Wie berichtet Neues Österreich über die ersten Tage des Aufstandes in Ungarn 1956

 Wie berichtet Neues Österreich über die ersten Tage des Aufstandes in Ungarn 1956


Grundsituation der Berichterstattung (24.10.-27.10.1956) über den Aufstand ist, dass nur wenige Informationen vorliegen. Die Entwicklungen und Ereignisse bleiben – auch nach der Lektüre – relativ unbekannt und ungewiss. Besonders fällt als Lücke auf, dass keine unabhängigen und aktuellen Informationen aus Budapest vorliegen. Es ist unbekannt, was in der Stadt wirklich auf den Straßen passiert. Die Informationsquellen, die vorliegen, sind hauptsächlich das staatliche ungarische Radio und Presseagenturmeldungen (wobei ungewiss ist, woher die Agenturen ihre Informationen beziehen). Das Radio liefert weder eine umfassende noch eine unabhängige Berichterstattung, der die Redakteure in Wien vertrauen könnten und auf der sie ihre Berichterstattung aufbauen könnten. Das gleiche Verhältnis besteht auch zu anderen offiziellen Quellen: etwa Verlautbarungen der Regierung oder Zeitungsartikeln. Trotz der Mangelhaftigkeit dieser Quellen muss die Zeitung sie verwenden, einfach weil keine anderen Informationsmöglichkeiten vorliegen. Die einzige Option ist somit einen Umgang mit den Quellen zu finden, dass aus den wenigen und schlechten Quellen eine Berichterstattung erstellt werden kann.

Diese Art der Berichterstattung könnte man vielleicht als indirekte Berichterstattung bezeichnen: Aus den offiziellen ungarischen Quellen müssen Schlüsse auf die reale Lage gezogen werden. Aus Verlautbarungen müssen mögliche Ereignisse rekonstruiert werden. Aus wenigen – problematischen – Fakten muss eine umfassende Berichterstattung erstellt werden. Aus Bekanntem muss auf Unbekanntes geschlossen werden. Die Aufgabe der Journalisten ist die Interpretation der unzureichenden Quellen.

Die indirekte Berichterstattung ist als Mangel zu charakterisieren. Die gewünschten Informationen fehlen und so muss die Lücke anders gefüllt werden, denn nicht nur muss ein Bedürfnis nach Information befriedigt werden, sondern auch eines nach Sensation. Ist wo Krieg oder Aufstand erwartet sich der Zeitungsleser eine lebendige Berichterstattung, er will wissen wer auf wen schießt, wo das Blut fließt. Es wird nicht nur über den Schrecken informiert, sondern auch mit dem Schrecken unterhalten. Da das Regierungsradio – verständlicherweise – über solche Details nicht berichtet, weiß auch der Redakteur in Wien nichts darüber. Die indirekte Berichterstattung ist nicht lebendig, es bleiben einzig allgemeine Informationen über die Resultate der Geschehnisse auf der Straße übrig.

Und selbst die allgemeinen Informationen über die Entwicklungen sind ungewiss und einseitig. Einseitig deshalb, weil sie nur von einer der Konfliktparteien kommen. Die Methode die Einseitigkeit auszugleichen ist die Vermutung. Aus den Informationen des Radios werden Schlüsse gezogen wie es sein könnte. Sprachlich drück sich die indirekte Berichterstattung so wiederholt in Möglichkeitsformen aus (Konjunktiv), das Resultat muss Ungewissheit bleiben. Wenn im Radio dies gesagt wird, dann könnte das passiert sein, oder müsste dies die Situation auf der Straße sein. (Beispiel: „Da es den eingesetzten starken sowjetischen Kräften nicht gelang, der Lage Herr zu werden, ist anzunehmen, daß sich den Aufständischen tausende Ungarn angeschlossen haben.“ [Neues Österreich, Blutige Kämpfe im Zentrum von Budapest, 25.10.1956: 1.])

Da in der indirekten Berichterstattung Medienprodukte eine große Rolle einnehmen, finden sich in großem Ausmaß Redewiedergaben in den Artikeln. Die Informationen werden nicht in der üblichen Berichtsweise wiedergegeben, die Ereignisse zusammenfassend wiedergibt, also direkt über sie gesprochen wird, sondern Vermittlungsinstanzen werden zitiert. Direkte und indirekte Rede, die sich unmittelbar (innerhalb eines Satzes) abwechseln, nehmen entsprechend einen großen Platz in den Artikeln ein.

