Zuckergoscherl freigelassen

 

Zuckergoscherl freigelassen


Die Feuilleton-Redakteure brauchen immer ihre Zeit und nach dieser Zeit haben sich die Ereignisse meist schon überholt, sind nicht mehr aktuell. Dieser Fall tritt auch hier ein. In unserer Titelgeschichte wurde noch behauptet, dass Freundschaft plötzlich in Amtshandlung umschlug, die die Freundschaft aufkündigte. Diese scheinbar widersinnige Tätigkeit behandelte der Feuilleton-Artikel. Neuste Recherchen lassen diese rätselhafte Veränderung bereits wenige Tage später in anderem Licht erscheinen: Zuckergoscherl ist auf freiem Fuß und vieles deutet darauf hin, dass dabei nicht alles regelkonform ablief und dass Kirchbichler seine Finger dabei im Spiel hatte.

Ausgangspunkt unserer Recherche war ein Video, das die Übergabe einer Sporttasche zeigt. Kirchbichler, der vor wenigen Tagen noch Zuckergoscherl verhaftete, deponierte neben einer Mülltonne die Tasche, die wenig später der Richter Danilo B. abholte. Und wie es der Zufall gerade so will, ist gerade dieser Richter für die Verhängung der Untersuchungshaft im Fall Zuckergoscherl zuständig. Am nächsten Tag konnte man Zuckergoscherl dabei zuschauen, wie er aus den Toren des Grauen Hauses auf die Landesgerichtsstraße hinaus tritt. Zuckergoscherls Anwalt teilte mit, dass die Staatsanwaltschaft jegliche Anschuldigungen zurückgezogen habe, die Untersuchungen unter falschen Voraussetzungen durchgeführt wurden, weshalb alle Vorwürfe sich als nicht zutreffend herausgestellt haben. Das Resultat der Sporttaschenübergabe ist die Freiheit Zuckergoscherls.

Ganz so schnell dürfen wir nicht vorgehen, denn vielleicht übergab Kirchbichler an Danilo B. auch nur seine schmutzige Sportkleidung, dass dieser sie wasche: Bekannterweise sind Polizisten, Richter und Staatsanwälte häufig eng befreundet; Kirchbichler und Danilo B. sind beide Mitglied im Polizeisportverein und sollen dort Tennispartner sein. Die Übergabe der Tasche stellt noch keinen Beweis dar, ermöglicht nicht von einem kausalen Zusammenhängen hin zur Freilassung zu sprechen.

Wir mussten weitersuchen. Aber bleiben wir beim Video. Das Video ist von gegenüber der Mistkübel aus einer versteckten Position aufgenommen, aber warum wird ein Mistkübel gefilmt. Man muss davon ausgehen, dass die Kamera im Wissen dessen platziert wurde, was passieren wird. Die Kamera wurde von jemand platziert, der über die Übergabe Bescheid wusste, in die Angelegenheit involviert ist. Und damit kommen wir zur Überlegung aus dem Feuilleton-Artikel zurück: Dort wurde vermutet, dass Kirchbichler seine privat-beruflichen Kochvideos deshalb produziert, um sein privat-berufliches Image zu pflegen. Warum sollen wir dieses Video nicht auch in dieser Absicht sehen?

Jemand mag zeigen, dass er Zuckergoscherl nicht vergessen hat, dass die Verhaftung nur vorgegeben war, dass man diese auf einer anderen Ebene zurücknehmen kann. Die Aussage lässt sich zusammenfassen: Freunde werden nicht vergessen. In unseren Vermutungen können wir fortfahren: Kirchbichler verhaftete Zuckergoscherl und holte ihn wieder aus der Haft heraus, nur kann er dafür nicht verantwortlich sein, denn das war eine unabhängige Entscheidung der Justiz. Seinen Vorgesetzten kann er sagen, schaut ich habe den großen Verbrecher verhaftet, aber leider die Justiz hat nichts gegen ihn in der Hand. Seinem Freund kann er sagen, schau ich habe dich aus der Haft rausbekommen, die Verhaftung musste ich wegen Druck von Oben durchführen. Alle sind zufriedengestellt. Vielleicht abgesehen von Recht und Gerechtigkeit. (Zur Vorgeschichte, die Verhaftung Zuckergoscherls, vergleiche die Medienberichte der großen österreichischen Zeitungen von Anfang Mai. In der Medienrundschau sind die entscheidenden Artikel erneut abgedruckt.)

