Die paradoxe Situation kleiner Philologien

 

Die paradoxe Situation kleiner Philologien – besonders der Hungarologie, aber umgekehrt auch (Germanistik)


Unmittelbar nach der ‚Wende’ (wahrscheinlich im Jahr 1990) hält ein österreichischer Versicherungsmanager einen Vortrag mit dem Titel Auferstehung eines freien Versicherungsmarktes im östlichen Teil von Europa. Er schildert die Situation auf dem Versicherungsmarkt im staatsmonopolistischen System – das in großen Zügen auf Versicherungen verzichtete, da für den privaten Bereich verpflichtende allgemeine Versicherungen wie Kranken- oder Pensionsversicherung Risiken abdecken sollten; im Bereich der Unternehmen stand der Staat hinter den Unternehmen und besicherte somit deren Risiken. Die Dominanz des Staates deckte Risiken ab und machte die Versicherungsbranche mehr oder weniger überflüssig. Im Eigentum des Staates stehende Versicherungsunternehmen bestanden trotzdem, sie versicherten besondere Situationen wie Auslandsrisiken oder besonderen und andere gefährdenden Besitz – etwa mit Autoversicherungen. Auch darin, dass die besonderen Situationen (etwa Autos) alltäglicher wurden, lag in den staatlichen Versicherungsunternehmen die Grundlage für spätere Veränderungen.

Mit der politischen Veränderung (bzw. bereits davor) brachen die staatlichen Monopole auch im Versicherungsmarkt auf und ausländische Firmen und Kapital konnten nach und nach in den verschieden osteuropäischen Ländern aktiv werden. [Vorreiter bei der Öffnung und Privatisierung des Versicherungsmarkes war – wenig überraschend – Ungarn. Zum Zeitpunkt des Vortrags war bereits die Hälfte des einen staatlichen Versicherungskonzerns (Hungaria) verkauft (an die Allianz), der andere (Állami Biztosító) kooperierte in zwei Tochtergesellschaften mit ausländischen Firmen (unter anderem Generali) und eine neue Versicherung (Providentia) war bereits gegründet, an der der Staat nur mit einer Minderheit beteiligt war.]

Nachdem der Manager die Situationen in den verschiedenen Ländern vorgestellt hat, schreibt er in der Zusammenfassung des Vortrages:

„Umfassende Lernprozesse sind auf beiden Seiten zu bewältigen. Die westlichen Versicherer müssen sich mir den Bräuchen, Gewohnheiten, Lebensstil, Temperament etc. der einzelnen Länder und möglichst auch mit der Sprache vertraut machen.

Die Funktionäre und Mitarbeiter der Versicherungswirtschaft in den östlichen Ländern müssen sich andererseits einem umfangreichen Ausbildungsprogramm unterziehen, sowohl im Innen- als auch im Außendienst, um im Konkurrenzkampf eines freien Marktes bestehen und effizientere Arbeit leisten zu können.“

Der Manager stellt fest, dass beide Seiten lernen müssen. Die westliche muss sich mit den lokalen Verhältnissen vertraut machen, die östliche mit den westlichen Arbeitsweisen. Die eine Forderung ist leicht verständlich: Es ist nachvollziehbar, dass der westliche Manager seine effiziente Arbeitsweise und Arbeitsmittel (Computer) auf den neuen Markt übertragen mag, um mit neuen Methoden mehr zu verdienen. Die andere Forderung ist weniger nachvollziehbar, sieht sie doch vor, dass die westliche Firma sich mit solchen Sachen beschäftigen muss, die keinen unmittelbaren Zusammenhang mit dem Geschäfte-Machen haben. Also Sprache und Sitten der jeweiligen Länder sollen erworben werden. Aber offensichtlich war dieser Umweg (Zusatzaufwand und Kosten) nötig, nur mit diesem zusätzlichen Wissen konnten Geschäfte gemacht werden, die Geschäftsmöglichkeiten ergaben sich erst mit dem entsprechenden Wissen. Das Wissen, das auf den ersten Blick wie ein Umweg aussieht, ist notwendig.

