Probleme Probleme mit Probleme Probleme, Rückblick auf das Semester (Teil 1)

Probleme Probleme mit Probleme Probleme, Rückblick auf das Semester (Teil 1)

Das erste Lesen von Ingeborg Bachmanns Erzählung Probleme Probleme (In: Bachmann: Simultan: München, 1972: 45-84.) führt wahrscheinlich meist zu einem klaren Ergebnis, Figur und Erzählen betreffend. Beatrix, die Hauptfigur, ist inaktiv, kann nicht leben, arbeiten und lieben – sie hat große Probleme. Der Erzähler hingegen muss angesichts dieser Unfähigkeit eine umso größere Rolle einnehmen, er muss darstellen, was Beatrix nicht sagen, und wichtiger, denken kann. Es ist eine Geschichte der eindeutigen Probleme, die somit weniger interessant sind.

Im Überblick zur Erzählung des Bachmann-Handbuch findet ebenso dieser Blick auf den Text seinen Ausdruck. (Vgl. Monika Albrecht, Dirk Göttsche (Hg.): Bachmann-Handbuch, Leben – Werk – Wirkung: Berlin, 2020: 164-165.)

Wie die meisten anderen Protagonisten aus Bachmanns Simultan-Band verkörpert auch Beatrix den Typus der [...] Modernisierungsverliererin, deren negative Eigenschaften als eine Folgeerscheinung traumatischer Verletzungen aufzufassen und zu erklären sind.“ Beatrix ist eine ‚negative‘ Figur, „die ihre Leidensgeschichte nicht offen vor sich her trägt, sondern die sich zurückzieht, eine Fassade aufbaut und ihre seelischen Narben – bei René oder sonst wo – überschminken lässt.“ Beatrix ist eine ‚negative‘ Figur, deren Eigenschaften hinter einer falschen Fassade verborgen sind und deren „Besonderheit [...] gerade in ihrer Passivität, in ihrem (anscheinend erzwungenen) Nicht-denken-Wollen“ besteht.

Ergebnis ist „jedoch keine Lösung, sondern [die Erzählung] führt letzten Endes in den Zusammenbruch. Beatrix möchte sich im Schönheitssalon ihrem Ich-Ideal näher bringen lassen, aber Bachmanns Erzählung demonstriert, dass dieses Ideal äußerst fragwürdig ist und dass darüber hinaus »die Macht gesellschaftlicher Identitätskonstrukte nicht gebrochen werden kann dadurch, daß ihnen mit einem ›privaten‹ und für authentisch ausgegebenen Identitätskonstrukt begegnet wird«.“ Beatrix Vorbilder und Vorstellungen sind falsch und die Gesellschaft erdrückt ihren individualistischen Aufstand gegen diese. Das Ende ist entsprechend für die Beatrix ein schlechtes, die Katastrophe.

Beschränktheit und Ausweglosigkeit der Figur führt zu einem Problem des Erzählens: Denn wie soll eine nicht denkende und nicht handelnde Figur dargestellt werden: „Erzähltechnisch hat dies zur Folge, dass sich Bachmann einer besonders subtilen Form der Rede- und Gedankenwiedergabe bedienen musste. Hierbei leiht der Erzähler einer selbst nur wenig nachdenkenden Figur seine Stimme, um ihre gleichsam latent bleibenden, nicht aktuell realisierten Gedanken und Empfindungen zu formulieren. Vielfach artikuliert der Erzähler also nicht das, was die Figur aktuell denkt und meint, sondern das, was sie gedacht hätte, sofern sie überhaupt gedacht hätte.“

Zusammengefasst: Beatrix hat viele Probleme, erklärend (letztlich auf Sexualität zurückführend) können diese aufgelöst werden, was sie zu einem relativ einfachen und klaren Fall macht. Sie denkt nicht, macht nicht, zeigt sich nicht, hat falsche Ideale und Vorstellungen und scheitert letztlich. Das geht so weit, dass eine fremde Instanz, der Erzähler, für sie sprechen muss.

