Sopron, eine Geschichte von Veränderung im Gleichbleibenden
Sopron, eine Geschichte von Veränderung im Gleichbleibenden
Das alte Sopron besteht aus drei Gassen. Die äußeren Gassen folgen der ovalförmigen Stadtmauer, während die mittlere durch das Oval durchschneidet. An den Verbindungspunkten befinden sich Plätze. Um die drei Gassen herum läuft eine Stadtmauer. Diese Struktur der Innenstadt geht weit in die Stadtgeschichte zurück. Der Text zeichnet diese Geschichte des Bleibens und der Veränderung nach und vergleicht nebenbei die Entwicklung mit der anderer Städte. Neben Beschreiben und Vergleichen steht am Ende des Textes ein Interpretationsversuch, die Frage nach Bedeutung und Erklärung der besonderen Entwicklung der Stadt wird gestellt. Auskunftsquelle und Bezugspunkt des Textes ist der zweisprachige (Ungarisch, Englisch) historische Stadtatlas Sopron (Magyar Várostörténeti Atlasz, Sopron: 2010: https://varosatlasz.hu/hu/atlaszok). In diesem finden sich nicht nur Texte über die Stadtgeschichte, sondern auch illustrierende Karten und Bilder.
Beschreibung
In der Mitte des 13. Jahrhunderts wurde eine Burg, deren Bestehen bis in die römische Zeit zurückreicht, zu einer Stadt transformiert. Die Transformation folgte der bestehenden Anlage der Burg, daher stammt auch der irisförmige Grundriss der Innenstadt. In den Innenbereich wurden zwei Straßen gelegt, die im Abstand eines Grundstücks entlang der Mauern verliefen.
Paradoxerweise ist die mittlere Straße die jüngste in der Anlage (sie trägt entsprechend den Namen ‚Neu Straße‘ / ‚Új utca‘). Sie kam um die Grenze zum 14. Jahrhundert hinzu, indem die Grundstücke der umgebenden Straßen durchteilt wurden. Der Durchbruch der Straße und so die Veränderung der Stadt zu einer ‚städtischeren‘ Verwendung, hängt mit der Ansiedlung der jüdischen Gemeinde zusammen. (In der Mitte des 15. Jahrhunderts zählte die Gemeinde immerhin 200 Personen. Im Jahr 1526 wurde die jüdische Bevölkerung aus der Stadt vertrieben. Die Gemeinde in der ‚neuen Straße‘ hörte auf zu bestehen.). Durch die Teilung werden die Grundstücke kleiner, womit sie sich mehr zur Straße orientieren und von dieser besser zugänglich sind – was mit anderer Verwendung zusammenhängt: von landwirtschaftlicher Verwendung verschiebt sie sich hin zu Wohnen, Handwerk oder Handel. Zugänglichkeit wird vor Größe wichtiger, die Stadt wird städtischer.
Auch die Verteidigungsanlagen veränderten sich mit der Transformation zur Stadt. Die alte Burgmauer wurde zwischen den Jahren 1297 und 1340 mit zwei weiteren Mauern ergänzt. Eine Mauer wurde außerhalb hinzugebaut, eine innerhalb.
Seit dem 14. Jahrhundert sind die Grundstücksgrenzen innerhalb der Stadt festgelegt, und diese weisen seitdem eine erstaunliche Konstanz auf. An der Menge der Häuser kann abgelesen werden, dass es kaum zu Veränderungen kam: Die älteste Angabe über die Anzahl der Häuser stammt aus dem Jahr 1379, 93 Häuser wurden gezählt. Die letzte Zählung, die im Stadtatlas angegeben wird, stammt aus dem Jahr 1848 und führt 114 Häuser an. Über einen Zeitraum von 500 Jahren veränderte sich die Anzahl der Häuser quasi nicht.
Das Durchbrechen der ‚Neustraße‘ um 1300 und die Erweiterung der Maueranlage bedeuten, dass die Struktur der Innenstadt festgelegt war: Die strukturelle Veränderung der Innenstadt kam zu ihrem Ende.
Vergleich
Mit der Drei-Straßen-Struktur stellte Sopron damals eine relativ große Stadt dar und wird zu den bedeutendsten Städten des Königreichs Ungarns gezählt. Die Stadt verfügte über die weitreichendsten Autonomierechte vor dem König, war wegen Handwerk, Handel, genauso wie vom Weinbau reich und auch die Bevölkerungszahl war beträchtlich und stieg an.
