5 Bücher aktuelle Konventionalität

 

5 Bücher aktuelle Konventionalität


Füllt man seine viele Zeit mit dem Lesen von vielen Romanen grenzt das nicht nur auf der Seite des Lesenden an etwas krankhaftes, sondern ist ebenfalls die Gefahr groß, dass man zusammenfassend zu keinem vorteilhaften Urteil über das gelesene Material kommt – besonders wenn man sich zu (populären) österreichischen Gegenwartstexten begibt. In dieser Hinsicht empfiehlt es sich nicht und gibt keinen guten Eindruck, wenn man in ein paar Wochen folgende Bücher liest:

1) Tonio Schachinger: Echtzeitalter

2) Theresia Töglhofer: Tatendrang

3) Toxische Pommes: Schönes Ausländerkind

4) Johanna Sebauer: Nincshof

5) Robert Menasse: Die Erweiterung

Fünf Bücher so als ob man einfach schreiben könnte. Fünf Bücher Konventionalität und relative Langeweile. Fünf Bücher so als ob alles in Ordnung wäre. Fünf Bücher so als ob es keine Literaturgeschichte gäbe, so als ob nichts passiert wäre. Fünf Bücher so als ob es beim Schreiben einfach darum gehen würde eine leere Form mit einem mehr oder weniger interessanten Inhalt zu füllen.


1) Echtzeitalter

Ein kaum verschlüsselter Schlüsselroman aus dem Wiener Theresianum (Marianum). Obwohl kaum jemand in die elitäre Schule ging, kann doch jeder an den Text anschließen. Wien, österreichische Politik und zeitgenössische Ereignisse sorgen für Wiedererkennen und Einbindung in den Text. Ah, diesen Ort kenne ich auch, oh, das mit dem Corona habe ich auch erlebt – und natürlich Schule und die Verwirrungen des sozialen Lebens rundherum auch. Integration in den Text und Mitleid mit der Figur entstehen, die vor einem chronologisch und unbehindert abläuft und die man in Spannung aufnimmt.

Es ist eine herkömmliche Geschichte, die in der vertraut fremden Umgebung einer mehr oder weniger geschlossenen Schule (Internat) abläuft – auch inhaltlich begibt sie sich als Erwachsenwerden- oder Internat-Buch ins herkömmliche Gebiet. Das Internat ist ein Topos; der Topos der Unterwerfung und der zwangsweisen Eingliederung von Kindern in die Gesellschaft. Ein Prozess, der in Schule und im Erwachsenwerden grundsätzlich abläuft, wegen der gesteigerten Brutalität von Internaten dort aber besser sichtbar ist und besser dargestellt werden kann. Der Topos des Internats hat damit etwas entlarvendes und kritisches; die Brutalität gegen den Einzelnen und seine Zerstörung zeigend wird die Gewalt der Gesellschaft vorgeführt und kritisiert.

Die Brutalität der im Roman dargestellten Schule wirkt hingegen wie eine Parodie der großen Vorbilder. Neben der Unterwerfung scheint Platz zu sein, die die Strenge der Schule selbst betrifft und konkret Möglichkeiten für die Insassen ergibt. Die Brutalität der Schule ist nicht nur verschobener Erfolg durch spätere perfekte Anpassung an die Gesellschaft, sondern die Absurdität und Unnachgiebigkeit des Strafens ist zur Formalität verfallen, wodurch sie nicht mehr den Anspruch der Allumfassendheit haben kann. Das ermöglicht direkten Erfolg in der Schule in den ‚reformpädagogischen‘ Freiräumen, die Schule erhält beinahe positive Eigenschaften.

Das Internat als brutales Angleichungsinstrument funktioniert nicht mehr und somit auch der Topos mit seiner kritischen Kraft nicht mehr. Das Aussichtslose und die vollkommene Zerstörung durch Angleichung findet im Buch nicht statt. Vielmehr ist es der herkömmliche Weg der Anpassung, der auf der herkömmlichen Weise des Erwachsenwerdenbuches in chronologischer Erinnerung und Aneinanderreihung geschildert wird. Eine traditionelle Geschichte für eine traditionelle Gesellschaft ist das Ergebnis.


2) Tatendrang

Man könnte denken, das Robert Menasse das Patent auf den EU-Roman hat. Aber so ist es nicht, was ja auch nicht überraschen kann, denn das über etwas, das so viel Raum in der Öffentlichkeit und in der Organisation der Gesellschaft einnimmt, auch literarisch geschrieben wird, also dass nicht nur Menasse über die EU schreibt, ist naheliegend. Wozu allerdings keine Not bestehen würde, ist, dass auch die nächste Autorin auf die Menassesche-Art über das Phänomen schreibt. (Vgl. entsprechend unten Eintrag zu Menasse.)

