Das Ferienparadies

 

Das Ferienparadies

In das Ferienparadies fährt man wohin, wo man nicht ist, wo nicht Alltag, Arbeit usw. ist. Es ist ein Ort anderer, für Gäste (Fremde) auf Zeit. Die Einrichtungen an dem anderen Ort sind auf die andere Zeit (jenseits von Arbeit und Alltag) ausgerichtet, darauf spezialisiert und perfektionalisiert, dass sie in ihrer anderen (unalltäglichen) Verwendung ein Paradies erzeugen. Die restliche Zeit liegen sie da, unverwendet; es ist außerhalb der Saison (die wenigen Leute, die bleiben, könnten sie nicht füllen). Zeitweisigkeit von nicht alltäglichen Dingen, wie die Verwendung durch andere (Gäste) ist das Entscheidende des Ferienparadieses.


Ein Plakat aus den 60er Jahren wirbt mit dem Wort Ferienparadies für den Balaton (Balaton, Ihr neues Ferienparadies). Er ist das stereotype Ferienparadies. Im Winter, Frühling, Herbst unverwendbar, da man nicht schwimmen kann; Arbeit (also Zeit jenseits der Ferien) gibt es keine (abgesehen von der, die es zur Aufrechterhaltung der Ferien anderer braucht – die aber gleichfalls auf eine Zeit beschränkt ist). Man muss Ort wechseln, die anderen Jahreszeiten in der Stadt bei sich verbringen. (Der Aufenthalt zur falschen Zeit ist schlicht nicht vorgesehen). Am Balaton gibt es nichts anderes als die Ferien.

Entsprechend sind alle Gegenstände auf die Ferien ausgerichtet, dienen einzig dazu, dass der Ort zum Ferienparadies wird: vom nicht winterfesten Wohnhaus, zu den immergleichen Vergnügungseinrichtungen in jedem Ort von Balatoneins bis Balatonfünfzig, zu Geschäften, der Infrastruktur. Während der Saison benötigt und benutzt, sind sie zu allen anderen Zeiten überdimensioniert, beinahe unverwendet. In der Spezialisation auf eine Saison entsteht das Ferienparadies.

Zur Einrichtung des Balatons kam es in erster Linie in der Spätzeit des Sozialismus. Die Verlagerung auf Konsum und der schrittweise Ausbau von Privatkapital führte zu Verhüttelung und Verhotelung des Seeufers. Stehen erstmals die Häuser stellt sich die Frage automatisch, was die Insassen die Zeit über machen sollen: denn sich im Wasser vergnügen reicht maximal für den ersten Ferientag – und zuvor musste angereist und sich versorgt werden. Die restliche Ferienzeit braucht dann extra, über den See hinausgehende, Vergnügungseinrichtungen: vom Restaurant zur Abendunterhaltung, zu shopping-Möglichkeiten, bis hin zu Jahrmarktseinrichtungen. Die grundlegende Infrastruktur dafür stammt aus den 80er Jahren.

Die Bauwerke treten einem im damals angesagten Stil entgegen; dem des sogenannten organischen Bauens. Mit dem Ortszentum (Fonyód) beginnend: Einkaufspassage auf der einen Seite; auf der anderen Seite Essens- Trink- und Tanzstände (als Promenade hin zum See), dazwischen die Eisenbahn. Gebaut alles zur gleichen Zeit, erkennbar an den geschwungenen Dachformen, dem Material (das Beton verbergend, aber sicher trotzdem verwendend), den Fenstern, der Verzierung. Zusammengefasst in der Unregelmäßigkeit: konkret, dass Formen sich nicht wiederholen; abstrakt stilistisch in dem verbindenden und sich bedienenden (zitierenden) Eklektizismus.

Im Ortszentrum vom berühmten Architekten (Imre Makovecz) gebaut (sicher etwas, worin die verschiedenen Orte im Wettbewerb untereinander standen, wer in der Fremdenverkehrswerbung sich welcher Argumente bedienen kann), doch in den Privathäusern sich fortsetzend; dort wahrscheinlich mehr aus dem Katalog und von der Stange kommend. Die Zeit aber jeweils sichtbar.