Beatrix Situation wird als so schlecht eingestuft, dass das Handbuch sogar einen Ratschlag gibt, wie mit der Situation umgegangen werden sollte. Da keine Lösung in der Erzählung vorkommt, kann der Rat nur als Übertragung auf das Leben verstanden werden: nicht Beatrix betreffend, sondern lebende Personen in ähnlichen Situationen. Der Rat wird zur moralischen Lehre, die aus der Erzählung gezogen wird: „Bachmann zeigt uns in Gestalt ihrer Protagonistin Beatrix eine Figur, die sich ändern müsste und sollte, die dies aber aus eigener Kraft nicht zuwege bringen kann. Hilfe muss von denen kommen, die aus dem oberflächlichen Gerede einer solchen Person jene versteckten Hinweise und Hilferufe herauszuhören vermögen, die auf die verborgenen Ursachen ihrer Passivität verweisen.


Liest und bespricht man ein Semester lang die Erzählung, beginnt man an den leichten Erklärungen und dem ersten Eindruck zu zweifeln. Figur und Geschichte werden vielschichtiger, widersprüchlicher – komplexer. Diesen Prozess machte ich gemeinsam mit Studierenden in einer Lehrveranstaltung durch. Wozu sich das Lesen der Erzählung veränderte, soll in verschiedenen Thesen, die Studierende formulierten, dargestellt werden.


1) Die Frage gesellschaftlicher Vorbilder: Das Handbuch meint, dass das ‚Ich-Ideal‘ fragwürdig wird. Beatrix liest im Schönheitssalon Illustrierte und betrachtet darin die Frisuren von Jackie Kennedy (Onassis) und verschiedene Perückenmodelle. Jeweils stellen sie für Beatrix etwas anstrebenswertes da und sie befragt Herrn Karl, den Friseur, dazu. Nur, dass dabei die Antwort schon feststeht. Beatrix kann sich weder das eine noch das andere leisten. Genauso wie sie sich den Friseur, bzw. das damit verbundene Leben nicht leisten kann. Sie spielt den bürgerlichen Hintergrund, den alle Kundinnen des Salons haben, vor. Das Erreichen oder auch nur die Annäherung an die (bürgerlichen oder hochluxuriösen) gesellschaftlichen Vorbilder sind im Fall Beatrix derart unrealistisch, dass sie gar nicht erst fragwürdig werden müssen; sie sind es die ganze Zeit schon. Und zwar auch für Beatrix selbst, die den Vergleich zwischen eigener Wohnung und Friseur zieht, womit der Kontrast und somit das Vorspielen eindeutig wird.

Nicht als (scheiternde) Annäherung an bürgerliche Gesellschaft geht Beatrix zum Friseur, sondern das Anstreben und Scheitern ist Teil von Beatrix Spiel. Die klaren gesellschaftlichen Zielpunkte können keine solche darstellen, womit sie zur falschen Illusion werden. Sie sind nichts, wofür es sich auszahlen würde, sich anzustrengen. Beatrix hat nicht die Ambition dieses falsche Leben zu erreichen, die damit verbundene Anstrengung auf sich zu nehmen. Den Schein des Friseurs (und die damit verbundene relative Anstrengung) verwendet sie hingegen dazu, dass sie ihr anstrengungsloses Leben des Schlafes betreiben kann. Sie spielt die Annäherung an falsche gesellschaftliche Konventionen, um zu sich zurückkehren zu können.


2) Unterschied zwischen erstem und zweitem Teil: Im ersten Teil ist Beatrix in ihrer Wohnung. Nachdem sie spät aufgestanden ist, macht sie alltägliche Dinge und denkt – über die alltäglichen Belastungen, aber auch über allgemeine Dinge ihres Lebens. Im zweiten Teil ist sie im Schönheitssalon René, wo sie Stammkundin ist. Auch dort stellen Reflexionen zu unmittelbaren Eindrücken und allgemeinen Dingen einen großen Teil des Textes dar. Verbunden sind die beiden Teile nicht durch den Weg von der Wohnung zum Friseur, sondern plötzlich ist Beatrix beim Friseur. Für den Ortswechsel wird der Bereich des Denkens nicht verlassen.

Mit dem großen Gewicht des Denkens sind die beiden Teile verbunden. Was sie allerdings unterscheidet, ist der Unterschied zwischen drinnen und draußen. Beatrix hat ihre Wohnung verlassen. Das ist deshalb relevant, da Beatrix selbst behauptetes Lebenskonzept der Rückzug in den Schlaf ist. Warum geht sie hinaus, handelt, bzw. führt diese Unterscheidung zu weiteren Unterschieden zwischen den Teilen.

