Nicht normal am Ördögkatlan-Festival
Nicht normal am Ördögkatlan-Festival
Ein Popmusik-Festival ist wie sein Gegenstand eine versteinerte Angelegenheit, bei dem man im besten Fall Unterhaltung erwarten kann. Das ist nichts schlechtes, aber ist Unterhaltung der einzige Inhalt, wird die Unterhaltsamkeit selbst eingeschränkt sein – Popmusik bleibt gleich, wiederholt sich, wird im Gleichen langweilig – wie es auch im ewig gleichen Festival-Alltag der Fall sein wird. Massenverträgliche Erfahrung wird quer durch die verschiedenen Bands in Musik verpackt, die als massenverträgliche nur keine Erfahrung ausdrücken kann. Man bekommt abgenützte Metaphern, denen vielleicht irgendwann persönliche Probleme und Erfahrungen zugrunde lagen, aber so als ob die Metapher nicht so oder so das vorgefertigte Gefühl ausdrücken würde, verlieren sie ihre letzte Ausdruckskraft vorgetragen vor der großen Menge. Das Sprechen vom Herz kann nicht die eigene Erfahrung von Liebe ausdrücken, die vereinheitlichte Metapher kann nicht mit persönlicher Erfahrung rückverbunden werden, bzw. zu der grundlegenden Erfahrung des Autors verbunden werden. Vereinheitlicht bleibt Ausdruckslosigkeit und Bedeutungslosigkeit für den Zuseher in der großen Menge. Trotz (oder gerade wegen) des allgemeinen Charakters der Metapher ist sie für die Menge erfahrungslos. Das große Gefühl überträgt sich in der allgemeinen Methode nicht, ist leerer Ausdruck und auf Dauer Langeweile.
Was auf der Bühne bleibt, ist Körper, Sport und Ekstase, und das narzistische Gefühl auf einer Bühne über dem Publikum zu stehen und über es zu herrschen, deren Rhythmus festzulegen. Wenn das Publikum sich dieser Herrschaft unterwirft (Lust an einer begrenzten und fröhlich feiernd auftretenden Unterwerfung – die auch so Unterwerfung bleibt), kann auch in Ekstase und Sport übergegangen werden und damit verbundene Erfahrungen gemacht werden. Aber mit dem speziellen Charakter eines Kunstprodukts ist diese Erfahrung nicht verbunden – mit einer ästhetischen Erfahrung. Sport und Ekstase als Ziel des Popmusik-Festival bedeuten Wiederholung, da auf der körperlichen Ebene nicht zwischen verschiedenen Konzerten unterschieden werden kann, alles wird gleich. Die Musik des Festivals wird so auf Dauer Langeweile.
Es ist also nur zu nachvollziehbar, dass der Beschränktheit des Popmusik-Festivals etwas hinzugefügt werden mag. Also aus dem Popmusik-Fest ein Kunst-Fest werden soll. Diesen Anspruch hat das Festival Ördögkatlan; scheitert allerdings daran (wenig überraschend – könnte man hinzufügen).
Kunst wird zu Staffage und Schmuck; Kunst ist Geste, Selbstbeschwörung und Verkaufsargument – Kunst behübscht das Popmusik-Festival, womit es Popmusik-Festival bleibt. Das Kunstverständnis gipfelt und verschmilzt im Motto und Eröffnungsschwur des Festivals (der am Anfang gemeinsam – von Bühne und Publikum – laut herausgeschrien wird), dass wir am Festival nicht normal sind. (Was auch immer normal und nicht normal bedeutet, und so als ob mit Nichtnormalität nicht auch präskriptiv Eigenschaften von Personen zur Teilhabe an einer Gruppe festgelegt werden würden, also das scheinbar Kritisierte weitergeführt würde.) Abgesehen von der autoritären Unbestimmtheit des Mottos ist in ihm das Pathos der Hinzufügung bzw. Unterscheidung ausgedrückt – hier passiert etwas anderes, hier wird hochwertiger und qualitativer Inhalt (Kunst) geliefert; hier passiert nicht das herkömmliche Popmusik-Festival. Weiter (was das Hochwertige ist, warum es hochwertig ist, was Hochwertigkeit ist, ob das etwas anstrebenswertes ist) wird und muss dann gar nicht gefragt werden, wenn man es nur als Motto laut genug hinausschreit. Als Erwartung und Voraussetzung erfüllt sich die Unterscheidung durch Qualität von selbst. Anders als sich selbsterfüllend könnte die Verschiedenheit auch nicht erreicht werden, denn das Unterscheidungsmerkmal, die Kunst, wird mit einem derartigen Unernst dargeboten, dass es im Detail gar nicht verstanden werden kann. Neben dem lauten Popkonzert wird ein Theater aufgeführt, von dem man, auch nur fünf Meter von der Bühne entfernt, nicht das mindeste versteht. Die Musik überlagert das Gesprochene, das Unterscheidende.
