Nationalfeiertag in Ungarn
Nationalfeiertag in Ungarn
Das Nationalfeiertage inhaltsleer sind, ist keine Frage. Entweder besteht eine Verbindung des Einzelnen zur Nation immer, oder nie. Der Nationalfeiertag behauptet hingegen, dass an einem Tag diese Verbindung besonders besteht. Und zwar, weil in der Vergangenheit irgendwann irgendetwas passierte, das für die Entwicklung der Gemeinschaft wichtig war. Dieses Ereignis soll im Jetzt des Nationalfeiertages weiter Legitimation der Verbindung zur Nation geben und diese begründen und erneuern. Ein einzelner Tag, der sich auf ein Ereignis aus der Vergangenheit bezieht, verbindet in der Gegenwart den Einzelnen zur Nation.
Eine Verbindung von Vergangenheit und Gegenwart auf einer derart konkreten Ebene herzustellen, kann nicht funktionieren. So als ob seit dem Ereignis, an das erinnert wird, es zu keinen Veränderungen kam, das damalige Ereignis weiter aktuell wäre, es in der aktuellen Situation konkret noch vorhanden wäre und im Erinnern und Nachempfinden die vergangene Situation sich auf die Gegenwart übertragen könnte.
Nationalfeiertage haben somit einen absurden Anspruch. Die Vergangenheit wird in der Gegenwart behauptet, die allerdings nicht in die Gegenwart passt und kaum eine Aussage über die Gegenwart treffen kann. Ergebnis ist eine inhaltsleere Ansammlung von Phrasen und Parolen, die angeblich beim vergangenen Ereignis bedeutend waren. Alles entleert sich in der neuen Situation der Wiederholung im Feiertag; der Nationalfeiertag wird inhaltsleer.
Da man inhaltsleer schlecht ein Fest begehen kann, muss man einen Inhalt finden. Einerseits ist es naheliegend, dass man die Fülle in der aktuellen Politik findet, andererseits wird der Weg zur Show führen, die dafür sorgen soll, dass die Inhaltsleere wenigstens auf eine ansehnliche Art erscheint; Inhaltsleere nicht vollständig Langeweile bedeutet.
Beide Strategien kann man am Beispiel der Feierlichkeiten zum ungarischen Nationalfeiertag am 15. März in Bonyhád nachvollziehen.
Der politische Inhalt wird vor Wahlen (auf Gemeindeebene, im Juni) besonders wichtig. Die Festansprachen werden zu Wahlkampfauftritten. Es wird betont, dass die Stadt und die Stadtverwaltung so gut funktioniert, dass gegen alle Widerstände an der weiteren Verbesserung der Stadt gearbeitet wird, dass die Ziele der nationalen Regierung richtig sind und gut umgesetzt werden. Nicht zuletzt wird betont, dass die anstehenden Wahlen wichtig sind, dass das Ergebnis keine Selbstverständlichkeit darstellt. Die Parole vom vergangenen Ereignis der nationalen Einheit im Aufstand gegen den äußeren Feind wird problemlos auf die Gegenwart übertragen: Es ist die EU, die die Rolle des Äußeren einnimmt, die einem die angeblich zustehenden Mittel vorenthält. Die Revolution verlagert sich auf eine Ebene des Streits um Subventionsgelder und in die Lokalpolitik. Die Entwicklung der Stadt wird zum Zweck der nationalen Einheit. In diesem heroischen Freiheitskampf erscheinen die Errungenschaften der lokalen Verwaltung heldenhaft. Gegen alle Hindernisse wird die Stadt zu einem besseren Ort – die nationale Einheit funktioniert. Problemlos ist das historische Beispiel auf die Gegenwart übertragen und jeglichen vergangenen Inhalts entleert, dass es zum banalen tagespolitischen Effekt wurde.
(Gleichzeitig – in einer weiteren Veränderung und Entleerung des historischen Ereignisses – bedeutet das, dass es sowohl Revolution als auch keine Revolution gibt. Dieses Paradox entsteht dann, wenn ein stabilisiertes Regime eine Revolution zu feiern hat. Einerseits muss das vergangene Ereignis aktuell gehalten werden, was sich aber als erneute Revolution nur gegen einen selbst richten könnte. Andererseits muss die Revolution als erfolgreich und in der eigenen Herrschaft verwirklicht dargestellt werden, was die Aktualität reduziert und somit die Beispielhaftigkeit des historischen Beispiels.)
Weiteres Element in der politischen Aufladung der Leere ist die Auswahl der Festredner. Es sind Bürgermeister aus Partnerstädten aus mehrheitlich ungarischsprachigen Gebieten in angrenzenden Ländern. Es spricht ein Bürgermeister aus der Slowakei und einer aus Rumänien. Fremdes Lob ist nicht nur immer besser als Eigenlob (sie können besser die Bürgermeisterin loben und die Bedeutung der Wahlen hervorheben als die wahlkämpfende Bürgermeisterin selber), sondern ihr Auftreten alleine ist Botschaft. Die nationale Einheit hört nicht an den Staatsgrenzen auf. Ihr Auftreten stellt die Forderung der Revision, dass die Nation wieder in einem gemeinsamen Land lebt, die Einheit auch in dieser Hinsicht wiederhergestellt wird.
