Falsche Partizipation, oder ein Rückblick auf ein Semester
Falsche Partizipation, oder ein Rückblick auf ein Semester
Kai Hensel schrieb Theaterstücke (Klamms Krieg, Welche Droge passt zu mir), die zu einer bestimmten Zeit (in den Nullerjahren) zu den meist aufgeführten Stücken in Deutschland zählten. Somit handelt(e) es sich um populäre Texte.
Man könnte behaupten, dass populäre Theater-Texte partizipative Texte sind. Populäre Texte werden häufig aufgeführt und so stellen sie viele Menschen vor Theater-Entscheidungen: es braucht viele Schauspieler, Regisseure, Licht, Kostüme und was weiß ich noch. Die Menge der Aufführungen ergibt Einbindung und Mitmachen, es kommt zu Partizipation ins Kunstwerk. Aus Menge ergibt sich eine spezielle ästhetische Eigenschaft, die das Kunstwerk öffnet. Da tendenziell das Publikum selbst in die Produktion eingebunden ist, kann man nicht mehr von einem starren Gegensatz zwischen Bühne und Publikum sprechen. In diesem Fall ist Partizipativität des Stücks unabhängig von den genauen Eigenschaften des Texts – alleine der Fakt, dass der Text häufig aufgeführt wird, führt zu Einbindung. Die Unabhängigkeit vom Text ist vielleicht nur durch die Wahl des Themas eingeschränkt. Voraussetzung von Popularität ist, dass populäre Themen behandelt werden. In den Hensel Stücken ist das der Fall, sie handeln von Schule und Drogen, Themen, zu denen jeder eine persönliche Verbindung herstellen kann.
Diesen Zusammenhang von Popularität und Partizipativität könnte man zumindest behaupten. Im Fall von Hensels Theaterstücken trifft er allerdings weder empirisch noch aus der Analyse der Texte zu. Zu Partizipativität aus der Menge an Aufführungen würde es dann kommen, wenn die Menge so groß ist, dass der professionelle Bereich verlassen wird, also zusätzliche Menschen als üblich Theaterentscheidungen treffen. Der professionelle Bereich ist begrenzt, es gibt eine endende Zahl an Theatern und Schauspielern. Dem steht der Amateurbereich gegenüber, in dem theoretisch jeder zum Schauspieler werden kann, genauso wie jedes Zimmer zum Theater werden kann. Ist ein Stück das am meisten aufgeführte Stück, könnte man erwarten, dass der professionelle Bereich überlastet und gesprengt ist, die größte Zahl nur mit Hilfe des Amateurbereichs erreicht werden kann. Hensels Stücke blieben im professionellen Bereich, wurden von professionellen Schauspielern in institutionalisierten Theatern aufgeführt. Trotz des Anscheins und der Erwartung wurden die populären Stücke nicht zu partizipativen Stücken.
Dass es zu dieser Übertragung nicht kommt, überrascht nicht weiter wenn man sich die Stücke genauer ansieht. In ihrer Konstruktion schließen sie geradezu Partizipation aus Popularität aus; sie schränken den teilnehmenden Kreis auf Profis ein und belassen die Menge auf ihrem angestammten Platz als zusehendes Publikum.
Die Einschränkung des Personals auf der Bühne ist der determinierende Grund: Es handelt sich um Ein-Personen-Stücke. Steht nur ein Schauspieler auf der Bühne sind weniger Personen beteiligt. Das bedeutet, dass eher im eingeschränkten professionellen Bereich geblieben werden kann. Gleichzeitig wird an diesen einen Schauspieler eine größere Aufgabe formuliert. Er muss ganz alleine auf der Bühne das Stück bewältigen; von der Textmenge bis hin zu fehlender Orientierung, Anhaltspunkt und Hilfe auf der Bühne. Damit wird sich in erster Linie an professionelle Schauspieler gewandt, die mehr Erfahrung und Zeit haben mit den Herausforderungen des Stücks umzugehen. In seinen grundlegenden Eigenschaft steht das Stück strukturell Ausweitung und Partizipation entgegen.