Da eine mangelhafte Quelle zwischen Ereignis und Berichterstattung steht, wird Kommentieren und Einordnen der Quelle zu einem wichtigen Aspekt. Dass der Leser das Berichtete besser verstehen kann und es besser einordnen kann, nehmen die Journalisten offen zu den Quellen Stellung und bewerten diese. Als Beispiel für ein solches Kommentar könnte der Vergleich der Forderungen des Ministerpräsidenten Nagy, die er während des Aufstandes 1956 formuliert, mit den Forderungen, die er 1953 während seiner ersten Amtszeit formulierte, angeführt werden. In ein direktes Zitat aus einer Rede des Ministerpräsidenten wird in Klammer der Vergleich angeführt: „(Nagy hatte damals auch die Rückgängigmachung der Kollektivierung auf dem Lande sowie der Verstaatlichung von Handel und Gewerbe und eine verstärkte Konsumgüterproduktion versprochen.)“ [Neues Österreich, Blutige Kämpfe im Zentrum von Budapest, 25.10.1956: 1.]

Angesichts des Stellenwerts der Quellen würde man sich erwarten, dass es zu mehr Kommentaren der Quellen kommt. Das Fehlen solcher Angaben lässt vermuten, dass den damaligen Lesern die zitierten Quellen in Grundzügen bekannt waren: Er wusste, worum es sich bei Radio Budapest handelte; er wusste, worum es sich bei Szabad Nép handelte. Aus der allgemeinen Berichterstattung über die Staaten des Warschauer Pakts konnte der Leser auf den momentanen Fall schließen.


Mehr und mehr tritt ein ‚lebendigeres‘ Element in die Berichterstattung über den Aufstand hinzu, direktere und von dem Regime unabhängige Quellen können verwendet werden. Augenzeugen, die aus Budapest nach Österreich kamen, erzählen, was sie in der Stadt erlebten, wie die Kämpfe abliefen. Damit kann – mit Verzögerung (die Augenzeugen haben keine aktuellen Informationen, da sie erst von Budapest nach Österreich kommen mussten) – über die Ereignisse auf der Straße berichtet werden. Während das Schließen aus dem Radio nur eine allgemeine Aussage über die Entwicklungen zulässt (dass Gekämpft wird, welche Vorschriften bestehen, die Regierung umgebildet wird), können die Augenzeuge über den Verlauf, den Ort, die Zeit usw. der Kämpfe konkret berichten.

Die Quelle Augenzeugen ist anders eingeschränkt. Augenzeugen sehen nur bestimmte Ereignisse, sind nur an einem Ort: Augenzeugen ordnen das Beobachtete nicht in einen allgemeinen Zusammenhang ein, ganz allgemein das Beobachtete ist persönlich gefärbt. Das bedeutet natürlich nicht, dass die Augenzeugen sich nicht trotzdem als Kommentatoren versuchen. Mangels anderer Quellen ist die Zeitung auch bei der Einordnung und Bewertung der Ereignisse auf Augenzeugen angewiesen.

Die Lebendigkeit der Augenzeugenberichte ergibt sich nicht nur aus den detaillierteren Informationen, sondern auch aus der Art, wie die Berichte in den Artikeln wiedergegeben werden. Mit literarischen Mitteln wird eine Vergegenwärtigung und Unmittelbarkeit der Ereignisse angestrebt. Beispiel dafür sind etwa Reportagen, die den Prozess des Informationssammeln selbst thematisieren (Reportage von der Grenze: Neues Österreich, Mörder von Ungarisch-Altenburg – gehängt, 28.10.1956: 3) oder auch das Zitat des Berichts eines deutschen Kaufmanns. Er spricht über seine Eindrücke aus Budapest in Nominalphrasen: „Heftiges Maschinengewehrfeuer. Dutzende feuernde Sowjetpanzer, brennende Gebäude und blutbeschmierte Krankenwagen.“ (Neues Österreich, Blutige Kämpfe im Zentrum von Budapest, 25.10.1956: 1.) Der Kaufmann scheint noch ganz unter dem Eindruck der Ereignisse aus Budapest zu stehen, die Erfahrung spricht unmittelbar aus ihm. Durch das literarische Mittel wird der Leser in die Straßen Budapests versetzt.


