Ergänzung zum Ferienparadies Ungarn
Ergänzung zum Ferienparadies Ungarn – eine weitere Stadt, ein weiterer Stadtteil (Esztergom, Buda)
Das Motiv ist das gleiche – unmäßige Größe, die einzig in zeitweiser Verwendung stehen kann. Was das unmäßig Große in Esztergom ist, ist nicht schwer zu erkennen. Es ist die Kirche. Wenn in einer Stadt mit circa 28.000 Einwohnern die 18. größte Kirche der Welt steht (und die größte des Landes), dann kann das Verhältnis nicht stimmen. Wenn diese Kirche zusätzlich noch auf einem Berg steht, der über Stadt und Donau ragt (ins Nachbarland, Slowakei) hinüber, dann erst recht. Man könnte die Motive des Ferienparadieses wiederholen: Kirche und Stadt sind für andere gebaut, die Größe geht über eine alltägliche Verwendbarkeit hinaus. Interessanter ist es aber über die Maßlosigkeit der Kirche, beziehungsweise über ihre (Nicht-)Einbindung in die Stadt zu schreiben; also darüber, woran in diesem Fall die Maßlosigkeit der Kirche und das Ferienparadies erkannt werden kann.
Baut man auf dem Gipfel eines Berges ein Gebäude, ist der verfügbare Platz durch das Gelände beschränkt, man kann keine beliebig große Kirche bauen. Wenn das einzige Ziel der Gestaltung der Kirche zu sein scheint, eine möglichst große Kirche zu bauen, ergibt sich aus der Situation ein Problem. Der verfügbare Platz kann nicht für eine gute Verwendbarkeit, ästhetische Erscheinung oder städtebauliche Einbindung ausgenutzt werden; alles muss für die Kirche verwendet werden, dass diese möglichst groß wird.
Das bedeutet, dass die Kirche den Berggipfel vollständig ausfüllt. Es gibt keine Möglichkeit einer architektonischen Verbindung in die Stadt oder auch nur einer infrastrukturellen (also wie man zu der Kirche gelangt). Der zweiter Punkt muss allerdings gelöst werden, denn irgendwie muss man (gerade zur größten Kirche) gelangen. Die Lösung ist das Bauen einer gigantischen Rampe, die auf die Fassade der Kirche hinführt. Der verfügbare Raum wird künstlich vergrößert.
Die Rampe kann allerdings nicht im luftleeren Raum sein, sondern muss als Verbindung zwangsläufig in die Stadt führen, oder besser gesagt durch einen Platz. Als städtischer Platz ist er an seinen Rändern ebenfalls verbaut, mit zur Kirche dazugehörenden Prunkgebäuden. Die Rampe muss allerdings einen derartigen Höhenunterschied überbrücken, dass sie zu einer Höhe führt, die ähnlich der Höhe der Häuser ist. Die Häuser blicken auf die Rampe wie auf eine Mauer, genauso wie es für einen Mensch auf der Straße unmöglich ist den Platz zu überblicken. Der Platz ist durch enorme Höhenunterschiede geprägt, dass man kaum von einem zusammengehörenden Platz sprechen kann. Die Rampe zerteilt den Platz und trennt alles von der Kirche ab, bzw. die Kirche vom Rest.
Die Kirche ragt aus allem heraus und wird ohne Rahmen maßlos groß, in nichts eingebunden hat sie keine Proportion und erscheint in ihrer Größe einzig lächerlich; bzw. sie ernst nehmend als brutales Herrschaftszeichen: Wie die Macht von Kirche und Staat (hier in erster Linie der Kirche) die Größe der Kirche festlegt oder besser gesagt den maximalen Raum nimmt, so setzt die Macht durch das architektonische Erscheinungsbild den Herrschaftsanspruch an den Einzelnen, als hierarchisch autoritäre Verordnung mit Allmachtsanspruch. Der ganz konkrete Preis dafür ist eine Rampe, die um die Verwendbarkeit der Kirche sicherzustellen, jede Einbindung in die Umgebung unmöglich macht, die Umgebung zerstört und damit das Einbinden der Kirche in die Umgebung und so Begrenzung und Maß verhindert.
