Das Pauschale, zur Ausstellung in der á Barranca Galerie
Das Pauschale, zur Ausstellung in der á Barranca Galerie
So als ob man Verbindungen herstellen müsste zwischen einzelnen Gegenständen einer Ausstellung, aber sieht man in einen Raum zusammengestellt verschiedene Objekte, drängt sich das Verbinden auf; besonders dann, wenn die Verbindung sichtbar ist, sie sich aufdrängt.
Geht man in den Ausstellungsraum sieht man Bücher (an der Wand hängen und auf Tischen liegen) und Fotos, die sich zu einem zusammenhängenden Bild an einer Wand zusammenfügen. Es sind Bücher, die nicht den klaren Inhalt eines herkömmlichen Buches vermitteln, also mit Buchstaben einen Inhalt darstellen. Vielmehr handelt es sich um abstrakte Objekte, die entweder gar keine Buchstaben in sich enthalten, oder deren Buchstaben an untypischen Orten Inhalt vermitteln: durch die Seite (die Seite ist Buchstabe/die Seiten sind Text) oder durch die Bindung (die Bindung ist Text). In der Ausstellung sieht man auf jeden Fall keine traditionellen Bücher, auch wenn sie als Bücher erkennbar sind, dieser Form zuordenbar sind.
Auf einer Wand befinden sich die Fotos. Es sind Fotos einer Tapete, die einen literarischen Text (Paul et Virginie) illustriert. Entscheidend ist, dass es sich um mehrere Fotos handelt, die gemeinsam sich zu einer größeren Fläche verbinden, aber trotzdem kein zusammenhängendes Bild ergeben: etwa das Abbild der ganzen Tapete. Man sieht Details. Diese wiederholen sich teilweise, stehen in anderer Perspektive (nicht in normalem, sondern schrägem Blick), sind verschwommen, haben verschiedene Formate innerhalb der gleichgroßen Rahmen (die Ränder zwischen Foto und Rahmen sind unterschiedlich). Zusammengefasst: Es ergibt sich kein herkömmliches (Dokumentations-) Foto einer Tapete, keine herkömmliche Ansammlung an Fotos.
Die Verbindung zwischen den Büchern und den Fotos wäre auf den ersten Blick ihre Verbindung zur Literatur. Auch wenn es sich bei den Büchern um leere Bücher handelt, so ist alleine die Form des Buches Verbindung zur Literatur – und natürlich ist bei manchen Büchern auch ein literarischer (also textlicher) Inhalt vorhanden. Bei den Fotos ist die Verbindung, dass eine Tapete abgebildet wird, die ein literarisches Werk illustriert. Die Verbindung zur Literatur ist, auch wenn es sich um die dargestellte Ebene handelt, offensichtlich.
Auf den zweiten Blick ist die Verbindung das Material. Es handelt sich jeweils um Papier, das den Inhalt trägt. Die Fotos sind auf Fotopapier (genauso wie die abgebildete Tapete aus Papier ist), die Bücher bestehen aus kaum etwas anderem als Papier – selbst die Tinte als Träger von Inhalt ist aus den Büchern gestrichen, nur die Titel sind mit Tinte geschrieben. (Das einzige weitere Material ist Nähzwirn, der die Bücher verbindet.) Sowohl die Fotos als auch die Bücher stellen jeweils Papier als Medium aus – auch wenn in unterschiedlichen Erscheinungsformen und in unterschiedlicher Weiterverarbeitung.
Auf den dritten Blick kann die Verbindung darin aufgeschlagen werden, auf welche Art die Objekte mit literarischem Stoff umgehen: also die Methode wird zur Verbindung.
Umgehen mit literarischem Stoff ist Erzählen. Herkömmliches Erzählen ist, wenn Inhalte auf eine Art miteinander verbunden werden, in der jeder Teil Teil jeden anderen Teils ist. Es gibt eine notwendige Verbindung und Abgeschlossenheit innerhalb der Erzählung: Die Geschichte wird von vorne bis hinten erzählt, und dass es zum Ende kommen wird und das Ende mit dem Anfang zusammenhängen wird, darauf kann man sich am Anfang bereits verlassen. Die literarische Umsetzung dieses Erzählmodells ist der herkömmliche Roman.
Auf die bildnerische Darstellung übertragen könnte abgeschlossenes Erzählen sich so vorgestellt werden, dass die Geschichte von Paul et Virginie von vorne bis hinten (in zentralen Szenen) auf ein Papier gedruckt wird (wie es auf der Tapete auch passiert). Mit einem Blick kann der Text erfasst werden und die aus dem Text bekannten Szenen können den Illustrationen zugeordnet werden. Der Verlauf aus dem Text wiederholt sich in der bildnerischen Darstellung. (Aufgrund der Gleichzeitigkeit des ganzen Textes in einem Bild wird die Abgeschlossenheit im Vergleich zum literarischen Erzählen in Buchstaben sogar gesteigerter sein – das Ende ist buchstäblich schon am Anfang sichtbar. In der illustrierenden Funktion ist die Tapete mit dem Text klar entschlüsselbar und verbunden, das Bild verweist eindeutig auf etwas anderes: So als ob Abgeschlossen die Illustration nur in Verbindung verstanden werden kann.)