In Punkt 1 wurde das Hinausgehen mit dem Spielen einer Rolle erklärt. Das bedeutet, dass hinausgegangen wird, um zurückzukommen, um in der privaten zurückgezogenen Welt sein zu können. Hinzufügend, bzw. relativierend kann gefragt werden, ob Beatrix sich von den beiden Orten so unterschiedliches erwartet, ob Wohnung und Salon so unterschiedlich sind.

Rückzug erwartet und findet Beatrix nämlich auch beim Schönheitssalon. Im Zuge der Behandlung erkennt sie und empfindet sie, dass sie in sich selbst verliebt ist. Auch draußen kommt sie zu sich selbst, schließt sich von der Welt ab. Selbstverliebt und schlafend besteht (scheinbar) nur das Ich.

Die Katastrophe geht von dem Zustand der Selbstverliebtheit aus, dass Beatrix aus dieser herausgerissen wird. Die neue Angestellte des Salons, die sich somit nicht in die etablierte Routine einfügt, stört das Erwartete und Immergleiche und somit die Möglichkeit zum Rückzugs. Nicht das schlechte Ergebnis ihrer Arbeit, wie Beatrix ihr das vorwirft, löst den Zusammenbruch aus, sondern die Abweichung vom Gekannten, die zur Konfrontation mit der Welt, dem Ende des Rückzugs in sich selbst führt.

Drinnen und draußen, Wohnung und Schönheitssalon bedeuten für Beatrix jeweils Selbstrückzug und Abschluss vor der Welt. Der Unterschied zwischen den beiden Teilen reduziert sich weiter, sie verbinden sich in Beatrix Eigenschaft des Rückzugs vor der Welt – der weder zuhause noch beim Friseur funktioniert.


3) Die Beziehung zu Erich: Das Handbuch meint, dass die Beziehung zu Erich hoffnungslos ist und Beatrix Nähe und Verbindung zu Erich nur vorgibt. Eigenartig im Handbuch ist, dass das Treffen mit Erich, auf das sich der in der Erzählung geschilderte Tag zuentwickelt, nicht erwähnt wird. Der Zielpunkt, der wahrscheinlich nicht erreicht wird (was Beatrix nach der Zuflucht in der Toilette macht, wird nicht gesagt), kommt nicht vor, und somit ein ständiges Problem, mit dem sich – vom ersten Aufstehen an – Beatrix zu beschäftigen hat.

Das Treffen und die Beziehung zu Erich allgemein ziehen Beatrix aus ihrer Zurückgezogenheit und ihrer Wohnung heraus. Die Beziehung steht also in einem grundlegenden Gegensatz zu Beatrix Vorstellung eines guten Lebens. Warum sie trotzdem die Beziehung eingeht, bzw. auf das Treffen zusagt, erfordert eine Erklärung. Das Handbuch meint, dass zwischen ihnen das Spiel des sexuellen Nichtverstehens vorgeht. So hat in gewisser Hinsicht Erich für Beatrix weiter eine positive Verbindung. Aus dem Bezug selbst geht eine Eigenschaft hervor, die mit etwas erhofftem zusammenhängt, also mit etwas, dessen Verwirklichung in der Beziehung umgedrehte zumindest möglich scheint – Nichtverstehen kann zu Verstehen werden. Nur jetzt in der konkreten Situation funktioniert die Beziehung nicht.

Beatrix erklärt hingegen, dass das Konzept Beziehung und im speziellen in der bürgerlichen Vorstellung Erichs abzulehnen ist, daraus nichts gutes erwartbar ist. Ihr Einwand ist viel grundlegender. Sie trifft Erich allerdings trotzdem und hört sich seine Ratschläge und Hilfeleistungen an, genauso wie seine Probleme mit seiner Frau. Damit formuliert er Erwartung an Beatrix und an eine Beziehung mit ihr, in der er sich bald schon sieht. Im Gegensatz zwischen Führen und Ablehnen der Beziehung liegt das strategische Verhältnis der gespielten Rolle nahe. Beatrix führt die Beziehung, geht hinaus, um zu sich zurückkehren zu können, geht in die Gesellschaft, um alleine schlafen zu können.