Die Konstrukte dieser Zeit stehen heute etwas neben der Zeit. Sie stellen eine Konzeption von Urlaub dar, die der heutigen nicht mehr wirklich entspricht. Nicht nur so formulieren sie eine Erwartung an die Zukunft (die der Vergangenheit), sondern auch in ihrer Dimension. Der zu Architektur gewordene Plan sieht vor, dass die aktuelle Gesellschaftsordnung (Sozialismus) besteht, dass Urlaub nur hier und nur auf diese Art gemacht werden kann. Die Differenzierung der Möglichkeiten und Destinationen durch die politischen Veränderungen durchkreuzte den Plan. Schon nach kurzer Zeit mussten die beiden Deutschen nicht mehr kommen sich zu treffen (wie die Legende um die verbindende Kraft des Balatons besagt). Dafür mussten sie nicht mehr das Land verlassen und auch aus dem Land selbst (Ungarn) konnte man nun einfacher an andere Orte fahren – musste sich nicht mehr kollektiv am Seeufer vergnügen. Die ökonomische Zwangsbasis des Ferienparadieses fiel weg. Der zu große Plan verwirklichte sich nicht; von ihm zeugen die verlassenen postmodernen Ruinen.

Das, was als Ferienparadies errichtet wurde (für andere auf Zeit) wurde unverwendbar, womit es in zweiter Ordnung für andere wurde. Das direkte Ferienparadies wird zum indirekten Ferienparadies, in dem die Ferienparadieseinrichtungen wie Museumsstücke angeschaut werden, die zum Argument werden für die fremde zeitweilige Verwendung – als Ferienparadies.


Im Balaton haben die Ungarn ein Ferienparadies, doch Sachen für andere auf Zeit finden sich mehr, vielleicht ist das ganze Land eine solche. Ferienparadiesisch bedeutet zeitweise überdimensioniert, dass saisonal die Sachen andere verwenden. In die Stadt (Eger), mit 17.000 Einwohnern, wird im großen Plan und auf die Zukunft vertrauend im 18. Jahrhundert eine Universität gegründet, wird neben die gigantische Barockkirche in den 1830er Jahren eine gigantische klassizistische Kirche gebaut, und und und. Sachen, die die Stadt in der Gegenwart nicht verwenden kann: Studenten müssen aus dem ganzen Land kommen, die Kirchen mit Menschen gefüllt werden – die aus der Umgebung kommen. Die Einrichtung der Stadt verlangt Menschen, die wie auf Ferien auf Zeit an den anderen Ort kommen.

Die Stadt (Eger) wuchs nicht den Erwartungen entsprechend, dass ihre Sachen selbst verwendet werden können; auch heute ist die Innenstadt zu groß für die inzwischen 50.000 Einwohner. Was sollte mit den Kirchen, Palästen, Innenstadtgassen passieren, wenn man am Stadtrand einkaufen geht, im Wohnblock wohnt und irgendwo irgendwie arbeitet, nicht in die Kirche oder fortlaufend auf die Uni geht, oder jeden Tag zehnmal die Burg anschaut. Für das Zentrum braucht es weiter andere Menschen, die Einrichtung der Stadt verlangt Touristen: Die große Innenstadt wird zur Sehenswürdigkeit, zum Ferienparadies, das die Reste der Vergangenheit ausstellt.

Für die Hauptstadt (Budapest) könnte man ähnliches sagen: Verbraucht ist die Schönheit und Pracht des durchschnittlichen Innenstadt-Gründerzeithauses. Selbst wurde es einmal verwendet (nicht eher in seiner Pracht für die Menschen vom Land, die auf Zeit kamen, gebaut) wird es heute offensichtlich nicht mehr entsprechend verwendet, dann würde es weniger heruntergekommen aussehen. In seiner Verwendung als Wohnhaus ist es nicht verwendbar (in der prachtvollen Ruine ist es nicht gut wohnen), es verlangt die Benutzung durch andere. Der Charme der unverwendbaren Vergangenheit wird gleichzeitig das Anziehende für die Touristen sein (gerade in der Verschiedenheit zum eigenen erhaltenen und funktionalen Wohnen). Budapest ist in seinem touristischen Zentrum eine Stadt für andere, ein Ferienparadies, das wie Eger mit seiner Vergangenheit nach seiner zeitweisen Verwendung durch andere ruft.


