Collage als Dokumentation

 Collage als Dokumentation

Festzuhalten, was man macht, ist nicht der abwegigste Gedanke. Die Erinnerung ist eine trügerische und vergängliche Sache, in der nur zu oft und schnell auch schöne Ereignisse und wichtige Ereignisse verloren gehen. Der Wunsch an ihnen festzuhalten ist somit nur zu nachvollziehbar. Angesichts der Schwierigkeiten des Gedächtnisses ist man dafür allerdings auf etwas dem Gedächtnis äußeres angewiesen: Die Erinnerung muss externalisiert werden, findet außerhalb von sich selbst ein Symbol, das auf sie zurückverweist, sie sozusagen auslöst. Anhand des Beispiels Urlaubs, als Ausnahme aus dem Arbeitsalltag somit ein tendenziell schönes Ereignis, sollen derartige Dokumentationsformen – in den verschiedensten Medien – behandelt werden: Produkte der Souvenirindustrie, persönlichere Formen wie Fotografien, Gegenstände, die sich an ein Ereignis knüpfen, oder die klassische Form des Tagebuches. Bis hin zur Collage als spezielle Form.

Von dem Gegenstand, der als Massenware verkauft wird, wird man keine spezielle und individualisierte Erinnerung erwarten können. Das wird in vielen Fällen auch für die Fotografie gültig sein. Die individuellen Bilder, die sich an den Augenblick erinnern wollende Touristen machen, werden meist ununterscheidbar sein von solchen Bildern, die früher auf Postkarten abgedruckt waren, heute sich im Internet finden. Es handelt sich um selbstgemachte vorgefertigte Bilder. Man kann kaum von individuellen Bildern sprechen, die ein individuelles Erlebnis festhalten. Selbst dann kaum, wenn sich im Bild einzelne Personen befinden – also man selbst – wirken die Personen wie in das Bild retuschiert, wie zufällig in den Vordergrund vor die Kulisse der Sehenswürdigkeiten gesetzt. Das bedeutet natürlich nicht, dass Fotografien nicht auch individuelle und persönliche Augenblicke festhalten und dokumentieren können, aber diese Fälle wird man eher abseits der Touristenfotomotive finden oder dort, wo die Fotografie zur Kunstform wird und somit Veränderung des Gegenstandes.

Die persönlichste Form der Dokumentation wird das Tagebuch sein (oder eine andere Form der schriftlichen Dokumentation). Notiert werden Ereignisse und die persönliche Reaktion auf diese und wie sie durch den Einzelnen eingeordnet werden. Im Gegensatz zum Souvenir oder zum Foto erfordert die Form der Schrift größeren Eingriff. Es kann kein Gegenstand gekauft werden, oder als Licht eingefangen werden, sondern die Erfahrung muss in Wörter und Text umgeschrieben werden, das Erlebnis formuliert werden. Der Ausdruck, die Wörter und Formulierungen, müssen selber gefunden und hinzugefügt werden. Das bedeutet nicht nur Aufwand, sondern auch Veränderung: Es entsteht eine Erzählung, Sachen werden weggelassen, andere hingegen hinzugefügt. All das bedeutet nicht Nachteil, sondern, da es notwendiger Teil der Form ist, etwas womit umgegangen, begründet, ausgenutzt und zu seinem Vorteil angewendet werden muss.

Die Veränderung ist eine Eigenschaften, die auf den an ein Erlebnis geknüpften Gegenstand nicht zutrifft. Er ist fertig, muss in persönlicher Arbeit nicht erst erschaffen werden. Die Veränderung des speziellen Gegenstandes ist die Ortsveränderung und somit die des Kontext: Er wird als Erinnerung vom Ort, von dem er kommt, mitgenommen. Besonderheit und individuelle Bedeutung bestehen hingegen trotzdem – worin er sich vom Souvenirstück unterscheidet. Beispiel kann ein gefundenes Objekt (objet trouvé) sein, das die spezielle Situation des Erlebnisses einschließt und somit dieses dokumentiert.

Mit dem gefundenen Objekt steht die Collage in Verbindung. In ihr werden gefundene Objekte verarbeitet und zusammengefügt. In diesen beiden Eigenschaften verbindet sie die Bearbeitung des Tagebuches und die Unmittelbarkeit des gefundenen Gegenstandes. Und somit auch die Möglichkeiten und Vorteile der beiden Dokumentationsformen. In der Collage ist man nicht dem gefundenen Objekt ausgeliefert. Das Objekt und somit die Darstellung kann verändert werden und somit Stellung genommen werden, kritisiert werden. Aber trotzdem müssen nicht selber Wörter und Formulierungen gefunden werden, da der Gegenstand aus der Situation verwendet wird. Unmittelbarkeit und Veränderung verbinden sich. Gefundene Gegenstände werden nach bestimmten Prinzipien geordnet und neu verbunden.

