Blind Fist – das Hörbuch zum Film
Blind Fist – das Hörbuch zum Film
Keine Sorge das Filmmagazin ist nicht seinem Gegenstand untreu geworden: Die Besprechung des Hörbuches ist gleich doppelt die eines Filmes. 1) Blind Fist war zuerst ein Film. 2) Das Hörbuch ist das Protokoll eines Filmschauens.
Im April 2018 wurde der Film Blind Fist (https://youtu.be/ETGEMhXz_A8) vom Ersten Wiener Männerkochverein präsentiert. Im November 2021 legte der Kochverein ein Hörbuch nach, in dem das Buch zum Film (Mai 2018?) vorgetragen wird. Eine unaufgeregt ruhige Stimme trägt uns die bekannten Ereignisse um Kenshy, seine Gegner, seine Ausbildung vor. Soweit so normal für ein Hörbuch. Der zweite Verbindung zu Film ist damit aber noch nicht geklärt: Warum handelt es sich beim Hörbuch um ein Protokoll des Filmschauens?
Der Text steht radikal in der Gegenwart. Der Erzähler sieht zu, wie die Ereignisse um Kenshy passieren. Es ist kaum vorstellbar, dass der Erzähler den Ereignissen live beiwohnte, denn wie hätte er es fertig bringen können, bei derartigen Ungerechtigkeiten und Grausamkeiten nicht einzugreifen, nicht zu verhindern, dass Kenshy die Augen ausgestochen werden. Nein, der Erzähler muss den Film gesehen haben und sein Sehen zu Papier gebracht haben. Auf den Schirm treten die Bösewichte, der Erzähler schreibt, dass die Bösewichte auftreten. Der Meister stolpert auf der Leinwand über Kenshy, der Erzähler schreibt, dass der Meister über Kenshy stolpert. Das Hörbuch erzählt gegenwärtig, ist ein Protokoll des Passierenden.
Die unmittelbare Zeit kann einzig gedacht verlassen werden: Durch Reflexion kann sich vorgestellt werden, dass man sich in einer anderen Zeit befinde. Für die Vergangenheit geht das relativ einfach, schließlich hat man die Vergangenheit bereits erlebt, weiß über sie halbwegs Bescheid: Erinnerungen können das Jetzt einordnen. Für die Zukunft müssen die Gegenwart verlassende Reflexionen abstrakt bleiben: Es kann sich einzig vorgestellt werden, was möglich ist, was wahrscheinlich passieren könnte. Das Hörbuch liefert für beide Richtungen Beispiele. Aber die Angaben zu beiden Richtungen sind ungewiss, da der Erzähler über Vergangenheit und Zukunft nicht Bescheid weiß. Sicher ist nur die Gegenwart, das, was er gerade auf der Leinwand sieht.
Parallel zur Zeit – dass das Gegenwärtige geschildert wird – verhält sich das Wissen des Erzählers über das Innere und die Motivation der Figuren. Wenn der Erzähler in die Zukunft sehen kann, wird es ihm auch ein leichtes sein, in die Figuren hineinzusehen. Beides kann der Erzähler des Hörbuch-Buches nicht. Er bleibt an die Oberfläche gebunden, an die Oberfläche der Leinwand. Was auf dieser erscheint, kann in das Protokoll aufgenommen werden. Aus dieser Beschränktheit kann er nur – wiederum – durch Reflexion. Er kann sich vorstellen, was gedacht werden könnte. In den seltenen Fällen, in denen Motivation und Gedanken erscheinen, betreffen diese den Meister: Hier wechselt Innen und Außen – Kommentar und Beobachtung teils nahtlos miteinander.
Das Ergebnis der Beschränktheit in Zeit und Blick ins Innen ist beruhigte Spannung. Niemand weiß, was kommen wird – nur das, was auf die Leinwand tritt, ist für Erzähler und Leser vorhanden. Naja, wüsste man dabei nicht, dass es sich bei Blind Fist um eine typische Heldengeschichte handele. Und eine solche laufen in bekannten Bahnen ab, man weiß, was kommen wird. Das Hörbuch erzählt es uns gegenwärtig noch einmal (nach).
Das Hörbuch findet sich auf youtube
(https://youtu.be/T2e1Z5CxCng)
und auf www.kochverein.at. Blind-Fist (Film) auf youtube: https://youtu.be/ETGEMhXz_A8
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