In welchem Verhältnis das Lernen der beiden Seiten steht, fügt der Manager anschließend hinzu: „Die Ausarbeitung der Ausbildungsprogramme obliegt natürlich dem Westen, der hier auf bewährte Methoden und Erfahrungen zurückgreifen kann.“ Das hierarchischen Verhältnis, wer in der Geschäftsbeziehung das Sagen hat, wird gleich am Anfang des Austausches festgelegt.


Wenn man dem Versicherungsmanager glaubt, war es in der Situation nach der Wende ökonomisch notwendig sich mit den Ländern Osteuropas detailliert auseinanderzusetzen. Die Quellen für dieses Wissen werden in letzter Linie Universitäten darstellen. An ihnen besteht das Wissen, das direkt an die Versicherungen (oder andere Unternehmen) weitergereicht werden kann, bzw. vermittelt an zukünftige Arbeitskräfte, die im gesellschaftlichen Bedarf nach derartigem Wissen sich entsprechenden Ausbildungen zuwenden. Institutionen, die über derartiges Wissen verfügen, werden entsprechend eine höhere Nachfrage haben. Im Bedarf der 90er Jahr nach den Ausbildungs- und Informationsinstitutionen erleben diese ihr Goldenes Zeitalter.

Im Fall Ungarns sind das Hungarologie (Finno-Ugristik) Institute, aber für andere Lehrbereiche, die osteuropäische Länder betreffen, werden vergleichbare Tendenzen festgestellt werden können.


Seitdem veränderte sich die Situation. Der Versicherungsmanager würde heute in seinem Vortrag nicht mehr die Not erwähnen Sprache und Sitten zu lernen, das Geschäfte-Machen ist nun auch ohne die hinzutretenden Kenntnisse möglich. Die Bildungssysteme der jeweiligen Länder veränderten sich (Fremdsprachenkenntnisse erweiterten sich, dass Kommunikation in anderer als der Landessprache möglich wurde), die im Vortrag vermisste Fachliteratur zur Geschäftsorganisation wird inzwischen in jeder Sprache in Überfluss vorhanden sein, und letztlich glichen sich auch die Sitten, abgesehen von zu Marotten gewordenen Unterschieden, ‚allgemeinen‘ Sitten an. Der internationale Manager kann ins osteuropäische Land kommen, wie er auch in andere Länder kommt und die lokalen Filialen organisieren und rationalisieren. Globalisierung sorgte für eine Angleichung und Einbindung der osteuropäischen Länder. Die Besonderheit dieser Länder reduzierte sich.

Wenn das eine Lernen (das der Versicherung) damit überflüssig geworden ist, blieb das andere (die Rationalisierung) hingegen erhalten: Die Hierarchie des Verhältnisses spitzt sich auf diese Art betrachtet zu.

Die Veränderung der gesellschaftlichen (geschäftlichen) Situation bedeutet das Ende des Goldenen Zeitalters der Wissensinstitutionen – ihr Wissen ist nicht mehr gefragt. Da die heute die Institutionen leitenden Personen sich an das Goldene Zeitalter erinnern können und selbst in die Erfolgsgeschichte involviert waren, jetzt aber – in ihrer eigenen Verantwortung – mit einem Verfallsprodukt konfrontiert sind, müssen sie sich die Frage stellen, warum es dazu kam. Persönlich wird niemand die Frage beantworten, würde das die Selbsteinsicht zu falschen Entscheidungen und ausgelassenen Möglichkeiten bedeuten, oder die Antwort des Versicherungsmanagers geben, dass die Fächer unnötig geworden sind – was die Einstellung als Konsequenz bedeuten würde. Für die Finno-Ugristik, aber vergleichbare Punkte werden sich auch für andere ‚Osteuropa-Fächer‘ finden lassen, wird von Verantwortlichen als ein weiter Erklärungsansatz die Politik angeführt.