Die politische Verwendung der Nationalfeiertrags-Phrasen bietet sich besonders deshalb an, da es an diesem Tag keine Möglichkeit für andere Meinungen gibt. Der politische Inhalt und der Wahlkampf gibt sich an diesem Tag als nationale Einheit aus. Jeder, der es wagen würde zu widersprechen, eine andere Meinung einnehmen würde, würde sofort zum inneren Feind, zum Vaterlandsverräter. Selbst die Frage, was es bedeutet, dass eine Stadt sich gut entwickelt, kann nicht behandelt werden. Bei der Wahl der Bürgermeisterin gibt es keine Wahl, jeder andere Kandidat bedeutet Einwand gegen die Einheit. Nicht nur gegen das Außen (EU, Nachbarländer) wird die nationale Einheit betont, sondern auch nach Innen.
Witzig ist dann nur, dass in der ach so gut funktionierenden Fidesz-Stadt die Tonanlage im Veranstaltungssaal nicht funktioniert, die die Festansprachen verstärkt. Das nationale und politische Eigenlob hat ein Rauschen als Nebengeräusch. So als ob daran erinnert werden sollte, dass auch in neue Straßen die Schlaglöcher zurückkommen (besonders wenn die Straßen nicht verwendet werden) und dass es in der nationalen Einheit auch andere Meinungen geben könnte, nicht nur zur Frage, wie eine Stadt verwaltet werden könnte.
Die andere Strategie gegen die Leere des Nationalfeiertags ist die Show. Von der Militärparade ist in der provinziellen Kleinstadt keine Rede, aber trotzdem kann nicht auf das Spektakuläre verzichtet werden.
Die Feierlichkeiten begannen mit einem Film, der das historische Ereignis im Stil des Kostümfilms in die Gegenwart holen mag: Soldaten ziehen mit verbissenen Gesichtern durch das Bild, es wird geschossen und gestürmt, alles ist sehr dramatisch, brutal und spektakulär. Nur, der Film bleibt höchst billig: Wie soll auch schon eine kleine Stadt einen Film produzieren, der sich auch nur halbwegs an den an Hollywood geschulten Erwartungen messen lässt. Begibt man sich auf dieses Feld, kann man nur verlieren; kann man nur ein peinliches Ergebnis produzieren. Mit dem Film dreht sich die Show um, macht die Veranstaltung eher langweiliger, abstoßender.
Anders liegt der Versuch zur Show in den Musik- und Tanzauftritten. Eine Volksmusikkapelle tritt auf und dazu tanzen junge Männer und Frauen eine Choreografie. Volksmusik steht grundsätzlich in einem starken Zwiespalt zwischen Tradition und Gegenwart. Sie mag authentisch sein und bezieht ihre symbolische Aussagekraft aus der Vergangenheit: Wir spielen die Musik von früher; wir spielen die Musik unserer Leute, als die Musik noch nicht durch ausländische Popmusik internationalisiert wurde; unsere Musik zeigt das Leben von Früher, als es noch einfach und gut war. Die Erwartung an die Musik ist somit die, wie sie auch die an den Nationalfeiertag ist: Einheit und Verbindung in der Gegenwart durch die Vergangenheit.
Nimmt man diesen Anspruch ernst, würde eine Musik präsentiert werden, für die sich kaum jemand interessieren würde – eine streng rekonstruierte Musik würde entstehen ohne Anziehung und Verbindung in die Gegenwart. Gleichzeitig müsste man bei einer solchen Rekonstruktion draufkommen, dass in der Vergangenheit die Musik mit den erwarteten Eigenschaften nicht existierte. Eine einheitliche und die Nation verbindende Volksmusik existierte nicht, die das einfache, gute und normale Leben ausdrückte. Alleine die Begriffe sind modern. Die behauptete und erwartete verbindende Kraft der Musik der Vergangenheit ist eine moderne Erwartung, die somit ganz strukturell der herbeigesehnten Vergangenheit entgegensteht. Die Übertragung der Vergangenheit auf die Gegenwart ist etwas, das die Vergangenheit ausschließt. Volksmusik bedarf und beansprucht aber die Vergangenheit für sich; sie mag die Vergangenheit, spricht aber nur die Gegenwart. Sie sucht und findet eine Erwartung der Gegenwart in der Vergangenheit, obwohl diese in der Vergangenheit nicht vorhanden ist. Eine moderne Musik entsteht, die genau das Gegenteil sein und zeigen mag.
