Das Grab von Ivan Lendl
Er fährt mit dem Zug von Pécs nach Budapest und liest ein Buch. Während dem Lesen lacht er wiederholt, fürchtet die Personen um ihn zu stören. Ihm gegenüber sitzt eine Frau. Ein halbes Jahr vergeht. Er sitzt mit dem Autor des Buches in einem Restaurant in Pécs. Er sagt, dass er das Buch im Zug von Pécs nach Budapest las. Der Autor liest ein youtube-Kommentar vor: Die Frau schreibt, ihr gegenüber im Zug las ein Mann ein Buch und lachte. Sie wolle sich das Buch besorgen.
Wie kann es sein, dass ein Buch so zum Lachen bringt, dass der lachende Leser im Zug zur Werbung wird? Lachendes Lesen ist deshalb besonders, da normalerweise Lesen (besonders im öffentlichen Raum: Vorlesen unerwünscht!) etwas stummes ist. Lachende Werbung ist deshalb besonders, da normalerweise Werbung für Bücher stumm wie das Buch selbst ist: Rezensionen sind Text (selbst wenn sie im Radio oder Fernsehen sind). Als Text versuchen sie von der Qualität des Buches argumentativ und geplant zu überzeugen. Lachende Werbung spielt hingegen vor, ist sinnlich wahrnehmbar und spontan, sie spricht emotional an.
Gegen die Konventionen der Stummheit wird verstoßen, da das gelesene Buch – seine Qualität – dazu zwingt. Die auferlegte Zurückhaltung der Konventionen wird unmöglich: Unmöglich beim Lesen von Paul Ferstls Roman Das Grab von Ivan Lendl.
Aber was könnte das Buch derart lustig machen, was könnte zu dem Konventionsverstoß führen? Der offensichtlichste Punkt zum Bruch, der Inhalt (was die Figuren reden), soll hier nicht behandelt werden, sondern Kleinigkeiten wie Erzählperspektive und Sprache sollen behandelt werden.
Die Erzählperspektive: Der Text steht in der dritten Person, ein Erzähler berichtet über die Ereignisse. Die Ereignisse sind allerdings solche, die mit Pich, mit einer Figur, in Verbindung stehen: Alles ist mit Pich verbunden. Was er macht und ihm passiert wird geschildert, seine Vorgeschichte wird angegeben, die Rückblicke gehen von ihm aus und führen zu ihm (wie Erinnerungen, die er Ivanka erzählen würde). Pich steht auf der Oberfläche der Handlungen erzählerisch im Zentrum (Beschreibung), genauso wie im Innenraum der Gedanken: Seine Gedanken und Bewertungen von Ereignissen und Figuren werden angegeben.
Ergebnis ist die dritte Person, die mit einer Figur (Pich) verbunden ist. Die dritte Person ist normalerweise mit umfassendem Wissen verbunden, nicht mit Einschränkung auf eine Figur. In der Schilderung der Oberfläche (der sichtbaren Handlungen) drängt sich die Selbsteinschränkung der dritten Person nicht auf, in der Schilderung des Innenraums aber sehr wohl. Nicht mehr allgemein sichtbares (wenn auch mit Pich verbunden) wird angegeben, sondern Informationen, zu denen ausschließlich eine Figur Zugriff hat. Im Gegenzug bedeutet das, dass alle anderen Innenräume für den Erzähler verschwinden – dieser hat keinen Zugriff darauf; es gibt einzig Pichs Gedanken und Bewertungen. Von der Oberfläche wird in Pich gesprungen, das Besondere und Eingeschränkte sichtbar.
Die dritte Person funktioniert nicht wie erwartet und ist trotzdem nicht die erste Person, die eigentlich mit dem beschränkten Wissen des Erzählers auf eine Figur verbunden wäre. Folge aus Wissen und Nichtwissen ist, dass der (häufige) Wechsel zwischen Innen (Gedanken) und Außen (Oberfläche) sichtbarer wird als es in einer durchschnittlichen Erzählung der dritten Person der Fall wäre. Durch die eingeschränkte Erzählperspektive wird das für den Text typische Wechseln zwischen Beschreiben und Bewerten (Außen und Innen) sichtbarer; abwechslungsreiches Erzählen wird vorgeführt.
Wechsel und Abwechslung bedeuten Unterhaltung; die Erzählperspektive selbst führt somit zum lachenden Lesen. Andererseits bedeutet Abwechslung Aufmerksamkeit: Wird ständig zwischen Beschreiben und Bewerten gewechselt, wird dem Text näher gefolgt, was nur bedeuten kann, dass dem Inhalt näher gefolgt wird, was nur bedeuten kann, dass dem zum lachenbringenden Inhalt näher gefolgt wird: Abwechslung vermittelt den Inhalt besser.
Der inhaltliche Witz des Textes baut auf Pichs trockenen Bewertungen seiner Umgebung auf. Trocken bedeutet, dass man etwas nahes aus einem eingenommenen entfernten Punkt betrachtet: Nähe und Distanz bestehen gleichzeitig. Nähe und Distanz sind aber auch Eigenschaften des Erzählens: Aus der Distanz der dritten Person werden nahe der Standpunkt und die Gedanken Pichs berichtet. Zum lachenbringender Inhalt und zum lachenbringende Darstellungsweise entsprechen einander, verdoppeln sich.
Die Sprache: Es gibt direkte Reden, die die Sprache der Zivildiener sind und es gibt verschiedene andere Formen (von anderen Redewiedergabeformen zu Erzählerrede), die sich von der Sprache der Figuren entfernen. Die Sprache der Zivildiener ist in erster Linie knapp, an Schweigen grenzend: Es wird gesagt, was gebraucht wird, eine Beleidigung hinzugefügt. Die Antwort ist auf die gleiche Art formuliert. Also, es wird nicht sonderlich häufig und viel gesprochen.