In Ungarn kam 2020 Fidesz an die Macht (so als ob sie nicht davor schon an der Macht waren [1998-2002]) und im Laufe der bis heute andauernden Herrschaft hat Ungarn im Westen ein so schlechtes Image erhalten, dass sich plötzlich keine Studenten mehr für das Fach finden. Was für eine zufällige Argumentation. Genauso könnte man das Gegenteil behaupten, dass wegen des schlechten Images sich gerade Studierende für das Fach interessieren könnten, da man sich mit Problematischem auseinandersetzen muss. Studienwahl erfolgt nicht wegen der Schönheit eines Faches oder der Idealität seines Gegenstandes (eines Landes), hingegen kann auch hier die erneuerte Argumentation des Versicherungsmanagers herangezogen werden: Es ist nicht weiter nötig die spezielle Sprache oder Sitten des jeweiligen Landes zu kennen, um an Informationen über die politische Situation und grundsätzlich die Beschaffenheit des Landes zu kommen. Die Informationen stehen globalisiert für den internationalen Journalisten zur Verfügung. Auch im politischen Bereich ist die Bedeutung des Spezialwissen zurückgegangen.


Wie auch immer der Grund für das Problem der Fächer bezeichnet wird, auf ihre Krise müssen sie reagieren. Im wissenschaftlichen Blick drückt sich das in Legitimationsversuchen des eigenen Faches aus: so als ob der Prüfinstanz der Wissenschaft die eigene Bedeutung erklärt werden müsste und durch die Legitimation der Gegenstand des Faches erhalten bleiben würde. Die Legitimation mag den gesellschaftlichen Zustand magisch verändern oder richtet sich an eine fiktive Schiedsinstanz, dass sie dem missachteten Fach Gerechtigkeit widerfährt. Damit wird jeweils an einer unmittelbaren Reaktion auf die Krise (also eine, die die Organisation des Faches verändern würde) vorbeigegangen. Umgekehrt betrachtet kann diese Abgewandtheit vom Konkreten nur Kooperation, um nicht Kollaboration zu sagen, mit den übergeordneten Instanzen (Fakultäts- und Universitätsleitung oder Ministerium) bedeuten. Angesichts des mangelnden Interesses ist es nachvollziehbar, dass die übergeordneten Instanzen auf ein schrittweises Zurechtstutzen (hin zu einer möglichen Schließung) des Faches hinarbeiten. Damit wird die schlechteste (da nicht gewählte) Krisenlösungsstrategie eingeschlagen, da man selber keine entsprechenden und durchführbaren Perspektiven gibt, überlässt man die Entscheidung anderen.


Eine erste dieser Legitimationsstrategien ist, dass der Fokus des Faches sich ins Kleinere verschiebt. Wenn nicht mehr die Sprache des Landes oder die Sitten des ganzen Landes interessant sind, so findet man Details, die noch vom globalisierten Durchschnitt unterschieden und somit bedeutsam und interessant sind. Dialektale Zersplitterung, aussterbende Sprachen, oder Traditionen von Dorfkulturen, die sich vor globalisierter Vereinheitlichung bewahrt haben, werden beachtet und darüber Spezialwissen erlangt. Abgesehen davon, dass diese Details nicht auf allgemeines Interesse stoßen werden (also auf der (ökonomischen) Oberfläche nicht nützlich sind), stellen sie selbst ein Art Spiel dar. Wenn der Versicherungsmanager meint, dass die Sprache einer Gruppe gelernt werden muss, dann ist diese Gruppe auf eine andere Art nicht erreichbar. Die aktuelle sich entziehende Detailgruppe ist hingegen auf anderer Ebene erreichbar. Die Unterscheidung ist etwas hinzutretendes, dass quasi als offensichtliches Unterscheidungselement in der bestehenden Gleichheit (und so Erreichbarkeit) vor einem hergetragen wird. Das Detail ist vorgespielt. Nebenbei bedeutet das für den Gegenstand, dass sich sein lebendiger und umfassender Charakter reduziert, wodurch die Besonderheit des Gegenstands sich ebenfalls reduziert. Die Suche im kleineren Detail findet Kunst-Details.

Abgesehen von der Veränderung des Gegenstandes bleibt der Ansatz der gleiche wie im Goldenen Zeitalter. Es wird ein spezielles Wissen behauptet, das sich nur ins Kleine verschoben hat. Ergebnis kann keine Belebung des Faches sein, da aus dem Gegenstand sich kein größeres Interesse an diesem ableiten kann.