In einem Vergleich mit dem benachbarten Wien kann die Bedeutung Soprons illustriert werden. Heute hat Sopron 62.000 Einwohner, im Gegensatz zu den 2 Millionen in Wien. Die früheste Angabe einer Einwohnerzahl für Sopron wird für 1379 (wo erstmals die Hausbesitzer erhoben wurden) mit 383 Hausbesitzern angegeben, während das Wien-Wiki als älteste Angabe für Wien um 1200 eine Einwohnerzahl von 10.000 Personen angibt. Für 1500 werden für Wien 1300 Häuser angegeben – was zu 20 bis 25.000 Einwohnern umgerechnet wird. Zum gleichen Zeitpunkt werden für Sopron 411 Häuser angegeben. Der Wert von 1500 stammt nicht nur vom gleichen Zeitpunkt, sondern gibt auch eine Zahl in der gleichen Maßeinheit an, was den Vergleich ermöglicht. 1500 beträgt der Unterschied in der Bevölkerungszahl das dreifache, heute ist der Unterschied einer um das 30igfache. Der Unterschied zwischen Wien und Sopron verzehnfachte sich. Im Mittelalter war der Unterschied geringer, die Stadt hatte damals einen bedeutenderen Rang. (Vgl. für die Zahlen https://varosatlasz.hu/images/pdf/atlaszok/sopron/sopron_04.pdf; https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Mittelalter#Bev%C3%B6lkerungsentwicklung_und_soziale_Schichtung)
Größenunterschiede zwischen Städten haben nicht nur im Vergleich von Sopron und Wien zugenommen, sondern es handelt sich dabei um eine grundsätzliche Entwicklung, die somit Ausdruck einer gesellschaftlichen Entwicklung ist. Städte, die heute als Kleinstädte neben großen Zentren verblassen, bieten einen Bruchteil von Möglichkeiten und Angebot der Zentren. Möglichkeiten müssen zentriert werden und die Mobilität steigt, dass in Städten am Land weniger Dienstleistungen angeboten werden können und müssen. Das steht im Kontrast zu früheren Zeiten, wo historisch vergleichbare Angebote und Dienstleistungen sich auch lokaler fanden. Der Unterschied zwischen Städten nahm zu, die Dichte an Zentren, mit vergleichbarer Größe und Angebot, nahm ab.
Der Unterschied zwischen Sopron und Wien, wie er heute im 30-igfachen besteht, ist noch ein sanftes Beispiel. Denn immerhin ist Sopron auch heute noch ein lokales Zentrum, das verschiedene Dienstleistungen auf hoher Ebene (bis hin zu Universitätsinstituten) anbietet. Ein extremeres Ergebnis liefert der Vergleich mit kleineren Städten, besonders wenn diese in der Peripherie liegen. Wenn man etwa die Stadt Heidenreichstein im nördlichen Waldviertel als Vergleich nimmt, so sagt Wikipedia, dass es bei Gründung des Marktes (Anfang des 13. Jahrhunderts) 68 Häuser gab. Also eine Zahl, die nicht grundsätzlich hinter den knapp hundert Häusern der Soproner Innenstadt zurückliegt. Natürlich bestand in Sopron eine Vorstadt, in der immerhin circa 300 weitere Häuser standen, und die auch nicht ausschließlich landwirtschaftlich genützt war und sogar seit Anfang des 17. Jahrhunderts durch eine Mauer von der Umgebung abgegrenzt war. Eine derartig große Vorstadt wird in Heidenreichstein nicht bestanden haben, womit aber trotzdem die Größe der städtischen Innenstadt, mit der bestimmte ‚städtische’ Verwendungen zusammenhängen, in einer ähnlichen Größenordnung bleibt. Ähnliche Probleme konnten wahrscheinlich in den beiden Städten gelöst werden und ähnliche Bedürfnisse erfüllt.
Nicht nur die Größe, sondern auch die Konstanz in der Anzahl der Häuser, stellt einen Vergleichspunkt zwischen den Städten dar. Die 68 sogenannten ‚Urhäuser‘ Heidenreichsteins blieben bis ins 19. Jahrhundert erhalten, genauso wie mit dem Besitz verbundene Privilegien erhalten blieben.
Vergleicht man heute die beiden Städte, kommt eine Ähnlichkeit überhaupt nicht mehr in Frage. Aus der Größe der Unterschiede kann man inzwischen gar nicht mehr daran denken, dass je eine Ähnlichkeit bestand. Denn heute handelt es sich bei Heidenreichstein um eine Stadt mit 3.735 Einwohnern, wogegen selbst die 62.000 in Sopron eine große Zahl bilden. Unvergleichbarkeit gilt auch für Dienstleistungen, die angeboten werden und Bedürfnisse, die abgedeckt werden. Die Städte sind einander vollständig ungleich geworden.
Beschreibung
Dass die mittelalterliche Struktur nicht so unverändert blieb, wie behauptet, versteht sich von selbst. Veränderung ist ein automatischer Prozess, zu dem es somit auch in Sopron kam; allerdings auf einer wenig radikalen Weise. Veränderung fand innerhalb der bestehenden Strukturen statt. Der Stadtatlas kann somit beinahe spöttisch bemerken, dass die Redaktion des Wiener Kalenders, der Stadtansichten herausgab, nicht unrichtig handelte, als er die Abbildung Soprons über 150 Jahre unverändert ließ – der Gegenstand veränderte sich schlicht nicht substantiell.
