Landkrimi Miniatur II

Landkrimi Miniatur II

 


Man kann ohne schlechtes Gewissen sagen, dass in den eineinhalb Minuten dieses Videos nichts passiert und trotzdem passiert ein Verbrechen. Dass es zu diesem Widerspruch kommt (genau wie es zu diesem Widerspruch schon im ersten Landkrimi kam), ist die Besonderheit des Kurzfilmes (ist die Besonderheit der Kurzfilmreihe). Die Frage ist, wie der Widerspruch zwischen nichts und doch etwas erklärt werden kann.

Die erste Einstellung zeigt eine Buswartehütte im Schnee, dann ein Haus im Schnee. Dann sieht man Füße, die durch frischen Schnee gehen. Dann sieht man Füße, die Spuren im Schnee verfolgen. Dann werden die Schritte schneller. Man hört einen Knall – Schuss. Man sieht Beine, die in den Schnee knicken. Man sieht einen Hund der bellend durch den Schnee läuft. Und zwischendurch – zwischen jeder Einstellung – sieht man Naturaufnahmen: Bäume im Schnee, oder auch Ausblicke über Winterlandschaften.

In keiner Einstellung sieht man, dass die Spuren im Schnee zusammenführen, dass Person aufeinandertreffen würden. Vielleicht handelt es sich gar bei den Füßen um die Füße ein und derselben Person: niemand verfolgt und doch ist die Person verfolgt. Die Blicke der Kamera auf die Spuren im Schnee sind es, die das Gefühl einer Verfolgungsjagd ergeben: einmal der Schnee ohne Spuren, einmal mit Spuren. Hier geht jemand jemanden nach. Aber in keiner Einstellung sieht man, dass die Spuren aufeinandertreffen. Ein Aufeinandertreffen wäre für ein Verbrechen – für einen Mord – aber die Voraussetzung.

Obwohl der Mord nicht passieren kann, passiert er trotzdem.

In dem Video kann es also nicht zu einem konkreten Verbrechen kommen, sondern konkret an einer Person – es sinken ja wirklich Füße in den Schnee – wird ein allgemeines Verbrechen verübt. Nicht ein Mensch mordet einen anderen, aus irgendwelchen niederen menschlichen Motiven, sondern ein Mensch geht durch die in friedlicher Ruhe daliegende Natur zu Grunde.

Die Einstellungen wechseln schnell und gewechselt wird zwischen Blick auf die Schritte und in den Schnee und zwischen dem Blick in die Natur: auf verschneite Bäume und verschneite Landschaften. Nicht eine Person verfolgt eine andere, sondern die sich nicht bewegende Natur verfolgt die nicht entkommen könnende Person. Und versöhnend zeigt die Natur ihr Verbrechen am Ende des Videos durch einen bellenden Hund an. So als ob sie sagen wollen würde: Hier findet sich ein Toter, hier wurde jemand erschlagen und der, der auf das Verbrechen hinzeigt, kann nicht dafür verantwortlich sein. Und alle werden dem netten Hund glauben, denn was soll so ein abstrakter Mord sein.

Von Mord kann man in diesen Zusammenhängen kaum sprechen. Denn mit Mord hängt Absicht und Motiv zusammen. Dem allgemeinen Verbrechen – der Natur – können diese Eigenschaften kaum zugeordnet werden – wenn man von einem bösartigen Gott einmal absehen will. Es ist die schlichte Widrigkeit der Natur, die das Verbrechen begeht. Es überrascht nicht, dass das Verbrechen sich einsam im Wald ereignet, tritt die Gewalt der Natur doch gesteigert am Land auf. Der Landkrimi zeigt den Kriminalfall des Landes, der Natur.

Von einfach Natur kann aber nicht gesprochen werden: Die Aufnahmen sind nicht im unberührten Urwald gemacht, sondern auf einer Forststraße, die durch einen bewirtschafteten Wald (in einer Einstellung sieht man ein gerodetes Stück Wald) führt und der Ausgangspunkt des Videos liegt in der Gesellschaft: man sieht eine Bushaltestelle und ein Haus (so als ob der Spaziergänger gerade mit dem Bus angekommen wäre und aus dem Haus sein Verfolger kommen würde). Auch wenn beide Gebäude verlassen und verschneit daliegen, zeigen sie die Anwesenheit des Menschens, der Gesellschaft an. Es kann nicht von Natur gesprochen werden, es muss von bearbeiteter oder gemachter Natur gesprochen werden, die das Verbrechen verübt.

Die Gemachtheit der Natur kommt im ersten Landkrimi noch deutlicher zum Ausdruck. In ihm sind die Naturaufnahmen in erster Linie Weingärten, in denen es auch zum Verbrechen kommt. Weingärten sind die Spitze (abgesehen von Parks, doch bei diesen kann man kaum mehr von Natur sprechen) der vom Menschen gemachten – kultivierten – Natur. Die Pflanzen sind in perfekte Ordnung gebracht und gestutzt, dass sie in größtmöglicher Effizienz ihre Produkte dem Menschen geben können, die Trauben, und dabei verlieren sie beinahe ihr pflanzliches Aussehen. Zu dieser größeren Anwesenheit der Gesellschaft im ersten Landkrimi kommt es, obwohl in ihm kein einziger Mensch auftritt, nur durch Naturaufnahmen. Durch das Fehlen von Menschen ist es unmöglich genaues über das Opfer zu sagen: Man hört das Verbrechen, den Schuss. Aber der Täter wird durch die Aufnahmen der Weingärten – durch die Steigerung dieser Form der Natur – eindeutiger benannt: die Gewalt der durch die Gesellschaft gezähmten Natur.

Das nicht stattfindende Verbrechen, das trotzdem ein Opfer fordert, kommt in beiden Folgen des Landkrimis auf eine jeweils eigene Art zur Darstellung. Das Verbrechen des ersten Landkrimis fand im Fall Kamp seine Fortsetzung; eine spezielle Fortsetzung, die genau den rätselhaften – den abstrakten – Charakter des Verbrechens weiterführt: Die staatliche Gewalt muss umso kräftiger reagieren, umso ungewisser ihr Gegner ist. Diese staatlichen Reaktionen (und die der Bevölkerung) stehen im Fall Kamp im Mittelpunkt, machen spätestens aus dem nichtstattfindenden Verbrechen ein konkretes Verbrechen.


Landkrimi 1: https://youtu.be/sGoQvdwzU_k

Landkrimi 2: https://youtu.be/BChF1dbz2eI

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Zoltán Danyis Rosenroman ist kein Buch über Rosen

Begründung der Verleihung des ‚ersten Filmpreises‘ an Heidi Vágyi für Platón

Schreibmaschinen-Literatur