Nicht nur in ihrer Unverwendbarkeit (durch den Kontext, dass die 18. größte Kirche nicht verwendet werden kann) wird die Kirche zum Ferienparadies, sondern auch durch ihre eigene architektonische (Un-)Gestaltung.
Ein klassisches Beispiel für das Ferienparadies (als Bauen für andere) findet sich in Esztergom in der Suzuki-Autofabrik. Bereits 1991 wurde die Fabrik gegründet und beschäftigte zu ihrem Höhepunkt (2007) 6500 Menschen. Und das in einer Stadt mit circa 28.000 Einwohnern. Die Beschäftigten werden aus der ganzen Region gekommen sein, trotzdem zeigt die Zahl die enorme Größe der Fabrik, die das Maß unmittelbarer Verwendbarkeit übersteigt. Wie der Arbeitgeber mit der Situation umgeht, also an seine Arbeitskräfte gelangt, ist sein Problem. Andersherum entsteht aus der Zahl eine enorme Abhängigkeit von einem Arbeitgeber und die Folgen von Entscheidungen zur Reduktion von Angestellten müssen unangenehm sein (inzwischen arbeitet in der Fabrik nur ein Bruchteil der Beschäftigten). In der unverwendbaren Größe wird es wenige Alternativen und so eine dominierende Position des einen Arbeitgebers auf dem regionalen Arbeitsmarkt geben: Ausgeliefertheit mit all ihren Folgen.
Das Schaffen maßloser Größe ist als Notwendigkeit der Politik zu sehen in der wirtschaftlichen Katastrophe des Systemwechsels nicht vollständig in Wettbewerbslosigkeit zu versinken. Die Suzuki Fabrik wurde durch konkrete Unterstützung und Intervention der ungarischen Regierung gegründet. Am lokalen Suzuki Tochterunternehmen, das die Fabrik betreibt, beteiligte sich die ungarische Regierung, also öffentliches Geld zog private Investition an, ermöglichte und rief die übergroße Fabrik hervor. Die Beteiligung bedeutet natürlich nicht, dass konkreter Einfluss auf die Geschäftsentwicklung genommen werden könnte, quasi als Fortführung staatlich kontrollierter Wirtschaft. Die Beteiligung kann nur als Subvention im Versuch gesehen werden, dass die Fabrik nicht im nächsten Land eröffnet. Der Gründungsprozess in seiner Ausgeliefertheit führt zur Größe der Fabrik, die die Ausgeliefertheit nur fortsetzt.
Mit der Not durch Intervention die Wettbewerbsfähigkeit auf irgendeine Weise sicherzustellen, werden die Nachteile der übergroßen Fabrik und der Zentrierung auf einen Arbeitgeber in Kauf genommen, sie sind notwendiger Bestandteil derartiger Konzentration. In der Größe der Fabrik – als klassisches Beispiel des Ferienparadieses – zeigt sich der ambivalente Charakter des Ferienparadieses.
Buda
Eine fixe Idee der Orbán Regierungen ist die architektonische Rückgestaltung Budapests (oder zumindest ausgewählter Teile) auf einen imaginierten Zeitpunkt der späten Monarchie oder der Horthy-Zeit. Das drückt sich in Statuen, in der Verwendung von Häusern aber auch einer Rekonstruktion des Burgviertels in Buda aus. Sozusagen die Zerstörungen der sozialistischen Zeit sollen Rückabgewickelt werden, anders gesagt die Säkularisierung aristokratischer Gebäude durch den Sozialismus aufgehoben werden. Die sozialistische Regierung verlegte ihre Ministerien aus der Burg heraus: der Ministerpräsident hatte sein Büro im Parlament, die Partei ihr Büro im Haus daneben. Die Burg wurde zum Museum bzw. zur Bibliothek.