3.1) Auch Erich spielt eine Rolle: Erich ist mit Guggi verheiratet, die bereits mehrere Selbstmordversuche überlebte. Seine Arbeit ist bei der AUA, wo seine Meinung und Vorschläge nicht zählen und ernst genommen werden. Erich lebt ein bürgerliches Leben, das privat und beruflich nicht funktioniert. Beatrix stellt darin den Ausweg dar. Vor Beatrix kann er die Rolle des leitenden und sorgenden Mannes spielen, der das Kind Beatrix aus ihrer Unorientiertheit rettet und in das (abhängige) erwachsene Leben einer bürgerlichen Frau führt.

Dass diese zugedachte befreiende Rolle nicht funktioniert, liegt nicht nur an Beatrix. Diese durchschaut Erich darin und will nur scheinbar (und somit nicht) gerettet werden – um ihre eigenen strategischen Ziele zu erreichen. Sondern es liegt auch an Erich selbst. Wegen der Erzählsituation, die ausschließlich Informationen aus Beatrix wiedergibt, haben wir keine direkten Informationen über Erich, aber aus seiner Lage, die eine des Scheiterns ist, kann vermutet werden, dass es ihm gar nicht möglich wäre, seine Absicht umzusetzen. Dass er es trotzdem behauptet und mit Ratschlägen umzusetzen versucht, zeigt, dass er dies für das Jetzt vorgibt. Er spielt eine Rolle, um mit den Schwierigkeiten seines restlichen Leben, privat und beruflich, umgehen zu können.

Dass nicht nur Beatrix, sondern auch Erich Rollen spielen, zeigt, dass das Spielen von Rollen nicht nur ein individuelles Phänomen von Beatrix ist, sondern etwas allgemeines. Die Erzählung beobachtet etwas allgemeines und trifft eine allgemeine Aussage.


4) Jeanne, Elisabeth und Beatrix: Neben Erich gibt es auch weitere Vergleichsfiguren in der Erzählung. Während Erich älter und bereits im bürgerlichen Leben steht und ein Mann ist, sind Jeanne und Elisabeth ähnlich alt wie Beatrix und stehen in einer ähnlichen Situation: Sie müssen ihr erwachsenes Leben anfangen. Beide verfolgen zueinander unterschiedliche Modelle, aber in erster Linie zu Beatrix.

Jeanne ist eine französische Studentin, die zu Beatrix auf Besuch kommt – Verwandtschaft oder Bekanntschaft motiviert den Besuch, zwingt ihn Beatrix auf. Elisabeth ist Beatrix Cousine und Mitbewohnerin. Sie studiert Kunstgeschichte und strebt eine akademische Karriere an. Sie ist fleißig und strebsam und trotz der vielen Arbeit, die sie in den abwegigen Bereich der Kunstgeschichte steckt, nicht erfolgreich. Jeanne studiert auch, Jus, nimmt dieses Studium allerdings (vorerst) nicht sonderlich ernst. Sie mag leben, die Welt sehen: reist, trifft Menschen, hat Beziehungen, nimmt Drogen, interessiert sich für eigenartige Sachen, ist spontan. Trotz dieser momentanen Abweichungen steht auch ihr eine bürgerliche Karriere bevor: Ihre Eltern sind Anwälte, ihr weiterer Weg ist vorhergesagt. Nicht nur darin verbinden sich Elisabeth und Jeanne, und werden zu akzeptierten und normalen Karrieremodellen, sondern hauptsächlich in ihrer Gegensätzlichkeit zu Beatrix.

Beatrix lehnt beide Lebensmodelle ab und argumentiert, warum es sich um schlechte Entscheidungen handelt. Da jeweils viel Aufwand für ungewisse und nicht anstrebenswerte Ergebnisse betrieben werden. Jeanne und Elisabeth als Beispiele ermöglichen eine Vorstellung des Eigenen auf indirektem Weg und ergeben dadurch ein besonderes Bild von Beatrix, die vergleichend abwiegt.


