Text als Bindung – über die Buchrückengeschichte
Text als Bindung – über die Buchrückengeschichte
Ein Konzept ist eine allgemeine Vorgabe. Ist das Konzept einmal formuliert, ist es abgeschlossen und gesagt. Konzept und darüber zu schreiben wird schnell langweilig, da Konzept und so auch der Text darüber sich zu wiederholen drohen.
Anders ist es wenn das Konzept nicht Konzept bleibt, sondern Material wird und angewandt wird. In der Anwendung ist das Konzept jeweils anders: der unterschiedlichen Umgebung entsprechend und der Zufälligkeit und Verschiedenheit von Material und seiner Verarbeitung folgend. Wird Konzept Handwerk erhält es einen unberechenbaren Charakter, der für Fehler, Abwechslung und Konkretion (in Material und Inhalt) steht.
Der Zwiespalt zwischen Konzept und handwerklicher Umsetzung bedeutet eine Grundsituationen nicht nur der Buchrückengeschichte, sondern auch anderer Objekte von mir. Eine Frage (Konzept) wird in unterschiedlichen Situationen (unterschiedlichen Teilen eines Buches), zu unterschiedlichen Zeiten und in unterschiedlichen Materialien gestellt, und führt so zu unterschiedlichen Resultaten – zu Abwechslung vom Konzept.
Das Konzept lautet: Kann durch Abstraktion konkrete Aussage getroffen werden?
Abstraktion bedeutet, dass Bedingung der Darstellung zur Darstellung gebracht wird. Beispiel: Wird eine leere Leinwand ausgestellt oder Strich, Farbe, Form kommen Elemente zur Darstellung, die in figuralen Bildern verwendet werden, um in diesen Darstellung zu erreichen, um ihren Inhalt zu formulieren. Die Leinwand als Untergrund ist die Grundlage jedes Bildes; Strich, Farbe, Form setzen auf der Leinwand das Dargestellte zusammen.
Im Fall eines Buches ist Voraussetzung der Darstellung die Seite (siehe Buchstabenbücher), bzw. die Verbindung der einzelnen Seiten zu einem Buch – die Bindung. Auf anderer Ebene ist es zusätzlich Schrift und Buchstabe. Das Buch betreffend bedeutet Abstraktion, dass als Bedingung der Darstellung Seite und Bindung (und Schrift) dargestellt wird; Elemente, die in weiterer Folge den herkömmlichen Inhalt eines Buches bilden.
Ist die Darstellung der Bedingungen erfüllt, sind weitere derartige Darstellungen nur Wiederholung – es kann von einem abstrakten Bild nur eines geben. Wird die leere Leinwand erneut ausgestellt, hat sie (abgesehen von Wiederholung) keine allgemeine Aussage mehr, ist langweilig und überflüssig geworden – Dopplung.
Wird in Abstraktion die Voraussetzung der Darstellung ausgestellt, bedeutet das eine allgemeine Aussage. Es ist die Aussage, die Verwendbarkeit der Form betreffend und all ihrer möglichen Abwandlungen. Als solche Aussage hat Abstraktion keinen konkreten Inhalt; steht also dem Konzept entgegen, das in Abstraktion Konkretion verlangt.
Kann aber mit der Darstellung der Darstellungsmöglichkeit ein konkreter Inhalt ausgedrückt werden?
Beschreibung der konkreten Situation – die Buchrückengeschichte:
Hinter dem Text verschwindet die Seite, hinter dem Buch verschwindet die Bindung. Der Gegenstand (das Buch) ist wegen seines Inhaltes interessant, die weiteren Eigenschaften verschwinden, die den Inhalt erst möglich machen.
Das Buch ist Das Brennende Auge (The Burning Eye, 1960) von Victor Canning (1911-1986), das auf Deutsch in der ersten Auflage 1963 erschien. Ein Thriller in einer dekolonisierenden Welt: nicht weiter besonders oder aufregend. Ein Buch, aus Seiten und in einer typischen Kombination aus Faden und Klebstoff zusammengebunden. In der Spannung der Geschichte blättern sich die Seiten um und die Bindung lässt die Organisation und Chronologie der Erzählung nicht auseinanderfallen. Eines wird geordnet nach dem anderen vorgeführt.
Diese Reihenfolge und Ordnung aus den zerfallenden Kolonien ist im Buch – auch in der bearbeiten Version – vorhanden. Die Geschichte des schiffbrüchigen Schiffs und der im feindlichen Somalia gestrandeten Passagiere lässt sich nachvollziehen. Die Geschichte, das Buch ist unberührt. Nur gibt es etwas zusätzlich. Das Buch ist aufgeschnitten, die Bindung sichtbar gemacht; somit die Bedingung, dass die Geschichte über die Flucht vor den aufständischen Einheimischen erzählt werden kann.