Was bleibt, ist die Rolle, die zur Unterscheidung gebraucht wird, als Geste und Schmuck. Und das Publikum ist da und begeistert, und das, obwohl es durch die Unverständlichkeit für Begeisterung keine Basis gibt. Der Inhalt wird nicht gebraucht, man gefällt sich im Gestus des Nicht-Normalen, dass es hier auch Theater gibt. Das Motto geht auf den Festivalbesucher über. (Was bedeutet das für einen leichten Umgang mit Kunst, wenn man grundsätzlich sagen kann, dass die Kunst unverständlich ist – man muss keinen weiteren Gedanken daran verschwenden und kann zum normalen Geschäft zurückkehren – das das Popmusik-Festival ist.)
Das schmückende Verhältnis gilt nicht nur für die Kunst, sondern auch für einen weiteren wichtigen Punkt im Selbstverständnis des Festivals: den Ort. Das Festival findet in mehreren kleinen Dörfern im Süden Ungarns statt, in einer vergessenen Region, die Authentizität verspricht, auf jeden Fall Besonderheit. Verantwortung und Verbundenheit mit dem umgebenden Ort sollen das Festival auszeichnen, das Fest mag an einem bestimmten Ort stattfinden und sich von anonymen und austauschbaren Festivalwiesen unterscheiden. Das Festival ist nicht normal, kein popkulturell gleichgeschaltetes Festival.
Eine nachvollziehbare Hinzufügung zur anonymen Langeweile, aber auch dieser Punkt verwirklicht sich nicht. Das Dorf steht wie ein potemkinsches, oder wie eine Kulisse da. Die übliche Leere und Ausgestorbenheit der Häuser ist zwar nicht die übliche Festivalkulisse der Zeltstadt, aber weiter handelt es sich um einen schmückenden Hintergrund ohne weitere Verbindung. Es wurde nur das Thema der Geisterstadt zur Kulisse gewählt. Verbindung, Austausch und Besonderheit verwirklichen sich nicht.
Verbindung entsteht nur auf einer anderen, nicht inhaltlichen Ebene. Viele Menschen werden an einen entlegenen und ausgestorbenen Ort gebracht, die dort essen, trinken und übernachten. Die Verbindung ist eine Art Wirtschaftsförderung, wie sie Regierung oder EU als Investition in benachteiligte Regionen betreibt. Genauso wie die neue Straße, Gemeindehaus, Kindergarten die ungleiche Entwicklung verschiedener Regionen umdrehen kann, so kann es das Festival auch nicht. Eine Woche wird das Dorf besiedelt und die bestehende Infrastruktur überlastet (die sich natürlich nicht für ein Festival eignet: in den akustischen Eigenschaften, den langen Wegen zwischen den Orten, Sanitäreinrichtungen, An- und Abreise, Übernachtungsmöglichkeiten, also nicht die Vorteile des für die Verwendung als Festival geplanten anonymen Festivalgeländes hat). Doch wie die geförderte neue Infrastruktur Leben vorspielt, so auch die Festivalwoche. Ist das eine Auto der Stunde vorbeigefahren, oder das Festival zu Ende, tritt wieder die übliche Leere ein. Im Fall des Festivals macht das kleine Geschäft (das eine Kette ist) seinen Jahresumsatz, ansonsten wird die hingeschaffte Infrastruktur wieder entfernt.
Als nachhaltige Verbindung wird nur Verwüstung und Zerstörung zurückbleiben, die viele Leute zwangsläufig anrichten. Wie soll ein Fußballplatz auf dem gezeltet wird und Konzerte stattfinden danach auch weiter als Fußballplatz verwendet werden können. Das Gute an der Unbenutzbarkeit wird nur sein, dass der Fußballplatz so oder so kaum mehr verwendet werden würde: Aus der sinkenden Bevölkerungszahl könnten kaum Fußballteams zusammengestellt werden.
Wie im Fall der Kunst wird auch der Ort zur schmückenden Gefühls- und Fantasieeinrichtung des Selbstverständnis des Festivals und dessen Besucher – um jeweils die zelebrierte Nichtnormalität zu unterstreichen. Weder Ort noch Inhalt sind ernst, sie kaschieren das gewöhnliche Popmusik-Festival. Der nicht normale Anstrich wird nur deshalb benötigt, um sich kommerziell und gefühlsmäßig vom Fest nebenan zu unterscheiden.
Aber egal. Überall dort, wo Belga auftritt, ist für Ereignis, Erfahrung und Unterhaltung gesorgt, das kann auch das unentschlossenste und kunstvollste Festival nicht verhindern. Durch Parodie von Festival, den dort populären Musikrichtungen, Meinungen und Einstellungen sorgt Belga für die Synthese aus Unterhaltungs-Popmusik-Festival und darüber hinausgehender künstlerischer Aussage, auch am nicht normalen Ort.
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