Blind Fist, Das Buch zum Film: Was hat sich zwischen erster und zweiter Auflage verändert?
Blind Fist, Das Buch zum Film: Was hat sich zwischen erster und zweiter Auflage verändert?
Ein Buch zum Film zu schreiben hatte wirklich die Absicht ein Buch zum Film zu schreiben. Es sollte nicht das gleiche Thema in verschiedenen Medien (Film, Buch) erzählt werden, sondern die Reihenfolge, dass zuvor der Film war und anschließend dazu ein Buch geschrieben wurde, im Buch einen Ausdruck finden. Im Buch wird der Film nacherzählt, so wie der Film auf dem Bildschirm erscheint, so als ob der Zuseher vor dem Fernseher sitzt und mitschreiben würde. Nicht die Ereignisse um Blind Fist werden geschildert, sondern das Sehen der Ereignisse um Blind Fist. Das bedeutet, dass das Buch nicht nur Nacherzählen ist, sondern auch im Erzählen die Situation des Sehens eines Filmes nachmachen will (imaginiert nachmachen will). So will das Buch zum Film sein.
Um dieses Ziel zu erreichen, muss das Protokolls des Gezeigten die Unmittelbarkeit erreichen, in der ein Film dem Zuseher entgegentritt.
Das Buch zum Film versucht mit verschiedenen Mitteln Unmittelbarkeit zu erreichen. Eines ist die Verwendung der Gegenwart als Zeitform. Für einen Zuseher eines Filmes ereignet sich was am Schirm passiert in der Gegenwart, es wird ihm unmittelbar vorgeführt (imaginiert, denn die Bildschirmscheibe ist das Trennende und das Dargestellte mag so lebendig erscheinen wie es will, es bleibt doch flach und auf die gezeigte Situation eingeschränkt). Wenn das Buch aus der Perspektive des Sehens geschrieben sein will, will es die Situation des Sehens verdoppeln und an den Leser weitergeben – wird als Versuch dazu die Zeitform verwenden, die der Situation entspricht. Das Buch zum Film verwendet die Gegenwart. Ein zweites Mittel sind aus dem Text zeigende (deiktische) Ausdrücke wie ‚dort‘, ‚hier‘, ‚jetzt’ und Demonstrativpronomen, bestimmte Artikel und Namen und so weiter. Die Figur im Film zeigt auf ihre Umgebung, die die Kamera (ausschnittsweise) ebenfalls eingefangen hat. Ein Text hat nicht diese Möglichkeit, das Vorhandene ist beschränkter. Die Verwendung von aus dem Text weisenden Ausdrücken wird in vielen Fällen nicht auflösbar sein, kein Objekt mit den Ausdrücken verbunden werden können. Will die Situation des Sehens eines Filmes im Erzählen eines Textes nachgemacht werden, wird es sich anbieten trotzdem solche auf die Umgebung weisende Wörter zu verwenden – wird man mit dem ersten Blick (Auflage) meinen. Aber damit sind wir schon bei der Frage nach den Veränderungen zwischen den beiden Auflagen: Denn in erster und zweiter Auflage hat sich die Verwendung der zeigenden Wörter geändert.
Gleichbleibend ist allerdings hier wie da (in der ersten und in der zweiten Auflage) das Ziel Unmittelbarkeit zu erreichen. Unterschiedlich sind die Mittel wie diese erreicht werden kann – im Weg nicht im Ziel unterscheiden sich die beiden Versionen.
Neben diesen beiden erzählerischen Details kann man die Situation des Sehens des Film ganz allgemein in den dargestellten Inhalten sehen: Das Buch weiß nur das, was der Film auf dem Bildschirm erscheinen lässt und zusätzlich nur zu der Zeit, zu der es erscheint. Die Inhalte sind an den Film und seinen Ablauf gebunden.
Wie kam es zur zweiten Auflage?
Speis.Inc produzierte ein Hörbuch aus dem Buch zum Film. Hörend wurde dem Extrablatt-Verlag klar, dass der Text einer Überarbeitung bedarf. Vorgelesen werden die Stellen aufgedeckt, die nicht funktionieren. Bei ihnen kommt die Stimme des Vorlesers ins Schlingern und somit wird klar, dass an der Stelle etwas geändert werden muss. Neben dem offensichtlichen Vorführen solcher Stellen, die nach einer Überarbeitung verlangen, können bei einer Überarbeitung auch Entscheidungen für konzeptionelle Veränderungen getroffen werden. Anschließend sollen Beispiele für solche Veränderungen aufgezählt werden und die Konsequenzen (Bedeutungsveränderungen) behandelt werden.
Nach der nötigen Reifungsphase erschien also im Mai 2022 die zweite Auflage. Die Reifungsphase kann in ihren wichtigen Meilensteinen angegeben werden. Film 2017; Buch zum Film erste Auflage 2018; Hörbuch 2021.