Der grundsätzlichen Einschränkung widersprechen verschiedene Angebote des Stückes, die den Anschein eines partizipativen Stückes erwecken wollen; als solche scheinbar das Publikum aus seinem angestammten Ort nehmen und einbinden. Die einmal getroffene Entscheidung zu einem Schauspieler, die grundsätzlich Partizipativität verhindert, kann damit nicht zurückgenommen werden. Vielmehr führen die Angebote zu einem Vorspielen eines anderen Verhältnisses zum Publikum – die Stücke werden zu falscher Partizipativität.
Erste Eigenschaft der falschen Partizipativität ist, dass die Figur auf der Bühne mit der zweiten Person jemanden direkt anspricht. Die Situation des Stückes stellt die einzelne Figur vor ein fiktives, dargestelltes Gegenüber (als solches nur negativ im Ansprechen sichtbar). Im einen Stück spricht ein Lehrer zu einer Klasse (Klamm), oder die Drogenabhängige (Droge) hält einen Vortrag über Sucht und Möglichkeiten des Drogenkonsums. Als fehlendes Gegenüber muss das Theaterpublikum sich vorgestellt werden, so als ob man als Klasse oder Vortragspublikum auf der Bühne sitzen würde. Das Angesprochen-Werden funktioniert deshalb, da aufgrund der Popularität der Themen jeder anschließbare Erfahrungen machte. Vermeintlich ist das Angesprochen-Werden deshalb, da das Publikum in seiner traditionellen Rolle Stumm bleibt (also nicht auf der Bühne ist) und auf der Bühne Extreme dargestellt werden. Auch wenn jeder Konflikte in Schule und Familie (Droge) erlebte, so nicht derart extreme und schon gar nicht genau auf der Art, wie sie in den Stücken dargestellt werden. Die Eingebundenheit durch Ansprechen bleibt fiktiv und abstrakt; bleibt im Verhältnis von Dargestelltem und Darstellung (und so auf der Bühne) – wechselt nicht in partizipative Erfahrung.
Ähnlich kann man über das ‚offene Ende‘ der Stücke argumentieren: Das Publikum antwortet nicht als Teil des Stückes, sondern im Idealfall wird ein an das Stück anschließendes Besprechen und Reagieren provoziert. Der traditionelle getrennte Weg wird eingehalten, nur auf eine gesteigerte Art.
Anschließendes Besprechen und Bewerten ist auch deshalb gefordert, da auf der Bühne nur eine Meinung dargestellt wird (gibt es nur eine Figur, gibt es nur eine Meinung). Der Meinung wird auf der Bühne also nicht widersprochen, was allerdings angesichts der Radikalität und Exponiertheit der einen Meinung als notwendig gesehen werden kann, somit vom Stück eingefordert wird. Man kann es nicht stehen lassen, dass auf der Bühne die Meinung vertreten wird, dass Drogen gut sind und wie der sadistische Lehrer die Schüler beschimpft. Partizipation wird notwendig, allerdings außerhalb des Stückes – als falsche Partizipativität.
Ansprechen, fiktives Holen auf die Bühne, offenes Ende und exponierte und unwidersprochene Positionen der Figuren in den Stücken sind Gründe, die auf den ersten Blick wie Partizipativität aussehen. Bei genauerer Betrachtung und in Kombination mit der grundsätzlichen Einschränkung auf einen Schauspieler werden sie aber zum literarischen Trick. Vorgespielte und so scheinbare Einbindung lässt das Publikum im angestammten Bereich und ergibt ein weiteres traditionelles Stück. Aus der autoritären Position wird das Publikum angesprochen, der Gegensatz aufrechtgehalten, nicht partizipativ aufgebrochen. Die Entscheidung für den populären Inhalt (und Darstellungsweise) verliert so die anfänglich behauptete ästhetische Konsequenz (Partizipativität). Die Entscheidung und die Konstruktion des Stückes als populäres bleibt geschäftlich. Es wird ein Stück konstruiert, das mit möglichst wenig Aufwand möglichst viele Menschen zu seinen Kunden machen kann. Einerseits wird eine einfache und effiziente (billige) Aufführung ermöglicht, andererseits dem Publikum das Gefühl geben an den Ereignissen teilzuhaben, was Anziehen und Zufriedenstellen des Publikums erreichen mag. Die Popularisierung bei gleichzeitigem Festhalten an traditionellen Formen ist mit dem Charakter von Werbung vergleichbar. Diese trifft ebenfalls scheinbar radikale formale Entscheidungen (um Anziehung und Kaufen zu erreichen), aber in ihrer grundsätzlichen Entscheidung hält sie an der Trennung von Verkäufer und Käufer, an traditionellen Unterscheidungen fest. In Werbung und in den Hensel-Stücken wird falsche Partizipativität formuliert.
