Bericht Spaziergang mit unbekanntem Ziel

 

 


Vor wenigen Tagen fand der Spaziergang mit unbekanntem Ziel statt. Reaktionen, Möglichkeiten und Eindrücke über den ersten Versuch dieser Art Spaziergang, sollen hier – als Bericht – versammelt werden.

Die Grundkonstellation war, von drei Orten wurde losgegangen und nach und nach sich nur dem Organisator bekannten Ziel angenähert. Eine App gab jeweils nur die Information, die notwendig war, um den nächsten Punkt am Weg zum Ziel zu erreichen. Der Ort des Aufeinandertreffens blieb im Verborgenen. Durch die technische Verschleierung des Ziels stand nicht das Ziel des Weges im Zentrum des Gehens, sondern der Weg oder das Suchen des Weges. Mit klassischen Begriffen könnte man die Angelegenheit als Rätselrallye bezeichnen. Auf diese Methode wurden 10 Kilometer in etwa zwei Stunden zurückgelegt. Und alle Teilnehmer erreichten das Ziel und zwar ausschließlich mit der Hilfe der App.

Die technische Umsetzung war die Schwierigkeit in der Vorbereitung, denn die offensichtlich bestehenden neuen Möglichkeiten – durch Smartphones usw. – mussten irgendwie ausgenutzt werden. Mit der Sicherheit, dass eine Lösung für das Problem existiert, ist es nicht gelöst, war keine konkrete technische Lösung gefunden. In der Unfähigkeit diese selber zu produzieren oder auch nur zu adaptieren, musste ein fertiges Werkzeug gefunden werden. Auf etwaige Fehler oder Abweichungen von der Aufgabenstellung konnten dann nur mit der Methode des Überlisten reagiert werden.

Obwohl es ganz gut ausschaute, App und Anforderung übereinzustimmen schienen, trat natürlich trotzdem die Situation ein, die eintreten musste: Das technische Problem (und in der Situation blieb das Überlisten die einzige Möglichkeit). Der Gehende wusste, dass er sich am erforderten Ort befindet, doch das Gerät meint, dass man nicht am entsprechenden Ort sei. Und dann beginnt die mühsame Suche nach dem Ort, an dem die Signale übereinstimmen. Dieser liegt auf der anderen Straßenseite oder in einem Haus. Sobald das Suchen nicht mehr Suchen des Weges ist, sondern das Suchen der Übereinstimmung mit dem System, wird es mühsam und das Spiel ist eigentlich schon gescheitert. Verschärft wurden die technischen Probleme dadurch, dass sobald der angestrebte Punkt erreicht war, die Beschreibung des Weges zum übernächsten Punkt angezeigt wurde. Man musste sich zurückerinnern oder zurückblättern. Das machte das Finden des Weges auch weniger zu einer intuitiven Angelegenheit in einem lustvollen Rätseln. Doch wie man diese Verschiebung beheben kann, ist unklar, beginnt sie doch gleich mit dem ersten Punkt.

Diese Erfahrung des Austricksens konnte der Organisator nicht machen, kannte er doch den Weg. Er hätte auch ganz ohne die App den Weg zurücklegen können. Entsprechend war die Erfahrung eine andere. Aber die anderen Teilnehmer berichteten, dass sie trotz des Anteils an Überlisten, durchaus Freude an der Grundkonstellation und Durchführung (ihre Füße schmerzten nicht) des Gehens hatten. Beide Freunde bewältigten die Situation verschieden, doch interessanterweise war darin die Dokumentation des Weges und der Tätigkeit ein verbindendes Element. Vielleicht handelte es sich bei dem Fotografieren oder Filmen um einen Ersatz für den im Augenblick fehlenden Partner. Doch im Unterschied zum durchschnittlichen Spaziergang wusste man, dass man bald auf die Freunde treffen wird, dass man nicht gar so alleine geht. Die Dokumentation kann als Anschauungsmaterial für das kommende Gespräch verstanden werden. Verzögert holt man sich die Gesellschaft zu sich oder anders gesagt, war die Gesellschaft immer schon da, auch wenn sie sich gerade an einem ganz anderen Ort befand. Man ging getrennt gemeinsam, die rätsellösende Fortbewegung, die Gleichzeitigkeit und das gleiche Ziel verbinden. Nicht nur in Zeiten des hygienischen Abstands wird es sich dabei um eine interessante Form des Zusammenseins handeln.

Dieser Aspekt des Zusammenseins kann sicher noch mehr betont werden. Denn momentan ergab er sich aus der Grundsituation, wurde nicht extra gefördert. Die Steigerung jeglicher Form der Interaktion ist das entsprechende Mittel. Einerseits, Interaktion mit den Orten, an denen man sich befindet. Die Route könnte nicht nur der Distanz und gewissen Grundbedürfnissen (die größeren Straßen vermeidend) folgend ausgewählt werden, sondern bestimmte Orte könnten verbunden werden. Es müssen ja nicht gleich die touristischen Sehenswürdigkeiten sein, sondern man könnte mit Orten anfangen, zu denen man (auch als Gruppe) eine Verbindung oder ein Interesse hat. Die App bietet dann die Möglichkeit auf diese Orte hinzuweisen und Informationen zu geben. Eine weitere Möglichkeit mit seiner Umgebung in Austausch zu treten, wäre noch direkter: Aufgaben oder Rätsel könnten mit der Umgebung bewältigt werden oder Gegenstände in dieser gesucht werden. Angefangen von simplen Anweisungen wie: kaufe dies oder das in dem Geschäft ein, das neben dir ist, bis hin zu Rätseln, die etwa durch Umschauen nur an diesem Ort gelöst werden können oder Belohnungen, die am in der App angegebenen Ort versteckt sind.

Doch auch die Interaktion mit anderen, gleichzeitig gehenden, kann ausgebaut werden. Natürlich kann es zu Interaktion über die Ferne kommen: Wer zuerst eine bestimmte Distanz zurückgelegt hat oder dass bestimmte Informationen ausgetauscht und verbunden werden müssen. Aber gleichzeitig, warum soll ein Treffen nur am Ende stehen. Unterwegs könnten Freunde getroffen werden, Wege sich überschneiden. Dies könnte so weit gesteigert werden, dass man gar nicht weiß, ob man die gerade getroffene Person zufällig traf oder durch den Spaziergang arrangiert. Vielleicht die gesteigerte Form dieser Variante wäre, dass ein choreographiertes Fest an mehreren Orten gefeiert würde. Leute gehen in ein Lokal, treffen die vorgesehenen Leute und gehen zum nächsten Ort, zu den nächsten Leuten: Wie der Plan, die App es vorsieht, es inszeniert.

Dieses Wort der Choreographie ist das Entsprechende und beschreibt das Angestrebte. Umso choreographierter der Spaziergang ist, desto erfolgreicher wird er sein, desto interaktiver wird er sein.

Der Schmettering wird auf jeden Fall an dieser Art des Gehens festhalten und an weiteren derartigen Spaziergängen oder Veranstaltungen arbeiten, die auf der Erfahrung des ersten Versuchs aufbauen und den Aspekt der Choreographie steigern werden. Hoffentlich wird nicht zu lange darauf gewartet werden müssen.

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