5) Die denkende Beatrix: Nicht nur im begründeten Vergleich zu anderen Figuren entsteht ein Bild von Beatrix, das diese als denkende und argumentierende Figur erscheinen lässt. Sie begründet grundsätzlich, warum es sich bei ihrer sich aus dem Leben nehmenden Position um die einzig richtige handelt. Sie zeigt, dass das durchschnittliche und erwachsene Leben ein falsches ist. Das Leben, das als rational und gut gilt und in dem man verantwortungsbewusst und selbstständig lebt, erfüllt seine rationalen Ansprüche nicht. Es ist also nur folgerichtig, dass man sich nicht in die bürgerliche Lüge begeben mag, sondern etwas davon verschiedenes sucht. Die Alternative ist bei Beatrix nicht unbedingt eine bessere Welt, nicht weniger irrational. Wenn man den ganzen Tag schläft und auf diese Art meint aus dem falschen Leben auszusteigen, dann wird auch darin kein rationales Verhältnis zur Welt eingenommen. Nur weil man im Rückzug nicht sieht, was vorgeht, passieren trotzdem die schlechten Sachen auf der Welt. In der Nichtkonfrontation liefert Beatrix sich der Welt aus, macht sich abhängig, was dann auch zu Enttäuschung und Zusammenbruch führt.

Nicht nur in der Argumentation ihres Lebens handelt Beatrix rational, sondern auch in der Umsetzung: Wenn sie Rollen spielt, um mit der Vorgabe von etwas falschem ein Ziel zu erreichen. Strategisch nimmt sie die Rolle ein, spielt das echte Leben, um in ihr eigenes privates Leben aussteigen zu können. Sie handelt (spielt eine Rolle) um nicht zu handeln (Schlafen). Sie ist rational um nicht rational zu sein. Sie verwendet die kritisierte Rationalität um zur Irrationalität zu kommen.

Beatrix Charakter besteht nicht nur aus Schlafen, sondern auch aus Begründen, Rollen und Handeln. Nicht nur aus dem einen, sondern aus beiden Bereichen, die miteinander zusammenhängen. Beides ist Teil und unterbricht sich gegenseitig und korrigiert sich. Sie kann weder auf das eine noch das andere reduziert werden.

Als Beispiel für die Doppeltheit können Beatrix Rollen genauer beschrieben werden. Beatrix formuliert (alles jeweils in ihren Gedanken und Erinnerungen) Meinungen, meint dann aber zu Erich, dass sie gar nicht formulieren kann, dass sie keine Meinungen hat. Sie denkt rational, nimmt dann rational eine Rolle ein, um Erich zu bestätigen, dass es sich bei ihr um eine dumme Person handelt, die gerettet werden muss, nur um als strategisches Ziel in ihre private abgeschnittene irrationale Welt zurückkehren zu können. Rationalität ergibt das Spielen einer irrationalen Rolle, um dadurch in die fiktive (irrationale) Gegenwelt aussteigen zu können.


6) Handeln und Denken: Nicht nur Beatrix Inneres wird dargestellt, sondern auch sichtbare Handlungen erscheinen im Text. Die Beschäftigung mit dem Denken nimmt einen größeren Raum ein, teils nur in einzelnen Sätzen wird dieses allerdings von Handlungen unterbrochen. Die Handlungen sind solche, die im Alltags notwendig sind – am Anfang des Textes mit dem Aufstehen verbunden – und im zweiten Teil mit dem Friseur verbunden, die dann eher an Beatrix vollzogen werden. Diese Handlungen sind einerseits Unterbrechungen des Denkens, holen dieses in die Welt des Geschehens zurück, andererseits sind sie auch Ausgangspunkte für erneutes Nachdenken: Wie Entscheidungen (auch im Alltag) getroffen werden können, welche Probleme mit Entscheidungsprozessen zusammenhängen und was diese (über den Alltag hinausgehend) bedeuten. Handeln und Denken stehen sich unvermittelt entgegen. Das eine wechselt ins andere und wieder zurück, ohne dass etwa der Erzähler diesen Wechsel kommentieren oder ankündigen würde.

Die Seiten zwischen Handeln und Denken kann mit der Doppeltheit von Rationalität und Irrationalität und Auseinandersetzung und Abschluss von der Welt verbunden werden.

Die Seite der Gedanken ist Abschluss vor dem Außen, Beatrix denkt selbstverliebt. Andererseits sind die Gedanken der Ort der rationalen Begründung, wo Kritik an der Rationalität geübt wird, das eigene irrationale Verhalten gerechtfertigt wird und auch das Vorspielen der Rolle vor der Welt formuliert, geplant und legitimiert wird. Formal ist die Reflexion im Inneren der Figur eingeschlossen, beschäftigt sich aber mit dem Außen (Welt).

