Ungarn für Durchreisende (zu Benedikt): Was hat sich zwischen erster und zweiter Auflage verändert?
Ungarn für Durchreisende (zu Benedikt): Was hat sich zwischen erster und zweiter Auflage verändert?
Eine Durchreiseanleitung zu schreiben hatte wirklich die Absicht eine Durchreiseanleitung zu schreiben. Ein Weg wird beschrieben, nicht der Ausgangspunkt, nicht links rechts, nicht der Endpunkt, schlicht die verbindende Linie. Die erste Auflage war Durchreiseanleitung im strengen Sinn. Somit wurde der Weg zwischen Wien und Pécs, hauptsächlich aber der schwierigste Punkt der Reise beschrieben: Kelenföld – der Ort des Umsteigens. Hinzugefügt waren drei Beschreibungen des Ziels aus alten Texten über Pécs (Beschreibung der Kohlenvorkommen – 1870, und zwei Reiseführer, aus den 60er und 80er Jahren). Damit war die erste Auflage an ihrem Ende. Alles weitere – versprach der Text – sollte vor Ort erledigt werden, ein menschlicher Reiseführer am Bahnhof warten. Dieser sollte Kleinkram wie Übernachtung, Verköstigung, Unterhaltung (die Sehenswürdigkeiten) anleiten.
Im Impressum der zweiten Auflage heißt es: der Text wurde aktualisiert, überarbeitet und erweitert; das strenge Verständnis der Durchreiseanleitung wird sich verändert haben.
Die Aktualisierung ist leicht zu erklären. Zwischen erster und zweiter Auflage vergingen zwei Jahre. In diesen ruhte immerhin der Reiseverkehr auf der beschriebenen Route zeitweise. Veränderungen überraschen somit nicht. Für die Reise tat sich eine neue Möglichkeit auf, die die Umsteigezeit in Kelenföld zum Verschwinden bringen kann. Der Gegenstand der Beschreibung – wie die Zeit in Kelenföld verbringen – fiel weg. Andere Probleme (die Abwiegung von Verspätung, Umsteigezeit und Wartezeit) taten sich auf. Schlicht, es wurde eine neue Anleitung nötig, sollte sie ihren Zweck weiter erfüllen können.
Überarbeitung und Erweiterung sind schwierigere Punkte, verändern sie den Text weitgehender als die Erneuerung, die in die gleiche Struktur neue Daten einfügt. In der Überarbeitung wurden hier und da Formulierungen geändert. Tendenz ist eher das Passiv als andere unpersönliche Formen (man) und das Entfernen von Bezügen auf den Autor. Motivation der Veränderungen ist stilistische Einheitlichkeit. Das Ziel ist Distanz, die mit dazugehörenden Strategien wie Ironie und Abschätzigkeit erreicht werden soll. Diese Eigenschaften sollten in der zweiten Ausgabe den Text besser prägen. Ob das Ziel erreicht wurde, bleibt im Aufgabenbereich des Lesers.
Erweiterung ist der offensichtlichste und gewichtigste Punkt in der Veränderung zur zweiten Auflage: Aus 20 Seiten wurden mehr als 50, der Umfang verdoppelte sich. Neben einer möglichen längeren Formulierung hier und da ist die Menge der Erweiterung auf neue Informationen zurückzuführen.
Erste Hinzufügung ist, dass aus dem Reiseführer aus den 80er Jahren neben der allgemeinen Vorstellung der Stadt auch praktische Hinweise angegeben werden. Die Durchreise durch Ungarn (Zug, Bus, Auto) wird auch für die Vergangenheit möglich. Die praktischen Hinweise der Vergangenheit hören nicht bei der Fahrt auf. Der Text will auch den Aufenthalt in der Stadt ermöglichen: wo kann ich wohnen, wo mein Auto tanken oder reparieren, wo essen, wo einkaufen.
Damit wird aus der Durchreiseanleitung der ersten Auflage ein Reiseführer in der zweiten Auflage. Es wird begonnen die Stadt selber zu beschreiben.
Wenn man beginnt für die Stadt selber Informationen in den Text aufzunehmen, kann nicht in der Vergangenheit stehen geblieben werden: Denn dem Reisenden ist es nicht zumutbar mit seinem Koffer plötzlich vor einem Bauzaun zu stehen, wenn er doch in das beste Hotel der Stadt wollte. Die Erweiterung auf das Praktische vor Ort führt zur Erweiterung in der Zeit – in die Gegenwart. Die zweite Hinzufügung der zweiten Auflage ist also: Wohin kann ich zum Essen und Trinken gehen in Pécs. Diese Frage wird in drei Kategorien behandelt. Mahlzeiten, Trinken untertags (Kaffee) und Trinken abends (Bier). Lokale werden genannt und kurz beschrieben, dass man aus der Menge eine möglichst begründete Auswahl treffen kann. Jeder der Abschnitte zu einer Kategorie beginnt mit dem Hinweis, dass im Zentrum (genauer auf der zentralen Fußgängerzone) es keine Lokale zu beschreiben gebe, da sie sich ganz offensichtlich aneinanderreihen, sie nicht weiter besonders sind. Es braucht das Zutun eines beschreibenden Textes nicht. Das gleiche gilt für die dritte Hinzufügung, denn es werden auch Sehenswürdigkeiten beschrieben: Im Zentrum ist das Schöne, Offensichtliche, Besondere sichtbar, es muss nichts weiter gesagt werden. Entsprechend wird nichts über zentrale Sehenswürdigkeiten (und Lokale) gesagt. Solche Sehenswürdigkeiten (und Lokale) werden angeführt, die der herkömmliche Tourist nicht im Augenblick finden würde, oder über die er schwer Bescheid wissen würde, oder solche, die nicht mehr existieren, oder die eher ungern besucht werden wollen (somit keine Sehenswürdigkeiten sind). Mit der Beschreibung können Orte gefunden werden, Orte in Lücken gesehen werden oder – über Orte gelesen werden, der Besuch sich erspart werden.
