Merk-, Vokabel- oder Mal-Buch
Für die Lernende
Wie lernst du neue Wörter?
Als ich begann die neue Sprache zu lernen, setzte ich mich hin und ging Vokabel für Vokabel aus dem Sprachbuch durch und führte Listen. Inzwischen kann ich die Sprache halbwegs, habe einen Wortschatz, dass Kommunikation funktioniert. Trotzdem komme ich wieder und wieder auf solche Wörter, die mir fehlen. Doch bei ihnen sage ich mir, ich verstehe sie schon aus dem Kontext und irgendwann werden sie schon in meinen Wortschatz übergehen – sage ich mir. Vielleicht stimmt das auch, aber es ist ein langwieriger Prozess, während dem die Lücke im Wissen weiter besteht, Sprache und Kommunikation mangelhaft sind.
Dir fehlt die Organisation im Lernen. Es ist eine schöne Vorstellung, dass sich Weiterentwicklung von selbst ergibt, doch Unterstützung kann nicht schaden, nein, ist sogar notwendig; denn festhalten musst du die Momente, in denen du nur denkst zu verstehen.
Aber Organisation ist wie in der Schule, das ist wie am Anfang vom Lernen, darauf habe ich jetzt keine Lust mehr.
Aber nicht doch die, die Lernen für Lernen und Lehrer ist, für die Note im Zeugnis. Es ist nicht die Organisation nach Sprachbuchlektion und A bis Z. Hier in dieses Vokabelheft trägst du dir die Wörter in deiner eigenen Ordnung ein, aber in einer Ordnung. Es ist die Ordnung des Kontexts, du könntest auch sagen, die der Erfahrung. Wenn du die Sprache kannst, begegnen dir Wörter nicht eingepackt ins Sprachbuch, sondern hier und da, in diesem oder jenem Gespräch. Aber auf jeden Fall immer in bestimmten Situationen des Lebens (des Alltags); man könnte auch sagen die Wörter drücken die Situationen aus. Sprache hat Inhalt ist verknüpft. Warum also nicht diese Eigenschaft für das Lernen verwenden.
Das sagen sie in der Schule doch auch, da lernt man dann in Wortfeldern: die Küche neben dem Esszimmer und das Auto in der Garage.
Und was, wenn das Auto im Wohnzimmer steht, dann kennt sich der Schüler schon nicht mehr aus. Und außerdem kannst du diese Worte ja schon. Du musst deine eigenen Zusammenhänge bilden, die üblichen Situationen aus der Schule gibt es für dich nicht mehr: Erfahrung und Kommunikation ist speziell. Dafür hast du im Heft nicht die üblichen zwei oder drei Spalten, sondern vier: Wort und Wort und Beispielsatz, sondern auch Kontext soll vermerkt werden. Das Wort wird ins Leben verknüpft und somit in die Erinnerung.
Gut, das ist nachvollziehbar, aber was soll dann das Spezielle an diesem Heft sein, dafür brauche ich doch nur ein Blatt Papier.
Neben der Verknüpfung zur eigenen Erfahrung gibt das Vokabelheft aber noch zwei weitere Verknüpfungen, die das Heft selber gibt, nicht deine Erfahrung hinzufügt. Zuerst: Die Seiten sind nicht herkömmlich nummeriert, sondern sie sind mit einem Datum versehen – jeder Tag des Jahres eine Seite. Die Wörter verknüpfen sich mit Jahreszeiten, werden Kalender oder Tagebuch: dass du die Verbindung zur Erfahrung besser herstellen kannst. Danach: Jede Seite ist verschieden. Die Seiten stammen aus Kindermalbüchern und jede Seite zeigt die Konturen eines Ausmalbildes. Wenn du auf eine Seite ein Wort einträgst, wird das Wort mit einem individuellen Symbol verbunden. Im Erinnern kommt das Symbol zur Hilfe: Es ist nicht nur das Wort einer bestimmten Erfahrung, sondern auch das eines bestimmten Symbols – es ist das Feuerwehrauto-Wort.
Was soll ein Feuerwehrauto-Wort sein. Ich kann die Teile des Feuerwehrautos von Blinklicht zu Drehleiter aber schon benennen. Was soll ich dann dazu noch eintragen?
Wie du die Wörter einträgst, zu welchem Datum, zu welchem Symbol, das ist deine Aufgabe. Das ist die abstrakte Verbindung, von der wir zuvor schon sprachen – es geht nicht um Wortfelder, es geht um persönliche Wortfelder. Das Bild auf der Seite ist einzig ein Symbol, das zur Wiedererkennung führen soll. Und wenn du willst, kannst du vom Schulkind den Buntstift ausborgen, dann kannst du die Ausmalbilder bunt machen, oder wie du sie für dein Lernen brauchst.
Okay, ich verstehe, ich denke, es ist einen Versuch wert. Bei dem Heft geht es also um die Verbindung in den Kontext: des Erlebens, des Ablaufs des Jahres, der individuellen Seiten. All das soll dem Erinnern und Einprägen helfen und somit der Verwendung der Sprache, dass ich organisiert und nicht zufällig lerne und doch im Verwenden ich die Sprache besser benützen kann. Umso mehr Verbindung und Einordnung umso einfacher das Lernen, antworten wir.