Für die Stücke konkret bedeutet ihr Charakter, dass sie bald verschwunden sein werden und durch die nächsten geschickteren und weiter gesteigerten Bearbeitungen populärer Themen ersetzt sein werden: die allerdings nur weiter an Trennung und Nicht-Partizipativität festhalten werden.
In einer ganz anderen Größenordnung populär sind die Möbel von Ikea: industriell produziert und auf großem Maßstab verbreitet finden sie sich in den meisten Wohnungen. Den Zusammenhang von Popularität und Partizipativität wird man im Fall von Ikea kaum behaupten können. Die Fabrik liefert in jede Wohnung das gleiche Möbelstück aus. Der Konsument muss damit zurechtkommen, weitere Fragen stellen sich nicht. Dass der Bewohner wegen der Masse an der Gestaltung teilhaben könnte, ist jenseits der Vorstellbarkeit – Partizipativität ausgeschlossen. Wie sollte derartiges auch vorstellbar sein, ist doch gerade die Versprechung von industrieller Produktion, dass in Vereinheitlichung größere Mengen zu geringeren Preisen hergestellt werden können, als das in handwerklicher Produktion möglich ist. Ohne industrielle Produktion wären Produkte in der benötigten Menge und zu halbwegs bewältigbaren Preisen unvorstellbar.
In der grundsätzlichen Unmöglichkeit zur Partizipativität bei Industrieprodukten gibt Ikea sich einen der Unmöglichkeit entgegenstehenden Schein, so als ob es doch zu Partizipation kommen könnte (=falsche Partizipativität). Offensichtlichstes Element darin ist sicher, dass keine fertigen Möbel gekauft werden, sondern Möbelteile. Die Teile werden selber zusammengesetzt, so als ob man das Stück selber bauen würde, man in die Herstellung integriert wäre und etwas für sich machen würde. Das Ergebnis ist natürlich nur ein Möbelstück, dass sich in dieser und jener Wohnung gleich findet und hier wie dort den gleichen Rahmen an Benützbarkeit vorgibt. Der Bastelaspekt bedeutet nicht Partizipation, sondern ist aus Wirtschaftlichkeit begründet: Produktionsschritte (die vielleicht nicht so einfach maschinell erledigbar sind) können an den Kunden ausgelagert werden und aus sperrigen Möbelstücken werden einheitliche Kartons, was die Logistik einfacher und billiger macht.
Neben der offensichtlichen falschen Partizipativität versucht Ikea auch grundlegender den Anklang von Partizipativität zu erzeugen. In diesem Zusammenhang spricht Ikea von ‚ Democratic Design‘ oder ‚Design für die Vielen‘. Als Grundsätze des demokratischen Designs werden angeführt: „Form, Funktion, Qualität, Nachhaltigkeit und einen niedrigen Preis zu kombinieren,“ dass sich ‚das Recht eines jeden auf gute Möbel‘ erfüllen kann. (https://www.ikea.com/at/de/this-is-ikea/about-us/democratic-design-pubc1623ee8)
Damit findet sich in der demokratisches Design erklärenden Wortliste etwas nicht, was in der herkömmlichen politischen Bedeutung des Wortes zentral ist. Die Bevölkerung (was auch immer das bedeutet) eines Staates entscheidet über die öffentlichen Angelegenheiten des Landes. Also Demokratie bedeutet Partizipation, Entscheidungen treffen. (Durch Institutionalisierung und repräsentative Strukturen verlagert sich das Selber-Entscheiden mehr zu einem Mitbestimmen, aber auch dabei bleibt das aktive partizipative Element vorhanden.)
