Analoges Twitter oder über das Buchstabenbuch

 

Kirchbichler Ermittelt No.1 (Pinguin)

Kirchbichler Ermittelt No.1 (Pinguin)

„Der Pinguin ist tot. K. sieht die anderen Pinguine, fragt sie, warum sie leben und der nicht. Der Wärter bringt den Fisch. Die Pinguine laufen weg. Es war Gift im Fisch.“

169 Zeichen, 131 Buchstaben, 30 Leerzeichen, 8 Satzzeichen


Kurze Texte geraten automatisch in Verdacht Twitter als ihren Veröffentlichungsort zu haben. Mit Twitter wird nicht nur ein Ort bezeichnet, sondern mit der Länge wird auch eine Aussage über die Beschaffenheit des Textes getroffen – er hat Twitter-Eigenschaften heißt es ist ein kurzer Text. Das ist ganz unabhängig von weiteren Eigenschaften des Texts. Jeder kurze Text ist ein Twitter-Text: natürlich journalistische Texte und Politikerbotschaften; Werbeeinträge von Firmen; (persönliche) Kommentare verschiedenster Ereignisse, oder von sich selbst; aber auch der literarische Bereich. Es muss nicht weiter gefragt werden, wie der Text beschaffen ist, mit der Länge hat man die Eigenschaft gefunden, die die Kategorisierung zum Twitter-Text zweifelsfrei macht.

Und so kann auch der kurze Text oben ohne weitere Fragen dem Twitter-Bereich zugeordnet werden.


Die Länge eines Textes ist nicht nur eine zufällige äußere Eigenschaft (mal fällt jemand mehr ein, mal fällt jemand weniger ein: weiter kein Unterschied), sondern ein kürzerer Text ist sprachlich anders als ein längerer. Ist ein Text kurz ist es notwendig, dass wenige Informationen sich in ihm finden. Im Fall einer Erzählung (in der es um Veränderung geht) können weder die einzelnen Punkte noch deren Zusammenhang ausführlich gemacht werden. Es kann nicht klargelegt werden, warum sich das eine in das andere entwickelt, und das Ganze wird sich nicht lange entwickeln. Kürze führt zu wenigen Informationen, die nicht begründet werden können. Kürze bedeutet Verordnungen und Behauptungen, was als speziellere Bestimmung der Eigenschaft der kurzen Twitter-Literatur festgehalten werden kann.

Mit dieser Folge von Kürze sind wir im Beispieltext konfrontiert. Die begründenden Informationen, warum und wie K.(irchbichler) den Fall löst, werden nicht angegeben, können nicht angegeben werden. Die Aussagen bleiben Behauptungen und stehen nicht in einem begründeten Verhältnis zueinander. Es werden keine Motivationen für die Entwicklung angegeben. Würde all das angegeben werden, würde es sich nicht mehr um eine kurze Geschichte handeln. Aus dem Fehlen von all dem ergibt sich hingegen eine Eigenschaft von Text und Charakter. Die Absurdität und Eigenartigkeit der Geschichte entsteht aus der Zufälligkeit und Unbegründetheit, aus der Rätselhaftigkeit der Entwicklung; und es entsteht ein bestimmtes Bild von Kirchbichler und seinen Ermittlungsweisen. Ein Kriminalfall wird erzählt, der das Verbrechen nicht rekonstruiert, sondern einfach zur Lösung kommt. Damit steht das Erzählen den Erwartungen an die Form Kriminalroman entgegen, wo gerade die Verbindung und logische Entwicklung (dem Vorbild der Polizeiarbeit entsprechend) in den Vordergrund gerückt wird. Diese Logik des traditionellen Kriminalromans ist hingegen nur zu oft beschränkt, was bedeutet, dass nicht nachvollziehbar ist, warum genau aus dem einen das nächste sich entwickelt und wie der Kommissar zum nächsten Schritt kommt. Die Logik kommt von außen, aus der Kraft des Erzählens, die den Zusammenhang – letztlich durch den Ablauf der Seiten – verordnet. In dieser Hinsicht ist das reduzierte, nicht begründende Erzählen der kurzen Kriminalgeschichte Kritik am Erzählen grundsätzlich, das auf eine beredtere Weise gleichfalls Verordnung und Behauptung ist.


Weitere Eigenschaften von Texten lassen sich nicht pauschal aus der Länge des Textes (aus dem Zeichenzählen) ableiten. Für sie muss der Text selber untersucht werden, was notwendig zu verschiedenen Eigenschaften von Texten führt (Kontext, Funktion und konkreter Umsetzung folgend). Folge ist, dass aus der Länge nicht automatisch geschlossen werden kann, ob es sich um einen Twitter-Text handelt oder nicht. Vielmehr muss der Text nach für den Ort und dessen Möglichkeiten spezifischen Eigenschaften untersucht werden, denn ein Ort ist keine neutrale Platte.

Die meisten Texte, die auf Twitter erscheinen, können nicht als spezielle Twitter-Texte angesehen werden. Sie sind kurze Texte, die austauschbare (neutrale) Eigenschaften aneinanderreihen, keine für den Ort und dessen Möglichkeiten spezifischen. Allgemein gesagt wäre als spezifische Möglichkeit des Ortes und als spezifische Eigenschaft der Texte das Digitale auszumachen.

