Wie berichtet die Presse über die ersten Tage des Aufstandes in Ungarn 1956
1956 in österreichischen Zeitungen (Neues Österreich, die Presse): Teil 2, die Presse:
Der Aufstand 1956 lässt sich in drei Phasen einteilen: 1) Der bewaffnete Kampf gegen das stalinistische Regime in Staat und Partei. Die erste Phase endet mit dem Rückzug der sowjetischen Truppen. 2) Die Phase ohne Kämpfe unter der Regierung Nagy. (Nagy wurde bereits in den ersten Tagen des Aufstands Ministerpräsident: Welche Rolle er und seine Regierung in der Aufstandsbekämpfung einnahmen, wird in den Zeitungsberichten nicht deutlich.) Und schließlich die dritte Phase, in der die sowjetische Armee die Regierung Nagy stürzt und den Aufstand niederschlägt.
Die untersuchte Berichterstattung österreichischer Zeitungen fällt in die erste Phase. Über die Grundsituation der Berichterstattung wurde am Beispiel von Neues Österreich bereits geschrieben. Diese Grundsituation wurde mit einem Mangel an Informationen beschrieben und verschiedene Strategien der Zeitung betrachtet, trotzdem zu einer Berichterstattung über die Ereignisse zu kommen. Diese Grundsituation kann am Beispiel einer weiteren Zeitung, die Presse, verfeinert beschrieben werden. Und wiederum (für die erste Phase der drei Phasen des Aufstands) kann mit einer Dreiteilung die Situation der Zeitungen beschrieben werden.
1) Der Übergang der Berichterstattung von den Ereignissen in Polen zu denen in Ungarn. In der Berichterstattung der Anfangsphase des Aufstandes werden die Entwicklungen in Ungarn als weiteres Beispiel für die Entfernung von Moskau gesehen, die als allgemeine Tendenz in den Staaten des Warschauer Pakts ausgemacht wird. Nach und nach, mit Beginn des bewaffneten Aufstandes, wird die Berichterstattung über Ungarn von der über Polen unabhängig und die weiteren Ereignisse in Polen werden nicht mehr vorrangig behandelt (Ungarn verdrängt Polen von den Titelseiten).
In der ersten Phase liegen den Zeitungen vergleichsweise viele Informationen vor, die ein genaues und detailliertes Bild des beginnenden Aufstandes liefern: Das Netzwerk der Nachrichtenagenturen versorgt die österreichischen Medien mit Informationen.
2) In der zweiten Phase bricht die Informationsquelle der Nachrichtenagenturen mehr oder weniger vollständig weg und die bereits im ersten Teil (über Neues Österreich) beschriebene Form der indirekten Berichterstattung wird notwendig und zur Grundsituation. Die indirekte Berichterstattung zeichnet sich dadurch aus, dass aus offiziellen Quellen der ungarischen Regierung (Radio, Regierungsmitteilungen) der Versuch unternommen wird auf Ereignisse auf der Straße zu schließen. In das Zentrum der Berichterstattung rückt die Interpretation des offiziellen ungarischen Radios. Das Ergebnis ist eine relativ undetaillierte und im Allgemeinen bleibende Berichterstattung.
3) In der dritten Phase treten wieder direktere Formen der Berichterstattung auf. Vermehrt können Journalisten und Augenzeugen (Reisende) nach Budapest fahren und es gelangen direkte Berichte über die Geschehnisse aus Ungarn nach Österreich, auf den internationalen Markt der Informationen.
Diese drei Phasen hängen selbstverständlich mit der Entwicklung des Aufstandes zusammen: Kämpfe reglementieren und beschränken auch den Informationsfluss.
Die zweite Phase der Berichterstattung, die Phase der indirekten Berichterstattung, ist die interessanteste, da sie die ungewöhnlichste Situation ist. Die Strategien die Zeitungsseiten zu füllen, die bereits im Neuen Österreich ausgemacht wurden, können auch für die Presse ausgemacht werden. Ein vergleichbarer Text zu dem feuilletonistischen Selbstkommentar im Neuen Österreich [Blutige Kämpfe im Zentrum von Budapest: 25.10.1956: 2.] findet sich in der Presse nicht: Die Journalisten haben die gleiche problematische Situation zu bewerten, die Situation wird aber nicht offen thematisiert und dazu Stellung genommen. Und auch allgemein gesprochen ist der Stellenwert der indirekten Berichterstattung in der Presse geringer. Die Presse konnte offensichtlich auch im Mangel an Informationen an andere (direktere) Informationsquellen gelangen: Ein Beispiel wären etwa die Einbindung von Agenturmeldungen. Da mit diesen weiteren Quellen auch weitere Schichten der Ereignisse abgedeckt werden können, ist die Berichterstattung der Presse entsprechend vielschichtiger.