Dieses Verhältnis findet sich auch in der Darstellung des Äußeren. Einerseits ist Handeln Konfrontation mit der Welt, auch im Kleinen des Haushaltes oder beim Friseur. Beatrix muss mit anderen Menschen interagieren, die kleinste Tätigkeit steht für Auseinandersetzung und Ausgeliefertheit – die Auswahl der Strümpfe bedeutet allgemein die Mühe des Lebens. Andererseits führen die minimalen Bewegungen zum Rückzugs in sich selbst (hin zum Schlaf), haben somit keinen ‚schaffenden‘ (rational konfrontativen) Inhalt, sondern bedeuten Leere.

Reflexion und Handeln sind ein Paar, das zueinander und zu den Erwartungen verdreht steht: Der Rückzug des Denkens bedeutet Konfrontation; die Konfrontation des Handelns bedeutet Rückzug.


7) Das Erzählen: Von einem vollständigen Ausschluss Beatrix aus dem Erzählen, wie es das Handbuch mit dem Nichtdenken von Beatrix behauptet, kann so keine Rede sein. Wenn sie denkt, warum sollte es sich dann nicht schlicht um die Form der erlebten Rede handeln, die sich durch die Gemeinsamkeit von Figur und Erzähler ausdrückt. Es ist klar, dass in der Erzählung nicht Beatrix spricht, da keine direkten Formen der Redewiedergabe verwendet werden, oder unmittelbar eine Ich-Erzählerin sprechen würde. Das andere Extrem, dass ein Erzähler Informationen der Figuren verarbeitet und selbstständig über sie berichtet, stellt sich allerdings auch nicht ein. Den Erzähler so zu bestimmen, wäre eigenartig, da er scheinbar nichts über die anderen Figuren der Erzählung weiß, er auf Beatrix eingeschränkt ist. Was wäre das für ein eigenartiger allwissender Erzähler, der nur eine Figur vollständig in seiner Darstellung verändern könnte, wenn er doch ein allgemeines Wissen hätte.

Da bietet sich die Grundsituation der erlebten Rede an, mit ihrer typischen Vermischung von Figur und Erzähler. Gedankeninhalte der Figur werden wiedergegeben, aber (zumindest teilweise) von dem Erzähler nicht nur sprachlich verändert, um die Inhalte besser auszudrücken. Es entsteht eine Gleichzeitigkeit von Nähe und Entfernung, von Direktheit und Vermittlung, von Wiedergabe und Veränderung – von Figur und Erzähler.


8) Die Sprache: In Beatrix Rollen ist Sprache ein Aspekt. Sie formuliert, nur um zu sagen, dass sie nicht formulieren kann; die Wörter nicht kennt. Sie kennt aber nur nicht die Wörter der Sprache der Phrasen, bzw. in ihrer Rolle verwendet sie diese strategisch. Vielmehr kennt sie eine Sprache, die sie als ‚geheime Sprache‘ bezeichnet. In dieser Sprache ist zwar Ausdruck (also phrasenloses Sprechen) möglich, aber angesichts der Mangelhaftigkeit der Welt und der anderen Menschen kein Austausch – diese Sprache wird von den rationalen und erwachsenen Menschen nicht gesprochen. Beatrix Sprache hat doppelte Eigenschaften, wie ihre rationale Irrationalität des Schlafs. Wie der Schlaf muss die ‚geheime Sprache‘ eine stumme Sprache bleiben.

Für Bachmanns Texte typisch hängen Probleme und angezeigte Auswege mit der Sprache zusammen. Die Unmöglichkeit zu sprechen, oder nur in Phrasen zu sprechen, ist Problem. Gleichzeitig besteht, auch ganz konkret in der Erzählung, eine andere Sprache, die Ausdruck ermöglicht und somit Leben.