Der klassische Roman, der zur klassischen Menasseschen-Art wird, hat als zentrale Eigenschafte, dass die verschiedensten Leute sich kennen, alles verknüpft ist. Auf den politischen Roman übertragen bedeutet das, dass die politische Entwicklung als persönliche erscheint. Jeder verliebt sich und findet Partnerin oder Partner, jeder kennt sich – auch schon aus der Zeit vor den aktuellen Ereignissen usw. Dadurch wird das, worum es im politischen Roman gehen sollte – die Politik – innerhalb des Romans nicht erklärt und auch nicht motiviert; man kann nicht sagen, warum jetzt genau dieses Ereignis passierte, die Handelnden brachten auf jeden Fall das Ereignis nicht zu dieser Entwicklung. Die Ereignisse passieren eigenartig neben den handelnden Figuren.

Als Veränderung zu Menasse bleibt die Verlagerung in den Bereich der jungen Leute. Nicht archivierte Personen handeln nicht handelnd (wie bei Menasse), sondern die Praktikanten streiten sich in ihrer jeweiligen perfekten Ausbildung um die wenigen Posten für das nicht handelnde Handeln. In der Sicherheit, in der die einzelnen Figuren bei Menasse ihre Schritte setzen, ist das ein (durchaus relevanter) Unterschied, aber keiner, der Erzählen oder den Text grundsätzlich betreffen könnte. Man könnte meinen, dass das Buch auf die gleiche Art wie der Praktikant gegen seinen Chef aufbegehrt, nur um letztlich im Kampf um die Stelle einzustimmen, gegen das große Vorbild Menasse aufbegehrt, um einzustimmen. Das gleiche Verhältnis besteht auch zum Gegenstand, zur EU.


3) Schönes Ausländerkind

In diesem Buch läuft die Autofiktion ab. Die eigene Geschichte, die im Detailgrad eines Romans nicht gekannt werden kann, wird erfunden und erscheint so als ob alles genau auf diese Weise passiert wäre und sich an alles erinnert worden wäre. Erfinden und Faktizität widersprechen sich zwar, was aber in der Konstruktion zu keinen größeren Schwierigkeiten führt. Vielmehr gehört der Widerspruch zusammen, der sich gegenseitig bestätigt. Da die vielen erfundenen Details angegeben werden, die Motivation und nahtlosen Zusammenhang der Geschichte ergeben, handelt es sich um tatsächliche Ereignisse: Erfinden führt zum Eindruck es mit tatsächlichen Ereignissen zu tun zu haben. Auf der anderen Seite legitimiert die Faktizität die Erfindung: Im Anschein, dass sich jedes Detail zugetragen hat, muss die Fiktion sich nicht weiter erklären, sie wird zur Selbstverständlichkeit. Die Frage der Gestaltung, der Organisation des Textes – eine Selbstrechtfertigung des Textes – stellt sich nicht weiter. Sie ist von vornherein durch das Leben als äußere Authentizität, die erfunden ist, legitimiert. Es war so, ist die Antwort auf alle Fragen.

Im Widerspruch beginnt die Geschichte am Anfang und läuft ungefragt und ohne größere Schwierigkeiten zum Ende: In der autofiktionalen Kombination aus Fiktion und Faktizität funktionieren Erinnerung und Fiktion.

Natürlich gibt es Schwierigkeiten, das ist die österreichische Gesellschaft. Welche Erfahrungen und Ereignisse es bedeuten die Staatsbürgerschaft, das Ziel, zu erreichen und in der Zwischenzeit in Österreich zu überleben, wird klar. Somit auch, dass es sich beim Erreichen des Endes nicht um eine Selbstverständlichkeit handelt. Als Text wird die verstörende Erfahrung aber zu so einer.


4) Nincshof

Ein solider Roman. Es gibt einen eigenartigen Schauplatz, eigenartige Figuren und eigenartige Ereignisse – gute Voraussetzungen für einen eigenartigen Text. Die Beschreibung ‚Eigenartig‘ kann man für die anderen Bücher nicht verwenden, da diese in in einem klaren Zusammenhang zur Realität stehen: Sie schildern Ereignisse, die zumindest passiert sein könnten – zwischen Politik und Schule. Ist alles Dargestellte eigenartig, kann diese Verbindung nicht in Frage kommen. Es ist klar, dass die Geschichte an einen guten Ort erfunden ist, in die gute Figuren und Ereignisse erfunden sind. Es ist klar, dass man es mit Fiktion zu tun hat und somit auch mit den damit verbundenen Eigenschaften.