Beispiele für Veränderungen und welche Folgen sie haben:
[Folgende Beispiele sind die ersten Veränderungen zwischen den beiden Auflagen: Die Beispiele wurden einzig chronologisch ausgewählt, aber jede Veränderung sollte aussagekräftig für die grundsätzliche Veränderung zwischen den beiden Auflagen sein. Jedes Element (auch das zufälligst ausgewählte) gibt Auskunft über einen Text.]
‚Und dem gehen sie auch an diesem sonnigen Samstag nach.‘ (1. Auflage)
‚Diesem Geschäft gehen sie auch am jetzigen sonnigen Samstag nach.‘ (2. Auflage)
Der ungewisse Bezug (‚dem‘) wird durch ein Substantiv (‚Geschäft’) ersetzt, das mit ‚diesem‘ zusammenfassend auf den vorangehenden Absatz verweist. Bestimmte Artikel (‚dem‘) verweisen auf Vorhandenes und Bekanntes. Die Bezeichnung des Gegenstandes muss nicht wiederholt werden, da der Gegenstand schon als bestimmter und unterschiedener eingeführt ist, beziehungsweise auf den Gegenstand gezeigt wird. Die Formulierung der zweiten Auflage (‚diesem Geschäft‘) ist ein den Text verknüpfendes (zusammenfassendes) Demonstrativpronomen und ein abstrahierendes Substantiv (das ebenso den Effekt der Verknüpfung des Textes hat). Der Verweis in die Umgebung durch den unaufgelösten bestimmten Artikel wird durch einen Verweis innerhalb des Textes ersetzt.
Der Konnektor (‚und‘) am Satzanfang ist in der zweiten Auflage gestrichen. Folge ist, dass die chronologische Abfolge der Ereignisse weniger betont ist. Im Gegensatz wird die innere Verbindung des Textes wichtiger. In der zweiten Auflage steht ‚diesem‘ an der ersten Position des Satzes. Das den Text verknüpfende Demonstrativpronomen steht somit an der herausgehobenen ersten Position des Satzes. Die erste Position (Thema) erfüllt in den meisten Fällen die Verbindung des Satzes an das Rhema (die hinzugefügte neue Information) des vorangegangenen Satzes. Indem nicht mehr der Konnektor – der zeitliche Ordnung herstellt – an der für die Verknüpfung wichtigen ersten Stelle steht, sondern ein explizit inhaltlich anknüpfendes Wort (das Demonstrativpronomen) verschiebt sich die Verknüpfung vom Ablauf der Ereignissen (außerhalb des Textes) hin zu einer inneren Verknüpfung des Textes. Diese Veränderung bedeutet auch eine Verschiebung weg von der zufälligen äußeren Ordnung. [Beispiel dafür, dass auf offensichtliches nicht hingewiesen werden muss: Der Ablauf der Ereignisse ist etwas offensichtliches. Wird trotzdem auf offensichtliches hingewiesen, ist es nicht mehr offensichtlich – nicht mehr unmittelbar. Vgl. Abschluss.]
‚Diesem Samstag‘ wird mit ‚jetzigen Samstag‘ ersetzt. Die Referenz aus dem Text wird mit der Veränderung genauer. ‚Diesem‘ bezeichnet irgendeinen Samstag, der der ist, den die Figuren gerade erleben (auf den sie zeigen – aus dem Text zeigendes Demonstrativpronomen). ‚Jetzt‘ bringt zum Ausdruck, dass Figuren im Film, Zuseher des Films (Erzähler) und Leser des Buches sich auf einer (imaginären) gleichzeitigen Zeitstufe befinden; nicht einzig auf einer, auf die die Figuren zeigen. Ergebnis ist eine allgemeinere Bezeichnung der Gegenwärtigkeit. Die Gegenwart gilt nicht nur für eine bestimmte Gruppe im Komplex des Buches: Das relative Zeigen wird allgemein, der Bezug der Figuren aus dem Text gemildert.
‚Doch in dieser Stadt ist er nicht alleine, …‘ (1. Auflage)
‚In dieser Stadt ist er nicht alleine.‘ (2. Auflage)
In der zweiten Auflage ist der Konnektor (‚doch‘) gestrichen. Der Satz beginnt schlicht mit der Aussage. Das Verwenden von Konnektoren schließt zumindest in einem gewissen Umfang einen Überblick über die beiden verbundenen Elemente ein; und so auch über das erst folgende Element. Ohne dieses Wissen könnte nicht der passende Konnektor, der das (logische, zeitliche, ) Verhältnis der Elemente ausdrückt, gewählt werden. Das Verwenden von Konnektoren bedeutet zumindest in einem gewissen Umfang ein Wissen über die weitere Entwicklung der Handlung. Die über die Situation hinausgehende Verbindung des Konnektors drückt ein abgeschlossenes Wissen über die Ereignisse des Textes aus. Damit wird die Gegenwart verlassen, was einen Gegensatz zu Unmittelbarkeit darstellt. In Unmittelbarkeit kann nur das unmittelbar Vorhandene (bzw. das aus diesem Ableitbare) gewusst und dargestellt werden. Die zweite Auflage streicht den Konnektor, erhöht die Unmittelbarkeit im Ausdruck.