Eine andere Legitimationsstrategie verfolgt in der Bewegungsrichtung das Gegenteil. Es wird sich an das Große gewandt, dass es das Kleine schützen soll. Die Vereinheitlichung soll sich darum kümmern, dass Unterschiede und Besonderheiten bestehen bleiben und das Fach, das sich mit diesen beschäftigt, geschützt wird. Paradoxer wird diese Situation dadurch, dass der Angriff auf die Verschiedenheit im Kleinen gerade im Namen der nationalen Verschiedenheit durchgeführt wird. Gegen diesen Angriff (der Besonderheit bedeuten mag) soll das Große (die EU) sorgen. Dabei wird an die EU als Überstaat argumentiert, der quasi mit der Gewalt eines Nationalstaats über die abweichenden Staaten bestimmen und diese ausrichten soll.

Gleich wie die Bewegung ins Kleine führt auch diese Legitimation zu einer vorgegebenen Unterschiedlichkeit. Der Gegenstand des Spezialwissen ist somit weniger speziell und entsprechend auch das Interesse dafür. Für Gegenstand und Fach besteht die paradoxe Situation, dass die Suche nach dem Besonderen und die Erforschung und Verteidigung davon auf Vereinheitlichung und somit auf dem Gegenteil aufbaut.

Ein konkretes und zugespitztes Beispiel dafür ist die Situation des Fach Genderstudies in Ungarn. Auf der einen Seite handelt es sich bei dem Fach um Vereinheitlichung, die in einem internationalen akademischen Rahmen nach Besonderheiten sucht. Dieses Fach wurde (absurderweise) vom ungarischen Staat als Bedrohung ausgemacht und entsprechend aus der Akkreditierung ausgeschlossen; mit dem Argument, dass das Fach die nationalen Besonderheiten missachtet und zerstört. Vereinheitlicht mag Besonderes erforscht werden, nur wird dieses im Namen einer anderen Besonderheit (die nicht weniger vereinheitlicht ist – worauf anschließend zu sprechen gekommen wird) verhindert. Die Vertreter des Faches appellieren zu ihrem Schutz an die EU als vereinheitlichendes Großes, das für den Erhalt des Faches und somit der Besonderheit sorgen soll – und dabei die Besonderheit, die von der Regierung behauptet wird, zu überstimmen. Mit dem Argument zur Besonderheit soll die andere Besonderheit überlagert werden; nur dass sich beide Argumente in Vereinheitlichung verbinden.

Müsste man die Legitimationen der Fächer, die sich mit der besonderen Situation in Osteuropa behandeln, ernst nehmen, müsste die paradoxe Situation, die daraus entsteht, einen zu zweifeln beginnen lassen. Aber klar ist, dass die Krise, die auf das Goldene Zeitalter folgte, innerhalb der Universitäten nicht bewältigt werden kann. Da es sich um eine globale gesellschaftliche Veränderung handelt, wird dort keine entsprechende Reaktion auf den Bedeutungsverlust gefunden werden können.


Der politische Bereich wurde bereits angedeutet, dass sich gegen das Land (Ungarn) gewendet wird, das im Namen der Besonderheit argumentiert. In der globalisierten und somit angeglichenen Welt wird aber auch im politischen Bereich das Argument der Verschiedenheit zu einem vorgegebenen. Man muss gar nicht die Inhalte der Politik betrachten (hier würde die Haltung Ungarns zu internationalen Unternehmen als erstes auffallen, aber auch die aus ungarischer Sicht dann doch nicht verhandelbare Mitgliedsschaft in der EU), sondern die Sprache und der damit verbundene Gestus des aktuell vorbildhaftesten patriotischen Politikes (Viktor Orbán) reichen aus, dass in der behaupteten Besonderheit die Vereinheitlichung erkannt werden kann. Selbst das patriotische Programm hat sich globalisiert.

Slogan Orbáns 2024 ist: „No Migration, No Gender, No War“, und das patriotische Manifest der neuen patriotischen Fraktion im europäischen Parlament ist ebenfalls auf Englisch. Die Zielgruppe scheint sich verändert zu haben, nicht die eigene besondere Gruppe wird adressiert (um diese zu erreichen wäre Ungarisch die erste Wahl), sondern darüber hinaus auf dem internationalen Markt soll die allgemeine Öffentlichkeit angesprochen werden. Das politische Ziel, dass die eigene Gruppe besonders bleibt, wird paradox mit Vereinheitlichung angestrebt – und somit aufgegeben.