Sichtbar ist die Bindung nicht bloß durch einen Schnitt gemacht, sondern aus der schlichten und verschwindenden Verbindung der einzelnen Buchteile wurden Buchstaben und Text. Die Voraussetzung, dass die Geschichte erzählt werden kann (die Seiten zusammenhalten) wird selber mit Text getroffen. Die abstrakte Aussage wird konkret getroffen. Der Text an der ungewohnten Stelle im Rückens des Buches formt abstrakte Aussage und konkrete Geschichte: eine doppelte Aussage, die gemeinsam ermöglicht, dass der Roman sich in sein Happy End führt: aus den Fängen der Einwohner und deren Machenschaften um die Ausbeutung der Ölvorkommen. Möglich ist allerdings nur noch die Flucht. Das Happy End kann nicht mehr die Wiederherstellung der kolonialen Herrschaft nach dem Aufstand sein. Die Bedingung offengelegt, wird auch der dekolonialisierende Ablauf der Geschichte zweifelhaft.
Die Buchrückengeschichte, die in der Bindung entsteht, indem sie Roman und Buch darstellt und thematisiert, lautet:
K. übergibt die vereinbarte Büchersendung am 11.3 12 Uhr am Os
tbahnhof Ausgang Post. Er steigt aus dem Zug aus Wien, die Poli
zei schaut, K. grüßt, geht zur Post. Kontaktperson wartet, K.
übergibt das Paket. Bestätigt Empfang per Post.
Die Buchrückengeschichte ist Spionagegeschichte, bleibt im Fach des Thrillers, der in klaren politischen Ereignissen seinen Hintergrund hat. Es ist nicht das Unabhängig werden ehemaliger Kolonien in Afrika, sondern Kommissar K. (Kirchbichler) reist in den 80er Jahren nach Budapest und übergibt am Keleti Pályaudvar (Ostbahnhof) eine Buchsendung.
Hintergrund der Geschichte ist der einem heute absurd vorkommende Gedanke, dass in die Staaten des Warschauer-Pakts aus dem Westen versucht wurde Bücher einzuführen. Erwartung war, dass mit der Einfuhr von zumindest angeblich verbotenen Publikationen der Gegner im Kalten Krieges geschwächt werden könnte, also mittels Büchern in die Systemkonfrontation eingegriffen werden sollte und sich ein Vorteil verschafft werden sollte. Diese Episode des Buchschmuggels in den Osten stellt einen Teil des Gründungsmythos der heute noch (und zwar besonders in Osteuropa) bestehenden Österreich-Bibliotheken dar. Das Konzept der Österreich-Bibliotheken war im zerfallenden Ostblock Informationen zu Österreich und Literatur aus Österreich (also etwas, das tendenziell nicht vorhanden war) zugänglich zu machen. Tatsache wurden die Österreich-Bibliotheken allerdings erst als ihr Gegner (das sozialistische System) nicht mehr existierte; die meisten Bibliotheken wurden in den 90er Jahren gegründet.
In diesem nun fiktiv gewordenen Buchschmuggel hat der Wiener Kriminalpolizist Kirchbichler die Zustellung einer Sendung übernommen. Er kommt mit der Buchsendung am Budapester Ostbahnhof an und übergibt bei der Bahnhofspost der Kontaktperson das Bücherpaket. [Die Geschichte von Kirchbichlers Ungarn-Aufenthalt wird eine Fortsetzung finden.]
Bis hier klingt es wie eine herkömmliche Geschichte: Ein außergewöhnliches Ereignis in einer außergewöhnlichen Zeit wird erzählt. Die Funktion zur abstrakten Aussage über die Voraussetzung der Darstellung des Buches zu kommen, erfüllt auch die herkömmliche Geschichte, auch wenn, schaut man sie sich unabhängig an, es sich bei ihr um nichts besonderes und schlicht um eine weitere Geschichte handelt.
Zeichen dafür, dass es sich auch bei der Geschichte um etwas besonderes handeln könnte, ist, dass sie in der Zeitform der Gegenwart geschrieben ist, nicht in der typischen Zeit, in der Geschichten stehen – dem Präteritum. Die Verwendung der Gegenwart hat verschiedene Konsequenzen: Vergegenwärtigung; interessanter ist allerdings, dass durch die Verwendung der Gegenwart man den Text nicht eindeutig dem erzählenden literarischen Bereich zuordnen kann. Es kann sich um ein Protokoll, eine Beobachtung (Observation) oder auch um einen Bericht handeln. Das Passierte wird als gleichzeitiges dargestellt, das für spätere Verwendung dokumentiert und festgehalten wird. Die Form zeigt in die Richtung des Inhalts, den Bereich von Polizei und Überwachung.
Diese in erster Linie nicht literarischen Formen stehen auch mit dem Ort der Geschichte, also mit dem Buchrücken, in Verbindung. Handelt es sich um Protokoll oder Bericht einer geheimen und verbotenen Tätigkeit, ist der Buchrücken verborgener Ort um Botschaften versteckt übermitteln zu können. Das Buch würde so sogar eine Verwendungsmöglichkeit bekommen.
Wer das Protokoll schreibt und an wen es übermittelt wird, darin ist der Text unklar: Vielleicht ist es Kirchbichler, der durch den Text im Buchrücken meldet, dass die Bücher erfolgreich übergeben sind; vielleicht wird Kirchbichler bei der Übergabe beobachtet und dieses Beobachten auf verborgene Weise mitgeteilt. Oder es ist einfach die Geschichte darüber, welche dann nicht nur diese beide Möglichkeiten ist, sondern auch abstrakte konkrete Aussage, als Text, der Bindung als Bedingung von Aussage eines Buches darstellt – das wiederum auch ein konkretes Buch ist.

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