Ergänzung zum Ferienparadies
Ergänzung zum Ferienparadies – ein weiterer Ort als andere Form (Abaliget), und das Ferienparadies in Österreich (Gars am Kamp)
Das Ferienparadies ist zuerst ein Ort, der für andere ist und von diesen für eine Zeit verwendet wird. In der restlichen Zeit, jenseits der Saison, liegt der Ort unverwendet da, bzw. ist zumindest für die Menschen, die die ganze Zeit an dem Ort sind, überdimensioniert. Entscheidend ist der Wechsel zwischen Verwendung und Nichtverwendung.
Für das Ferienparadies kann es mehrere Gründe geben: See oder Meer, die man im Winter nicht verwenden kann, sind jenseits der Saison ausgestorben. Orte, die in einem großen Plan gebaut wurden, der sich nicht verwirklichte, sind jetzt für andere oder für niemand. Es gibt unmittelbares (Natur) und mittelbares Ferienparadies (Kultur). Natur oder Kultur sorgen für Nichtverwendung oder zeitweise Verwendung.
Der erste und zweite Text über das Ferienparadies laufen darauf hinaus, dass der Begriff eine Eigenschaft Ungarns beschreibt: Sowohl im Kleinen – in der Hochstilisierung der Rolle des Balatons und wie er bebaut ist, in ehemaliger Herrschaftsarchitektur (auch sakraler) (Esztergom, Eger), in ehemaligen sich nicht verwirklichten Plänen (sei es die geplante ökonomische Entwicklung des Sozialismus oder der Orbán-Regierungen, oder des Konsums und des Tourismus (die organische Shopping-Architektur der 80er Jahre); als auch im Großen – das Land besteht aus solchen Teilen, die zu groß für die eigene Verwendung sind (Repräsentationsarchitektur, Landwirtschaft und Transitinfrastruktur, Reindustralisierung bzw. die Entleerung des Landes durch Bevölkerungsschwund), dass die Teile verfallen und oder von anderen verwendet werden, oder gerade weil sie verfallen von anderen verwendet werden (die Interessantheit von Budapest ergibt sich zumindest aus einem Teil aus seinem verfallenen Charakter).
Ferienparadies beschreibt in den ersten beiden Texten nicht funktionierende Orte, die mit einer nicht funktionierenden Gesellschaft zusammenhängen. Die Eigenschaft des für andere sein, wird als Festlegen einer Verwendungsweise durch architekturgewordenen Zwang zur problematischen Eigenschaft. Das Ferienparadies in seinem nicht gebraucht werden, ist Ausdruck des Scheiterns derartiger vorschreibender Planung – Ausdruck von Verfall autoritärer Planung und Architektur. Das Wort des Ferienparadies geht somit über die Beschreibung eines nur zeitweise gebrauchten touristischen Ortes hinaus. Auf einen zweiten Blick ist der Aspekt des Zwangs Teil des Ausdrucks Ferienparadies.
Allein in der Beschreibung solcher Orte, die nur zeitweise verwendet werden, gibt es Orte, die funktionieren und somit aus der Zuschreibung zum Ferienparadies herausfallen – auch wenn sie durch die zeitweise Verwendung auf den ersten Blick die Eigenschaften des Ferienparadieses teilen.
Abaliget ist ein Ort, an den man fährt, wenn man gerade nicht im Bergwerk arbeitet oder einer anderen Verpflichtung in der Stadt (Pécs) nachgehen muss. Man bastelt an seiner Hütte, geht zum kleinen See, liegt im Schatten oder speist im Büfett – zusammengefasst man verbringt seine freie Zeit dort, in einer angenehmeren Umgebung als zuhause. Bei Abaliget handelt sich somit um einen Ort, der für eine bestimmte Zeit gemacht ist und sonst nicht verwendet wird. Der Bestimmung als Ferienparadies entspricht auch die Einrichtung des Ortes aus früherer Zeit. Die Bergwerke und das dazugehörende Freizeitverhalten existieren nicht mehr. Die Freizeithütten aus der sozialistischen Zeit braucht man nicht mehr, da man inzwischen sich zuhause vergnügen kann oder es sich leisten kann an weiter entfernte und interessantere Orte auch in kurzer Zeit zu fahren. Im Vergleich zu anderen Orten hat Abaliget seine Anziehungskraft verloren, die Einrichtung des Ortes spricht aktuelle Bedürfnisse nicht mehr an. Aus dem Ort wurde ein unverwendeter und vergessener Ort. Somit muss man sagen, er wurde zum Ferienparadies. Er ist Ausdruck vergangener Planung und somit Ausdruck von Zwang und eines vergangenen Gesellschaftsmodells.
