Dickicht (Film)
Dickicht (Film)
(Mira Kinaki)
Cornelius Eybischteig
Nachdem Mira Kinakis erster Langfilm, Das lange Schweigen, so ziemlich alles an Preisen abegräumt hat, was es abzuräumen gibt, inklusive drei Oskars, darunter bester Film und beste weibliche Hauptrolle, hat ihr zweites für die große Leinwand gedrehtes Werk, Dickicht, es natürgemäß schwer. Es stand im Grunde fest, dass es weniger erfolgreich sein würde, zumindest was die Jurys und Kinokassen betrifft. Künstlerisch allerdings hat Kinaki ihren Erstling in vielerlei Hinsicht sogar übertroffen. Dickicht ist ein intimer Film, ganz Kino, und im Unterschied zu Das lange Schweigen wagt Kinaki in Dickicht, dem Dialog Raum zu geben und – brilliert!
Erzählt wird die Geschichte einer jungen Frau, die sich aus schwierigen familiären Umständen befreit(gefühlskalte Mutter, brutale Ausgrenzung in der Schule), nur um sich im Tessin in ein noch schonungsloseres Milieu Schweizer Yuppies zu verwickeln. Dabei ist Dickicht allerdings – und das rettet den Film – kein schweres Melodrama, sondern schwankt zwischen Komödie mit Skurrilitätswert und absurdem Theater à la Endspiel.
So weit, so gut, würde man meinen: Alles richtig gemacht. Und wer den Kinosaal nach Dickicht nicht überwältigt verlässt, muss von einer Überdosis Superheldenblockbustern lobotimiert worden sein. Nur: Die Überwältigung lässt nach, und es bleibt ein bitterer Geschmack am Gaumen, das Gefühl, einer Reihe von Tricks aufgesessen zu sein, sich von den langen, nach allen Regeln der Kunst komponierten Einstellungen und der geschliffenen Sprache abgelenkt haben zu lassen. Schlimmeres soll passieren und Schlimmeres ist passiert, aber – und das ist symptomatisch für eine Zeit, in der fast jeder ernstere Film in der Lage ist, visuell und schauspielerisch zu überzeugen – sollten diese Mittel nicht im Dienste des Stoffes liegen, den Figuren und der Erzählung untergeordnet? Kinakis Geschichte aber hält nicht. Zu schematisch ist die Psychologie der Hauptfigur mit ihren sich von Kindheit an wiederholenden Verhaltensmustern gezimmert, zu klischiert sind die zu reichen aber depressiven Charaktermasken herangewachsenen Tessiner Rich Kids. Das alles ist Staffage, damit uns Kinaki ihr zweifellos in Übermaß vorhandenes Können demonstrieren kann, beweisen, dass ihr erster Film kein Glückstreffer war.
Also: Wer dreiundneunzig Minuten Perfektion erleben will (und wer will das eigentlich nicht?), darf sich Dickicht nicht entgehen lassen. Aber man sollte darauf gefasst sein – und irgendwo ist es ja auch tröstlich, dass Kino das noch vermag - noch einige Wochen einen pelzigen Geschmack auf der Zunge zu behalten.
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