Das neue Kochfieber, das Restaurant zuhause

 

Das neue Kochfieber, das Restaurant zuhause


Aktuell ist zu beobachten, dass immer mehr Menschen Blicke in ihren privaten Bereich gewähren. Es ist angesagt, vor versammeltem Internet zu kochen, turnen basteln und so weiter. Natürlich hängt das mit der aktuellen Situation zusammen. Kann man nicht ins Restaurant, Turnhalle oder Arbeit gehen, kann die eingesparte Zeit mit der Produktion und Inszenierung von eigenen Filmchen gefüllt werden. Und auch die verlorene Gesellschaft aus Restaurant, Turnhalle und Arbeit kann durch die Übertragung der eigenen Freizeit ins Internet ersetzt werden. Das meinen zumindest die Produzenten der Videos. Denn ob sich wirklich jemand durch die Flut an Bildern klickt, ist eine andere Frage. Man muss schon sehr für sich Werbung machen, sehr seine Freunde zwingen oder wirklich die Filme gut machen, dass ein halbwegs respektabler Zuseherkreis zusammenkommt.

Auch wir, die normalerweise an dieser Stelle Restaurants besprechen und deren Essen bewerten, sind von der Schließung betroffen. Unser gewöhnlicher Gegenstand ist weggefallen, doch gleichzeitig wird von den ehemaligen Restaurantbesuchern uns ein neues Objekt zur Verfügung gestellt: ihre Wohnzimmerrestaurants. Und so wollen wir unsere Kolumne mit einem schnellen Überblick über solche füllen.

Bei einem gelungenen Wohnzimmerrestaurantbesuch ist zuerst die technische Qualität des Videos nicht entscheidend. Wir sahen Videos auf den verschiedensten Plattformen, die wir schon nach wenigen Sekunden beendet hätten, hätten wir nicht über das Thema zu schreiben. Und die Geduld mit schlechtem Ton und Bild zahlt sich in vielen Fällen aus. Verpixelt werden ausgeklügelte Speisen serviert. Andererseits wundert man sich nur zu oft, welche hochauflösenden Grauslichkeiten serviert werden können. Es gibt offensichtlich keinen Zusammenhang zwischen technischer und gastronomischer Qualität.

Als ein abschreckendes Beispiel wollen wir den Versuch einer selbstbezeichneten Sängerin herausheben, Lasagne zuzubereiten. Würde diese Speise serviert werden, würde nicht ein digitaler Sicherheitsabstand zwischen Gast und Speise bestehen, wäre die Lasagne ein Fall für das Gesundheitsamt. Fragen des guten Geschmacks hörten hier schon lange auf. Wenn mit Ketchup nicht gespart wird oder die Béchamelsauce in einem Klumpen aus der Schüssel fällt (natürlich vorbereitet: wer hat dieses Verbrechen gekocht?), dann schalten wir aus. Die Küche der Sängerin ist hingegen gut ausgeleuchtet, doch wozu, dass man sieht, dass das Faschierte roh in die Pfanne kommt und genauso auch wieder heraus. Darauf können wir verzichten.

Wir bleiben in dem sehr verbreiteten italienischen Fach und wechseln zu einem Hobby-Koch, dem es eine Freude ist zuzuschauen. Er bereitet ein der Lasagne verwandtes Gericht, das aber schwieriger zuzubereiten ist: Er kocht Cannellonie. Der Amateur rollt geschickt selbstgemachte Nudelblätter zusammen und auch seine Gewürzauswahl riecht man beinahe in der Nase. Nicht wie die Sängerin schüttelt er an alt aussehenden Gewürzgläsern, sondern er schneidet von seinem Fensterbankkräuterbeet die passenden Gewürze ab und vermengt sie in die dampfende Paradeissauce.

Angesichts der Menge selbstproduzierter Kochvideos war es notwendig diese gleichzeitig motivierende und demotivierende Auswahl zu treffen. Schauen Sie doch auch hinein in das Internet und schreiben Sie Bewertungen so als ob sie nach dem Restaurantbesuch ihren schweren Magen wegschreiben müssten. Und sollten Sie selber Kochvideos hochladen, dann achten Sie bitte auf gewisse ästhetische und hygienische Mindeststandards.

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Zoltán Danyis Rosenroman ist kein Buch über Rosen

Begründung der Verleihung des ‚ersten Filmpreises‘ an Heidi Vágyi für Platón

Schreibmaschinen-Literatur