Wien 10, 1 Kamera, __ Menschen, Eine neue Dokumentation über Favoriten

 

Wien 10, 1 Kamera, ___Menschen, Eine neue Dokumentation über Favoriten


Der neue Film (Wien 10, 1 Kamera, __ Menschen) der Künstlergruppe Wiso kommt nächste Woche in die Kinos und bei ihm handelt es sich um etwas ganz neues. Im Vergleich zum restlichen Kinoprogramm und zu den bisherigen Filmen der Gruppe.

Den aktuellen Trend die nächste Umgebung als Schauplatz zu verwenden, kann man in dem Film mit dem sperrigen Titel noch wiederfinden. Aktuelle Krimis spielen bevorzugt im Grätzel und nicht mehr in der anonymen internationalen Landschaft zwischen Flughafen und Hochhaus, in der Sehenswürdigkeiten (also die Besonderheit einzelner Städte) einzig die Funktion eines Ortstaferls erfüllen. Weiter als die Veränderung im Schauplatz reicht die Erneuerung nicht; es werden klassische Genres mit Lokalkolorit angereichert. Hier nicht so. Die Bezeichnung als Dokumentation kann einzig als Hilfskonstruktion verwendet werden. Und das bisherige Werk von Wiso? In dem haben wir es mit abstrakten Studien zu tun, die Kameraklappenstellungen zeigen oder die Bewegung von Kameras. Von Figuren oder anderen verständlichen Zusammenhängen weit und breit keine Spur. Bei diesen Inhalten – oder dem Fehlen eines Inhaltes – überrascht es wenig, dass Filme mit den Namen ‚1-47‘ oder ‚Kodak, Eumig, Arsenal‘ keiner großen Öffentlichkeit bekannt sind, gar nicht in den Kinos zu sehen waren. Deshalb kann der neue Film als der erste Film von Wiso bezeichnet werden. Und er unterscheidet sich jeweils, ist neu und anders.

Worum geht es in dem Film?

Aus den vielen Kameras der vergangenen Filme wurde eine einzige Kamera ausgewählt und diese an mehreren fixen Orten aufgestellt. Der Kenner des 10. Bezirkes wird die Orte erkennen. Sie reichen vom Platz vor – oder von der Stadt aus betrachtet hinter – dem Hauptbahnhof über Favoritenstraße, Viktor Adler Markt, Reumannplatz, Quellenstraße, Böhmischerprater, Per Albin Hanson Siedlung bis zur Stadtgrenze irgendwo auf einem Feld an der Außenringautobahn. Es wird ein Weg mit einem Schlenkerer durch den Bezirk nachgezeichnet. Vor diesen Schauplätzen gehen vorerst viele Menschen, wie viele genau wurde offensichtlich nicht gezählt wie der Titel vermuten lässt, und natürlich bewegen sich auch viele andere Dinge in den Bildern: wohl mehr Autos als Straßenbahnen und Tiere. Dieses zufällige Bewegen, das in einem dicht bewohnten Stadtteil nicht überrascht, ergibt aber noch keinen kinoverträglichen Film. Aber nach und nach wird man feststellen, dass es eine geplante Bewegung vor der Kamera gibt. Man wird einen Mann entdecken, der in den Einstellungen immer wieder auftaucht. Vielleicht ist er gerade am Bahnhof angekommen, auf jeden Fall trägt er einen altmodischen Koffer umständlich in seinen Händen. Nachdem er sich auf dem Markt mit Essen versorgt, geht er weiter seinen Weg, den er mit ziemlicher Gewissheit verfolgt. Manchmal bleibt er stehen, scheint auf jemanden zu warten, ohne dass jemand kommt. Manchmal geht er Leuten nach, scheint jemanden ansprechen zu wollen, ohne dass er jemanden anspricht. Manchmal schaut er Leuten zu, scheint interessiert an seiner Umgebung, ohne dass er mitmacht. Der Mann ist in einem Konflikt gefangen, der gerade in der distanzierten Darstellungsweise an Spannung gewinnt, man gefesselt ist, wohin die Entscheidungen führen. Doch genauso wie am Anfang ist am Ende des Films der Mann alleine. Und tja, warum sollte man es nicht schreiben, am Ende steht der Sprung von der Autobahnbrücke.

Dokumentation?

Wir können so bedenkenlos das Ende des Filmes verraten, da diese Handlung Mittel zu etwas anderem ist (die Verbindung zu den bisherigen Filmen von Wiso). Die Handlung, die tragisch ist, bringt den Hintergrund in den Vordergrund. Das Herumirren und Zurückschrecken des Protagonistens schafft es nicht unseren Blick ausschließlich auf sich zu ziehen – wie es in den meisten anderen Filmen der Fall ist – sondern erzeugt in ihrer statischen Trägkeit eine Lücke, die uns in den Hintergrund abschweifen lässt. Genau das ist das Mittel: die Umgebung zur Darstellung zu bringen. Wann schauen wir schon den alltäglichen Bewegungen in belebten Straßen zu, wenn wir sie durcheilen. Kein Blick: weder für den einsamen Mann, noch für all die anderen Menschen, noch für die Umgebung. Wer könnte in seinem Alltag schon minutenlange einer flackernden Straßenlampe zusehen, wie sie beinahe jedes Mal anders ihre Umgebung erhellt. Solche Blicke sind vorerst nur über den Trick und den Umweg den Protagonisten zu verfolgen möglich. Doch zuerst verselbständigen sie sich im Film (im geschützten Bereich des Kinos) und schließlich besteht zumindest die Möglichkeit, dass wir im Alltag unsere Blicke anders lenken, auf die alltäglichen und schrecklichen Ereignisse.

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