So entsteht für die Volksmusik das gleiche Problem wie es auch der Nationalfeiertag selbst hat; besonders umso mehr ‚authentische’ Elemente der Vergangenheit sie in den Vordergrund stellt. Nationalfeiertag und Volksmusik sind in ihrer phrasenhaften Wiederholung (und so falschen Wiederholung der Vergangenheit) leer und langweilig.
Gegenmittel ist (neben der ideologischen Verordnung der Wichtigkeit), dass sich populärer Ausdrucksmittel der Gegenwart bedient wird, um die vergangene Musik zu präsentieren. In die Leere und Langeweile der Vergangenheit fügt die Volksmusik-Band Ausdrucksmittel aktueller Bands hinzu. Show ist das Gegenrezept gegen die Langeweile. Dass die Elemente aus der Gegenwart kommen, kann nicht weiter überraschen, ist doch auch der Volksmusiker ständig von Popmusik umgeben, diese stellt auch für den Volksmusiker den Erfahrungsschatz dar und somit den Schatz an Ausdrucksformen derer er sich bedienen kann. Natürlich bedeutet die Verbindung in die Gegenwart, die durch das sich Bedienen bei modernen Formen entsteht, nicht, dass der Anspruch der Authentizität aufgegeben wird. So als ob es sich dabei nicht um Widersprüche handeln würde.
Konkret fügt die Band zu ihrer traditionalisierenden Musik den Gestus des Rockmusikers hinzu. Der Frontman steckt sich in zu enge Hosen und wirft die auffordernden und sich aufstachelnden aber gleichzeitig verbissenen und ernsten Blicke den Tänzern und Mitmusikern zu, es wird sich einander entgegengetanzt, sich selbstbestätigend. Die Phrase aus der Rockmusik, die gesehenes und reproduziertes Verhalten auf der Bühne ist, wird auch von dem nachgemacht, der die Geige in der Hand hält. Diese Geige ist natürlich elektrisch verstärkt: Ohne die technische Verstärkung ist der moderne Auftritt undenkbar, ist aber weiteres Element der Gegenwart, die der Darstellung der Vergangenheit dienen soll. Gesten und Technik sollen der traditionellen Musik und so dem Vergangenen grundsätzlich in der Gegenwart wieder Anziehung geben.
In Technik und Gesten wird sich solcher Elemente bedient, denen selbstständig nicht unbedingt große Auskunftskraft zugeordnet werden kann. Aus der Gegenwart kommt die Präsentation und dessen Pathos. Das Alte wird quasi in ein neues Gewand gesteckt, dass es lieber angeschaut wird, dabei sich aber nicht verändern soll. Die Leere der erfundenen Vergangenheit wird mit der Leere aktuellen Verhaltens auf der Bühne kombiniert: Leere mit Leere. Das Ergebnis ist wenig überraschend; auch der Weg über die Volksmusik zur Show und zur Popularisierung des Nationalfeiertags zu kommen, bleibt in Langeweile stecken.
Was in der Leere bleibt und diese füllt ist das Korrektiv der Vergangenheit. Gerade weil die Aussagen der Vergangenheit unklar sind und nicht in die Gegenwart passen, also ein fiktives Verhältnis zur Vergangenheit und somit zum vergangenen Ereignis eingenommen wird, eignet sich die Vergangenheit besonders gut – sie kann mit beliebigen Inhalten gefüllt werden. Das sieht man an den Politikerreden, die zu aktuellen Themen greifen, aber auch an der Volksmusik. Die Eigenschaften der erfundenen Vergangenheit werden zu Forderungen an die Gegenwart. Die vermeintlichen Gesellschaftsvorstellungen der Vergangenheit werden mit ihren festen Ordnungen und Regeln für die Gegenwart gefordert. In der Kleidung der Trachtentänzer oder auch in ihren Tänzen kommt es zum Ausdruck. Das geordnete Geschlechterverhältnis, die den gesellschaftlichen Stand ausdrückende Kleidung; auf der symbolischen Ebene entsteht eine geordnete Gesellschaft. Nur dass diese Formen auf diese Art nie bestanden und auf eine Art ausgedrückt werden, die nicht die traditionelle sein kann. Das ist der Forderung egal, obwohl sie die leere Form der Vergangenheit nicht begründet füllen kann, füllt sie sie, da es aktuell derart gewünscht ist. Angesichts der fehlenden inhaltlichen Begründung, kann das in der Entscheidung, welche die erfundene Vergangenheit sein soll, nur Gewalt bedeuten. In der Festlegung des Inhalts und darin, dass die Gesellschaft dem Inhalt entsprechen soll – was nur die nächste Konsequenz sein kann.
Die Musik und der Nationalfeiertag und die Politik sagt, dass Ungarn ein Land ist, in dem noch alles in Ordnung ist. Nur die behauptete Ordnung gibt es nicht, nur nationale Leere – also unmittelbaren Zwang.
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