Nur so als ob es sich dabei um das erste solche Buch handeln würde. Brav wechselt von Kapitel zu Kapitel die Perspektive, das thematische Vergessen bleibt solches. Es steht nichts im Weg, dass der Sommer auserzählt wird, die großen Pläne betrieben werden, scheitern und doch nicht scheitern. Das Element, an dem gescheitert wird und das letztlich dann doch zur Versöhnung führt, ist angesichts der Elemente, die für das im Roman betriebene Projekt bereits bewältigt wurden, beinahe eine kleinliche Lächerlichkeit. Nicht an der Größenordnung des Problems wird gescheitert, sondern deshalb, da sich in dem abschließenden Problem die verschiedenen Stränge und Figuren dramatisch zusammenfügen lassen – während umfangreichere Probleme (die gesellschaftliche sind) abseits des Textes verschwinden, nicht erzählt werden.

Klassischer Ablauf, klassischer Zusammenhang, solider Roman nicht weniger, nicht mehr – was letztlich aber nur in Konventionalität Langweile bedeuten kann. So wie konkret die Versöhnung des vermeintlichen Widerspruches absehbar ist, dass gerade die Zugewanderten Interessen der Dorfbewohner teilen, kann nicht überraschen, so auch der Text als ganzes. Die Eigenartigkeiten von Ort, Figuren, Ereignissen werden nicht zu eigenartigem Erzählen, was die inhaltlichen Eigenartigkeiten relativiert.


5) Die Erweiterung

Die Fortsetzung des großen EU-Buches und es bleibt sich treu. Politik als Beziehungsgeschichte, als private Geschichte, als einziges Symbol. Jede der Figuren findet in der Geschichte ihre Partnerin oder Partner, der Lauf der politischen Entwicklungen scheint Verkupplung zu sein. Als private Geschichte laufen die gegenwärtigen Ereignisse nur zu oft in die Vergangenheit. Dort hingen die verschiedenen Figuren schon zusammen, oder die Vergangenheit ist existenzielle Suche nach der eigenen Vergangenheit oder nach Ereignissen. Die Vergangenheit legt auf direktem Weg das aktuelle Handeln und Passieren fest.

Beziehungsgeschichte und private Geschichte können beide nicht Entscheidungen weder einer Regierung, der Europäischen Union, oder allgemein politisches Handeln erklären oder motivieren. Entsprechend sind politisch gesehen die Entscheidungsträger, die in dem Text behandelt werden, auch erstaunlich inaktiv. In ihrer politischen Arbeit gehen sie entweder persönlichen Angelegenheiten nach, machen nichts, oder – und das ist der Hauptfall – befindet sich zum Zeitpunkt der Entscheidung die Aufmerksamkeit des Erzählers wie zufällig gerade leider an einem anderen Ort: Entscheidungen fallen in Abwesenheit des Erzählers. Die dargestellten Figuren handeln nicht politisch. Das, worum es im politischen Roman doch gehen sollte, ist erstaunlich abwesend – die Politik. Diese wird zu etwas Feststehendem, das von außen, im Text unbegründeten, in die Erzählung hinzutritt.

Man wird sagen alles ist symbolisch. Die Liebesbeziehungen zwischen den Figuren, die Vergangenheit, alles drückt die Komplexität der Politik symbolisch aus. Dem fügt sich der Inhalt der Politik hinzu: denn die Handlung des Politikers bleibt auch dann, wenn sie nicht Entwicklungen begründen oder erklären kann, eine politische. Der Inhalt sind symbolische Handlungen. Die symbolische Handlung der Politik kann dann allerdings nicht mehr als Symbol für Politik grundsätzlich gesehen werden. Sie ist vielmehr das, wovon der Roman meint, was Politik ist. Es wird gesagt: In Politik geht es um Symbole.