Für Orbán persönlich könnte man sagen, dass das Eintreten für die besondere Nation langweilig geworden ist, der Nationalstaat zu klein geworden ist. Das Eintreten für die Besonderheit wurde zum allgemeinen Programm. Man könnte sagen, dass Orbán sich von einer patriotischen Politik abwendete, um den Patriotismus an sich zu formulieren und zu vertreten – das geht damit einher, dass Orbán inzwischen mehr Außenpolitiker und rechter Influencer ist, als dass er sich mit den täglichen Besonderheiten seines Landes beschäftigen würde.

Der Widerspruch findet sich auch inhaltlich im Manifest der nationalen Parteien. Gleichzeitig wird sich zur Europäischen Union bekannt (schließlich ist man auch Teil dieser und mag etwas von dieser: das Manifest adressiert auch die EU, womit deren Bestehen vorausgesetzt ist) und diese abgelehnt. Die magische Doppelrolle der EU zieht sich durch das Manifest. Das europäische Projekt war gut, war sogar ein Traum (wann? und wie war es da?), allerdings habe sich das Projekt jetzt gegen die Staaten gewandt. Es wird von einer europäischen kulturellen Identität gesprochen (auf der Basis der üblichen historischen Fantasmen) und so als ob eine allgemeine Besonderheit nicht die einzelne Besonderheit ausschließen würde, gleichzeitig vom Bewahren nationaler Besonderheiten. So als ob alles gleichzeitig möglich wäre: Vereinheitlichung und Besonderheit. So als ob es sich um keinen Widerspruch handeln würde zwischen Ausgleich und Konfrontation (Frieden und Dialog, aber Verteidigung vor Bedrohungen).

Ohne die Fantasie des Manifests wäre ein Ausgleich zwischen nationalistischen Staaten sich auch nicht vorzustellen, es unmöglich das Bündnis zu schließen und versuchen aufrechtzuerhalten. Ohne Fantasie muss die Paradoxie aufbrechen, entweder die eine Seite des Manifest oder die andere, entweder Vereinheitlichung oder Besonderheit. Entweder zerfällt das Bündnissen in den sich notwendig entgegenstehenden patriotischen Widersprüchen der verschiedenen Besonderheiten oder in Vereinheitlichung entleert sich der Patriotismus und die Besonderheit der Länder.

Die Fantasie, die die Widersprüchlichkeit zudecken mag, zeigt aber auch, dass selbst patriotische Politik sich ein Leben ohne EU nicht mehr vorstellen kann, schlichte Ablehnung und Austritt sind unvorstellbar geworden. Das gilt besonders für kleinere Länder und speziell für die osteuropäischen: Ohne EU und Binnenmarkt könnte sich kaum Wohlstand und Entwicklung etwa in Ungarn vorgestellt werden. Das Besondere kann sich seine eigene Besonderheit ohne die Vereinheitlichung also nicht mehr vorstellen, es ist auf die Vereinheitlichung angewiesen und verlangt auch etwas davon. Gleichzeitig behauptet es, dass es sich dabei nicht verändern würde, seine eigene Besonderheit erhalten könnte – so als ob die EU in gutes (Geld) und schlechtes (Kontrollverlust) für die besondere Nation getrennt werden könnte.


Das progressive Eintreten für Unterschiede (wie sie auf der Universität durchgeführt wird) und das reaktionäre Eintreten für Unterschiede (patriotische Politik) haben eine Konsequenz gleich. Sie basieren und stehen in Abhängigkeit zu Vereinheitlichung, mit der sie in einem paradoxen Verhältnis stehen.

Besonderheit kann in ihrer globalisierten Aufgelöstheit nur noch paradox gedacht werden. Zumindest dann, wenn man sich auf die oberflächliche Ebene eines Versicherungsmanagers, des nationalistischen Politikers, oder des auf ein Land spezialisierten Wissenschaftlers beschränkt. Allgemeine Verdienst- und Informationsmöglichkeiten haben die Besonderheit des Goldenen Zeitalters abgelöst. Zumindest dann, wenn auf die oberflächliche Ebene der Besonderheit bestanden wird, was angesichts individueller Unterschiede, die nicht Gruppen braucht, um Besonderheit zu finden, auch anders möglich wäre.

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