Abaliget unterscheidet sich allerdings von den Orten des Ferienparadies; darin, dass Abaliget gerade in der ferienparadiesischen Vergessenheit neue Bedeutung gefunden hat. Die zurückgelassene Ferieninfrastruktur gibt nicht nur die Möglichkeit genauso vergessen zu werden, wie es der Ort ist, sondern es wird auch ein Fest in ferienparadiesischer Vergessenheit veranstaltet. Das bedeutet, dass der Zwang der architektonischen Nichtverwendetheit selbst vergessen ist, der Ort wieder zu einem wird, der an einem See ist und so nur zeitweise verwendet wird – aber nicht nur wegen der wenigen Leute, die das Nichtverwendbare verwenden, sondern auch deshalb, da das überholte Nichtverwendbare weiter in Verwendung ist und zwar nicht selber als touristisches Ziel, sondern so als ob die Zeit, von der jeder weiß, dass sie nicht mehr weiter besteht, weiter bestehen würde. Es entsteht kein neuer Ort (und somit potentiell ein neues Ferienparadies), sondern das Unverwendete bleibt und wird als solches verwendet. Im Vergessen und Weiterverwenden verändert es seine Bedeutung: Es bedeutet nicht mehr Zwang oder Planung, sondern wird zu überholter Leere. Die negative Eigenschaft (das Fehlen) wandelt sich ins Positive wird zu Freiraum.
Bei dem Fest handelt es sich um ein Bluegrass-Festival. Es wird sich also einer Musikrichtung gewidmet, bei der es sich in Europa eher um eine vergessene handelt. Indem gerade in Ungarn sich mit dieser Spielweise amerikanischer populärer Volksmusik beschäftigt wird, wird der nächste Grund der Vergessenheit hinzugefügt: Im Land der volkstümlichen Authentizität ist man nicht gut auf die Veränderung der scheinbar feststehenden nationalen Güter zu sprechen und besonders nicht darauf, wenn die amerikanische Form herangezogen wird, um sie auf das eigene zu beziehen. In den vorgetragenen Liedern wird aber genau das gemacht, indem über Tennessee oder andere amerikanische Orte gesprochen wird, werden eigene Erfahrungen und Probleme behandelt, so als ob über den ungarischen Nachbarort gesprochen würde. Die Veränderung und Veränderbarkeit des scheinbar gleichbleibenden nationalen Kulturschatzes wird vorgeführt. Das passiert auf der inhaltlichen Ebene. Gleiches kann auch für die musikalische Form gesagt werden. Quasi zwanghaft wird sich der feststehenden Formensprache einer fernen Welt bedient, aber gerade in dem festen Rahmen entsteht neue Ausdruckskraft, in sich anlehnender Veränderung eigene Erfahrung auszudrücken.
Musik und Fest ist Vergessenes, bzw. Vergessenes, so als ob das Fest sich den vergessenen Ort ausgesucht hätte, um Inhalt und Ort übereinzustimmen, dass sie sich gegenseitig verstärken. Das Land vergisst die unpassende Musik an den vergessenen Ort.
Neben dem musikalischen Inhalt des Festivals ist auch die Art, wie es veranstaltet wird Ausdruck der Vergessenheit. Es findet einfach statt. Neben dem See befindet sich als Relikt des vergangenen Ferienparadieses ein Amphitheater als Bühne. Von den ansteigenden Stufen, auf denen das Publikum sitzt, schaut es auf Bühne und See hinunter (was die Hierarchie zwischen Bühne und Publikum zu einem ganz anderen macht). Und auf die Bühne stellen sich – wie zufällig – die Bands und auf die Zuschauerplätze setzt sich – wie zufällig – das Publikum. Zumindest auf der Seite der Auftretenden wird es wenig Zufall geben, aber in der Ungezwungenheit entsteht der Eindruck; und auch in der großen Freude und Spaß, der von der Bühne ausgeht. So als ob die Bands für sich spielen würden und ihre Freunde, die sich versammelt haben. Der professionelle Eindruck eines Festivals stellt sich nicht ein, bei dem sich professionell Angebot und Nachfrage einander gegenüber stehen.