Ein Text, der die digitale Besonderheit beachtet, steht in einem eigenen Verhältnis zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit. Das bedeutet nicht, dass im Internet so umgangssprachlich geschrieben wird als würden unmittelbar Menschen miteinander sprechen. Das wäre keine spezifische Eigenschaft. Hingegen bedeutet es, dass in der Abwesenheit der Mündlichkeit, die an räumliche und zeitliche Anwesenheit der Sprecher gebunden ist, mit schriftlichen Mitteln – also dem vermeintlichen Gegenteil – paradox versucht wird räumliche und zeitliche Nähe hervorzurufen. Das Digitale simuliert nicht unmöglich Mündlichkeit, sondern um Nähe zu erreichen wird Ferne eingesetzt. Diese abstrakte Eigenschaft setzt sich im Twitter-Text mit verschiedensten Mitteln um: Vom Emoticon bis hin zu Rechtschreibvarianten.

Im Beispieltext finden wir von spezifischen Eigenschaften eines Twitter-Texts nichts. Er besteht aus Sprache, die in beliebiger Umgebung (also traditioneller) erscheinen könnte, es findet sich nichts für den digitalen Bereich spezielles. Der Text ist ein kurzer Text, aber kein spezieller Twitter-Text.


Aber bei dem Beispieltext handelt es sich auch nicht um einen Text von Twitter. Er wurde nicht für diesen Ort geschrieben. Vielmehr ist sein erster Erscheinungsort das analoge Twitter – wurde anschließend erst in die digitale Plattform kopiert. Analoges Twitter?

Der Text erscheint als Buchstabenbuch. Als Buch, das ausschließlich aus Buchstaben besteht – dessen Seiten Buchstaben sind. Das bedeutet, dass dieser kurze Text mit 131 Buchstaben 131 Seiten in einem Buch umfasst. Obwohl es sich um einen kurzen Text handelt, handelt es sich gleichzeitig um ein relativ dickes Buch. Wie auf Twitter die Einstellungen der Software für Kürze sorgt, sorgt beim Buchstabenbuch der benötigte Aufwand (Herstellungs- und Lesezeit, Buchbindetechnik) für Kürze. Die notwendige Kürze ist die Verbindung zwischen den Twittern. Darüber hinaus ist das analoge Twitter von seinem digitalen Gegenüber verschieden.

In einem Buch bestehen die Seiten normalerweise aus gleichmäßig zugeschnittenen einfärbigen (usw.) Papierstücken, die möglichst unauffällig sind. Andere Eigenschaften müssen sie auch nicht haben. Ihre Aufgabe ist es schlicht das zu tragen und sichtbar zu machen, was Aufmerksamkeit verdient. Die Buchstaben – und so die Information des Buches – sind auf dem Papier festgehalten und können von diesem aus rezipiert werden. Hinter dem Text verschwindet die Seite, verschwindet das Medium (das ist eine allgemeine Eigenschaft von Medien).

Im Buchstabenbuch bestehen die Seiten auch aus Papierstücken, diese sind aber nicht gleichmäßig zugeschnitten und tragen auch nicht die Information auf sich. Sie sind die Information selbst. Die Form der Seite ist ein Buchstabe. Zusammen fügen die Buchstaben-Seiten sich zu Text zusammen. Die Buchseiten sind nicht mehr Medium, sondern Information im engen Sinn.

Damit verändert sich die Konstitution von Schrift. Schrift ist ein abstraktes System, das in sich kaum Körperlichkeit bedarf. Es reicht als Träger (Medium) die kleinste Menge Farbe auf dem unscheinbarsten und austauschbaren Untergrund (die verbleibende Materialität) um das Größte auszudrücken. Diese Möglichkeit berücksichtigt das Buchstabenbuch nicht, sondern das Abstrakte wird zum Körper, das Materiallose zum Material. Der Buchstabe besteht nicht aus einem Tintenstrich, sondern aus einem angreifbaren Papierkörper.

Das Buchstabenbuch funktioniert so als würde die Werbung nicht an die Hausfassade gemalt werden, sondern Häuser in Formen von Werbeslogans gebaut werden. Oder die Steinmetzin nicht in den Stein Buchstaben hauen würde, sondern aus dem Stein, dass dann praktisch massive Steinbuchstaben herumgetragen werden könnten. Oder im textilen Bereich: Die Zieraufschrift auf einem Kleidungsstück würde nicht auf einem Stück Stoff sitzen, das eine Funktion erfüllt, sondern das Kleidungsstück hätte die Form der Zieraufschrift, womit sich die Funktion des Textils auch ändern würde.