So als ob die Inszenierung in den Spuren eines Nationalheldens zum EU-Beitritt führen könnte; oder die Veranstaltung einer Kreuzfahrt für die gesamte EU-Politik. (Als Vorstellung ist eine solche schon so absurd, dass das Ende des Romans den Möglichkeitsanspruch aufgibt und es sich nur noch um ein Symbol handeln kann, aber ein Symbol, über das die EU-Politiker doch irgendwie (abwesend) verhandeln, also real ist.). Die Entscheidung über den Beitritt – die Eröffnung der Beitrittsverhandlungen – findet im Text neben der Aufmerksamkeit des Erzählers statt. Für die nicht symbolische politische Entscheidung kann kein Moment der Entscheidung, oder Handlung dazu, oder auch Motivation angeführt werden. Sie kann nicht behandelt werden, das, was im politischen Roman doch so interessant wäre, kann offensichtlich nicht dargestellt werden.

Jeder Inhalt ist Symbol, das Passierende selbst somit leer. Die Frage stellt sich dann, worauf das Symbol zeigt: auf Verknüpfung. Innerhalb von Europa sind jetzt und in der Vergangenheit Personen und Ereignisse verbunden. Im Symbol drückt sich eine zentrale Versprechung der Europäischen Union aus – das Symbol führt durch, wie die EU durch Kontakte (Liebesbeziehungen) verspricht den Kontinent zu einem verbundenen, besseren, friedlicheren Ort zu machen.

Verknüpfung ist auch Eigenschaft, die den klassischen Roman prägt. Der Erzähler thront über den verschiedenen Strängen und weiß, was den einzelnen Figuren in ihren jeweiligen Situationen fehlt und somit helfen würde. Er hält das Buch zusammen, organisiert es in seinem Wissen. Durch sein Wissen wird aufgezeigt, dass grundsätzlich die Möglichkeit bestehen würde, dass mit Zusammentragen der Informationen die Probleme gelöst werden könnten. Der Polizist müsste mit dem Politiker sprechen, der Politiker mit dem Schmied, der Beamte mit dem Politiker usw. Es müsste nur miteinander geredet werden, dann wären die Probleme nicht so groß. Diese Position des Redens und Austauschs ist ebenfalls Versprechung der EU. Auf der höheren europäischen Ebene werden in Austausch die Positionen der verschiedenen Staaten verbunden. Wie der Erzähler die Figuren (trennend) zusammenführt, so setzt es die EU in die Realität um.

Der Roman schafft es also sowohl inhaltlich als auch durch seine herkömmliche Form eine Welt zu erschaffen, in der es keine Interessen und somit auch keine Konflikte gibt, sondern eine Welt und Politik, die nur Symbol und Verbindung ist. Der Roman ist EU-Ideologie. Auch dann, wenn der Roman von einer Katastrophe zur nächsten geht, die durch die EU-Bürokratie wenn nicht hervorgerufen, so nicht verhindert werden, und auch das Ende des Romans auf dem Kreuzfahrtschiff in Quarantäne, das führungslos von Hafen nach Hafen abgelehnt wird; die EU mit ihrer Politik gegenüber ihren Nachbarländern (und auch innerhalb) nicht all zu vorteilhaft erscheint. Aber durch Darstellungsweise und symbolischen Charakter kommt doch nur eines in Frage, die EU. Und zwar eine EU, deren Widersprüche und Gegensätze in Verbindung verschwinden.



Nach den fünf Büchern stellt sich die Frage: Ist es nicht möglich interessante und aktuelle Probleme auf eine interessante literarische Art darzustellen? Die fünf aktuellen und erfolgreichen Bücher aus der österreichischen Literatur lassen daran zweifeln. Veränderte Themen und aktuelle Ereignisse (von Corona bis EU zu Migration) werden in traditionellen Formen dargelegt. Das lässt das Aktuelle und Andere viel weniger aktuell und anders werden und kann es in der entscheidenden Eigenschaften des Gesellschaftlichen gar nicht darstellen. Die Gesellschaft wird in den Einzelnen verlagert, in dem sie einerseits unmittelbar ist, andererseits symbolisch steht, doch in erster Linie nicht Dargestelltes ist.

Das Verwenden von etablierten Formen bedeutet paradox, dass mit der Vergangenheit so umgegangen wird, als wäre diese nicht passiert – so als ob die traditionellen literarischen Formen sich nicht schon aufgelöst hätten. Experiment und damit verbundene Möglichkeiten zu künstlerischer Aussage zu kommen, werden scheinbar um Aussage (Geschichten erzählen zu können) machen zu können vermieden. Der Inhalt füllt eine scheinbar leer daliegende Form, die scheint alles ungefragt und unbegründet aufnehmen zu können. Dass man sich dabei nur traditioneller Formen bedienen kann, und dass es dadurch auch nicht zu Erzählen kommen kann, als Darstellung eines Inhalts, liegt dann nahe.

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