Substitut für den 22.

 

Substitut für den 22.


Es ist der 22.2 und somit Schmettering-Erscheinungstag. Aber es gibt keinen neuen Schmettering, aber immerhin gibt es einen neuen Schmettering-Artikel. Der Artikel stellt ein neues Produkt des Extrablatt-Verlages vor und dieses Produkt gibt es dann gleich auch noch, über die nächsten Tage verteilt. So gut wie nichts vom Schmettering dafür eine neue Zeitung: Lieber immer etwas Neues machen, als Angefangenes weitermachen, könnte das neue Motto des Extrablatt-Verlages lauten. Was ist dieses Neue? Es ist eine Illustrierte, ein Filmmagazin und trägt den Namen Le Cinéma Autrich de l‘est.

Was Le Cinéma Autrich de l‘est ist?

Es ist einerseits ein schlichtes Filmmagazin, das, wie es sich gehört, in seinen Ausgaben über Film-Angelegenheiten berichtet. Einmal ist ein einziger Film Thema, einmal wird behandelt, wie ein Thema in Filmen dargestellt wird: Recht langweilig.

Die erste Ausgabe von Le Cinéma Autrich de l‘est widmet sich einem einzelnen Film, dem Wiener Würger. Denen, die den Erscheinungen des Extrablatt-Medienimperium-Verlags folgen, werden schon zuhauf über diesen neuen Film des Ersten Wiener Männerkochvereins gelesen und gehört haben. Die fiktive Berichterstattung des Zeitungsuniversums aus dem anderen Wien beschäftigte sich mit so gut wie nichts anderem, als mit Morden, Polizeivorfällen, Kochsendungen, die alle im Umkreis des Filmes verortet wurden. Und obwohl für all das Wirklichkeitswert behauptet wurde, wurde in Artikeln gleichzeitig über die Fiktionalität der Angelegenheit gesprochen, wie das eine für das andere eingesetzt wird und es steigert. Diese wilde paradoxe Mischung sollte sich eigentlich schon selbst erledigen.

Doch jetzt kommt der Extrablatt-Verlag auch noch auf die Idee all diese bereits erschienenen Texte noch mal zu veröffentlichen: Zusammengefasst in ein Filmmagazin. Wiederholt wird nun alles besser, könnte sich der Verlag gedacht haben. Wird es natürlich nicht. Der Anspruch des Filmmagazins den Würger, in seinen eigenen Dokumenten zu präsentieren, setzt die paradoxe Mischung verschiedener Fiktionsebenen fort. Immerhin erreicht das Magazin, dass man sich die verschiedenen Lügen nicht mehr an verschiedenen Orten zusammensuchen muss.

Schön wäre es, aber an stelle einen neuen Schmettering zu schreiben, haben sie sich im Verlag offensichtlich gedacht, die Zeit ist besser darin investiert, alle Buchstaben des Filmmagazins durchzustreichen. Damit können die zusammengesammelten Texte nicht gelesen werden, so gründlich wurde die Durchstreichearbeit erledigt. Damit sind wir bei der anderen Seite, die auf das schliche Filmmagazin draufgezeichnet ist.

Wenn man sich die schwarzen Linien auf den Seiten ansieht, bemerkt man, dass das Durchstreichen der Buchstaben ihnen nicht den Grund für ihre Anordnung gab. Linien und Textblöcke stehen unabhängig voneinander. Die Linien ordnen sich in ihren eigenen Regeln. In diesen Regeln kann zwischen verschiedenen Ausrichtungen der Striche unterschieden werden, die verschiedene Formen unterscheiden. Man bemerkt Formen, die sich primitiv nebeneinander fügen. Die Textblöcke werden in der Menge an Strichen selbst zu Strichen. Von Text bleibt einzig die lineare Anordnung der Buchstaben, die eine verschobene Form ergibt, die unter den Formen der Striche liegt: So als ob sich Linien überkreuzen oder Formen auseinanderfallen würden.