Wird das Medium der Schrift zur Information, wird Schrift absurd. Wird etwas aus Material geformt, das kein Material benötigt, entsteht eine sinnlose Situation. Umso schlimmer wenn der Vergleich mit dem digitalen Twitter angestellt wird, mit dem das Buchstabenbuch in seiner notwendigen Kürze verbunden ist. Im digitalen Bereich verschwindet das Medium noch deutlicher – im Vergleich zum analogen Bereich. Selbst der dünne Stoff, auf dem die Buchstaben bis dahin erschienen, hat sich in unsichtbare Stromstöße aufgelöst. Das Medium wird bis zur Unkenntlichkeit variabel und anpassungsfähig. Die daraus entstehende Flexibilität und Variabilität ist die Situation, die das Schreiben auf Twitter bestimmt, die die spezifische Mischung aus Mündlichkeit und Schriftlichkeit ermöglicht (und letztlich auch die Kürze der Texte).

Dem digitalen Twitter mit seiner (in)materiellen Leichtigkeit steht das analoge Twitter mit seinen körperbetonten Buchstaben entgegen. Während digital im Verschwinden des Mediums auf das Schnellste Buchstaben geschrieben und gelesen werden können und Leichtigkeit die Eigenschaft des Textes ist, müssen im Buchstabenbuch die Buchstabenkörper erst angefertigt und aneinandergebunden werden. Körper für Körper muss aus Papier geschnitten werden und mit Faden zusammengebunden werden.

Das Lesen betreffend hat die Organisation des Buchstabenbuches zur Folge, dass immer nur ein Buchstabe sichtbar ist, dass jeweils umblätternd Buchstabe nach Buchstabe gelesen werden muss. Dies entspricht nicht dem gewünschten problemlosen, schnellen und herkömmlichen Textverständnis. („Walking along thus, he reflected, was like trying to read a text with only one letter visible at a time.“ – Paul Bowles: Pastor Dowe at Tacaté (1950): 44.) Das Gehen im Nebel wie das Lesen des Buchstabenbuch (und sein Schreiben) sind schwerfällig. Vergleichbar mit der digitalen Leichtigkeit müsste Schwerfälligkeit als die dem Buchstabenbuch entsprechende Eigenschaft ausgemacht werden.

In der Kürze ist der Gegensatz allerdings verbunden: weil die Buchstaben im Buchstabenbuch körperlich und schwerfällig sind, sind Buchstabenbuch-Texte kurz; weil die Buchstaben auf Twitter digital und leicht sind, sind Twitter-Texte kurz. Die Ähnlichkeit macht die Twitter verschieden, macht sie gegensätzlich.


Diese Gegensätzlichkeit gibt dem Buchstabenbuch die Möglichkeit auf die Beliebigkeit kurze Text als Twitter-Texte zu benennen zu reagieren. Beliebig werden Texte in Twitter kopiert, beliebig werden Texte aus Twitter auf Papier kopiert. Besondere Eigenschaften des Orts werden nicht weiter beachtet, so als ob jeder andere Ort simuliert werden könnte: Der Papiertext soll genauso im Digitalen stehen können, während der digitale Text genauso auf Papier stehen kann – in beide Richtungen schnell den Vorgaben des kommerziellen Vertreibens folgend. Wenn schon aus dem Digitalen Texte kopiert werden müssen, in einen Bereich, der andere Eigenschaften hat, warum ‚kopiert’ man nicht diese Texte in Buchstabenbücher hinein.

Die Eigenschaften von Twitter und Buchstabenbuch sind gegensätzlich verbunden, somit ist es unmöglich, dass sich eine erfolgreiche Simulation des anderen Mediums vorgestellt werden kann. Der digitale Text ist im Buchstabenbuch unmöglich weiter als Twitter-Text zu erkennen. Als vergleichbare (Kürze) und doch radikal nicht entsprechende Papierversion von Twitter-Texten kann das Buchstabenbuch die spezifischen Eigenschaften der anderen Form bewusst machen und somit paradox ausdrücken. Verdreht eignet sich das Buchstabenbuch als Papier-Twitter oder eben als analoges Twitter.


[Eine weitere und allgemeine Eigenschaften der Form Buchstabenbuch ist bildnerisch. Die zu Körper gewordenen Buchstaben geben das Material zu Skulpturen, die aus dem Einblick und Durchblick durch die aneinandergereihten Buchstaben entstehen.]


Der Unterschied des Buchstabenbuches sowohl zum Digitalen als auch zum herkömmlichen Buch (allgemein gesagt zu Schrift) ist seine Materialität. Das Unsichtbare, das Medium, wird hervorgeholt. Unsichtbar bedeutet nicht Fehlen, sondern, dass etwas, das vorhanden ist und das Wirkung hat, nur auf den ersten Blick nicht erscheint. Im Sichtbarmachen wird die Grundlage für die herkömmliche Aussageweise von Buch und Schrift zur Darstellung gebracht. Das Buchstabenbuch trifft eine abstrakte Aussage: Die Bedingungen, wie Buch und Schrift möglich sind, werden dargestellt.

Neben der allgemeinen und abstrakten Aussage des Buchstabenbuches, besteht auch eine bestimmte und konkrete Aussage (Inhalt). Denn Buchstaben (als Möglichkeit bestimmtes auszusagen) formen Seiten, woraus die abstrakte Aussage entsteht: Aus dem Konkreten entsteht das Abstrakte und umgekeht.

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