Was sich beim genaueren Hinsehen doch veränderte, schildert der Stadtatlas:
In den Kriegen gegen die Osmanen im 16. und 17. Jahrhundert wurden die Verteidigungsanlagen verstärkt und durch die moderne Form der Bastei ergänzt. 1676 zerstörte ein großes Feuer die Innenstadt, was den barocken Umbau unterstützte und beschleunigte; ein Prozess der angesichts des damaligen Prestiges der Stadt (das ‚Goldenes Zeitalter‘) aber auch grundsätzlich abgelaufen wäre. Grund der Wichtigkeit und so der Veränderung war, dass einerseits wegen den Kriegen mit dem Osmanischen Reich und den damit verbundenen Unsicherheiten Menschen aus dem besetzten Ungarn in die Stadt kamen, wo relativer Schutz bestand und so Möglichkeit für Entwicklung. Von der anderen Seite, aus dem Westen, kamen in die Stadt Personen, die die größeren religiösen Freiheiten anzogen; die Ausübung des Protestantismus war in Sopron immer möglich. Die Personen, die wegen diesen Gründen in die Stadt kamen, waren meist wohlhabend und brachten die Möglichkeit zu und den Bedarf nach Veränderung.
Veränderung auf jeden Fall im Bedarf nach entsprechendem Wohnraum, der in der Form von vermieteten Objekten, deren Zahl erheblich stieg, angeboten wurde. Vermietung von Wohnungen wurde zum Geschäft und Besitz von Immobilien und Verwendung davon trennten sich. Baulich führte der barocke Umbau dazu, dass die bislang typische L-Form der Häuser durch Häuser mit Höfen ersetzt wurde. Die Grundstücke wurden auf diese Art dichter verbaut, mehr Wohnraum geschaffen und voneinander abgegrenzte Wohnungen konnten auf einem Grundstück eingerichtet werden.
Das Bevölkerungswachstum, das im 17. und 18. Jahrhundert anhielt, fand so ohne Zuwachs an Häusern statt und ohne dass sich die Zahl der Hausbesitzer erweiterte. Die mittelalterliche Struktur bestand fort. Im barocken Umbau der Stadt wurden auch öffentliche Gebäude neu- oder umgebaut: Schulen, Kirchen und Klöster, ein Theater, Verwaltungsgebäude oder das Rathaus entstanden in dieser Zeit.
Mit dem Wegfall der Bedrohung durch die osmanische Armee in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts und der Eroberung ganz Ungarns durch die Habsburger, war der militärische Nutzen der Verteidigungsanlagen weniger und weniger gegeben. Sie stellten mehr ein Verkehrshindernis dar und nahmen unnötig Platz ein. Reaktion war, dass im 18. Jahrhundert an mehreren Stellen Öffnungen für Fußgänger geschlafen wurden, um die Verbindung zwischen Innenstadt und Vorstadt zu erleichtern. Der erste große Mauerdurchbruch geht mit dem Neubau (1782-83) der protestantischen Kirche einher. Der Standort der Kirche ist neben der Mauer, der teilweise Abbruch der Mauer ermöglichte somit die Vergrößerung des Grundstückes und die bessere Zugänglichkeit, auch zur an die Kirche angeschlossenen Schule.
Weitere Baumaßnahmen auf Kosten der Verteidigungsanlagen waren, dass freie Flächen um die beiden Stadttore verbaut wurden; und schließlich (ebenfalls im 18. Jahrhundert) wurden die beiden inneren Mauerringe abgetragen. Der Abbruch der beiden Mauern führte zu einer Vergrößerung der an die Mauern angrenzenden Grundstücke. Allerdings wurden die Verteidigungsanlagen nicht komplett abgerissen, oder der frei werdende Platz durch neue Gassen erschlossen, sondern eine Mauer blieb erhalten und der neue Platz wurde in das bestehende System eingegliedert: Innerhalb des Bestehenden wurde eine Anpassung an neue Bedürfnisse vorgenommen.
Auch die bestehen bleibende Mauer wurde nicht mehr rein militärisch verwendet, sondern auf den Mauern und Basteien wurden Gärten angelegt. Damit wurde auch die Mauer, in gewisser Hinsicht, in das bestehende städtische Konzept einbezogen, um die Fläche an Stadtraum zu erweitern.
Die größte Veränderung betrifft den Bereich, der die Innenstadt und den äußeren Mauerring unmittelbar umgibt. Vor der Mauer lag eine zwischen 60 und 90 Meter breite freie Fläche. Grund des Bauverbots war militärisch, Verbauung vor der Mauer soll bei Belagerungen keinen Schutz bieten. Die Leere dieser Fläche bedeutet natürlich nicht, dass dieser Bereich nicht verwendet wurde: Märkte und Handel fanden entweder auf der freien Fläche oder am äußeren Rand davon statt. Und auch schon vor der teilweisen Verbauung des Glacis befanden sich in der Randzone der Vorstadt (am nördlichen Ende der Stadt, vor dem Stadttor, das zum Hauptplatz führt) Häuser und Werkstätten wohlhabender Handwerker.
