Nichtwissen in Literatur -- die erste Gemwielder Novelle

Wie funktionieren Gem, Gembearer, Sources, wie hängen die Kräfte zusammen, wie sieht die Welt aus, in der all das existiert?

Die erste Gemwielders-Novelle (The Bane of New Linden) sucht nach diesen Grundlagen, verspricht die Grundlagen der magischen Kräfte des Kartenspieles zu erklären. Zwei Schulkinder und Geschwister (Zete, Eno) bekommen ihren Gembearer während eines Angriffs auf ihre Heimatstadt, wodurch sie gezwungen sind die Macht der Waffe zu erforschen und verwendbar zu machen. Woher die Kräfte kommen, warum und wie sie sich in den Waffen verbinden, können die Kinder nicht herausfinden – aber sie erleben es (was wir in spannenden Schlacht- und Abenteuerszenen nachvollziehen können).

Für jeden Gembearer in dieser Welt ein Muss, um zu sehen woher Thicket, Spark usw. kommt, wie die Hintergründe des Kartenspieles funktionieren.



Nichtwissen in Literatur

Stellen wir uns die Situation von Zete und Eno vor: Sie leben in einer fliegenden Stadt, in einer Wolke. Die Physik (oder diverse technische Möglichkeiten) werden anders sein, als wir die Regeln der Gravitation usw. kennen. Eine fliegende Stadt können wir uns vorstellen: Es ist vorstellbar, dass die nächste mehr oder weniger nützliche ‚Erfindung‘ von Elon Musk eine fliegende Stadt ist, weil das Erlebnis durch eine Wolke zu gehen so viel toller ist, als durch eine Asphaltstraße oder einen Wald. Ins Flexible, Unstabile wird ein fester Boden eingezogen und fertig, schon können Häuser und Straßen in der Wolke gebaut werden. In der Welt von The Bane of New Linden existiert die Innovation bloß schon.

Die Verbundenheit der nicht so anderen Welt zu der bekannten wird ebenfalls daran sichtbar, dass die Organisation der Gesellschaft vorstellbar ist: Menschen könnten auf die in der Novelle beschriebene Art zusammenleben oder es könnte ein solches Zusammenleben gegeben haben:

Die Kinder Zete und Eno leben getrennt von ihren Eltern. Ihren Vater (auch ein Gemwielder) kennen sie kaum. Die Mutter lebt zwar in der Stadt, doch die Stadt ist so organisiert, dass kollektiv sich um die Kinder gekümmert wird: Die Kinder leben gemeinsam, werden zusammen erzogen und erhalten zentralisiert entschieden ihre Ausbildung. New Linden (die Stadt von Zete und Eno) verwirklichte gegen das wahrscheinlich diktatorisch unterdrückende Imperium eine kollektivistische Utopie, die die Founding Fathers in einem Aufstand in den Wolken verwirklichten. Neben dem kollektivistischen Aufbegehren gegen das Imperium werden weitere Organisationsformen vorgestellt: Die Gewalt der Piratin, die Zurückgezogenheit der Mönche oder des im Thicket versteckten Dorfes. Alle Formen des Zusammenlebens könnten oder verwirklichten sich in der bekannten Welt.

Physik in den Wolken und die Gesellschaft stellen mehr oder weniger Bekanntes dar, Sachen, die existieren könnten. Bekanntes und Mögliches muss in Literatur nicht unbedingt erklärt werden (und so die Physik und Gesellschaft von New Linden). Wenn etwas unklar bleibt, helfen wir mit der eigenen Erfahrung der Welt aus – füllen die Lücken. Das Nichtgesagte stellt kein Problem dar, aus anderer Quelle ergänzt sich das fehlende Wissen. Folge ist, dass Literatur nicht bis ins letzte Detail erklären muss, auf der Oberfläche besteht Nichtwissen, das sich aber wie selbstverständlich auflöst.


Wird es magisch, stellen sich diese Fragen anders. Wir können uns nicht vorstellen, dass durch Innovation magische Kräfte in die bestehende Welt hinzutreten – wie die Wolkenstadt hinzutritt. Neuerfindungen können zwar wie magisch erscheinen, aber das, was sie magisch erscheinen lässt, bleibt äußeres, hinzugefügtes an ihnen; wodurch es sich nicht um Magie handelt. Magie ist Kraft, die aus einem Gegenstand (oder Person) selbst entsteht. Das ein Hammer oder eine Pistole plötzlich Gembearer sind und nur von bestimmten Personen bedient werden können, ist Magie, ist etwas, das der Erfahrung auf dieser Welt entgegensteht.

Zusammenhängend ist das Problem der Erklärung. Sachen, die nicht existieren können, müssen erklärt werden, sonst würde die magische Welt unverständlich bleiben. Man erwartet sich von Science-Fiction Literatur, dass sie mit ihren Erklärungen umso genauer und ausführlicher ist, sie muss umso genauer und ausführlicher sein: Die unverständliche Magie muss erklärt werden, dass die dargestellte Welt – und somit der Text – verständlich wird.

Das Kartenspiel Gemwielders gibt magisch Unverständliches vor: Wie funktionieren die Gems, Gembearer, die Sourcen, Angreifen und Verteidigen, Modifications, Spells; wie eine Welt, in der derartiges existiert. Im Kartenspiel bleibt das Unverständliche Spiel, muss sich nicht zu einer zusammenhängenden und nachvollziehbaren Welt zusammenfügen: für Unterhaltung ist so oder so gesorgt. Wird sich trotzdem über die Hintergründe gewundert, wird (und kann) man sich an die Vorstellungs- und Darstellungskraft der Literatur wenden, an die erste literarische Darstellung der Welt der Gembearer und Gemwielder, an die Novelle The Bane of New Linden. Mit der Kraft eine magische Welt zu erschaffen geht die Verantwortung einher, die Magie der anderen Welt zu erklären.