Die Durchreiseanleitung wird Reiseführer: Es wird auf die Gegenwart und praktische Informationen vor Ort eingegangen. Allerdings, nur dort – könnte man sagen – wo das Offensichtliche aufhört und das Spezielle der Person hinzutreten müsste, die sich im Ort auskennt.
Die Hinzufügungen zusammenfassend bedeutet es, dass die zweite Auflage praktisch und gegenwärtig geworden ist. Die erste Auflage führte als Durchreiseanleitung in eine abgelegene Stadt; die zweite Auflage führt als Reiseführer in der Stadt zu abgelegenen, eigenartigen und persönlichen Orten. Nicht mehr ausschließlich soll die Durchreise gelingen, sondern auch der Ort vorgeführt werden. Als Reiseführer macht sich die zweite Auflage von dem menschlichen Reiseführer unabhängig. Der Reisende ist nicht ausgeliefert, dass wirklich am Bahnhof die erwartete Person steht und die Stadt erklärt. Es kann das Heft aufgeschlagen werden und ganz ohne weiteres Zutun sich die Stadt (so wie es der Reiseführer tut) erklärt werden lassen. Die zweite Auflage lässt einen unabhängig werden und doch zu den persönlichen und abseitigen Informationen finden.
Ergebnis ist, dass in der zweiten Auflage ein herkömmlicher Text entstand, ein Reiseführer, der Anreise und die Zeit vor Ort (praktisch und touristisch und gegenwärtig) erklärt. Ergebnis ist ein gefälliger populistischer Text. Gleichzeitig ist das Ergebnis – durch Stil und Inhalt – eine Themenverfehlung in der Erfüllung der Textsortenvoraussetzungen (Reiseführer). Der Text wird zur Aufforderung ‚zuhause zu bleiben‘; da nur Mühen und Lücken auf einen warten; der Gegenstand kein begehrenswertes Ferienziel ist. Wenn der längste Eintrag zu einer Sehenswürdigkeit sich mit einem ‚Hochhaus‘ beschäftigt, dass schon seit Jahren nicht mehr existiert, kann der Reiseführer nicht als Reiseführer ernst genommen werden, oder wenn als einziges Denkmal ein Kraftwerk besprochen wird, das wie auf einem Podest steht, gleichfalls.
In der verschrobenen Erfüllung wird die zweite Auflage der Durchreiseanleitung zur Fortführung der Reihe des Extrablatt-Verlages ‚Mit alten Reiseführern durch …‘. Die Bände der Reihe leiten durch nicht bestehende (vergangene) Räume, die somit auch nicht bereist werden können. Folglich sind es Reiseführer, die gleich von zuhause gelesen werden können – dass die Mühen des Reisens nicht erlebt werden müssen, dass die Lücken (das Nichtsichtbare) nicht gesehen werden müssen. Die Vorstellung der fiktiven vergangenen Städte wird sich besser von zuhause, vom Sofa aus, einstellen. In die Reihe, die alte Reiseführer zum fiktiven Blick verbindet, ordnet sich die Durchreiseanleitung auch deshalb ein, da sie historische Vorstellungen der Stadt bietet: drei Mal werden stereotype (also nie zutreffende) Werbephrasen über die Stadt (die Vorstellung der Kohle ist doch auch Werbung) zum Besten gegeben. Die wiedergegebene Vergangenheit stellt gleichzeitig einen weiteren Bruch der Erwartungen (Aktualität) an einen Reiseführer dar.
Der Unterschied zu den anderen Reiseführern der Extrablatt-Reihe ist, dass die Vergangenheit allgemein über die Stadt und ihren Charakter spricht; nicht im Detail einzelner Sehenswürdigkeiten. Nicht das buchstäbliche Sprechen aus der Vergangenheit ist die Verbindung des Pécs-Reiseführers zur Reihe, sondern die Aufforderung es sich genau zu überlegen, ob es sich mit dem Reisen wirklich auszahlt.
Das Ergebnis (die zweite Auflage) ist ein unentschlossenes Produkt, zwischen Fahren und Bleiben, Durchreise und Reiseführer, verwendbar und unverwendbar, sehenswert und abstoßend, Gegenwart und Vergangenheit. Die Entscheidung, ob die Reise konkret wird, oder vom Sofa aus gemacht werden will, ist dann individuell: Ob man wegen dem Stress des Umsteigens fährt (oder gerade nicht), ob man wegen dem Mensch dort fährt (oder nicht), ob man wegen der Stadt fährt (oder nicht) – ob es den Aufwand des Reisens wert ist, oder das Sofa ausreichend ist.

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