Über die Form des Zeitungsromans
Über die Form des Zeitungsromans.
Herkömmlich wird als Zeitungsroman ein Roman verstanden, der in Fortsetzungen in einer Zeitung erscheint und mal mehr mal weniger an die speziellen Bedingungen der Erscheinungsweise angepasst ist. Der Erscheinungsort und die Erscheinungsweise in Fortsetzungen wird zur genrebildenden Eigenschaft. Das führt zu keiner sonderlichen Schärfe des Begriffs, kann ein Roman doch unverändert in einer Zeitung in Fortsetzungen und einem Buch erscheinen. Zu dieser Doppelung kam es auch nicht selten. Es ist fraglich, was es für einen Sinn macht in einer derartigen Allgemeinheit einen Begriff zu prägen.
In diese allgemeine und nichtssagende Verwendung soll hier nicht eingestimmt werden, der Begriff Zeitungsroman anders als in der Literaturwissenschaft verwendet werden. Hier wird als Zeitungsroman ein Roman verstanden, der aus Zeitungsartikeln besteht. Die Literaturwissenschaft kommt einem freundlicherweise entgegen, wenn sie aktuell eher den Begriff Feuilletonroman für in Fortsetzungen in Zeitungen erscheinende Romane verwendet, also den Begriff Zeitungsroman für eine neue Bedeutung frei macht.
Derartige Zeitungsromane, die sich in fiktiven Zeitungen abspielen, sind rar in der Literaturgeschichte und wir schreiben nur deshalb darüber, da gerade ein Text erschien, der sich in diese Tradition einordnet. Angesicht dieser Neuerscheinung (Fall Kamp) soll ein Rückblick auf Vorbilder gewagt werden und zu allgemeinen Aussagen über die Gattung gekommen werden: Darüber, was den Zeitungsroman auszeichnet, was ihn besonders macht und was seine Versprechungen sind.
Die österreichische Literaturgeschichte kennt zumindest einen Text, der in doppelter Hinsicht als Zeitungsroman (als Zeitung in einer Zeitung erschienen) zu bezeichnen ist: Maria Lazars Der Fall Rist. Dieser Fortsetzungsroman mit dem Untertitel Protokolle, Dokumente, Zeitungsausschnitte, herausgegeben von Esther Grenen erschien 1931 in der Arbeiterzeitung. Wie der Untertitel angibt, entwickelt sich seine Handlung nicht ausschließlich in Zeitungsartikeln, sondern andere Dokumente stehen neben ihnen, ergeben gemeinsam den Blick auf das Dargestellte. Durch diese Ergänzung von Zeitungsartikeln und Dokumenten relativiert sich aber nicht die Zuordnung zum Zeitungsroman. Zeitungsartikel und die hier zitierten Dokumente haben die gleiche zentrale Eigenschaft: Die Abwesenheit von Erzählerrede.
Im herkömmlichen Roman legt der Erzähler in der dritten Person dar, was passierte, was die Figuren des Textes machen und so weiter. Der Erzähler entwickelt in von ihm gewählten Worten die Handlung. Im herkömmlichen Roman ist die direkte Rede von Figuren die Ausnahme dieses Verhältnisses: Mit Anführungszeichen gekennzeichnet, sprechen die Figuren in ihren eigenen Wörtern. Und nicht nur die Anführungszeichen verbinden die direkte Rede mit der Erzählerrede, sondern der Erzähler führt auch in die direkte Rede ein. Einführungsphrasen kennzeichnen wer wie spricht. Reduziert lauten solche Phrasen: 'er sagte' oder 'sie antwortete' oder 'er schrie' oder 'sie meinte' usw. Das Andere, die Figurenrede, verlangt also nach einem umso stärkeren Eingriff des Erzählers.
Im Zeitungsroman ist das anders. Der Erzähler beginnt nie zu sprechen, man könnte sagen, der Text bestehe einzig aus direkten Reden. Er besteht aber aus Zeitungsartikeln und anderen aus der Realität übernommenen Dokumenten. Der Erzähler hat nichts zu verschriftlichen, er greift auf bestehendes Material zurückgreifen, um seine Geschichte zu erzählen. Seine Rolle erscheint vielmehr als die eines Herausgebers, der Material zusammensammelt und für die Veröffentlichung aufbereitet, aber nicht in das Material selbst eingreift. Im Untertitel des Fall Rist wird eine Herausgeberin angeführt. Der Name der Autorin wird hingegen in der Zeitung nicht genannt. Selbst die Ankündigung des Romans nennt den Namen nicht, er steht also auch dort nicht, wo außerhalb des Romans über den Roman gesprochen wird. Das Vorschieben einer Herausgeberin erklärt sich nicht nur durch einen allgemeinen Drang zu Pseudonymen – Maria Lazar verwendete das Pseudonym Esther Grenen wiederholt –, sondern fügt sich in die Verschleierung des fiktiven Charakters des Textes ein: Der Roman wurde nicht von einer Autorin verfasst, sondern eine Herausgeberin mag in Originaldokumenten über etwas berichten, das sich in Dänemark wirklich zugetragen hat. Die österreichischen Zeitungen schenkten diesen Ereignissen, wohl auf Grund der Entfernung, nicht die Aufmerksamkeit, die ihnen gebühren würden. Dieses Manko wird von der Herausgeberin ausgeglichen, die zusammenfassend der österreichischen Öffentlichkeit die Ereignisse präsentiert.