Ikea versteht unter Demokratie also etwas anderes. Demokratie beschreibt bei Ikea den Erfolg (Popularität und Verbreitung und somit hohe Verkaufszahlen) eines Produktes und gibt gleichzeitig Prinzipien vor, wie dieser Erfolg erreicht werden kann (ein qualitatives und günstiges Produkt). Demokratie und Viele werden zu Synonymen und zwar nicht in der (demokratischen) Einbindung vieler, sondern im Design für die Vielen – vergleichbar mit einem Land, das sich demokratisch nennt, aber Entscheidungen doch autoritär (also ohne Selbsteinschränkung der Macht) vorgibt. Die Verschiebung des Begriffs kann etwa an folgender Erklärung von Ikea abgelesen werden: „[Democratic Design hat] immer vor Augen, den vielen Menschen einen besseren Alltag zu schaffen.“ (https://www.ikea.com/at/de/campaigns/ikea-x-vienna-design-weeks-pub7d96eaa0)
Der Anspruch für viele den Alltag zu verbessern könnte etwas sein, dass Ikea auch erreicht – also der Vorwurf der Verschiebung der Bedeutung eines Wortes richtet sich nicht zwingend daran, dass Ikea schlechte Möbel herstellt. Aber durch die Verwendung des Wortes ‚demokratisch‘ wird suggeriert, dass demokratische Partizipativität im Herstellungsprozess bei Ikea vorhanden ist – dass man Teil ist und die eigenen Bedürfnisse bedacht werden. Da das allein in der Begriffsbestimmung nicht der Fall ist, kommt in der Benennung als demokratisches Design falsche Partizipativität zum Ausdruck.
Dort, wo es doch zu Einbindung kommt, bleibt diese auf einer derart allgemeinen Ebene, dass weder genau gesagt werden kann, wie zu den Ergebnissen gekommen wurde, noch wie aus den Ergebnissen sich das Aussehen des Produktes ableitete. Ikea spricht davon, dass Wohnungen besucht werden und herausgefunden werden soll, was die Menschen wollen und brauchen. Wer und wie im Rahmen dieser Ankündigung befragt wird, wird nicht einmal dadurch verschlüsselt ausgedrückt, dass Studien durchgeführt wurden, bei denen man sich dann vorstellen kann, dass die Befragungsgruppe nach statistischen Gründen zu einer allgemeinen Aussage ausgesucht wurde. Partizipation bleibt in der Unklarheit in Schwebe, wird zur falschen.
Wird sich auf Studien berufen, wurden diese zu sehr allgemeinen Themen durchgeführt, deren Ergebnisse kaum überraschen. Als Ergebnis von Partizipation wird verkündet, dass für Kinder Spielen wichtig ist. Ähnlich werden die Resultate von Studien zu den Bedürfnissen von Jugendlichen (was sie in ihren Zimmern wollen) oder zum großen Veränderungspotential von kleinen Veränderungen wie das Einbauen von kabellosen Ladestationen in Möbel dargestellt. Die allgemeine Nichtaussage der Studien kommt vielleicht am besten in der Schlussfolgerung aus der Beobachtung zum Ausdruck, dass das ganze Leben betrachtet 150 Tage mit dem Suchen von Gegenständen verbracht werden. Ikea hat also herausgefunden, dass die Menschen nicht suchen wollen, sondern ihre Gegenstände gut geordnet und leicht findbar lagern wollen. Für wen soll diese Aussage nicht zutreffen, die Erkenntnismöglichkeit aus dem, was als Partizipation präsentiert wird, geht gegen null. Es handelt sich um falsche Partizipation, wenn Partizipation nur scheinbare Erkenntnisse liefert.
Nicht auf der Ebene der Präsentation eines Konzepts, sondern konkreter in der Gestaltung einer Ausstellung, auf der Ikea ebenfalls seinen Design-Ansatz darstellen wollte (Vienna Design-Week), kommt falsche Partizipativität gleichfalls zum Ausdruck. Auf der Brainstorming-Wand, auf die im Laufe der Ausstellung Besucher Ideen bringen konnten, fanden sich vorgedruckte Bilder. Die Partizipation wird in einen Rahmen des Vorstellbaren gestellt und eingeschränkt – ganz zu schweigen davon, dass es höchst ungewiss ist, was mit den auf die Wand geschriebenen Einträgen passieren soll, wie diese auf eine Gestaltungsentscheidung Einfluss nehmen sollen. Partizipation ist vorgefertigt und nicht umsetzbar, sie wird zu falscher Partizipativität.
