Langeweile als ästhetische Kategorie
Langeweile als ästhetische Kategorie
In einer Kiste dreht sich im Animationsfilm ein Schaufensterpuppenbein.
Mit dem einen Satz ist mehr oder weniger umfassend beschrieben, was in dem Video passiert. Man wird sagen eine langweilige Geschichte. Ja, es stimmt, wird man antworten. Aber wenn man daraus die Konsequenz zieht, dass es sich um eine schlechte Geschichte, oder mit einem anderen Wort ausgedrückt, um ein schlechtes Werk handelt, dann versteht man weder das Werk selbst, noch dass es sich bei Langweile um eine ästhetische Kategorie handeln kann, und somit um eine berechtigte Eigenschaft eines Werkes.
Passiert nichts – ist etwas langweilig – wird gesagt, dass man an einen anderen Ort schauen soll, bzw. den einen Ort genauer anschauen soll. Langeweile führt zu einer Verschiebung der Aufmerksamkeit, auf etwas, was in anderen Fällen unter Spannung und Interesse verborgen ist. Explodiert die Welt oder bricht die Liebe aus, ist man mit Liebe und Explosion eingenommen, der Gegenstand selbst – das Kunstwerk – geht darunter verloren. Die Langeweile verschiebt darauf, auf den Gegenstand, die Aufmerksamkeit, wenn man sich vor Langeweile nicht automatisch und ganz abwendet. Woraus das Werk hergestellt ist, wie es funktioniert, aus welchen Teilen es besteht, wie die Technik vom einen zum anderen führt, welche Entscheidungen getroffen werden; auf derartige Fragen lenkt sich die Aufmerksamkeit. Passiert im Gegenstand selbst nichts geht die Aufmerksamkeit vom Was, dem Inhalt, zum Wie des Werkes über. Zusammengefasst: Langeweile im Werk bedeutet abstrakte Aussage des Werks über sich selbst.
Was kann man also in der Kiste sehen, wenn man den genaueren Blick der Langeweile in sie wirft.
Zuerst schließt die Kiste alles andere aus. Die Welt, in der alles passiert, gibt es nicht, sie ist von den Wänden der Kiste abgeschirmt. In der Kiste kann nur das passieren, was in die Kiste gegeben ist. Die Kiste ist für die Langeweile, als Ausschluss von Ereignis, Voraussetzung.
Gegeben ist in die Kiste zuerst eine Verkleidung der Wand, sie ist mit verschiedenen Landkarten ausgelegt. Die Wand der Kiste ist so nicht nur Ausschluss der Welt, sondern gleichzeitig auch die Welt. Die Welt allerdings in Abbild, im Bild wie eine Landkarte sie von der Welt zeichnet, und so ohne Ereignis. So als ob das Fenster in der Wand zugemauert wäre und anstelle ein Bild der Aussicht auf die Wand geklebt wäre. In der Kiste bestehen Abschluss und Außen als Abbild gleichzeitig. Indem die Welt mit dem Abbild der Welt abgeschlossen wird, entsteht nicht nur Langweile (da es keine Welt und so Ereignis gibt), sondern es wird verdreht auf diese Eigenschaft hingewiesen.
Gegeben ist in die Kiste ein durchsichtiges Plastikbein, wie es zur Präsentation von Schuhen oder dergleichen verwendet wird. Der Schuh für das menschliche Bein, das durch die Welt gehen wird, wird auf dem künstlichen Bein beworben. Das künstliche Bein steht im Schaufenster symbolisch für die Bewegung durch die Welt. Als Symbol vollzieht es den Gang durch die Welt allerdings nicht. Wie die Landkarte ist der Plastikfuß Langweile; er sorgt für keine Veränderung, aber als symbolischer Fuß weist er darauf hin. In der Unmöglichkeit zum Ereignis entsteht nicht nur Langweile, sondern es wird verdreht auf diese Eigenschaft hingewiesen.
Gegeben ist in die Kiste außerdem noch Licht. Dass die Kamera den Fuß und die Karten sehen kann; Licht ist Voraussetzung eines Videos. Dass man hingegen über die Selbstverständlichkeit Licht spricht, ist Ergebnis der Langeweile. Ohne Langeweile würde das Licht nicht auffallen, zur Aufmerksamkeit gelangen. Das Licht in der Kiste ist aber nicht nur schlichte Notwendigkeit, sondern, da es Farbe und Richtung ändert, selbst Inhalt. Bzw. wie das Licht durch das Bein gebrochen auf die Landkarte fällt, über diese wandert.
Damit sind wir bei der nichtpassierenden, langweiligen Handlung des Videos. (Von Handlung kann man nicht sprechen, sondern von einer Simulation durch Landkarte und Kunstbein, die in ihren speziellen Eigenschaften so tut als gäbe es Handlung, dass diese langweilig sein kann, dass man von abstrakter Aussage sprechen kann.)
Vor dem gleichbleibenden Hintergrund der Landkarten dreht sich das gleichbleibende Bein durch wechselndes Licht. Nicht nur das Licht verändert sich, sondern das Drehen des Beins sorgt ebenfalls für Veränderung. Die beiden Veränderung sind gemachte, künstliche, nicht in der Welt passierende, in die Kiste gegebene. Jede Position des Beins wird ausprobiert und mit verschiedenen Lichtarten kombiniert, das dann auf die Kistenwand geworfen wird. Das Ergebnis wird jeweils von der Kamera verzeichnet. Ein Experiment von Licht, Reflexionen und Projektion – in der Nichthandlung wird abstrakte Aussage über Experimentieren, Licht, Reflexion und Projektion getroffen. Und das in einer Kiste, die, wie es sich bei einem Experiment gehört, das unberechenbare Äußere ausschließt, aber doch Landkarte dargestellter Welt ist.
Ergebnis ist nicht nur, dass durch Langeweile sich die abstrakte Aussage über das Wie des Werkes vollzieht, sondern dass das Werk mit allen Teilen seiner Konzeption auf diese Eigenschaft hinweist – paradox wird Langweile erzeugt, was man dann schon beinahe wieder als Ereignis und spannend bezeichnen könnte. Sondern Ergebnis ist auch, dass die abstrakte Aussage, die im Experiment sich erschließt, auf Ereignis und Welt bezogen und gefüllt wird: Alles passiert auf Landkarte und Bein.
Kommentare
Kommentar veröffentlichen