Im Zeitungsroman verschmilzt Realität und Fiktion, da eine Form verwendet wird, die eng mit der Darstellung der Realität verbunden wird: die des Zeitungsartikels. Man könnte auch davon sprechen, dass es sich beim Zeitungsroman um erfundene Zeitungen handelt, die über Ereignisse einer erfundenen Welt berichten. Formal kann nicht mehr zwischen der Darstellung von Realität oder Fiktion unterschieden werden. Der abstrakte Eingriff des traditionellen Erzählers, der als Marker einer fiktiven Darstellung gesehen werden kann, ist weggefallen. Der Zeitungsroman kann als radikaler Versuch bezeichnet werden, auf die Probleme des traditionellen Erzählens zu antworten und eine neue Möglichkeit realistischen Erzählens zu finden.
Gerade in den 30er Jahren, in denen der Fall Rist erschien, waren das zentrale Fragen der Literatur. Eine andere Reaktion, wenn auch bei weitem nicht so radikale, wird von der Literaturwissenschaft mit dem Begriff der Neuen Sachlichkeit bezeichnet: In Abgrenzung zu dieser Art des Schreibens könnte der Zeitungsroman sicher genauer bestimmt werden.
Trotz der gleichen erzählerischen Lage von Zeitungsartikel und der anderen Dokumenten hat die Mischung der verschiedenen Textsorten im Fall Rist Auswirkungen auf den Text: Automatisch drängt sich die Frage auf, woher kann die Herausgeberin all das wissen, warum hat sie Zugang zu Gerichtsakten und warum kann sie diese veröffentlichen. Die Herausgeberin verwendet nicht vermeintlich öffentlich zugängliches Material (Zeitungsartikel), sondern hat Zugang zu speziellem Material. Vielleicht wäre es deshalb besser von einem Dokumentationsroman zu sprechen, der nicht die journalistische Form imaginiert, sondern den privilegierteren Blick eines Historikers. Dieser hat größere Möglichkeiten in seiner Dokumentation, meist deshalb, da zwischen Ereignis und Dokumentation bereits eine längere Zeitspanne verging, das Wissen größer ist, als unmittelbar. Für den Text hat diese Distanz zur Folge, dass sich der realistische Schein reduziert, angesichts der Informationsfülle kann das Berichtete nur erfunden sein: Es kommt wieder zu der verordnenden Distanz zwischen Erzähler und Erzähltem.
Darin findet sich der größte Unterschied zum Fall Kamp, dem gerade neu erschienenen Zeitungsroman. Dieser beschränkt sich in dem wiedergegebenen Material auf Zeitungsartikel, einzig öffentlich zugängliches Material wird verarbeitet. Genauer gesagt werden Artikel aus drei (vier) erfundenen Zeitungen wiedergegeben, in denen über einen speziellen Kriminalfall, der sich nicht in den Gesetzesbüchern findet, berichtet wird. Beide Erzählungen sind jetzt gemeinsam, in einer praktischen Faltausgabe, im Extrablatt-Verlag erschienen.
Nachtrag: Fraglich ist, ob das, was in diesem Artikel als Versprechung des Zeitungsromans dargestellt wird, die direkte Realitätsdarstellung durch Verdopplung einer 'realistischen' Darstellungsweise, überhaupt erstrebenswert ist. Natürlich bringt der Zeitungsroman diese Absicht auf eine neue Ebene, steigert das Mimesisspiel des Realismus, indem die Darstellungstechniken weiter perfektioniert werden. Und doch scheitert jede weitere Anpassung, sie muss scheitern: Der Widerspruch zwischen Darstellung und Dargestelltem bleibt erhalten. Es kann also nicht darum gehen sich auf dieses Spiel einzulassen, das Überbieten fortzuführen, sondern es müssen sich Gedanken über einen strukturell anderen Zugang gemacht werden.
Gleichzeitig stellt sich die Frage, ob die Kosten der Mimesissteigerung im Zeitungsroman nicht zu groß sind, also welche Folgen des Streichens des Erzählers hat. Der Erzähler ist als abstrakte Instanz im Text auszumachen. Er ordnet das Dargestellte nach gewissen Prinzipien und trifft eine Aussage, die sich nicht in den dargestellten Gegenständen erschöpft, wodurch diese verändert werden. Die abstrakte Aussage über die Gegenstände fordert letztlich ein, dass sich die Gegenstände selbst verändern sollen – oder zumindest können. Erzählen bedeutet die abstrakte Forderung nach gesellschaftlicher Veränderung. Die eingeforderte Veränderung unterscheidet sich auf der abstrakten Ebene, kann in jegliche Richtung gehen: Eine abgeschlossene, traditionelle Erzählung stellt eine ganz andere Forderung an die Gesellschaft auf, als ein offener, experimenteller Text. Erzählen bedeutet nicht Erzählen, weshalb ihm große Aufmerksamkeit geschenkt werden muss.
Die Verkehrung ins Gegenteil – die scheinbare Streichung des Erzählens aus dem Text – bedeutet keine solche große Aufmerksamkeit, setzt im Gegenteil die gleichen Probleme anders fort. Vielmehr muss sich immer wieder gefragt werde, für jedes Kunstwerk von Neuem, welcher Umgang gefunden werden kann, wie legitimiertes Erzählen, und so Verändern, erreicht werden kann. Im Fall des Zeitungsromans würde diese Frage in Richtung Medienkritik oder politischer Roman führen. Doch das ist eine andere Frage.

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