneten haben, so teilen sie doch die Eigenschaft der Behübschung. Während man beim durchschnittlichen Museumsobjekt von einer Zuschreibung zur Behübschung sprechen kann, ist diese für die Fassadengestaltung Ausgangspunkt und Ziel: Es gibt nichts abweichendes (vielleicht noch, dass die Vorgaben der Bauordnung erfüllt werden). So werden beliebige bunte Steinchen an die Wand geklebt, die keine weiter Aussage treffen, als dass das graue elende Leben bisschen bunter wird und dabei grau und elend bleibt. Man pinselt die Fassade irgendwie an, dass sich keine Gedanken über die Wohnqualität gemacht werden. Denn Wohnqualität und Fassadengestaltung ist ein Widerspruch, denn wozu braucht ein qualitatives Haus, das aus seiner Konstruktion und Verwendbarkeit seine 'Schönheit' erstellt, eine Fassade und damit eine Fassadengestaltung.
Damit wollen wir nicht sagen, dass es nicht auch solche Werke an Fassaden gibt, die auf das Elend des Wohnens hinweisen, die etwa das hinter der Fassade verborgene schlechte Leben auf der Fassade abstrakt sichtbar machen. Das kann durch einfache Formen erreicht werden, wie etwa bei einem Spaziergang auf der Donaustadtstraße gesehen werden kann: Die Bedrückendheit der kleinen Gemeindebauwohnungen ist auf der Breitseite durch Rechtecke quasi angegeben: Abstrakt wird eine grundsätzliche Veränderung, und zwar nicht nur des Wohnens, eingefordert.
Egal was das Raufschaumuseum zu seiner Agenda gemacht hat, die zusammengeflogenen Fotos dokumentieren, indem Mosaike und Reliefs der Stadt dargestellt werden, private Wege und private Reaktionen auf die Fassadengestaltungen. Die Mosaike und Reliefs werden dadurch entfremdet und die Reaktionen derer vorgeführt, die in den behübschten Häusern zu wohnen haben. Durch die Mittel des Internets wird der affirmativen Kunst der Fassadengestaltung ein kritischer Gehalt hinzugefügt.
Hoffentlich hält das Raufschaumuseum an diesem lockeren Umgang mit seinen Gegenständen fest und findet viele, die mitmachen und Fotos beitragen und Fassaden verändern.

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