Der demokratische und partizipative Charakter, den sich Ikea versucht zu geben, ist falsche Partizipativität. Vorgegebene Einflussnahme auf Gestaltungsentscheidungen, Bezeichnung als demokratisch und vermeintliches Aneignen durch selber Basteln wird zur Werbemaßnahme, mit der sich ein individualisierendes Image (von Viele zu demokratisch) innerhalb der gleichförmigen Industrieproduktion gegeben werden soll. Es kommt nicht zu Einbindung, sondern an der traditionellen Trennung zwischen Produzent und Kunde wird festgehalten. Obwohl das Ikea-Möbel den Schein des anonymen Industrieprodukts ablegen mag, bleibt es genau ein solches.
Bei so viel falscher Partizipativität stellt sich die Frage nach dem Gegenteil; kann es zu Partizipativität kommen. Im Fall des modernen Kunstwerks sollte Partizipativität geradezu der Normalfall sein, was das Offene Kunstwerk darstellen würde. Das Verhältnis von Darstellen und Dargestelltem löst sich auf, indem der realistische Anspruch aufgegeben wird: nicht mehr abgebildet werden mag. Vielmehr mag auf das, was zuvor versucht wurde darzustellen, Einfluss genommen werden. Kunst mag Realität werden, nicht darstellen. In dieser Umdrehung der Verhältnisse wird notwendig das, was einmal Publikum war, zum Teil des Kunstwerkes und bleibt als äußeres Phänomen doch verschieden davon.
Am ersten Gedicht aus Maria Seisenbachers Band Ruhig sitzen mit festen Schuhen (2015) kann die Offenheit eines Kunstwerks (=Partizipation) nachgezeichnet werden.
„ohrenbetäubend
als stecke Frieden darin
ohne einen Fuß
vor den anderen
zu setzen
Boden berühren
einfach gehen
eine Andere werden
die immer
war
nie ist“
Betrachtet man buchstäblich den Text kommt man einzig zu Fragen: Wo steckt welcher Friede und was ist ohrenbetäubend und wer steht und wer geht und wer wird eine andere, die wie war und genau wie wird. Die Fragen werden im Text nicht nur nicht beantwortet, sondern man kann sie auch nur auf ungewisser Basis formulieren. Was bedeuten die Wörter, die noch dazu mehr oder weniger isoliert dastehen, womit eine Wichtigkeit der Wahl genau dieser Wörter zum Ausdruck kommt (ohne es erfüllen zu können, sagt der Text, dass seine Wörter besonders und deshalb besonders gut untersucht und verstanden werden müssen). Die Wörter treffen bildhafte Aussagen (einen Fuß vor den anderen setzen), bilden Vergleiche (als) und können in mehreren Bedeutungen verstanden werden (stecken). Es ist ungewiss, wie die Wörter miteinander verbunden sind (über Zeilen- und Strophengrenzen hinweg), wie und ob die Wörter etwas wie Sätze bilden (für die man nicht sagen könnte, dass die notwendigen Satzglieder vorhanden sind, oder auch Satzzeichen). Die aus den Wörtern entstehende geringe Aussage formuliert schließlich Widersprüchlichkeiten: ohrenbetäubender Friede, stehendes Gehen (im Gegensatz zur verneinten Formulierung des Gehens in der zweiten Strophe), zu einer werden, die nicht ist.
Die aufgezählten Elemente führen dazu, dass man es mit einem schwierig zu lesenden Text zu tun hat. Bleibt man bei der Schwierigkeit stehen, würde man den Text zu einem kryptischen oder sogar enigmatischen erklären und eine weitere Beschäftigung würde sich angesichts der Hoffnungslosigkeit etwas weiteres herauszufinden erübrigen. Im Gegenteil, die Schwierigkeit muss als Notwendigkeit anerkannt werden, die verstanden und mit der es einen Umgang zu finden gilt.