Der Palast selbst, also der (nie verwendete) Sitz des Königs kann wohl nicht ohne weiteres wieder in politische Verwendung genommen werden; das könnte nur als antidemokratische Geste verstanden werden. (Das bedeutet nicht, dass es zu einem späteren Zeitpunkt nicht doch zu einer entsprechenden Verlegung kommt.) Trotzdem verlegte Orbán den Sitz des Ministerpräsidenten in den Burgbezirk, nur zwei Häuser weiter, direkt neben den Palast des Staatspräsidenten, der der traditionelle Sitz des Ministerpräsidenten war.
In dem politischen Umzug nicht genug, sondern es werden auch im Krieg zerstörte Gebäude wiederaufgebaut. Der Platz neben dem Palast wird im Moment mit zwei Gebäuden verbaut: Das ehemalige Kommandogebäude der Honvéd (also die Nationalgarde der ungarischen Reichshälfte) und das Palais von Erzherzog Josef Karl Ludwig (aus der ungarischen Linie der Habsburger aber ohne Staatsamt).
Das absurde der Situation ist der Wunsch der Rekonstruktion selbst. Wenn man wünscht eine knappe Fläche zu verbauen (wie das in der Burg der Fall ist), könnte man denken, dass mit aktuellen Plänen und architektonischen Gestaltungen aktuellen Bedürfnissen besser entsprochen werden kann. Bei dem Wunsch der Rekonstruktion handelt es sich selbstverständlich auch um ein aktuelles Bedürfnis: das reaktionäre Bedürfnis der Fidesz-Regierung sich in imaginierte Vergangenheit zurückzuversetzen. Damit hängen aber keine Überlegungen von architektonischer Verwendbarkeit durch den einzelnen zusammen. Das Haus als Fassade ist einzig Ausdruck politischer Aussage, die die Orientierung an einem früheren Zustand der Gesellschaft bedeutet.
Da niemand die finanziellen Mittel für eine tatsächliche Rekonstruktion aufbringen kann, sind Rekonstruktionen historischer Gebäude üblicherweise aktuelle Gebäude. Beton wird zusammengegossen. Im Fall der Rekonstruktion wird nicht die beliebige Fassade des Neubaugebietes darangeklebt, sondern die beliebige Fassade des historischen Gebäudes. Und fertig ist das rekonstruierte Haus. In der standardisierten Herstellungsweise wird es vollständig austauschbar: in einem identischen Bauprozess könnte auch ein ganz anders aussehendes Haus entstehen. Dass Rekonstruktion nur Fassade bedeutet, ist ein weiterer Hinweis auf den Prozess, der zu einer ausgedachten Vergangenheit zurückführen soll – vielmehr ist er etwas, das nicht nur in der Bautechnik ganz aktuell in der Gegenwart stattfindet.
Später wird die moderne Konstruktion nicht mehr erkennbar sein, der Historismus das aktuelle Bauen überdeckt haben. Doch jetzt während der Bauphase tritt die Brutalität des Betons voll hervor. Zeigt auf eine zweite Art die Absurdität der Rekonstruktion, indem in der adretten Umgebung der Burg Sichtbetongebäude stehen.
Ergebnis wird sein, dass mit der Burg ein Gebiet entsteht, das an Bedürfnissen und Verwendbarkeit vorbeigeht. Die Gestaltungsziele der Burg sind politisch und um kitschige Wünsche von Touristen zu erfüllen, einen Themenpark für andere zu gestalten. Jeweils geht es um Fassade. In der Kombination entsteht aus dem Burgviertel ein ungarisches Ferienparadies.
Jetzt während der Bauphase liegt der fiktive Charakter des Blicks zurück offen, zeigt den Orbán Beton Barock. Beinahe könnte man sich wünschen, dass der ungarische Staat Pleite geht, dass es bei den unvollendeten Betonskeletten bleiben muss; bevor die historistische Verschleierung einsetzt.
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