Zauberei mit Kurt Kirchbichler

Zauberei mit Kurt Kirchbichler

Die zweite Folge von Kochen mit Kirchbichler

Normale Zeitungen schreiben jede Woche über die neue Folge des Tatorts, der Schmetterling schreibt über die neuen Folgen von Kurt Kirchbichlers Kochshow. Ganz so schlimm ist die Situation des Schmetterlings noch nicht, dass schon zum tausendsten Mal über das Gleiche geschrieben werden muss: Wir befinden uns erst bei Folge zwei der Kochshow. Deshalb müssen wir auch nicht nach Alternativen zum herkömmlichen Artikel suchen, um zwanghaft die Aufmerksamkeit aufrechtzuerhalten. Beim Tatort hat sich Gegenstand und Inhalt seit Jahren nicht verändert. Um den Neuigkeitswert trotzdem sicherzustellen, müssen die Liveticker, Interviews, Skandalisierungen, radikale Reformen usw. ausgepackt werden, dass das Publikum weiter an den Tatort gefesselt werden kann. Kurtis Kochshow ist schlicht neu, deshalb können wir schlicht darüber schreiben.

Bei der zweiten Folge ‚Überraschungs(zauber)ei‘ begibt sich Kurt Kirchbichler zunächst auf die Suche nach Zutaten in seiner Küche. Er stellt sich die Aufgabe aus Reserven eine Speise zusammenzufügen: Denn man kann immer noch etwas zaubern, wie Kurti meint. In Folge müssen wir dem Scheitern dieses Versprechens zuschauen. In Kurtis Küche finden sich ein Glas Salzgurken, ein Sack Semmelwürfel und eine Banane. Wie diese unzusammenpassenden Gegenstände zu einem Gericht gemacht werden können, dafür wendet sich Kurti an seine Freunde, die wir schon aus der erste Folge kennen. Pepi hilft nicht weiter und Zuckergoscherl übernimmt kurzerhand die Show, da mit diesen Zutaten nichts zu machen sei. Aus Kurtis Kochshow wird Zuckergoscherls Kochshow.

Zuckergoscherl war, als Kurti anrief, gerade beim Kochen und jetzt sehen wir ihm zu, wie er gefüllte Paprika zubereitet, gemeinsam mit Kirchbichler. Denn Kirchbichler bleibt andauernd im Bild und versucht ein Gespräch mit Zuckergoscherl zu führen. Dieses Gespräch will sich allerdings nicht entwickeln (trotzdem reden sie andauernd): Einerseits, wegen technischen Einschränkungen (Zuckergoscherl ist schlecht zu hören und zu sehen) andererseits, weil Kurti und Zuckergoscherl aneinander vorbeireden. Sie können oder wollen sich nicht verstehen.

Kurti sieht und redet nicht nur mit Zuckergoscherl, sondern verwirklicht er sein Versprechen, vermischt Banane, Semmelwürfel und Salzgurke zu einer Art Speise. Er macht aus den drei Zutaten einen Teig, den er in einem Toaster brät. Also zwei Personen kochen gleichzeitig und stehen in irgendeiner Art von Kommunikation zueinander. Während Zuckergoscherls gefüllte Paprika am Bildschirm als durchaus gelungen erscheinen (das, was er kocht, kann man auch nicht so gut erkennen), klebt Kurtis Pampe eher abstoßend am Toaster. Dieser Gegensatz entwickelt sich zur abschließenden Pointe der Folge (inklusive Auftritt einer neuen Figur: Es lohnt sich bis zum Ende zu schauen).

Gerade in dem allgegenwärtigen Scheitern, das in dieser Folge so greifbar ist, entsteht der Eindruck, als ob man in den Alltag dieser zukünftigen Filmfiguren schauen würde. Sie gehen in ihren Küchen herum und nicht vor der Kamera. Die Kamera folgt ihnen nicht, wie das die Filmkamera macht, sondern sie wird, wie die Kamera der improvisierten Videokonferenzen, von den Figuren selbst geführt. Das Aufnehmen ist selbst Teil des Aufgenommenen. Und so kann wirklich der Eindruck entstehen, dass Zuckergoscherl regelmäßig in dieser Küche seine Paprika kocht oder dass Kurti den Toaster jetzt putzt, da er jetzt nun mal schmutzig ist. Mit oder ohne Kamera würde der Alltag so ablaufen.

Und doch hat man es mit außergewöhnlichen Vorgängen zu tun. Denn dass diese Menschen da nicht ganz normal sind, wird jeder sofort erkennen, man kann sie nicht auf der Straße treffen. Hier werden Rollen neben den Rollen gespielt, die später in den Rollen aufgehen werden, später in dem Würger aufgehen werden. Natürlich kann man ganz allgemein aus dem Verhalten in der Kochshow auf die Charakter der Figuren schließen. Aber wenn man die Mühe auf sich nimmt und versucht dem scheiternden Gespräch zwischen Zuckergoscherl und Kurti zu folgen, dann erfährt man auch inhaltlich so allerhand über diese Welt des anderen Wiens, in der die drei leben: Warum Zuckergoscherl etwa nicht in Wien ist oder auch über die wechselnden Stimmungslagen von Pepi. (In der Vollversion des Videos, das hoffentlich noch veröffentlicht wird, kann Einblick in weitere solcher Details erhalten werden.) Zusammenfassend gilt: Die Kochshow bereitet uns und die Charaktere auf den Wiener Würger vor: Das muss das Motto von Kochen mit Kurti sein.

Link zum Video: https://www.facebook.com/watch/658598761142493/1008305652974705/

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