Überdimensioniert ist das ganze Land. Flächen mit nichts als Feldern und in großen Abständen zu große Dörfer, die zu Städten ausgewachsen sind und sich unförmig in die Landschaft strecken; überdimensionierte Straßen und Eisenbahnanlagen, riesige Verschiebebahnhöfe – für den Krieg oder die Getreideernte oder den Transport aus und in die Sowjetunion. Schon lange nicht verwendet, langsam dahinrostend – wie auch die Industrieanlagen.

Die Landwirtschaft produziert den Überschuss, der das zu Große schuf; und im Verrosten des zu Großen wird zur Landwirtschaft zurückgekehrt, als Träger der Volkswirtschaft. Die Landwirtschaft ist in ihrer Saisonabhängigkeit die dem Ferienparadies entsprechende Wirtschaftsform. Zur Ernte muss die Infrastruktur schnell den Ertrag von einem Ort zur Weiterverarbeitung bringen. Auf diesen Höhepunkt ist die Infrastruktur ausgerichtet und die restliche Zeit wartet sie überdimensioniert auf ihren nächsten Einsatz: wie die Langosbude am Balaton auf die Sommergäste.

Der große Plan zur großen Verwendung kommt aus der Spätzeit des Sozialismus: auf eine Zukunft im Gleichen hoffend, die die aktuellen Investitionen ausfüllen wird können. Der Stil dieser Zeit zieht sich entsprechend durch das Land. Der Balaton mit seinen organischen Vergnügungseinrichtungen ist nur ein Beispiel dafür. In der Verschiebung auf den Konsum finden sich um ganzen Land die shopping-Einrichtungen postmodern in die bestehenden Siedlungen eingepasst. Und jeweils so eingepasst, dass die Stilvielfalt der Postmoderne die lokalen Möglichkeiten und Traditionen in sich aufnimmt. Das Shoppingcenter in Siklós ziert der Moschee aus der osmanischen Zeit entsprechend zwei Kuppeln, am anderen Ort finden sich die antiken Säulen, der barocke Kirchturm, volkstümliche Formen.


Dass das überdimensioniert Geplante (80er Jahre) und jetzt erst recht Überdimensionierte wieder in Verwendung kommt – es sich quasi aus seinem Zustand als Ferienparadies befreit, ist unwahrscheinlich. Denn wie soll die von oben vorgesehene Reindustrialisierung, die das Land aus der Verlandwirtschaftlichung und Entleerung heben soll, funktionieren, wenn es nicht die dafür benötigten Menschen gibt. (Der Plan zur Reindustrialisierung ist gleichzeitig ebenfalls Beispiel dafür, dass das Land für andere wird; kommen die Investitionen doch aus dem Ausland – zuletzt China: quasi als industrielles Ferienparadies.) Wer soll in den zu groß geplanten Fabriken arbeiten, in einer radikal schrumpfenden Gesellschaft, die anscheinend Zuwanderung in einem Ausmaß ablehnt, dass lieber das eigene Verrotten gewählt wird. Für die aktuelle Gründerphase kann man schon vorhersehen, dass sie ebenfalls zum zu großen Plan wird, dessen Hoffnung in die zukünftige Erfüllung sich nicht einstellen wird. Nicht neu rückerlangte Selbstständigkeit wird Ergebnis sein, sondern das Paradox, dass das Land mehr und mehr zum Ferienparadies wird – und somit zu einem Land, das nicht für einen ist. In der unverwendbaren Größe wird die Verwendung durch andere notwendig, Touristen. Die Zukunft wird von einem Orbán-Ferienparadies der zu großen Fabriken, Stadien, Autobahnen usw. sprechen.

Mehr und mehr wird das Land zu einem Ferienparadies der Hoffnungslosigkeit werden, das weniger und weniger verwendet wird und mehr und mehr für andere wird. Irgendwann wird ein Punkt erreicht sein, an dem die Ferienparadies-Einrichtung der Vergangenheit (seien es direkte (Balaton) oder indirekte (Eger)) unattraktiv oder derart den paradiesischen Erwartungen unentsprechend geworden sind, dass das zu Große auch touristisch nicht mehr verwendet werden kann. Mittel zur Erneuerung der Einrichtung des Ferienparadieses werden kaum aufgebracht werden können (also der Prozess umgedreht werden können); das Ferienparadies irgendwann nur noch Ruine sein.

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