Diese Möglichkeiten können für die Absicht der Dokumentation ausgenützt werden. In der Absicht seine eigene Erfahrung und Erlebnisse festzuhalten werden die Gegenstände, die man in anderer Umgebung erlebt hat, angepasst und in ein spezielles Bild eingebunden und verbunden. Auf der einen Seite steht das Nachzeichnen des Besuches etwa in einer fremden Stadt: die verarbeiteten Objekte zeichnen den Weg durch sie nach und drücken Gesehenes und das damit verbundene Erlebnis unmittelbar aus. Da Besuch und damit verbundene Erfahrung nicht unmittelbar ausgedrückt werden kann – sonst müsste man etwa die Sehenswürdigkeit mitnehmen und die Situation wie in einem Museum konservieren, wodurch sie sich schon verändern würde – kommen die Veränderungsmöglichkeiten ins Spiel. Bildlich und kompositorisch (anders ausgedrückt ästhetische Entscheidungen) ergeben sich für die Dokumentation neue Möglichkeiten, die den komplexen Bereich der Erfahrung besser als die unmittelbare Reproduktion eines Ortes festhalten können. Hingegen, das Ausdrucksmaterial muss nicht wie im Tagebuch selber hinzugefügt werden, sondern es findet sich im Erleben selbst. In der Collage entsteht ein doppelter dokumentarischer Charakter. Alles verarbeitete behält seine Verbindung zum ursprünglichen Gegenstand und zum Fundort, aber ist doch nicht mehr das gefundene Objekt, gleichzeitig wird das Material zu einem anderen Ausdruck umgestaltet.

Die Fragen, die sich bei der Erstellung einer Collage stellen, sind, welches Objekt mitgenommen wird, welches aus der eigenen Sammlung ausgewählt wird, welcher Teil daraus ausgewählt wird und schließlich wie die gewählten Teile zueinander angeordnet werden.

Die Art der gesammelten Objekte und was aus ihnen ausgewählt wird, ist dabei nicht grundsätzlich entscheidend. In den unterwegs gefundenen Gegenständen liegt automatisch der unmittelbare dokumentarische Charakter und die Möglichkeit mit ihnen zu gestalten, sie zu verändern, wird sich ebenfalls meist finden. Beispiel für verarbeitetes Material können Stadtpläne, Werbeflyer und -Prospekte, Etiketten, Fahrkarten, Eintrittskarten oder auch die kleinsten Kleinigkeiten sein, die sich auf der Straße finden. Und aus ihnen kann alles ausgewählt werden. Selbst in Buchstaben, die sich auf den Gegenständen finden, kann sich der doppelte Charakter verwirklichen. Einerseits kann sich in der Geformtheit von Corporate Identity nur zu oft eine direkte Aussage über das Ereignis finden. Andererseits tritt die schlichte Eigenschaft als Buchstabe hinzu, die sie variabel werden lässt und den gefundenen Gegenstand verändert, sie zum gestalterischen Element werden lässt. Der Buchstabe ist Verbindung zu Ort und kann für die Hinzufügung eines Titels oder einer anderen Aufschrift (nicht die bildliche Qualität von Buchstaben betrachtend) gestalterisch eingesetzt werden. Für andere Gegenstände liegt diese doppelte Eigenschaft wohl umso offener auf der Hand.

Bei der Collage bleibt es nicht bei der bei den anderen Formen üblichen symbolischen Verbindung. Das in einen Gegenstand ausgelagerte Gedächtnis löst symbolisch die Erinnerung aus, allerdings nur bei der Person, die die Erfahrung auch machte. Für alle anderen Personen bleibt der Gegenstand bedeutungslos, schlicht irgendein Ding. Die Collage bleibt allerdings nicht bei dieser Art von Symbol. Sie verändert und gestaltet nach ästhetischen Kriterien, wodurch sie zu einem überindividuellen Ausdruck kommt. Ein Bild über eine Stadt oder ein Ereignis entstehen, das über eine allgemeine Aussage verfügt; jenseits der Erfahrung einer einzelnen Person ist, von anderen Personen nachvollzogen und verstanden werden kann. Die Collage ist gleichzeitig Symbol fürs Erlebnis, gleichzeitig Aussage für sich.


Die Collage ist eine spezielle Form in der Suche nach Dokumentation und Festhalten von Erinnerung. In ihrer Verbindung von Unmittelbarkeit und Veränderung unterscheidet sie sich von anderen Formen der Dokumentation und kann auch zu einem überindividuellen (allgemeinen) Ergebnis führen. Und das sind alles Punkte, die nur die Verarbeitung von Erfahrung betreffen. Denn ein Punkt darf nicht vergessen werden: Hat man die Absicht seine Erfahrungen festzuhalten und ist sich der Wichtigkeit dessen bewusst, wird man sich auch im Augenblick anders verhalten. Man wird genauer schauen, ein genaueres Erfahren haben. Schließlich ist man andauernd auf der Suche nach Material, mit dem die Collage gestaltet werden kann. Dokumentierend muss man mit offenerem Blick der Umgebung entgegentreten.

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