Die Bebauung und somit Aufgabe der militärischen Verwendung der freien Fläche begann im 17. Jahrhundert, zuerst mit temporären Häusern. Parzelliert wurde das Gebiet im Lauf des 18. Jahrhunderts. Damit wurde das Verhältnis von Flächen für Verbauung und Straßen festgelegt, und somit auch das zur bestehenden Innen- und Vorstadt. Nächster Schritt war eine lückenhafte Verbauung, die großteils aus Häusern niederer Steuerklassen bestand. Die Verbauung wurde dichter und begann um die ganze Stadt herumzureichen – wobei der nördliche und östliche Teil sich schneller entwickelten und der südliche unverbaut blieb. In der Nähe des nördlichen Tores verbesserten sich als erstes die Steuerklassen: Auch wohlhabende Menschen begannen in dem neu verbauten Bereich zu wohnen – und das trotz der zeitgleichen Vergrößerung in der Stadt durch den Abriss der inneren Mauerringe. Das geschäftliche Leben verschiebt sich nach und nach von hinter den Mauern vor die Mauern.
In den ehemals freien Glacis-Bereich wurden auch öffentliche Gebäude errichtet: Die Dominikaner errichteten zwischen 1719 und 1725 ein Kloster und Kirche (allerdings an den äußeren Rand der freien Fläche); 1788 bis 1789 wurde in den Bereich unmittelbar vor die Mauer das städtische Casino errichtet; 1840 bis 1841 wurde neben das Casino ein neues Theater gebaut; zwischen die genannten Gebäude wurde eine Parkanlage (Promenade) angelegt. Diese öffentlichen Gebäude konzentrieren sich alle auf den südlichen Rand der Innenstadt – den heutigen Széchenyi tér – und somit auf den lange nicht verbauten Teil des Grabenbereiches. Der südliche Bereich war nicht Markt, auch ließen sich nicht Handwerker nieder, sondern er wurde für Gärten – auch zur Erholung – und für ein Wasserreservoirs für die Verteidigungsanlagen genützt. Die öffentliche Entwicklung ist Zeichen der im Vergleich mit anderen Zonen der Stadt zurückbleibenden urbanen Entwicklung.
Anfang des 19. Jahrhunderts wird der östliche Teil vollständig verbaut und aufgewertet. 1869 bekommt die Straße im nördlichen und östlichen Bereich einen einheitlichen Namen: ‚Grabenrunde‘ oder ‚Várkerület’. Damit drückt sich aus, dass ab diesem Zeitpunkt der Bereich als zusammenhängend wahrgenommen wird und eine vergleichbare Entwicklung und Verwendung erreicht hat.
Die Entwicklungen und Aufwertungen des 19. Jahrhundert verändern Dichte und Aussehen des ehemaligen Graben- und Glacisbereiches (es kommt zu einer stilistischen Vereinheitlichung im historistischen Stil des 19. Jahrhunderts – wie der Stadtatlas schreibt). Nicht verändert sich der grundsätzliche Aufbau des Bereiches. An der Parzellierung wird festgehalten: die Verbauung folgt auf der einen Seite der Mauer, auf der anderen Seite ist es die Baulinie der alten Vorstadt.
Worüber der Stadtatlas keine Aussage trifft, ist, wie und wann es zur Anlage der Straße zwischen den Häuserreihen kam. Die Straße ist eine durchaus prachtvolle Anlage, worauf alleine aus ihrer Breite (an der breitesten Stelle 70 Meter) geschlossen werden kann und natürlich aus dem Aussehen der Häuser, die um sie stehen. Eine prachtvolle Anlage würde einen Plan vermuten lassen, der angesichts keiner Informationen darüber im Stadtatlas aber ausgeschlossen werden kann.
Breite und Pracht der Straße kann aber auch einfach Ergebnis dessen sein, was blieb: Die Innenseite folgt der Mauer, die Außenseite sind die bestehenden Häuser der Vorstadt; der Zwischenraum wird Straße. Mit dieser Verbauung wird weder in das System innen noch in das System außen eingegriffen – es bleibt beim mittelalterlichen System, nur in modernisierter Verwendung. Ein Stadtentwicklungsplan besteht nicht, sondern planlos wird dem Bestehenden gefolgt, es fortgeführt. Die dazwischenliegende Straße wird zu einer Puffer- oder Übergangszone, die die beiden Bereiche nebeneinander bestehend miteinander verbindet. In der Verbindung von Zonen durch eine Freifläche wird auch an der Methode festgehalten, der schon das Glacis folgte. Entsprechend ist der Querschnitt der Straße auch nicht viel kleiner, als die Breite des ehemaligen Glacis – eine Reihe Häuser macht die Differenz aus.
Ergebnis der Stadterweiterung ist nicht, dass Innen- und Vorstadt besser verbunden sind, denn die Mauer besteht weiter. Ergebnis ist nicht, dass der ehemals freie Platz vor der Mauer platzfüllend verbaut wird, denn es bleibt bei einer großen Freifläche. Da an den bestehenden Systemen festgehalten wird, muss auch an den Begrenzungen dieser festgehalten werden.