Die Erwartung an Erklärung löst die Novelle nur begrenzt ein. Warum?


Zete und Eno (die als Gemwielder magische Kräfte haben) sind Kinder, die ein alltägliches Leben in New Linden führen: Sie gehen zur Schule, lernen einen Beruf; nichts unterscheidet sie grundsätzlich von den anderen Kindern der Stadt. Weder sie noch die Allgemeinheit wissen über die eigenen speziellen Fähigkeiten Bescheid, noch über die Existenz von Magie. Es wird schlicht in einer Welt gelebt, in der fliegende Städte bestehen. Ausgangssituation der Novelle ist Nichtwissen, bei den Helden, in der Gesellschaft.

Plötzlich, durch den Überfall auf die Stadt, verändert sich die Situation. Für die Verteidigung wird sich aller Möglichkeiten erinnert: Der Lehrer der Kinder bewahrt aus irgendeinem Grund für die Kinder bestimmte Gembearer auf (wohl vom Vater kommend). In der Not überreicht er sie – als sich die Kinder bereits auf einem Fluchtschiff befinden. Das Schiff schafft die Flucht nicht, wird getroffen und stürzt ab: Die Zwischenzeit ist kurz, womit nur wenig Zeit für Erklärungen bleibt. Nur einige Basisinformationen kann der Lehrer den Kindern vermitteln – zusätzliches Problem ist, dass der Lehrer sein Wissen auch nur vom Hörensagen weiß, keine sicheren Informationen weitergeben kann.

Abgestürzt, und so den Lehrer verloren, sind Zete und Eno auf sich gestellt. Sie kommen in ein Dorf, wo die Magie näher und offener ist, was aber nicht bedeutet, dass offener darüber gesprochen wird – ganz im Gegenteil. Die Älteste des Dorfes spricht umso zweifelhafter und scherzvoller verwirrender, in Andeutungen. Nächste Station für die Kinder ist ein verlassenes Kloster, wo sie sich von den Mönchen Aufklärung erhofft hätten. Sie finden keine Auskunft, aber aus unerklärlichen Gründen fügen sich in die Gembearer Gems: In einer Höhle versuchen die Kinder jeweils ein Problem zu lösen und aus einer Kombination an Umständen (welche es genau sind, kann nicht gesagt werden) kommt ein Gem (welcher, warum genau dieser?) in den Gembearer. Die Kraft wird den Kindern offensichtlich, sie kann verwendet werden, aber ein Wissen darüber entsteht nicht. Für den Kampf um die eigene Stadt ist das ausreichend. Sie kehren in die Stadt zurück und bekämpfen erfolgreich die Piratin, die die Stadt überfiel.

Im Verwenden der magischen Kraft lernen die Kinder über die magische Kraft. Abstrakte Informationen erlangen sie dabei nicht, sie erfahren die Kraft. Würden sie gefragt werden, was sie machen und warum sie das machen können, sie können keine Antwort geben, sie könnten nicht erklären, was vorgeht – sie machen einfach.


Genauso unverständlich wie Zete und Eno die Magie der Gems bleibt, bleibt sie auch für den Leser: Das Funktionieren der Magie wird nicht erklärt.

Würden die Hintergründe der Magie in der Novelle erklärt werden, könnte sich der Erzähler nicht auf die Kinder berufen, sein Wissen müsste jenseits der Kinder bestehen. Er müsste mehr wissen als die Figuren. Er würde etwas erklären, was die Figuren nicht wissen, deren Horizont übersteigt. Die Frage würde sich auftun, warum weiß der Erzähler das, hat ein Wissen, das in der erzählten Welt verborgen zu sein scheint. Folge des Erklärens wäre, dass der Erzähler der erzählten Welt fremd wäre, aus einer anderen (einer darüber fliegenden) Welt kommen würde. In der Welt kann zu dem Wissen nicht gekommen werden, würde trotzdem erklärt werden, würde das Wissen verordnet werden. Ergebnis wäre eine große Entfernung zwischen Erzähler und Figuren, zwischen Erklären und Welt.

Dass in der Novelle die Magie nicht erklärt wird, ergibt sich also aus der Situation des Textes: Da die Figuren nicht über die Magie der Welt Bescheid wissen – es sich um Kinder einer Welt handelt, die ohne Magie zu sein scheint – kann das Funktionieren der Magie nicht erklärt werden. In dem Nichtwissen der Erzählung nimmt diese die Situation der Kinder ein und erkundet mit ihnen gemeinsam die Funktionsweise der Magie. Schritt für Schritt erfahren die Kinder die Magie, Schritt für Schritt wird die Magie dem Leser vorgeführt. Die Erzählung verordnet kein feststehendes Wissen über das Funktionieren der Welt, sondern erkundet sie. Dabei bleiben Lücken, Unerklärtes. Wie die Kinder mit Unwissen leben müssen, muss sich der Leser damit abfinden – oder wie die Kinder versuchen aus der Erfahrung auf mögliche Regelhaftigkeiten zu schließen.

Für weitere Informationen über das Funktionieren der magischen Welt wird auf weitere Erfahrungen von Figuren gewartet werden müssen. Und Fortsetzungen der ersten Novelle sind versprochen: Verbindung mit The Bane of New Linden wird wohl sein, dass nicht erklärt wird, sondern vorgespielt wird.


The Bane of New Linden kann auf der Seite von Gemwielders heruntergeladen werden (bei Anmeldung für den Newsletter kostenlos): https://gemwielders.com/

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