Trotz der Ergänzung der Berichterstattung mit Augenzeugenberichten, und so einem lebendigeren und direkteren Element, bleibt die Berichterstattung eingeschränkt. Weiterhin können viele zentrale Informationen nicht angegeben werden, etwa: die Opferzahlen, wie erfolgreich der Aufstand ist, was aktuell in Budapest passiert, usw. Die grundsätzlich komplizierte und widersprüchliche Situation des Aufstands (als zentrale Frage: Wie ist das Verhältnis der Regierung zum Aufstand und zur Sowjetunion?) kann die Berichterstattung nur bedingt erklären. Die Herausforderung eine komplexe Situation zu verstehen und zu erklären wird durch den Mangel an Informationen weiter verschärft. Die mit Quellen und Informationensmenge zusammenhängende Authentizität und Glaubwürdigkeit der Artikel muss mit den eingeschränkten Mitteln der indirekten Berichterstattung erreicht werden.

Zusammenfassend könnte die Berichterstattung über den Aufstand als unbefriedigend eingestuft werden: Vieles bleibt im Dunkeln.


Die Funktionsweise der indirekten Berichterstattung führt ein Artikel aus dem Neuen Österreich exemplarisch vor. Der feuilletonistische Teil des Artikels Blutige Kämpfe im Zentrum von Budapest (25.10.1956: 2.), der eigenartig unmittelbar (ohne neue Überschrift oder andere graphische Trennung) an den informierenden Teil anschließt, schildert das Radiohören und Interpretieren eines Journalisten. Die in den Artikeln allgemein angewendete Methode kommt zur Darstellung und wird somit offen thematisiert. Der Text stellt eine Art selbstreflexive Aussage über die Arbeit der Zeitung dar. Gleichzeitig ist der Artikel ein Beispiel dafür, wie trotz der mangelhaften Informationslage eine lebendige Berichterstattung entstehen kann, die beinahe zurecht mit einem Kriminalfilm verglichen wird. Methode zu Spannung und Lebendigkeit ist die Verlagerung der Perspektive: weg von den Ereignissen in Budapest, hin zur Rezeption der Ereignisse, hin zum Journalisten, der auf die Ereignisse schaut. Aus diesen Gründen, und weil es ein ansprechender Text ist, soll der Artikel hier vollständig wiedergegeben werden:


Trauermusik und Opernarien

Der Wiener Radiohörer, der seinen Apparat gestern früh auf den Budapester Sender einstellte, beschlich das beklemmende Gefühl – wieder einmal – Ohrenzeuge wichtiger historischer Ereignisse zu werden. Die ungarische Station spielte Schallplattenmusik mit jener aufreizenden Monotonie, mit der im Rundfunk umwälzende Ereignisse begleitet zu werden pflegen. Plötzlich brach die Sendung ab, der Ansager teilte nach dem Aviso ‚Achtung, Achtung!‘ mit erregter Stimme mit, die Bevölkerung der Landeshauptstadt werde gebeten, ihre Wohnungen bis neun Uhr früh nur in dringendsten Fällen zu verlassen.

Von diesem Augenblick an rollten die Geschehnisse wie ein spannender Kriminalfilm ab. Zwischen Schallplattenmusik eingestreute Nachrichten bildeten die Indizien, auf Grund derer der Hörer versuchen mußte, sich ein Bild von den Ereignissen zu machen, die sich in 260 Kilometer Entfernung abspielten.

Wenn die Bevölkerung gewarnt wurde ihre Häuser zu verlassen, kombinierte er, mußte sich füglich etwas in den Straßen abspielen. Die Bestätigung erfolgte prompt: die ungarische Regierung, hieß es eine Minute später, habe die im Lande stationierten sowjetischen Truppen zu Hilfe gerufen, da in der Nacht auf Mittwoch ‚bewaffnete konterrevolutionäre Banden‘ in Fabriken und öffentliche Gebäude eingedrungen seien.

Der Budapester Kossuth-Sender spielte zunächst (offenbar hatte man in der Aufregung in den falschen Schrank gegriffen) Trauermusik und Opernarien. Beim Wechsel der Platten waren undefinierbare Geräusche zu vernehmen, die ebensogut von Schüssen wie von Schritten herrühren konnten. Zeitweise schien es, als gingen die Störungen in förmliches Trommelfeuer über. Unmotivierte Funkpausen wechselten mit disharmonischen Kratztönen, als ob man vergessen hätte, den Plattenspieler rechtzeitig abzustellen.

Erklärungen für diese rätselhaften Geschehnisse wurden wurden nicht gegeben. Man konnte lediglich vermuten, daß im Funkhaus irgend etwas nicht in Ordnung sei. Die Sprecher verlasen die offiziellen Communiqués mit einer Stimme, als ob sie zu ertrinken oder zu ersticken drohten. Die Ursache dieser (wie sich herausstellen sollte begreiflichen) Unruhe erfuhren die Wiener Rundfunkhörer erst viel später.

