Der Schmettering blickt auf die Ausstellung 4 Semester, Buchstaben neben Vorlesungen zurück

Der Schmettering blickt auf die Ausstellung 4 Semester, Buchstaben neben Vorlesungen zurück


Nicht das Ergebnis der Ausstellung (welchen Eindruck sie machte) soll hier beschrieben werden, sondern der Weg, der zu ihr führte. Es wird keine Rezension geschrieben, sondern die Lehre aus der Ausstellung formuliert.


Zuerst müssen die Objekte hergestellt werden, die ausgestellt werden. Das ist ein relativ komplexer Prozess, der als solcher jetzt irrelevant ist. Vielmehr ist für die Ausstellung das Interessante, wie aus fertigen Objekten eine Präsentation zusammengestellt wird, welche relativ komplexen Überlegungen dabei zu beachten sind. Dass diese Überlegungen bestehen, dass man nicht einfach die Objekte in den Raum montiert, ist die erste Lehre, ist die erste Neuigkeit, die herauszustreichen ist. Wie diese Überlegungen für die besprochene Ausstellung aussahen, soll in diesem Text behandelt werden.

Es wird wenig überraschen, dass jemand, der meinte, dass Überlegungen zur Ausstellungsgestaltung nicht existieren, die einzelnen Überlegungen nicht treffen konnte. Im Fall der besprochenen Ausstellung brauchte es somit eine Kraft von außen, die sich im Galeristen der A Baranca Gallery fand. Er saß im Raum und gab wie nebenbei Anweisungen, fügte wie nebenbei die entscheidenden gestalterischen Eingriffe hinzu, dass aus einer Ansammlung an Objekten eine Ausstellung wurde.


Erste Überlegung ist wie der Blick durch den Raum geht, wie der Raum betreten wird. Man tritt durch eine Tür in den Raum ein. Einem gegenüber ist eine Wand, die zu einem Großteil von Fenstern eingenommen ist, die rechte Wand schließt den Blick ab. Den Blick zieht es also nach links, in den Raum hinein – weg von der rechten Wand, weg von der kurzen Fensterwand, hin zur linken Wand. Diese linke Wand (mit der Nummer eins versehen) liegt von der Tür betrachtet nicht in ihrer Gesamtheit vor einem, sondern in einem nach rechts verschobenen Ausschnitt. Neben dem Erkennen der Blickrichtungen – und so der Nummerierung der Wände – muss die Verschiebung der Mitte der ersten Wand erkannt werden: Das Objekt kann nicht einfach in die absolute Mitte der Wand gehängt werden, sondern in die relative – muss nach rechts verschoben werden.

Die Verschiebung nach rechts ist mit der ersten Wand vorgegeben. Damit bietet es sich an die Verschiebung über die weiteren Wände fortzusetzen. Alle Objekte werden nicht in die Mitte der Wand montiert, sondern etwas nach rechts verschoben. Ergebnis ist ein Zusammenhang zwischen den Objekten und – viel wichtiger – eine Blickführung, ein Überleiten vom einen zum nächsten.

Zweite Überlegung: Vor den Wänden (vor den Objekten) sollen kleine Tischchen stehen, auf denen in Kopien die an der Wand hängenden Objekte liegen – zum Angreifen liegen, zum Durchblättern liegen. Frage ist, wie die Tische platzieren. Die einfache Sache wäre sie ganz an die Wand zu rücken. Doch warum soll ein Element einer Ausstellung aus dem Weg gerückt werden, warum ist es dann in der Ausstellung. Die Tische stehen nicht an die Wand gerückt, sondern in circa zehn Zentimeter Abstand von der Wand. Das Präsentierte ist in den Blick des Betrachters gerückt.

Weitere Überlegungen würden das Licht in der Ausstellung betreffen. Bei der besprochenen Ausstellung waren die technischen Möglichkeiten allerdings so begrenzt, dass die Gestaltungsmöglichkeit des Lichtes wegfiel.


Nicht nur in der Gestaltung der Ausstellung gibt es Überlegungen zu treffen, sondern auch in der Gestaltung des Ausstellungsabends (Vernissage). Die Objekte hängen nicht alleine herum, sondern sie müssen wiederum präsentiert werden, in den Blick gerückt werden.

Die klassische Variante ist das individuelle Gespräch, dass über die Objekte gesprochen wird, dass sie erklärt werden, dass Fragen beantwortet werden, dass über das Entstehen gesprochen wird. Das Gespräch ist ohne Organisation möglich, dann bleibt es hingegen individuelles Element. Die Rede, das Podiumsgespräch wäre die auf ein größeres Publikum übertragene Form des individuellen Gesprächs. Sobald sich an mehrere Personen gerichtet wird, bedarf es Organisation und Vorbereitung. Da muss sich nicht nur überlegt werden, was gesagt wird, sondern auch wie und wo.

In einem kleinen Raum ist eine Verstärkung der Stimme nicht möglich. Damit fällt das Zeichen, dass jemand spricht, das das Mikrophon auch ist, weg. Es ist nicht sichtbar, wem Aufmerksamkeit geschenkt werden soll. Die Überlegung in der Ausstellungsgestaltung wäre dieses Zeichen anders (auf eine passende Art) zu ersetzen. Welche wäre passender als das Mikrophon zum Scheinwerfer zu machen, der Sprechende eine Lichtquelle in der Hand hat, die in der Form eines Mikrophons gestaltet ist. Der Sprecher ist beleuchtet und offensichtlich ist, dass es er ist, dem die Aufmerksamkeit geschenkt werden soll. Er steht mit diesem einfachen, und doch so schwierig zu überlegenden Trick, sofort im Zentrum.

Ergänzt wird die Ausstellungsgestaltung mit der Umgebung. Verköstigung ist nett, aber ein einfacher Gedanke. Spezielles ist es, das für eine spezielle Umgebung sorgt. Die Überlegung bei der Ausstellung war eine Schreibmaschine in das Eingangszimmer zu stellen, mit der Bitte, dass die Gäste ihre Reaktionen eintippen. Wie mit der Rede entsteht somit ein Ereignis, es passiert etwas in der Ausstellung. Dieses Ereignis ist eines, das die Besucher machen, der auf den ersten Blick inaktive Teil der Ausstellung wird aktiv – von der anderen Seite (die des Künstlers, die der Galerie) betrachtet, bedeutet das Aktivwerden, dass Reaktionen festgehalten werden. Doch im Gästebuch wäre noch nichts spezielles gefunden. Das Spezielle ist die Verwendung der eigenartigen Technologie Schreibmaschine – kein Buch, kein Computer – das machte es besonders.


Die Überlegungen gemeinsam fügen sich zusammen zu einer gelungenen Ausstellung. Eine gelungene Ausstellung bedeutet, dass die Objekte (also der Inhalt der Ausstellung) besser im Zentrum stehen und sie besser in Erinnerung bleiben. Die Überlegungen – das Gestalten der Ausstellung – haben erheblichen Anteil am Erfolg der Ausstellung.

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