Der Übergang von Phase eins zu Phase zwei der Berichterstattung kann in dem Artikel Blutiger Freiheitskampf in Ungarn vom 25.10 nachvollzogen werden. Der Beginn des folgenden Zitats stützt sich auf direkte und unabhängige (‚ausländische‘) Quellen. Anschließend wird angegeben, dass die weiteren Ereignisse im Dunkeln liegen. Die durchschnittliche Art der Berichterstattung ist unmöglich geworden, da weitere direkte Berichte Budapest nicht mehr verlassen konnten, die Nachrichtenverbindung mit Budapest sind gesperrt. Als Möglichkeit bleibt nur noch das Radiohören und das Gehörte auszudeuten (‚Äußerungen aus dem Rundfunk deuten darauf hin‘).
[„Nach Berichten von gut informierten ausländischen Berichterstattern haben in den Nachtstunden bewaffnete Gruppen versucht, auch das Parlamentsgebäude zu stürmen. Die Aufständischen hatten jedoch auch hier keinen Erfolg. Die weiteren Ereignisse liegen noch im Dunkel, da die Nachrichtenverbindung mit Budapest gesperrt ist. Verschiedene Äußerungen des ungarischen Rundfunks deuten darauf hin, daß die antikommunistische Revolution in Ungarn erheblichen Umfang angenommen haben muß. Jedenfalls wurde die Lage von der Regierung als ‚überaus ernst‘ bezeichnet.“ (Die Presse: Blutiger Freiheitskampf in Ungarn: 25.10.1956:1.)
Ein weiteres Beispiel, in dem die Interpretation ausführlicher durchgeführt wird. (Die Widersprüche der offiziellen Berichterstattung werden entwickelt und daraus die eigenen Schlüsse argumentiert.) „Die Meldungen von Radio Budapest ließen auch den Donnerstag über die völlige Verwirrung im Regierungslager erkennen. Optimistische schönfärberische Meldungen wechselten mit dramatischen Appellen an die Bevölkerung, aus denen die wahre Lage zu erkennen war. Einmal wurde die Bevölkerung aufgefordert, bei der Säuberung der ‚letzten Widerstandsnester‘ tatkräftig mitzuwirken, dann wieder wurde sie aufgefordert, sich nicht auf die Straße zu begeben, außer in den ‚allerdringlichsten Fällen‘. Der neuernannte Verteidigungsminister Bata sprach zunächst in einem Tagesbefehl den ungarischen Truppen für die Niederschlagung des Aufstands Dank und Anerkennung aus, ‚befahl‘ dann die Niederschlagung des Aufstandes bis Donnerstag mittag, und richtete dazwischen immer wieder dringende Appelle an alle von ihren Truppenteilen getrennten Soldaten, sich sofort bei ihren Einheiten zu melden.“ (Die Presse: Kampf um Budapest dauert weiter an: 26.10.1956:1.)]
Die dritte Phase der Berichterstattung mit der verstärkten Einbindung von direkten Quellen wird in der Presse offensiver angelegt. Am 26.10 erschien unter dem Titel Singend zog Budapests Jugend in den Kampf ein Augenzeugenbericht, der den Anfang des Aufstandes schildert. (In dem Artikel werden somit keine aktuellen Ereignisse geschildert, sondern die fehlenden Detailinformationen der früheren Berichterstattung nachgeholt. Das Problem der direkten Berichterstattung blieb länger akut, nur zeitverzögert konnten die Berichte zur Zeitung gelangten. Damit geht eine wichtige Forderung an Nachrichten, die Aktualität, verloren.)
Obwohl der Artikel Singend zog Budapests Jugend in den Kampf als Bericht der Presse (‚Eigenbericht der Presse‘) gekennzeichnet ist, ist der Text unter Anführungsstriche gesetzt und entsprechend – als direkte Rede – wird die erste Person im Text verwendet. Der Augenzeuge redet selbst. Das eigenartige Mischverhältnis zwischen erster Person und Redaktion wird wohl darauf hindeuten, dass die Redaktion beim Formulieren des Erlebnisberichtes half.
Mit dem Übergang von den allgemeinen Informationen aus der indirekten Berichterstattung zu den unmittelbareren Augenzeugenberichten kommt Dramatik und Pathos einher. Neben der Unmöglichkeit zu Aktualität wird auch der Anschein an Objektivität aufgegeben. Die Berichte bringen ein Engagement für die Sache des Aufstandes zum Ausdruck: „Ich dachte, so eine Erscheinung käme nur in den Heldensagen vor. Nun weiß ich, daß es Helden auch noch in unserem Jahrhundert gibt.“
„Auch ich will, daß alle Welt die Geschichte des ungarischen Freiheitskampfes erfährt. Und das Heldenleid von Budapest möchte ich mit dem Gedanken der ungarischen Nationalhymne schließen:
‚Gott segne diese Nation und beschütze sie in den harten Zeiten. Denn sie haben gebüßt: für ihre Vergangenheit und auch für ihre Zukunft.‘“ [Die Presse: Singend zog Budapests Jugend in den Kampf: 26.10.1956: 3.]
