Mae Lune – unfertig
Mae Lune – unfertig
Ich sagte: Die Töne sind unfertig.
Sie sagte: Das Buch ist unfertig, die Rahmen leer.
Was kann dieses Unfertig bedeuten oder ist es einfach Ausdruck von mangelnder Beschäftigung mit einem Gegenstand (die auf jeden Fall für den Beschreiber zutrifft).
Vorerst Unfertigkeit entsteht, wenn die leeren Rahmen im Buch mit herkömmlichen Abbildungen verglichen werden. Dann meint man, dass es sich um Vorzeichnungen handelt, die zu einem späteren Zeitpunkt gefüllt werden, oder um Inkompetenz, die das Bild nicht fertig machen kann. Unfertigkeit drückt im Vergleich Fehlendes aus.
Vorerst Unfertigkeit entsteht, wenn die Töne der Musik mit herkömmlichen Melodien verglichen werden. Dann meint man, dass es sich um Entwürfe handelt, die zu einem späteren Zeitpunkt verbunden werden, oder um Inkompetenz, die die Melodie nicht fertig machen kann. Unfertigkeit drückt im Vergleich Fehlendes aus.
Hier soll es um den zweiten Fall gehen, um die unfertige Musik. Die unfertigen Rahmen und Bücher wurden bereits behandelt. Die unfertige Musik ist die EP von Mae Lune live from the gallery (Frühjahr 2021), die inzwischen mit einer zweiten EP Amendment (Winter 2021) ergänzt wurde.
Bei der Musik ist der Vergleich, der die Unfertigkeit feststellen soll, schwieriger. Es kann nicht klar gesagt werden, was denn das Fertige wäre; was denn das realistische Bild sei, das doch erreicht werden solle. Die Töne finden keine fotografische Abbildung. Der Vergleich ist so innerhalb der Musik.
Hören wir uns das erste Lied (Might Be That) von live from the gallery an. Es beginnt ein Klavier. Später fügen sich diverse Streicher und die Gesangsstimme hinzu. Das Klavier spielt ruhig seine Töne, die sich auch – in gewissen Veränderungen – durch das Lied ziehen, sie setzen sich hinter den anderen Tönen fort. Aufgeregt fügen die Streicher ihre Abfolge hinzu. Sie hören wieder auf bevor der Gesang einsetzt – das Klavier bleibt. Damit sind die Elemente aufgezählt: Die ruhige Abfolge des Klaviers, die ein- und aussetzenden Streicher und die Stimme, die – einmal angefangen – mehr oder weniger das Stück über anhält (vom den Anfang umdrehenden Ende abgesehen).
Fertig ist die durchziehende Reihe des Klaviers, an der sich die Stimme orientiert. Entgegenstehen die Streicher, die nicht nur aufgeregt, und alleine schon so dem Klavier entgegenstehend, einsetzen, sondern deren Rolle es ist, dass sie über das Lied verteilt immer wieder einsetzen. Und sie setzen auf eine Art ein, die das Unfertige ausmacht, sie geben mit dem Zusammenhang unverbundene Töne von sich. Wenn etwa die Geige (?) vier absteigende Töne spielt, dann läuft das Klavier und die Stimme scheint gerade nur Atem zu holen, so unversetzt kommen die Töne und enden auch gleich wieder. Ein Kommentar scheint hinzugefügt werden zu müssen, ein Kommentar, das hinzufügt, dass es noch mehr gibt, das aber nicht weiter gesagt werden kann – unfertig bleibt. Und Klavier und Stimme laufen weiter. Solche plötzlichen Einfälle der Streicher wiederholen sich. An anderen Stellen ist das Kommentar nicht unversetzt und frei, sondern erscheint unter dem ‚drop out‘ der Stimme erdrückend herausgedrängt, sondern schwirrt neben der heulenden Stimme. Entscheidend ist die Kürze, die Plötzlichkeit, die Unverbundenheit, das Sich-Nicht-Entwickeln-Dürfen der Kommentare, die das ‚probably‘ – das letzte Wort des Liedtextes – im ganzen Lied anwesend machen und vollziehen.
In den weiteren Stücken der EP wiederholt sich dieses Verhältnis, in ähnlicher Rollenverteilung (Plughole) oder verschoben im Verhältnis Klavier Gesang (Conversion of the Substance of a Bird, Stuffed Settled Coveted Battered Lulled Toothed).
Ergebnis ist eine ungeheure Spannung, die in den Liedern liegt. Eine Spannung, die nur dann entstehen kann, wenn das Fertige nicht vorhanden ist: wenn der Roman nicht auf der ersten Seite sein Ende weiß, wenn das Bild nicht in den realistischen Farben und Details protzt, wenn die Melodie nicht den letzten Ton vorwegnimmt. Wenn unfertiges entsteht.
Die Musik von Mae Lune: www.maelune.com
PS. Amendment. Bei der zweiten EP ist der erste Unterschied, dass E-Gitarre, Cello und Stimme spielen. Ergebnis ist ein (pop-) gewohnterer Klang. Stellen prägen sich ein, dass man mitsingen wollen würde (‚there is no love in Morocco‘ Rosin). Ergebnis sind vier einfach gute Lieder. Spannung entsteht nicht durch das Herausschießen einzelner Töne, sondern durch die Zusammenfügung im Lied.
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