Rundfunkapparate an die Fenster

9.20 Uhr: Der Ansager teilte mit, daß der Innenminister ein generelles Ausgehverbot bis 14 Uhr verhängt habe. Offenbar also, schloß der Wiener Zaungast, waren die Kämpfe noch längst nicht beendet oder an anderer Stelle aufgeflammt.

9.40 Uhr: Die Verkündung des Standrechts und die Einführung der Schnellgerichte (das erste Dekret, das der neue Ministerpräsident unterzeichnete!) bestätigt die Richtigkeit der Vermutungen. Wenn ‚Mörder, Räuber und Sprengstoffattentäter‘ mit dem Tod bestraft werden sollen, müssen die Delinquenten natürlich noch am Werk sein.

10.45 Uhr: Der Rundfunk fordert die Bevölkerung von Budapest auf, ihre Rundfunkapparate an die offenen Fenster zu stellen, damit die wichtigsten Kundmachungen und die bevorstehende Rede des Ministerpräsidenten Nagy von jedermann gehört werden könnten.

Warum, fragt sich der Wiener Rundfunkteilnehmer, sollen die Geräte gerade an die Fenster gestellt werden? Etwa deshalb, damit die Leute draußen, die doch bis 14 Uhr die Häuser nicht verlassen durften, von den Verlautbarungen Kenntnis erhalten? Die Annahme lag nahe, daß sich in den Budapester Straßen sehr viele Menschen befinden müßten.

Die angekündigte Ansprache verzögerte sich um mehr als eine Stunde. Konnte Imre Nagy etwa nicht in das Rundfunkgebäude gelangen, oder war es nicht möglich, das Tonband dorthin zu befördern? Bevor der neue Regierungschef seine Rede begann, erscholl aus dem Lautsprecher ein Geklapper und Getöse, als ob die Ansprache unmittelbar von einem Kampfschauplatz gehalten werden sollte.

Das Genre der Platten wechselte jetzt. Nach der Ansprache wurden die ungarische Hymne und, überraschenderweise die Marseillaise (‚Zu den Waffen, Brüder …‘) gesendet. Gegen ein Uhr folgten ‚Orpheus in der Unterwelt‘ und die ‚Csárdásfürstin‘.

Ein Vater sucht seinen Sohn

Kurz vor 14 Uhr begann der Sprecher mit beschwörenden Worten darauf hinzuweisen, daß nunmehr die vom Ministerpräsidenten gestellte Kapitulationsfrist in wenigen Minuten ablaufe. Man glaubte förmlich zu sehen, wie der Ansager, während er seine Verlautbarungen verlas, auf die Uhr blickte und die Sekunden zählte.

Um 14.10 Uhr kommt es zu einer neuerlichen Überraschung: die Regierung hat das Ultimatum an die Aufständischen (an die ‚Konterrevolutionäre‘ und ‚Irregeführten‘, wie es offiziell heißt) um vier Stunden bis 18 Uhr, verlängert. Wer auch bis dahin die Waffen nicht niederlege, habe nicht mehr mit Gnade zu rechnen, sondern werde vor das Standgericht gestellt und erschossen.

Fünf Minuten später wurde endlich das Geheimnis um die Geräusche im Rundfunkhaus gelüftet. Der Ansager teilte mit, daß soeben eine Gruppe von Rebellen, die in das Studio eingedrungen sei, gegen Zusicherung freien Abzugs die Waffen gestreckt habe.

Die Eindringlinge waren von ungarischem Militär im Sendergebäude eingeschlossen worden. Sie kapitulierten erst, als ihnen Imre Nagy persönlich freies Geleit zugesichert hatte. Damit waren der undefinierbare Lärm und die Angst in der Stimme der Radiosprecher zur Genüge erklärt.

Am Nachmittag ließ die Spannung nach. Im Rundfunk wurden zahllose Erklärungen, Zuschriften und Telegramme aus allen Teilen Ungarns verlesen, in denen die Geschehnisse des gestrigen Tages verurteilt, zugleich aber auch Treuebekenntnisse für den neuen Ministerpräsidenten Imre Nagy abgegeben wurden.

18.45 Uhr: Ein tragisches Einzelschicksal am Rande der Geschehnisse: Bála Tarján ließ über den Rundfunk eine Suchmeldung nach seinem 17jährigen Sohn Ladislaus durchgeben. Die Mutter habe einen schweren Nervenzusammenbruch erlitten, als sie erfuhr, daß ihr Bub an den Kämpfen teilnehme. Ihr Zustand sei besorgniserregend. Wenn Ladislaus seine Mutter noch lebend antreffen wolle, möge er sofort nach Hause kommen.“

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