Gerade weil die Informationen der Augenzeugenberichte bereits überholt sind, sie also nicht mehr die informierende Funktion einer Zeitung erfüllen, tritt die politische und unterhaltende Funktion einer Zeitung in den Vordergrund. Klar an die Oberfläche treten Dramatik und Pathos nicht nur in den Aussagen der Augenzeugen, die als amateurhafte Hilfskräfte einer Zeitung bezeichnet werden können, sondern auch in Berichten von Journalisten selbst. Am 28.10 erschien eine Reportage des Presse-Journalisten Eugen Geza Pogany aus Budapest, der als erster österreichischer Journalist aus Budapest einen Bericht sandte. Dem Artikel ist eine Einleitung der Redaktion vorangestellt, in der das spezielle Zusammenkommen (letztlich die eigene Leistung zu loben einen Journalisten nach Budapest gebracht zu haben) des Textes eingeordnet wird. Durch die Einleitung wird deutlich, dass der Redaktion der Presse bewusst war, dass der Artikel von einem durchschnittlichen Bericht abweicht und in ihm Dramatik und Pathos einen größeren Stellenwert als Information einnimmt. Und damit noch nicht genug, dem Artikel wird gleich die Rolle eines ‚einzigartigen historischen Dokuments‘ zugeschrieben.
„Unser Mitarbeiter für Ungarn, Eugen Geza Pogany, dessen sachkundige Berichte über die ungarischen Verhältnisse unsere Leser seit Jahren kennen, hat sich nach dem Ausbruch des ungarischen Aufstandes nach Budapest begeben. Als bisher einzigem österreichischen Journalisten ist es ihm gelungen, sich in die ungarische Hauptstadt durchzuschlagen. Sein erster Bericht traf in den späten Abendstunden des Freitag bei uns ein, zu einer Zeit, da die beiden ersten Ausgaben der ‚Presse‘ bereits erschienen waren. Wir entschlossen uns daher, ihn erst in der heutigen [Sonntag] Nummer zu bringen. Wenn sich auch die Situation inzwischen vielleicht etwas geändert hat, so ist dieser dramatische Bericht doch ein einzigartiges historisches Dokument.“ [Die Presse: Gespräche mit Führern der Aufständischen – Zwischen Panzern über die Donaubrücken Budapests – Szenen aus dem Hotel Astoria, der Rakoczy utca und beim Parlament – Auf dem Schauplatz geschichtlicher Ereignisse: 28.10.1956: 3.]
Die historische Bedeutung und die Dramatik ist auch in den Text selber hineingeschrieben. Wie die Presse in der Vorbemerkung den Artikel verstanden wissen wollte, so beendet ihn Pogany mit einem Schlussappell: „Ich weiß nicht, wann und wie mein erster Bericht die freie Welt erreicht. Mir klingen nur die Worte der ungarischen Jugend wie eine Verpflichtung: ‚Berichten Sie im Westen, daß wir auch für Sie kämpfen!‘ Ich habe zu berichten: Hier blutet ein gutes, mutiges, tapferes Volk für die ungeteilte Freiheit. Dies zu beachten ist unsere Pflicht. Ich habe den mir erteilten Auftrag weitergegeben.
Kanonenschüsse, Maschinengewehr: Budapest, 26. Oktober 1956. Hier wird Weltgeschichte gemacht …“ [Die Presse: Gespräche mit Führern der Aufständischen – Zwischen Panzern über die Donaubrücken Budapests – Szenen aus dem Hotel Astoria, der Rakoczy utca und beim Parlament – Auf dem Schauplatz geschichtlicher Ereignisse: 28.10.1956: 3.]
Ob Weltgeschichte, Dramatik oder indirekte Berichterstattung die Berichte über den Aufstand bleiben problematisch und nicht sonderlich informativ. Angesichts der mangelhaften Berichterstattung kann der Leser eher in den Kommentarspalten oder in einer ganzseitigen Darstellung der ungarischen Geschichte ein Verständnis der aktuellen Ereignisse finden. In den Meinungstexten [etwa: Die Presse: Oktoberrevolution: 25.10. 1956: 1], oder dem Text zum historischen Hintergrund [Die Presse: Leiden und Größe der ungarischen Nation: (Adam Wandruszka): 5.], wird erklärt, warum aus der Geschichte und Kultur Ungarns es zu diesem Aufstand kommen musste, warum Ungarn und Moskau nicht zusammenpasst. Diese Erklärungen können glücklicherweise ohne aktuelle Berichte auskommen, ihre Erklärungsmuster standen immer schon fest. Diese Artikel sind dumm und falsch, aber immerhin stellen sie Erklärungen dar.
Kommentare
Kommentar veröffentlichen