Diese Form der Stadtentwicklung wird mit der Gründung der ‚Bau- und Verschönerungs-Commission‘ 1828 institutionalisiert. Die Aufgabe der Commission war im Kleinen die Veränderung der Stadt zu lenken – nicht einen großen Entwicklungs- oder Veränderungsplan für die Stadt zu entwerfen. Neubauten sollten in ihrem Aussehen an benachbarte Häuser angeglichen werden; anstelle von Abriss sollten Baulücken gefüllt; anstelle von neuen Straßenzügen sollten Grundstücke an im Detail verbesserte Straßenführungen angepasst werden. Zusammengefasst ein ästhetisch begründetes Entwicklungs- und Bewilligungskonzept wird begründet.
Die Gründung der Commission setzt voraus, dass im Bestehenden ein Wert erkannt wird, an dem festgehalten werden soll und an den das Neue angepasst werden soll. Damit stellt die Commission eine Vorform von Denkmalschutz und Konservierung von Bestehendem dar.
Über die mit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts beginnenden Periode sagt der Stadtatlas, dass sie das Ende der organischen Entwicklung der Stadt ist, fügt aber relativierend hinzu, dass auch diese Phase keine sei, die in ihrer Veränderung große Geschwindigkeit erreichte – sogar verglichen mit dem schon geringen ungarischen Tempo. Weder die Innenstadt, der Grabenbereich, noch die Vorstadt (als Bereich zwischen Stadtmauer und ehemaliger ebenfalls befestigter Stadtgrenze) verändern sich grundsätzlich. Der Stadtatlas führt an, dass der dörfliche Charakter gewisser Straßenzüge (der Vorstadt) bis in die Gegenwart erhalten blieb. Auf der anderen Seite werden in das Bestehende neue Elemente hinzugefügt – in erster Linie öffentliche Gebäude wie Schulen, Kasernen oder sogar direkt in der Innenstadt ein neues Rathaus, oder das Durchschlagen von Verbindungstraßen und Plätzen (Déak-tér) in der Vorstadt, die entsprechend neu verbaut wurden, oder Grünraum schufen. Weiteres Veränderungselement war die Eisenbahn. Die erste Bahnlinie nach Sopron war die Verbindung mit Wiener Neustadt, die 1847 eröffnet wurde. Der Bahnhof, bzw. später die Bahnhöfe wurden im Westen, bzw. Süden der Stadt errichtet und veränderten dort das Erscheinungsbild der Vorstädte grundsätzlich, mit neuen Stadt- und Industriegebieten. Die Industrialisierung wurde auch an anderen Orten um die Stadt sichtbar, Richtung Süd-Osten. Über die Eisenbahn hinweg Richtung Westen entstand eine Villenvorstadt (Lőver).
1905 erstellte der Chef-Ingenieur der Stadt József Wälder einen Stadtentwicklungsplan, der für die folgende Zeit prägend werden sollte. Worin er nicht prägend wurde, sind geplante Eingriffe in die Struktur der Innenstadt, etwa durch das Errichten neuer Straßenverbindungen, die diese durchschneiden sollten. Spätere Pläne sehen genauso größere Veränderungen zugunsten des Straßenverkehrs vor (die sich nicht verwirklichten), in diesen – etwa in dem zeitlich nächsten aus dem Jahr 1939 – wird das Stadtzentrum allerdings bereits nicht mehr angegriffen. Der historische und bewahrungswürdige Wert war bereits erkannt. Ganz im Gegenteil, es wurde begonnen aktiv an der Erforschung und Konservierung der Innenstadt zu arbeiten.
Diese Form der Stadtentwicklung, die neben kleineren Eingriffen im Zentrum die Veränderung an den Stadtrand rückt, setzte sich auch im 20. Jahrhundert fort. Für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg ist in ganz Europa ein Bevölkerungszuwachs typisch – im Vergleich zur Vorkriegszeit (1930) wuchs bis 1990 die Einwohnerzahl von 40.000 auf 55.000. Mit dem Bevölkerungswachstum dieser Zeit ist allgemein ein steigendes Komfortbedürfnis und somit Bedarf nach mehr Wohnraum pro Einwohner verbunden. Neben punktueller Verdichtung – in Folge von Bombentreffern, oder als Ersatz von Häusern schlechter Qualität – ist die Erweiterung in die Umgebung der Stadt die logische Folge. Mit den 60er Jahren setzt in Sopron diese Bewegung ein, und sie bedient sich der klassischen Formen der Zeit, es werden Plattenbausiedlungen am Stadtrand errichtet (die größte davon ist nach Yerevan benannt).
Mit dem Ende des Sozialismus und dem Ende des 20. Jahrhunderts schloss sich wohl grundsätzlich das Fenster, das für strukturelle Änderungen in der Stadt sorgen hätte können. Aktuelle Veränderungen führen die Stadt entweder weiter ins Umland oder ersetzten einzelne Gebäude innerhalb der Stadt – als eine Art Weiterführung des sozialistischen Veränderungskonzepts. Erweiterung ist deshalb nötig, da weiter mehr Menschen in der Stadt aufgenommen werden müssen und das Komfortbedürfnis ebenfalls steigt. Was aber im Vergleich zu früheren Zeiten nicht mehr besteht, ist das Potential, dass es zu Veränderungen im historischen Zentrum kommt. Über dieses und dessen historische Qualität besteht Konsens.