In der zweiten Auflage ist die Satzlänge kürzer. Der Satz enthält nur eine schlichte Aussage, dass ‚er‘ nicht alleine in der Stadt sei. Unmittelbar Gesehenes wird in einer Einheit ausgedrückt. In der zweiten Auflage werden die Beschreibungen der Tatsachen in kurzen Sätzen angegeben. Längere Sätze bedeuten einen gewissen Überblick über mehrere Ereignisse: Der Satz muss in seinem syntaktischen Zusammenhang richtig konstruiert werden, womit verschiedene Ereignisse (die zu verschiedenen Zeitpunkten passieren) in eine grammatikalische Abhängigkeit geraten. Um den Satz korrekt bilden zu können, muss über die späteren Aussagen schon am Beginn Bescheid gewusst werden. Die Verbindung durch die Grammatik formt (verändert) die Aussage, stellt eine Verbindung von dem gerade Passierenden in die Zukunft dar. Neben der Schilderung der oberflächlichen (sichtbaren) Tatsachen gibt es solche Sätze, die Einordnungen der Tatsachen oder Reaktionen darauf darstellen. Diese Sätze sind auch in der zweiten Auflage länger, da sie in größeren inhaltlichen Abhängigkeiten stehen, Verhältnisse zum Ausdruck bringen müssen, die einzig in komplizierteren Sätzen ausgedrückt werden können. Ergebnis ist die Abwechslung zwischen kurzen und langen Sätzen. Dieses Wechselspiel ist in der zweiten Auflage vereinheitlichter, um Unmittelbarkeit (Gegenwärtigkeit) besser zum Ausdruck bringen zu können.
Zusammenfassung zu den Veränderungen:
[Alleine von diesen zwei kurzen zufälligen Beispielen ausgehend, kann die Tendenz der Veränderung zwischen den beiden Auflagen gesehen werden. Die Beispiele werden abschließend zusammengefasst, die Tendenz benannt. Ergebnis davon wird sein, dass eine dritte Auflage des Buches zum Film nötig werden wird, denn ist einmal die Regel benannt, werden sich Abweichungen von ihr finden.]
Auf Unmittelbares muss nicht hingewiesen werden, wenn es Unmittelbares ist. Wörter, die Unmittelbarkeit ausdrücken – herkömmlich – sind kein Ausdruck von Unmittelbarkeit. In der zweiten Auflage wurde versucht diese Wörter zu löschen. Allgemein sind die durchschnittlich mit Unmittelbarkeit in Verbindung gebrachten Wörter aus dem Text zeigende Wörter. Diese Wörter zeigen auf Gegenstände, die unmittelbar vorhanden sind. Doch warum soll extra auf einen unmittelbar vorhandenen Gegenstand verwiesen werden (besonders mit einem für diese Situation besonderen Wort), wenn der Gegenstand doch unmittelbar vorhanden sein soll. In diesem Fall muss der Gegenstand gerade nicht weiter bezeichnet werden, sondern als unmittelbar vorhandener kann er auf die einfachst mögliche Art bezeichnet werden oder gar vorausgesetzt werden. Im Gegensatz zu den aus den Text weisenden Konstruktionen sind in der zweiten Auflage Verknüpfungen getreten, die innerhalb des Textes Verbindung herstellen. [Es kommt zu einem Widerspruch im Ausdruck von Unmittelbarkeit. Nicht die naheliegenden zeigenden Formulierungen führen dazu, sondern verschrobenere Ausdrücke ergeben Unmittelbarkeit. Gleiches könnte auch für solche Formulierungen behauptet werden, die schriftlich Mündlichkeit imitieren wollen.]
Neben verknüpfenden Wörtern sind in der zweiten Auflage auch solche Konstruktionen gestrichen, deren Ergebnis Abgeschlossenheit ist – also ein Wissen, das über die einzelne Situation in die Zukunft hinausgeht. Solches Wissen steht Unmittelbarkeit entgegen. Das Gegenteil von Abgeschlossenheit ist Offenheit, das Nichtwissen, was im nächsten Augenblick passieren wird. Ausdruck des Nichtwissens sind etwa Fragen. Fragen, was im nächsten Augenblick passieren wird. (Beispiel: ‚Vielleicht die Rettung?‘)
Die zweite Auflage mag also mit überarbeiteten Mitteln die Illusion der gleichzeitigen Unmittelbarkeit erzeugen; die Gleichzeitigkeit von dem Geschehen um Blind Fist, dem Sehen der Geschehnisse auf dem Bildschirm und dem Lesen der Geschehnisse im Buch.
Das Buch zum Film findet sich zum download auf https://www.kochverein.at/medien/extrablatt-verlag/ oder kann beim Extrabaltt-Verlag bestellt werden.
Ps. Übrigens Post 100. auf Schmettering-online
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