Es entsteht der Eindruck, dass das Festival nicht für andere veranstaltet wird, sondern für sich selbst. Da man sich an dieser Form der Musik so erfreut, kann man auf die anderen vergessen. Damit zusammenhängend ergibt sich weder im Verhältnis zwischen Publikum und Bands noch zur Organisation Zwang, das aus dem für andere sein und der Nichtverwendung des Ferienparadies entsteht. Gleichzeitig bedient sich das Festival aber des vergessenen Ortes (also dessen, was als Ferienparadies erscheint), es ist vergessen wie Ort. Auf dieser verdrehten Weise entsprechen Festival und Ort einander. Aus dem, was auf den ersten Blick als Ferienparadies erschien, wird gerade deshalb ein vergessener und besonderer Ort mit einem besonderen Festival.
Für Österreich werden die 70er (wohl mit Verlängerung in die 80er Jahre) Jahre als Zeit dessen ausgemacht werden können, was heute Ferienparadies ist. Die 70er Jahre waren die Zeit, in der das Land eine grundsätzliche Veränderung erfuhr – und zwar ausnahmslos. Gebiete, die heute als überholte sich entleeren, waren damals noch nicht abgeschrieben und veränderten sich. Auch bei ihnen wurde eine Anpassung an neue Zeiten vollzogen: Straßen, Einkaufsmöglichkeiten, Schulen, Betriebe. In den heute verlorenen Gebieten ist diese vergangene Erneuerung auch heute noch sichtbar, die an anderen Orten durch fortlaufende Entwicklung in den Hintergrund überlagert wurde. Die Reste der vergangenen unverwendeten Zeit sind Ferienparadies: Sie sind für andere und sie sind architektonische Zeichen eines gescheiterten gesellschaftlichen Zustands. In beiden Eigenschaften sind sie Ausdruck des vergangenen gesellschaftlichen Zwangs.)
Ein Ort, der heute dieser Überholtheit entspricht, ist Gars am Kamp. Ein Ort, in einem ehemals populären Erholungsgebiet (beim Kamptal handelte es sich nicht nur um einen populären Ort, sondern sogar um einen luxuriösen), der Ort eines Gesundheitstourismus wurde und neben diesen touristischen Funktionen für andere immerhin als Ort mit knapp 3500 Einwohnern auch ein lokales Zentrum ist, mit Einkaufs-, Geschäfts-, Bildungs-, Verwaltungs- und Arbeitsmöglichkeiten. Alle drei Funktionen haben allerdings ihren Höhepunkt hinter sich und wurden durch nichts neues ersetzt. Vergangene Zeiten lassen sich somit sehen: Beim lokalen Zentrum die 70er Jahre, beim Gesundheitstourismus die 90er Jahre, bei der Sommerfrische die Zwischenkriegszeit oder früher.
Dabei hat es allerdings der Ort geschafft sich ein gewisses Maß eines aktuellen für andere Seins zu erhalten, also nicht ganz zum Ferienparadies zu werden, er ist weiter touristisches Ziel. Und das mit den alten Einrichtungen, die nicht als alte besucht werden, sondern verwendet werden. Die alten Kampbäder sind nicht nur Relikt, sondern in ernster Verwendung, die beinahe städtische Infrastruktur einer Kurstadt besteht und als Spezialfall auch die mit einem Kurort zusammenhängenden Vergnügungseinrichtungen. In direkter Nachbarschaft stehen Minigolfbahn und ein Tanzlokal (mit dem Namen Whiskymühle.) Beides erscheint als ob man sich noch in den vergangenen besseren Zeiten befinden würde, aber sowohl als auch wird nicht als Relikt besucht, sondern so als ob die Zeit einfach weitergeführt würde und stehen geblieben wäre. So als ob sich der Ort nicht entscheiden könne, ob er eingehen oder neue Verwendung in der Gegenwart finden solle. Jeweils wird das Alte nicht ersetzt, sondern weiterverwendet – in seiner anachronistischen Erscheinungsweise.
In diesen Eigenschaften ist Gars in gewisser Hinsicht Abaliget ähnlich. Das Alte ist weiter in Verwendung, das Negative (Abwesende) verdreht sich ins positive. Bei beiden Orten handelt es sich um umgedrehte Ferienparadiese.
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