Interpretation
Sopron ging in mittelalterlicher Struktur durch sein ‚goldenes Zeitalter‘ im 17. Jahrhundert, als ungarische Königinnen und ein König in Sopron gekrönt wurden und ungarische Landtage in der Stadt abgehalten wurden. In der Zeit der Osmanischen Besetzung Ungarns war die Stadt neben dem heutigen Bratislava die zweitbedeutendste Stadt des verbliebenen Königreiches.
Für die erste Hälfte des 19. Jahrhundert erklärt der Stadtatlas, dass Sopron eine erstrangige Handelsstadt in Ungarn war. Mit dem Ende der Monarchie rückte die Stadt aus dem Zentrum in die Peripherie. Das bedeutete allerdings nicht, dass die Entwicklung der Stadt zum Stillstand kam. Auch im 20. Jahrhundert wächst die Bevölkerung, es werden neue Wohnungen gebaut, die Stadt erweitert.
Viele Veränderungsschritte können für Sopron aufgezeigt werden, aber gleichzeitig ist man auch heute in der Innenstadt mit der Struktur konfrontiert, die mehr oder weniger seit der Gründung der Stadt um 1300 besteht. Die Veränderung der Stadt griff diese Basis nicht an. Die Veränderungen verschoben jeweils die bestehende Struktur ohne diese aufzuheben.
Trotz der offensichtlichen Veränderungen könnte man meinen, dass man mit der alten Stadt konfrontiert sei, dass das Neue alt sei. Alt und neu(er) verschwimmt in eine pauschale Wahrnehmung mit etwas altem konfrontiert zu sein, die einzelnen Stufen der Vergangenheit und der Veränderung werden nicht unterschieden. Die durch Veränderung verschobene Struktur überlagert mit ihrem Alter die einzelnen Veränderungen, gemeindet diese ein. Es bleibt der zusammenfassende Eindruck mit einer mittelalterlichen (alten) Stadt konfrontiert zu sein.
Paradox kann man die Aussage auch umgedreht treffen: Das Neue überlagert das Alte. Die einzelnen Häuser innerhalb des Mauerrings haben das Erscheinungsbild von Barockhäusern, nicht von mittelalterlichen. Die Ringstraße und ihre Verbauung verdecken die alte Stadtmauer. Neue Formen füllen die Stadt und überlagern die darunterliegende ältere Basis.
Das Neue wie etwa die Ringstraße ist allerdings keine Ringstraße in der Bedeutung Wiens. In Sopron ist sie die Fläche vor der Mauer, nicht Ergebnis eines Planes, der die Stadt veränderte, alt und neu verbindet und alt durch neu ersetzt. Bei der Soproner Ringstraße handelt es sich um eine Restfläche, die in ihrem neuem Aussehen an altem festhält – gerade das Neue ist alt; der Schein trügt, die alte Struktur bleibt.
Wenn man nicht den Blick aus dem Jetzt in die Vergangenheit einnimmt, der fragt, wie die Stadt einem jetzt erscheint, sondern sich fragt, was gleichzeitig zur Veränderung die Verschiebung der Struktur bedeutet, beschreibt man eine nicht weniger paradoxe Situation.
Die spezielle Stadtveränderung Soprons lässt nicht das Alte weiterbestehen, noch ersetzt es dieses durch Neues. Veränderte gesellschaftliche Bedürfnisse, zu denen es über die Zeit automatisch kommt, führen aber zu geänderten Erwartungen an Städte und Architektur, was eine Veränderung der Städte erfordert. Verändert sich die Stadt im Rahmen des Bestehenden, dann vollzieht sich die Anpassung an neue Bedürfnisse nicht vollständig: Die bestehende Struktur schränkt die Veränderung ein. Es kommt zu einem Zwischenzustand, in dem sich weder das Neue noch das Alte verwirklicht. So als ob sich nicht entschieden werden konnte und so sicherheitshalber beide Optionen – und so keine – gewählt wurden; vor der schwierigen Entscheidung zur großen Veränderung oder Bewahrung zurückgeschreckt wurde – verschiebend passte die Stadt sich an andere Bedürfnisse an.
Stadtentwicklung in vorgegebenen Bahnen der Vergangenheit ist nicht Ergebnis von Entscheidung oder Wahl – kein Bewusstsein besteht darin. Vielmehr folgt auch diese Form der Stadtentwicklung den speziellen Situationen, in denen sich die Stadt jeweils befindet. Eine Stadt verändert sich so, wie es die gesellschaftliche Notwendigkeit erfordert.
Entwickelt sich eine Stadt in bestehenden Bahnen zeigt das, dass nicht die Bedingung für radikale Veränderungen bestehen, für eine schnelle und grundlegende Veränderung. Die Stadt, die in bestehenden Bahnen sich verändert, kann gesellschaftliche Veränderung in dem Bestehenden bewältigen; der Grund für Veränderung ist geringer ausgeprägt. Die Abwesenheit radikaler gesellschaftlicher Entwicklung führt zur beschaulich konservativen städtischen Veränderung.