Schon zuvor nannten wir das Filmmagazin eine Illustrierte und schwiegen uns gleichzeitig über die Bilder aus. Hier bei den Linien treffen wir schließlich auf die Bilder. Oder auf Striche, die Bilder illustrieren. Die linierten Bilder sind die Zerlegung der Bilder der Illustrierten in ihre Bestandteile. Die Frage der Abstraktion nach den Bedingungen eines Bildes wird gestellt, was es braucht, dass Formen unterschieden werden können. Die Bilder in ihre Bestandteile zerlegt, fügen sich nicht mehr harmonisch in das Seitenlayout ein und ergänzen dort den Text wiederholend den Text in der der Form entsprechenden Tautologie. Weder die Rezeption des Textes noch des Bildes ist schlicht möglich. Die Harmonie der journalistischen Werbebroschüre ist in Abstraktion aufgelöst, verschwindet in einem Wust an Strichen.

Sowohl der Buchstabeninhalt als auch der Bildinhalt sind in volle Leere übergegangen. Hier dürfen wir auf ein Vergleichswerk hinweisen, das im Extrablatt-műhely entstand: Magyar Nemzet (https://schmettering.blogspot.com/2021/01/magyar-nemzet-technische-beschreibung.html). Hier wurde mit anderen Methoden eine Tageszeitung in Abstraktion entleert: Es blieben nur die Linien übrig, auf denen einmal Buchstaben standen. Bei Magyar Nemzet tritt durch die genähte Verbindung der Zeitungsblätter eine weitere Dimension hinzu: Es wird ausgesprochen Stellung genommen. Die Verbindung zwischen den beiden Zeitungsbearbeitungen ist nicht nur, dass Zeitungen bearbeitet wurden und die Entleerung, sondern dass Gleichzeitigkeit zur Abstraktion – und so einer allgemeinen Aussage – das Konkrete – der bearbeitete Gegenstand – enthalten bleibt.

Mit diesem Gedanken kommen wir zum Filmmagazin zurück, denn man kann beinahe davon sprechen, dass die Striche, obwohl sie einzig die Basisvariante von Bildern sind (und deshalb auch nicht überraschend), es zu einer gewissen Art der Figuration bringen: Figuration auf abstrakter Ebene. Im Filmmagazin kann man davon sprechen, dass Fehler zu dieser Ausdrucksform führten. Die Striche sind nicht parallel, nicht im gleichen Abstand, nicht in der gleichen Stärke. Da die Hand des Zeichners des Filmmagazins inkompetent ist, nicht in vollständiger Erfüllung der Abstraktion arbeitete, entstand dieser Ausdruck. Anders ausgedrückt: Kein Computer zog die Linien. In wechselnder Schiefe, Dichte und Stärke der Linien kommt es zu einem Ausdruck, der über den der Abstraktion hinausgeht (die Eigenschaft der Form) und Eigenschaften der Form ausdrückt. Da es sich im Filmmagazin dabei um einen Fehler handelt, ist es ein zufälliges Aussagen dieser Eigenschaften.

Inkompetent ist der Zeichner auch dahingehend, dass er keine Ahnung über Komposition von Bildern hat. Es scheint ein Schritt zurück in irgendeine Prä-Zeit gemacht worden zu sein, in der Perspektive sich noch in plattem Auftrag erschöpfte.

Aber ja, vielleicht ergab die Inkompetenz gerade das Ergebnis. Jeden Tag werden wir eine weitere Seite des Magazins online stellen, lustigerweise 22. Dabei würden wir gerne um Reaktionen bitten und fragen die Leser, welche konkreten Vor-Bilder hinter den Strichzeichnungen der Seiten standen: Eine Google-Images-Rätselralley.

Neben der Seite für Seite Veröffentlichung im Internet kann das Magazin als ganzes und gebundenes auch beim Verlag bestellt werden.

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