9) Das Ende der Erzählung: Das Handbuch setzt als Ende der Erzählung den Zusammenbruch und die Katastrophe. Nach der Katastrophe geht der Text aber noch weiter. Die Katastrophe ereignet sich im Schönheitssalon, diesen verlässt Beatrix und flüchtet in die Toilette des gegenüberliegenden Restaurants. Dort wird sie von der Toilettenfrau ‚getröstet‘; das stellt das Ende dar. Interessant ist dabei, wie das Trösten funktioniert. Die Frau führt den durchschnittlichsten Grund an, warum eine junge Frau weinend in eine Toilette kommt: Die Männer, eine Beziehung wird verantwortlich sein. Beatrix bestätigt diesen Grund, nach einer kurzen Pause. Sie erkennt, dass es sich um eine falsche und phrasenhafte Begründung handelt, gerade deshalb akzeptiert sie die Erklärung.

Das Ende der Erzählung ist nicht die Katastrophe, sondern dass Beatrix erneut eine Rolle einnimmt. Sie erklärt nicht ihre komplexe Situation, sondern gibt der durchschnittlichen Phrase recht. Um, und damit befinden wir uns nach der Erzählung, in ihre private Welt sich zurückziehen zu können. Rationalität (als Akzeptieren der falschen Phrase) unterbricht die irrationale Katastrophe (die Konfrontation mit der Welt in der Selbstverliebtheit), nur um in Irrationalität zurückkehren zu können. Am Ende steht das Wechselspiel der verschiedenen Ebenen; nicht der Zusammenbruch.


10) Was das bedeutet, bzw. wie das erklärt werden kann: Das Handbuch gibt als psychologische Erklärung die Sexualität. Warum kann man Beatrix Konflikt, wenn man psychologisch argumentiert, nicht allgemein als den des Erwachsenwerdens bezeichnen. Nicht eine konkrete Erfahrung, die in der Erzählung nicht vorkommt, sondern etwas, was jeden Menschen betrifft – wie man ein selbstständiger und verantwortungsvoller Mensch wird – wird behandelt. Als Lösung dieses Konflikts wählt Beatrix eine radikale Antwort: Sie zieht sich aus der Welt zurück. Neben Beatrix Weg stellt der Text auch noch die Lösungsansätze von Jeanne und Elisabeth vor (etwas anderes auch den von Erich). Damit finden sich auch weitere Möglichkeiten mit dem allgemeinen Konflikt umzugehen, die jeweils jenseits der Erklärung aus Sexualität stehen.

Dass das Finden des erwachsenen eigenen Ortes kein neutraler Vorgang ist, geht beim psychologischen Erklären verloren. Die erwachsene Rationalität wird durch Beatrix Rückzug, und auch ausgesprochen in ihren Überlegungen, als problematisch herausgestrichen, als etwas, das keine Lösung des Konflikt der Selbstständigkeit darstellt.

Nicht als psychologischen Fall, sondern als literarischen Text lesend, ist der Wechsel zwischen Rationalität und Irrationalität der zentrale Punkt der Erzählung. Die Wechselhaftigkeit zwischen Denken und Handeln, in den vorgegebenen Rollen, der Sprache, den Vergleichen zu anderen Figuren, zu gesellschaftlichen Vorbildern und nicht zuletzt auch im Erzählen selbst (der Wechsel zwischen Figur und Erzähler der erlebten Rede). Weder die kritisierte Rationalität wird von Beatrix eingenommen, noch geht Beatrix vollständig in der irrationalen Passivität des Rückzugs aus dem Leben auf. Sie und die Erzählung wechselt zwischen den beiden Positionen. Die einander korrigierende und ergänzende Wechselwirkung kann als Utopie und Ausweg bezeichnet werden; einen Lebensentwurf ermöglichend, der in der Fiktion (Beatrix Fall ist kein guter) unmöglich ist, aber vielleicht gerade deshalb umsetzbar ist.



An den von den Studierenden aufgezeigten Punkten kann jeweils die Schwierigkeit und Vielschichtigkeit von Erzählung und Figur nachvollzogen werden. Es könnten sicher noch weitere Elemente hinzugefügt werden, aber nicht die erschöpfende Darstellung des Textes war das Ziel, sondern aufzuzeigen, wie sich in genauem und wiederholtem Lesen ein Text verändern kann. Ausführlichkeit und genaues Schauen einen Text interessanter, vielschichtiger und problematischer machen können.

Etwas, was am vermeintlichen Ende nur das Ergebnis haben kann, dass man erneut zum Text zurückkehrt. Zweifelnd, ob man in der Genauigkeit überhaupt noch über den Text spricht, und ob man nicht noch genauer Schauen muss, um weiteres zu entdecken.

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