Dort, wo große Veränderung möglich und vielleicht sogar nahe gelegen wäre, kam es trotzdem nicht zu ihr. Weder in der Barockzeit, wo Feuer und Zuwanderung eine Kombination ergaben, der einen Aufbau nach anderen Bedürfnissen ermöglicht hätte. Oder im 19. Jahrhundert, wo gleichzeitig von innen und außen die Stadt verändert wurde. Oder Kriegsschäden und gesellschaftliche Veränderung nach dem Zweiten Weltkrieg. Jeweils kam es zu keiner grundlegenden Veränderung – weil diese nicht benötigt wurde, in Anpassung konnte die gesellschaftliche Veränderung bewältigt werden.
Trotz der verschiedenen Blütephasen und der mehr oder weniger andauernden Bevölkerungszunahme Soprons ist die Stadt eine, die sich neben anderen Städten entwickelte. Sopron nimmt nicht das Zentrum von Entwicklung ein, ist trotz der (meist) zentralen Lage in einer abgelegenen Position. Im Vergleich zu den Zentren ist Sopron ein vergessener Ort. Daraus ergibt sich der Grund für die fehlende Not zu grundlegender städtischer Veränderung.
Aber doch ist der Ort so zentral und von Entwicklung betroffen, dass es über die ganze Stadtgeschichte – in allen Epochen – zu Veränderung kommt. Die Stadt ist in einer Zwischenposition, die die Veränderung als Verschiebung des bestehenden Systems bedeutet. Das Alte bleibt nicht – würde es bleiben, würde es über die Zeit nicht mehr verwendet werden könnte und somit zur Ruine zerfallen – sondern Neues kommt ins Alten hinzu.
Ergebnis der verschiebenden Veränderung ist paradox gerade Bewahrung: Das Alte wird nicht ersetzt oder vergessen, sondern ergänzt – man könnte auch sagen verwendet. Dadurch bleibt das Alte erhalten und – als prägendes System – überlagert es in gewisser Hinsicht das Neue und gemeindet es ein. In der Zwischenposition Soprons zwischen Vergessen und Verändern entsteht die spezielle Situation der Stadt.
Als Gegenbeispiel für Stadterweiterung kann Wien herangezogen werden. Obwohl in Wien der Abriss der Verteidigungsanlagen mit Mitte des 19. Jahrhunderts später begann – in Sopron begann dieser Prozess mit dem 17. Jahrhundert erstaunlich früh – so war er vollständig und führte zu einem anderen Ergebnis – den anderen gesellschaftlichen Anforderungen entsprechend. Durch den kompletten Abriss der Mauer und Eingriff in die jeweiligen Randzonen der bestehenden Verbauung wurde das Bestehende (sowohl in der Innen- als auch in der Vorstadt) miteinander verbunden. Das ging mit dem Preis einher, dass das bestehende (mittelalterliche, barocke, biedermeierliche) Verbauungssystem verändert wurde. Um den neuen Bedürfnissen gerecht werden zu können, musste das Alte grundsätzlich verändert werden. Weiterer Unterschied – und Ausdruck von Radikalität – ist, dass die Stadterweiterung in Wien einem ausgearbeiteten Plan folgend ablief: Mit Beginn der Veränderung war festgelegt, wo welches Gebäude und welche Straße vorgesehen ist. Die Stadtveränderung lief nicht von Anpassungen abhängig in schrittweiser Entwicklung ab, sondern sie fand gleichzeitig statt (natürlich abgesehen von der längeren Bauzeit von mehr als 60 Jahren, die es brauchte bis alle Grundstücke verbaut waren).
Das spezielle der Stadtentwicklung in Wien ist, dass ein neues System entstand, das das bestehende Alte einbezieht; etwas, das auch durch den historistischen Stil der Ringstraßen-Gebäude unterstrichen wird. Zusammengesehen fügen sich die Gebäude und Straßen zu einem Museum der Baustile zusammen; und der symbolischen Ausdruckskraft des Historismus folgend zu einem Museum der Menschheitsgeschichte. Nicht nur mit Verkehrswegen, sondern auch auf dieser symbolischen Ebene stellt die Ringstraße eine Verbindung zwischen alt und neu her: Die barocke Innenstadt wird quasi als originales Ausstellungsobjekt in die historistische Sammlung eingefügt – als echter Gegenstand, der in neuer Rahmung genauso von der (aus der Vergangenheit kommenden) gegenwärtigen Pracht der Habsburger zu zeugen hat. Dieser Museumscharakter der Innenstadt wird in der aktuellen Popularität Wiens als Touristenziel weiter aufrecht gehalten: Die Stadt präsentiert sich als herausgeputztes Museum der Vergangenheit. Auch wenn sich die politische Seite der Symbolik aufgelöst hat und das Museum nur noch von Touristen besucht wird – die künstliche (historistische) Seite der Ringstraßenzeit führt sich fort. Und zwar umso stärker, umso prunkvoller der Schmuck der Vergangenheit hervorgestrichen wird, umso mehr wird die Vergangenheit für die Gegenwart gemachter, also nicht vergangen oder verwendet, sondern touristisch ausgestellt.