Wir ordnen also auch das Video der Taschenübergabe, das irgendwie seinen Weg in die Öffentlichkeit fand, in den Imageaufwand Kirchbichlers ein. Wir fragten bei der Polizei nach und baten um Stellungnahme zu den Vorwürfen gegen Kirchbichler. Der Pressesprecher der Polizei erklärte, dass all diese Vorwürfe nicht gesichert seien, würde es sich um harte Fakten handeln, hätte die Justiz bereits Ermittlungen aufgenommen, es könne sich nur um Gerüchte handeln. Ein medienrechtliches Vorgehen gegen die vielen Berichte über die Korruptionsvorwürfe gegen Kirchbichler und Danilo B. wollte der Pressesprecher nicht kommentieren, fügte hinzu, dass dies eine private Angelegenheit von Kirchbichler sei.

Die Polizei hält an Kirchbichler fest und sagt damit, dass sie kein Problem hat, weder mit den dubiosen Taschenübergaben noch mit der Verbreitung im Internet. Das Verhalten entspricht der Vorstellung von Polizeiarbeit der Wiener Polizei. Die berufliche Arbeit kann nur dann erfolgreich sein, wenn sie sich mit der privaten verbindet, wenn die freundschaftlichen Verbindungen ausgenützt werden können, und wenn die halblegalen kurzen Wege der Freizeit eingeschlagen werden können. Das Ergebnis rechtfertigt das Mittel: Die Sicherheit in der Stadt, die ja mehr oder weniger wirklich gegeben ist, heiligt die krummen Ermittlungsmethoden. Selbst wenn, wie jetzt Kirchbichler, die Methode offen dargestellt und dargelegt wird, kann die Polizei dieses Vorgehen nicht verurteilen. Durch eine Verurteilung würde zu viel zerstört werden: auf beiden Seiten. Die Einschränkung der Unterwelt in bekannte Bahnen, die uns als Sicherheit erscheint, ginge verloren und auf der anderen Seite die vielen Vorteile und Profite, die die Polizisten aus den privat-beruflichen Verbindungen mit der Unterwelt beziehen; und zwar nicht nur Kirchbichler. Dies ist ein allgemeines Phänomen, das sich durch alle Lager der Polizei zieht. Würde von Oben die Verhaberung kritisiert werden oder gar gegen sie vorgegangen werden, würden auch die Führungsebenen einiges verlieren, einiges an Geschenken und Zuwendungen.


Aber damit brachten wir noch immer nicht den Beweis, dass die Übergabe der Sporttasche und die Freilassung von Zuckergoscherl zusammenhängen. Uns wurde ein Chatverlauf zwischen Kirchbichler und Danilo B. zugespielt, der wohl keine Zweifel mehr zulässt. Zur Dokumentation drucken wir ihn vollständig ab. Auch wenn wir wissen, dass wir mit der Wiedergabe in das Spiel der Selbstkonstruktion der Polizisten und Unterweltgrößen einsteigen, dabei helfen Freundschaften zu erhalten und Drohkulissen aufzubauen. Wir haben immer noch die Hoffnung, dass ein besseres Österreich entstehen kann, dass diese Praktiken ein Ende finden, dass ihnen zumindest öffentlich widersprochen werden kann und wird. Bis dahin kommen wir uns vor, als wären wir in einem Film.



Chat zwischen Kirchbichler und Danilo B.


Kirchbichler: Guten Morgen, hätte eine Bitte: bräuchte einen kurzen Termin mit dir (erstens wegen Spende und zweitens bezüglich einen Problemes das wir mit Zuckergoscherl haben! Glaubst du geht sich das noch diese Woche aus?? Ig Kurti

Danilo: Zuckergoscherl, der Unterweltboss? Was ist das Problem? Treffen wäre besser zum Besprechen.

Kirchbichler: Geht grad schlecht, ist viel zu tun: Mordserie. Ja der, der neue Chef mag seine Leute rein bringen: neuer Stil, und da müssen unsre weg. Spende wär natürlich entsprechend.

Danilo: Der Holz ist echt eine Niete, seine Dummheit darf nicht unser Geschäft ruinieren. Ich schau, was ich tun kann.

Kirchbichler: Mein Riesen Held

Danilo: Wir können bei dem Antrag das mit den Suchtmitteln streichen, er wird es nicht mitbekommen haben. Kannst du das formulieren? (Anhang: Antrag zur Verhängung der Untersuchungshaft)

Kirchbichler: Du Paragraphensammler.

Kirchbichler: Gemacht. Könnt ma auch noch das mit der Prostitution streichen? (Anhang: Antrag zur Verhängung der Untersuchungshaft-Kurti)

Danilo: Kriegst eh alles, was du willst.

Kirchbichler: Ich bin so glücklich. Ich liebe meinen Richter.

Danilo: Spendenübergabe morgen 17 Uhr Alte Donau.

Kirchbichler: Du bist Familie.

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