Ausdruck der lakonischen Sprechweise sind etwa die Namen der Zivildiener. Name ist hier im genauen Sinn zu verstehen: Er bezeichnet genau eine bestimmte Person, Unklarheiten sind ausgeschlossen – etwa durch zwei Personen, die den gleichen Vornamen haben. Methode zur exakten Bezeichnung sind (eigenartige) Spitznamen, die nur für eine Person Gültigkeit haben. Ebenfalls dem genauen Sinn des Namens entsprechend trifft der Namen eine Aussage über die Eigenschaft der Person: Der Name ist die Person, keine äußere Bezeichnung – Wort und Gegenstand entsprechen einander.
Die Art der Namen ist deshalb Ausdruck des lakonischen Sprechens, da in der Genauigkeit der Namen ein weiteres Sprechen überflüssig wird. Wenn im Namen Person und deren Eigenschaften bereits zweifelsfrei festgestellt und ausgedrückt sind, muss sich keiner weiteren Wörter bedient werden – deren Beziehung zum Gegenstand wiederum zweifelhaft wäre.
Wird gesprochen so sind häufige Orte von Gesprächen Autofahrten, die meist sich über Stunden erstrecken. Damit stellen die Autofahrten Situationen dar, in denen Gesprächen nicht ausgekommen werden kann: Stundenlang nebeneinander sitzend muss irgendwann zum Sprechen angefangen werden. Selbst in dem Zwang zu Sprechen bestehen die Gespräche nur zu oft aus Name und Adjektiv, dem Nötigsten (wobei die Beleidigung nicht vergessen werden darf – die den an die Existenz richtenden Charakter des Sprechens weiter unterstreicht). Selbst im Reden wird mehr geschwiegen.
Das schweigsame Sprechen ist Ausdruck des zentralen Problems des Romans: Angefeuert durch das ständige Schimpfen (verbales Angreifen) und den sich im Schweigen ausdrückenden Mangel an Gemeinsamkeiten (es gibt keine über die Arbeit hinausgehenden Verbindungspunkte, weshalb die Zivildiener auch nichts zum Reden haben, es handelt sich um Zwangsfreundschaften zwischen ihnen) bestehen tiefgehende Probleme zwischen den Zivildienern (denn Stärke und Macht besteht auch in der fehlenden Gemeinsamkeit, wenn nicht sogar gesteigert). Die Probleme können wiederum aus dem Mangel an Sprache nicht verhandelt werden, sie eskalieren zur Katastrophe (Vergewaltigung und Mord). Die Zivildiener haben keine Sprache, und wenn nur eine um sich gegenseitig zu beleidigen, die Katastrophe herbeizuführen.
Würde der Roman aus der Sprache der Zivildiener bestehen, würde in ihm mehr geschwiegen werden als Worte verwendet werden: Es würde kein herkömmlicher Roman entstehen. Da der Text sich im Rahmen des Herkömmlichen befindet, muss sich von der Sprache der Figuren entfernt werden. Es spricht ein Erzähler und zwar mit seinen eigenen Wörtern. Direkte Reden (direkt die Sprache der Zivildiener) stellen die Ausnahme dar, Erzählerrede ist Normalfall – in die (indirekte) Formen der Redewiedergabe eingebunden sein können.
In der Entfernung von der Sprache der Figuren finden sich fortlaufend hineingemischt Wörter der Figuren. So wie eine Figur einen Gegenstand bezeichnen würde, so macht es der Erzähler, er übernimmt das Wort, die Phrase: Plötzlich tritt im Lesen einem das dem Erzähler fremde Wort entgegen. Die sprachliche Entfernung von den Figuren bleibt mit der Einbindung der Sprache in Verbindung mit den Figuren: In der Entfernung (Distanz) ist der Erzähler den Figuren nahe. Die Abwechslung der Wörter bedeutet Abwechslung von Distanz und Nähe – genauso wie es auch in der Erzählperspektive sichtbar wurde.
Wie bei der Erzählperspektive sorgt einerseits die Abwechslung in der Sprache (woher die Wörter kommen) direkt für Lachen, andererseits indirekt, in der Ermöglichung und größerer Aufmerksamkeit für die Darstellung des zum lachenbringenden Inhalts. Direkt ist das Lachen mit Abwechslung verbunden; indirekt damit, dass die Figuren nicht sprechen können. Ihr Witz kann also nicht durch sie selber zum Ausdruck gebracht werden. Dafür braucht es die Veränderung durch den Erzähler, durch dessen Veränderung die Figuren zu sprechen beginnen können. Mehr als im schimpfenden Schweigen der Figuren (also direkt in der Sprache der Figuren) zum Ausdruck kommen könnte, kann durch die Einbindung der Sprache der Figuren in die distanzierte Erzählerrede zum Ausdruck kommen. Wenn das, was die Figuren sagen und machen zum Lachen bringt, ist die Darstellung des Inhalts entscheidend.
Die für den Roman typische Widersprüchlichkeit zwischen Distanz und Nähe (die sowohl in der Erzählperspektive als auch in der Sprache gültig ist) und das ständige Wechseln dazwischen ist das Element, das zum Lachen bringt: Gleich ob im Zimmer oder im Zug, der Roman hebt die Konvention der stummen Rezeption auf, lässt einen seine eigene Rezeption aufführen. Wenn man sich beim Lesen in der Öffentlichkeit befindet, wird man zwangsläufig zur lachenden Werbung für den Roman.
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