Ein weiterer Vergleich und eine weiter radikalisierte Form der Stadterneuerung wäre das Pariser Modell. In diesem werden nicht alt und neu verbunden, sondern das Neue ersetzt das Alte. Die Boulevards werden durch die alte Stadt geschlagen, so als ob sie auf freies Feld geplant wären. Das Bedürfnis an die Stadt ist in der Metropole radikaler, so dass auch die Veränderungen der Stadterweiterung radikalere sind.
Ausdruck, Fortsetzung, Umgang und Geschäftsmodell mit dem paradoxen Zwischenzustand Soprons ist im Jetzt Tourismus und Konservierung und Aufarbeitung der historischen Innenstadt. Das Ergebnis der besonderen Entwicklung, die durch Veränderung zu Bewahrung führte, wird zum Interessanten für Leute, die nicht in der Stadt wohnen.
Das Besondere, das aus der Vergangenheit kommt und das die spezielle Entwicklungsform überliefern konnte, muss der Tourismus in der Gegenwart erhalten und pflegen, da sonst die Grundlage seines Geschäfts verloren gehen würde. Das hat eine andere Form der Stadtentwicklung zur Folge: Bewusst wird das gerade Bestehende festgehalten und konserviert, nicht mit Veränderung weitergeschoben. Dem touristischen Geschäftsmodell folgend ist Entwicklung und Veränderung aus der Stadt genommen, bzw. aus der Innenstadt an den Stadtrand verdrängt. Anpassung an veränderte gesellschaftliche Bedürfnisse ist in der touristischen Konservierung nicht möglich. Die Stadt erstarrt, Sopron wird zum Ferienparadies.
Im Fall von Sopron begann das Bewusstwerden der Besonderheit und somit der Beginn von Tourismus bereits früh. In den 1930er Jahren wird ausgesprochen, dass die Innenstadt geschützt werden soll; der Denkmalschutz beginnt.
Mit einem weiteren Schritt zurück kann zur Bau-Commission des 19. Jahrhunderts gekommen werden. Ihr Ziel war zwar noch nicht die Bewahrung bestehender Gebäude, aber in der Veränderung sollte das bestehende Stadtbild erhalten werden. Veränderung hatte sich an das Bestehende anzupassen. Das Bewusstsein über den Wert des Bestehenden bestand, was die Verbindung zu Denkmalschutz herstellt. Nur in der Methode liegt der Unterschied.
In den 1960er Jahren steigerte sich die Beschäftigung mit der Innenstadt erneut und es wird begonnen Innenstadthäuser zu renovieren. Ein Prozess, dessen Spuren sich bis heute ziehen. Einerseits natürlich deshalb, da Gebäude erhalten und bewahrt wurden, andererseits, da damals angebrachten Tafeln, die auf die Geschichte der Häuser hinweisen, heute noch hängen. Und, da die Renovierungen auf eine besondere Weise vollzogen wurden: Es wurde nicht schlicht die damalige Oberfläche konservierten, sondern darunterliegende Elemente wurden freigelegt. Auf den Fassaden treten einem heute so eigenartige Details entgegen, die auf den barocken Fassaden mittelalterliche Ausschnitte zeigen. Nicht ein Haus einer Epoche wird gezeigt oder rekonstruiert, sondern mehrere historische Schichten; so als ob mit der Detailhaftigkeit die schichtenhafte oder verschiebende Entwicklung der Stadt illustriert werden sollte.
Ein weiterer Aspekt der Rekonstruktion der 60er Jahre war, dass versucht wurde die Lebensqualität in der Innenstadt zu heben. Nicht nur Sehenswürdigkeiten sollten erschlossen werden, sondern die Häuser auch als Wohnbereich benutzt werden. Die Qualität der Wohnungen sollte an die Gegenwart angepasst werden. Ziel war somit nicht nur Konservierung für den Tourismus, sondern auch Bewohn- und Belebbarkeit. Der Stadtatlas bezeichnet zusammenfassend die Restaurierungsanstrengungen der 60er Jahre als die erfolgreichsten in Ungarn. Was sie auf jeden Fall auszeichnet, ist, dass dem Moment der (touristischen) Konservierung die Bewohnbarkeit entgegengesetzt wurde, eine Erstarrung als touristisches Ziel nicht akzeptiert wurde.
Ergebnis war trotzdem, dass mit den 70er Jahren beginnend Tourismus eine zunehmend wichtige Rolle für die Stadt zu spielen begann. Mit der Öffnung der Grenzen zu Österreich steigerte sich die Bedeutung des Tourismus erneut (auch in der Verbindung mit Einkaufstourismus, bei dem quasi nebenbei etwas kulturell interessantes hergezeigt werden konnte). Tourismus ist inzwischen das, von dem gesagt wird, dass er die Stadt zu einer bedeutenden Stadt Ungarns macht. Und somit ihr im Land des Ferienparadieses einen hohen Rang zukommen lässt – auch wenn es in diesem weniger auf Veränderung und mehr auf Gleichbleiben ankommt.
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