Einerseits ist Schwierigkeit Ausdruck der Problematik von Sprache. Aussage funktioniert nicht einfach so, dass einzig scheinbar natürliche Wörter an ihren Ort gestellt werden müssen, sondern es muss gesucht werden und gegeneinander geschoben werden, worin wahrscheinlich trotzdem nur zu oft gescheitert wird. Das führt nur zu oft zu Schwierigkeit in der Sprache und zu einem Entgegenstehen gegen die alltägliche Sprachverwendung. Sieht man davon ab, dass es in der Schwierigkeit zu einer bestimmten Aussage kommt, so ist Schwierigkeit selber schon Aussage: eine über die Problematik der Sprache.
Andererseits ist Schwierigkeit Partizipation. Wenn der Text sich in Ungewissheiten, Fragen und Schwierigkeiten darstellt, dann wird Hinzufügung (also Partizipation) notwendig, um das, was scheinbar aus dem Text fehlt hinzuzufügen. Die Lücken müssen von außerhalb gefüllt werden. Von Außen und Hinzufügung kann man allerdings auf diese eindeutige Art nicht sprechen. Denn da die Lücken Teil des Textes sind, ist es die Partizipativität auch: das Äußere ist in den Text hineingeschrieben. In dieser Art verstanden, kann der Text nicht nur aus sich verstanden werden, sondern er besteht aus viel mehr als nur den Buchstaben auf dem Papier. Der Text wird aktiv; aus Lücke und Schwierigkeit wird Partizipativität.
Sowohl durch Schwierigkeit als grundsätzliche Eigenschaft als auch als Notwendigkeit zur Partizipation wird Kritik an Sprache formuliert. Auf angewandte Weise wird festgestellt, dass das einem nur zu oft als natürlich vorkommende Kommunikationssystem Sprache nicht derart selbstverständlich ist und nicht derart voraussetzungslos funktioniert. Der Schaden an der Sprache, der einem im Gedicht entgegentritt, ist im Gegenteil Schaden der Sprache grundsätzlich. Durch die Trennung von Zeichen und Bezeichnetem ergibt sich aus dem Charakter von Sprache selbst Kommunikationsschwierigkeiten und in der Bestimmung von Bedeutung Abhängigkeit vom Außen (Gesellschaft) – indem in Partizipativität und weiteren Eigenschaften von Gedichten (wie das körperlich Lautliche) die Trennung von Darstellung und Dargestelltem aufgehoben wird, wird ein ganz anderer Anspruch gegenüber Sprache eingenommen, der selbstverständlich in seiner Reichweite weit über den Bereich des Gedichts hinausgeht. Nicht nur werden inhaltliche Traditionen verlassen, sondern selbst die Tradition der Sprache als Basis literarischen Ausdrucks umgeworfen. Diese Mühen in der Auseinandersetzung mit Sprache werden auf sich (in Produktion und Rezeption) genommen, um doch noch Ausdrucksmöglichkeiten zu finden, noch etwas sagen zu können.
Mein Text, der abschließend schlicht die Möglichkeit von Partizipativität aufzeigen wollte, könnte mit diesen allgemeinen Feststellungen abschließen – doch um über das Gedicht noch eine genauere Aussage zu treffen, soll noch ein Absatz hinzugefügt werden.
Das Gedicht steht am Anfang des Gedichtbandes und ist so als eine Art Motto für den weiteren Band zu verstehen. Im Lesen (also im partizipativen Umgang mit den Lücken) kommt Bewegung zum Ausdruck, genauso wie Bewegung inhaltlich formuliert wird – als stehendes Gehen, als sich andauernd verändern, dass nicht von einer ruhenden Gegenwart (‚nie ist, immer war’) gesprochen werden kann. Dieses Thema der Bewegung, die sich gleichzeitig im Lesen vollzieht, findet sich in weiteren Gedichten des Bandes wieder: bei denen man dann auch konkretere Aussagen treffen kann, was durch das partizipative Lesen zum Ausdruck kommt. Das erste Gedicht kann als Motto als abstrakte Selbstaussage über den Band und die Methode verstanden werden.
Am 12. September sprach ich im Rahmen des PécsLIT-Festivals mit Kai Hensel.
Ende September besuchte ich die Vienna Design-Week.
Am 11. Dezember sprach ich im Művészetek és Irodalom Háza Pécs mit Maria Seisenbacher.
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