Die Fotografien zeigen die Tapete aber nicht auf dieser Art, nicht in ihrem Ganzen und sie zeigen auch keine einzelnen Szenen, die sich nachvollziehbar und zusammenhängend aus- und ineinander entwickeln würden; also dass einzelne Fotos einzelne Szenen aus der Tapete herausgreifen würden und diese aneinanderreihen würden zu einem Ganzen. Das ist jeweils nicht der Fall. Im Gegenteil: Aus einer nicht sichtbaren Menge an Szenen (Ganzes) wird eine erstmals unbestimmbare Auswahl getroffen: Es gibt das Ganze der Tapete nicht und auch aus den Teilen setzt sich kein Ganzes zusammen.
Aber genau dieser Eindruck, dass ein Ganzes existiert, wird vermittelt. Die einzelnen Fotos hängen in Elementen in einem Raster nebeneinander und füllen zusammen eine größere Fläche. Es entsteht der Anschein, dass die einzelnen Fotos sich zu einer Gesamtansicht der Tapete zusammenfügen. Und, da einzelne Elemente Schrift tragen, die Szenen aus dem Text angegeben, entsteht der Eindruck, dass eine dem Text folgende Entwicklung angegeben wird. So als ob von einer Szene zur nächsten fortgeschritten würde und schließlich zu einem Ganzen gekommen würde.
Nicht nur wegen fehlender Informationen (das Bruchstückhafte) ergibt sich das Ganze nicht, sondern auch wegen den Verfremdungen (Wiederholungen, wechselnde Perspektive, Verschwommenheit, wechselnder Abstand zwischen Foto und Rahmen) der Fotos. Wenn die Kamera aus verschiedenen Winkeln auf die Tapete schaut, wenn ein Bild plötzlich verschwommen ist, oder wenn zwischen einigen Bildern der Abstand durch einen größeren Rand vergrößert ist, dann wird die Zusammenfügung unmöglich.
Nicht in Zusammenhang, Ganzen und Abgeschlossenheit wird erzählt, aber es entsteht doch eine Geschichte; eine Geschichte allerdings, die sich aus anderen Gründen und Argumenten ergibt und erzählt und somit auch einen (wenn auch auf anderer Ebene) Zusammenhang erhält.
Es sind Argumente des Augenscheins: Wie wenn der Blick von einem Element zum nächsten schweift und gleichzeitig bei dem vorangegangenen Element bleibt, diesen wiederholt. Es ist nicht das Entweder-Oder des chronologischen Erzählens, sondern in der Wiederholung des Vorangegangenen ist das Passierte ganz offensichtlich weiter präsent. Die Argumentation des Zusammenhalts wird zu einer sichtbaren (legitimierten). Der Augenschein auf die Tapete findet sich auch in der Verfremdung durch die wechselnde Perspektive und das Verschwimmen. Es wird nicht ein gleichbleibender und künstlicher normaler Blick auf den Gegenstand eingenommen, sondern unruhig wechselt er. Zwischen Wiederholung, Perspektiven und Schärfe/Unschärfe entsteht Bewegung also Erzählung.
Erzählen wird nicht gestrichen, sondern wird in der offensichtlich gewordenen Bewegung zur Darstellung gebracht. Erzählen wird komplex. Nicht in einen feststehenden Rahmen werden im Lesen Informationen eingefügt, sondern der Zusammenhang muss erst erschlossen werden. Es entsteht ein entfremdetes, sich selbst thematisierendes Erzählen, ein legitimiertes Erzählen.
Stellt man diese Art des Erzählens in Vergleich mit den Büchern, so ist das Erzählen einer Geschichte, die aus einzelnen Buchstaben sich zusammensetzt gleichfalls nicht als herkömmlich zu bezeichnen. Wenn man nicht einmal sagen kann, welcher der nächste Buchstabe sein wird, muss man darüber schweigen, wie aus den Buchstaben das Ganze der Erzählung entstehen könnte. Selbst würden in den ausgestellten Büchern herkömmliche Texte erzählt werden können, würde das Lesen das herkömmliche Erzählen in ihnen zerstören.
Vergleichbares geht bei der Geschichte im Buchrücken vor. Der Text muss erst gefunden werden, das präparierte Buch überhaupt erst als solches erkannt werden, dass im herkömmlichen Buch sich auch etwas anderes befindet. Anschließend müssen die Buchstaben entschlüsselt und zusammengesetzt werden. Schon auf kleinerer Ebene (vom Buchstabe zum Wort, zum Satz) wird Zusammenfügung zweifelhaft und somit die Methode, die herkömmlich für das Erzählen aus Zusammenhang und Abgeschlossenheit sorgt. In der Zweifelhaftigkeit der Buchstaben (hin zum Text) wird literarische Darstellungsmöglichkeit thematisiert und der zweifelhafte Charakter des herkömmlichen Erzählens bloßgelegt. Allerdings im gleichzeitigen Vorhandensein von Bewegung und Verbindung – in der Offenlegung von Erzählen findet das Erzählte Legitimation.
Die Aufdeckung zweifelhafter Verbindungen, das könnte als Verbindung innerhalb der Ausstellung gesehen werden, wobei diese Aufdeckung jeweils in der Darstellungsmethode des Werks funktioniert. Der mehr aus anderen Gründen (Assoziation, Klang) für die Ausstellung gewählte Titel (das Pauschale) bezeichnet wie verdreht diese Eigenschaft der Ausstellung. So als ob der wie falsch wirkende Artikel (das korrekte ‚das‘ im Vergleich zum intuitiven ‚die‘) darauf verweisen würde, dass das Pauschale nicht den Überschlag oder das Ganze, das vor dem Einzelnen steht, bezeichnen würde, sondern das Genaue, den unzusammengesetzten Teil und argumentierte Verbindung.
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