Für die Pädagogin
Sprache ist nicht ohne Inhalt zu denken. Das ist der Hintergrund jedes modernen Sprachunterrichts – Sprache wird als etwas verstanden, das verwendet wird, das Mittel zur Kommunikation ist. Der Kommunikative Sprachunterricht, hin zu Fachunterricht in der Fremdsprache oder Handlungsorientierter Sprachunterricht baut jeweils darauf auf. Im Fortgeschrittenen-Unterricht könnte man meinen, dass sich die Verbindung zu Inhalt von selber gibt: Es wird um Konversation gehen (oder schriftliche Formen davon). Die Sprache ist nicht mehr so sehr Problem, dass mit ihr nicht ausgedrückt und formuliert werden könnte: Inhalte können gefunden werden und die Sprache sie verwendend geübt werden. Ergibt sich ein Problem, kann es mit eigenen Mitteln umgangen werden – Umschreibungen, Fragen, selbstständige Lösungsstrategien wie Grammatik oder Wörterbuch stehen zur Verfügung. Die Probleme stellen gleichzeitig den Ansatzpunkt zur Weiterentwicklung dar, sie sind Lücken, die gefüllt werden müssen.
Dem steht entgegen, dass am Anfang des Sprachunterrichts mühsam Kommunikationsansätze erarbeitet werden müssen und sich durch Austausch geplagt werden muss (ohne wirklich etwas sagen zu können). Bei der Fortgeschrittenen ist es so, dass das Festhalten der weniger und weniger werdenden Probleme die Herausforderung darstellt. Man spricht und spricht, teilt mit und teilt mit, sieht das Problem, umgeht das Problem, vergisst das Problem: Parallel kann es für die Rezeption formuliert werden – das unbekannte Wort wird überhört und überlesen, der Text (mit Abstrichen) trotzdem verstanden. Das Problem wird in den meisten Fällen nicht weiter beachtet. Motivation muss gegeben werden nicht um am sprachunterrichtshaften (und so häufig blödsinnigen) Lernen festzuhalten, sondern um Einzuhalten – das Funktionieren der Sprache und die Kommunikation aufzuhalten, um das Problem festzuhalten. Welch frustrierende Situation.
Die Herausforderung ist also spontan und zuverlässig Situationen zu dokumentieren; in der Situation selbst sie festzuhalten. Zur systematischen Verbesserung müssen Probleme erkannt und wiederholbar gemacht werden, dass sie gelernt werden können, dass sie verschwinden können, dass Kommunikation weniger und weniger beschränkt wird.
Das Vokabelheft kann zwar nicht die Kommunikation aufhalten (das muss jeder selber liefern), aber es mag bei den weiteren Schritten helfen, das Lernen möglichst gut unterstützen – mit einer speziellen Art. Die spezielle Art ist die Verknüpfung. Im Sprachunterricht werden die neuen Wörter in den Kontext der Schule eingebunden, eine Lektion zu einem Inhalt folgt der nächsten. So kann nicht weitergelernt werden, wenn man bereits große Felder des Wortschatzes kennt. Ein neuer und anderer Kontext (der nicht an die selbstbezügliche Struktur des Sprachunterrichts erinnert) muss gefunden und gegeben werden. Da Kommunikation und Verwenden der Sprache funktioniert, liegt es nahe die neue Verbindung in der eigenen Erfahrung zu finden: Sprachlernen und Alltag zu verbinden. Diese Verbindung soll mit der vierten Spalte des Vokabelheftes sichergestellt werden, in die der Kontext eingetragen wird, in dem man zuerst dem Wort begegnete. Verbindung (ob traditionell schulmäßig oder neu wie in diesem Vokabelheft) ist deshalb notwendig, da Verbinden Lernen und Memorieren ist. Nicht das isolierte Wort wird sich gemerkt, sondern das, das in Lektion, Erfahrung, Verwenden eingebunden ist.
Neben dem persönlichen Verbinden, das das Vokabelheft einfordert, stellt das Heft auch selbst Verbindung her. Die eingetragenen Wörter stehen auf individuellen Seiten – jede Seite hat ein anderes Erscheinungsbild. Unterschieden sind die Seite darin, dass sie aus Kindermalbüchern stammen, Umrisse von Ausmalbildern zeigen. Die Wörter überschreiben Symbole und verbinden sich mit ihnen. Das Wort ist nicht mit der abstrakten Seite 38 der Wortliste verbunden, sondern mit der Schmetterlingsseite. Die Verbindung zwischen Wort und Symbol soll von der Lernerin absichtlich gewählt werden – Wort mit ‚passendem‘ Symbol verbunden werden.
Anstelle einer fortlaufenden Paginierung sind die Seiten mit den Datumsangaben versehen: Vom ersten Jänner bis zum 31. Dezember läuft das Jahr durch das Buch. Wörter werden mit Tagen oder allgemeiner gesehen mit Jahreszeiten verbunden. Damit erhält das Vokabelheft den Charakter eines Kalenders, bzw. den eines Tagebuches (wird doch in die Vergangenheit geblickt und nicht in die Zukunft). Ob Tagebuch oder Kalender in beiden Fällen soll die Zählung der Seiten mit Datumsangaben die Verbindung zu Erfahrung und Erleben unterstützen – das Wort ins Leben eingebunden werden.
Das Vokabelheft ist Mittel des selbstständigen Lernens, des Lernens, das sich der Pädagogin entledigt hat, die einschränkende Hilfe nicht mehr bedarf – Struktur und Unterstützung zu effizientem Lernen mag es trotzdem geben, bzw. erhalten; nur eben selbstbestimmt.


Kommentare
Kommentar veröffentlichen