Postgeschichte als eigenartige Erfahrung im Semester (Semesterrückblick Teil 2)

 

Postgeschichte als eigenartige Erfahrung im Semester (Semesterrückblick Teil 2)


Es ist nicht Teil der Erwartung, dass in einem auslandsgermanistischen Studium Postgeschichte behandelt wird. Man denkt, dass das Curriculum mit standardmäßigeren Themen gefüllt sein wird: Sagen wir mit dem Schreiben von Geschäftskorrespondenz. So ist es auch tatsächlich. Die praktische Frage, die sich aus der Verpflichtung des Curriculums ergibt, ist dann nicht mehr so einfach zu beantworten: Wie einen semesterlangen Kurs mit dem Schreiben von Geschäftstexten füllen?

Entweder ist man sehr penetrant und spricht andauernd über das Gleiche – und gibt damit trotzdem keine Antwort auf die immer andere konkrete Herausforderung in der Situation – oder man spricht über etwas anderes. Und kommt so etwa zur Postgeschichte.

Postgeschichte ist nicht nur an sich ein interessantes Thema, sondern auch eines, das sich als gar nicht so verschieden zu der eigentlichen Aufgabenstellung herausstellt; auf einer anderen Ebene zum Thema der Geschäftskorrespondenz zurückführt.


1) Postgeschichte als große Geschichte im Kleinen: als Hinweis auf Verknüpfung und gegenseitige Aussage in Geschichte

2) Postgeschichte als Veränderung der Posttextsorten: als Hinweis auf den grundsätzlichen und aktuellen Gegensatz in Posttextsorten

3) Postgeschichte als Lesen alter Texte: als Hinweis auf die Veränderung von Schrift, als Steigerung des Interesses am Text im Rätselcharakter der Entschlüsselung des Lesens – und im zeitlichen Abstand gesteigerte Notwendigkeit Voraussetzungen in Briefen zu erkennen und aufzulösen


1) Es ist keine große Überraschung, wenn man sagt, dass Elemente in der Geschichte zusammenhängen. Ereignisse der politischen Geschichte hängen mit ökonomischen Entwicklungen usw. zusammen und finden dann eben auch ihren Ausdruck in Entwicklung und Veränderung des Postwesens. Allgemein behauptet stellt es einen Gemeinpunkt dar, doch im Detail nachvollzogen wird man nicht nur erneut und konkret an Beispielen auf die grundsätzliche Verbindung hingewiesen, sondern man wird auch vor interessante Ergebnisse gestellt.

Wie in der kleinen und privaten Information des Briefes sich wie nebenbei das politische Ereignis ausdrückt; wie über das Essen gesprochen wird und damit die schlechte Ernährungslage während des Ersten Weltkrieges in Wien gemeint wird. Oder allgemeiner: wie die Entwicklung der Postkarte mit dem Deutsch-Französischen Krieg zusammenfällt; wie an den Zahlen der beförderten Poststücke Ausmaß der Globalisierung und die wirtschaftliche Situation nachvollzogen werden kann; oder auch wie mit der Anzahl der täglichen Postzustellungen die Konkurrenz und der Zusammenhang zur Entwicklung anderer Medien gesehen werden kann – zwischen Ersetzen durch die technische Entwicklung und Steigerung der Effizienz durch höhere Geschwindigkeit in der Beförderung.

Die Beschäftigung mit Postgeschichte bietet Ansatz und Beispiel zu entscheidenden Punkten und Brüchen der Geschichte zu kommen. Und das, während man sich scheinbar gar nicht mit diesen Entwicklungen selbst auseinandersetzt, nicht über die großen Jahreszahlen spricht, sondern über Details des Briefverkehrs.


2) Behandelt man Postgeschichte, spricht man auch darüber, wie sich die Art Briefe zu schreiben über die Zeit verändert hat; wie sich die Erwartungen an den gelungenen und erfolgreichen Brief verändert haben. Die Art zu schreiben kann nicht nur mit gesellschaftlichen Veränderungen in der Vergangenheit verbunden werden, sondern auch mit der Gegenwart; mit aktuellen Erwartungen an das Schreiben von Briefen.

Betrachtet man das Beispiel Geschäftsbrief, steht dieser in einem Gegensatz: Einerseits soll er klar Informationen vermitteln, andererseits dazu führen, dass aus den Informationen Handlung wird. Sei es, dass ein Produkt gekauft oder verkauft wird, dass es versandt wird, dass über Produkteigenschaften Auskunft gegeben wird, oder einfach schlicht geantwortet wird. Jeweils mag der Brief erreichen, dass aus Text Handlung wird.

Information erfordert möglichst schlichte und ungestörte Angabe. Tendenz ist die Aufzählung oder die Tabelle, ohne weitere Ergänzung. Jeweils soll ungestört von Sätzen oder anderen sprachlichen Konstruktionen schlicht die Information angegeben werden.

Dass die Information zu Handlung wird, ist nicht nur grundsätzlich mehr Sprache notwendig – Handlung drückt sich in Verben aus und wird von Subjekten durchgeführt – vielmehr muss das Gegenüber überzeugt werden, dass es auch wirklich handelt. Argumente zeigen die Vorteilhaftigkeit, gleichzeitig wird mit rhetorischen und sprachlichen Tricks gearbeitet. Also mit Höflichkeit. Über das Mindestmaß der Handlung hinausgehend wird sich Sprache bedient, die der schlichten Information entgegen und im Weg steht, aber für den kommunikativen Erfolg erforderlich ist.

Dieses Wechselspiel kann mit dem barocken Brief beginnend, mit seinen ausgeprägten Formen der Höflichkeit und somit Ablenkungen von der Sache, nachvollzogen werden. Über Veränderungen in technischen Erneuerungen (Schreibmaschine, Computer) hin zum professionellen Büro, bis hin zur digitalen Datenmaske, die nur noch die Information zur automatischen Verarbeitung kennt. Die Geschichte des Geschäftsbriefs scheint ein Abbau der Höflichkeitsfunktion zu Gunsten der Informationsfunktion zu sein. Er formalisiert sich in geordneter Aneinanderreihung schlichter Informationen.

In dem Ausdruck der Höflichkeit vergangener Geschäftsbriefformen stecken allerdings ebenfalls Formeln. Für den barocken und auch noch den klassischen Geschäftsbrief kann in Anleitungen nachgeschaut werden, welche Formulierung in welcher Situation verwendet werden soll. Es kommt zu einer wiederholten Verwendung feststehender Konstruktionen. Das Schreiben des Briefes wird zu einer Art Ausfüllen eines Formulars, in das nur noch die jeweils besonderen Informationen eingefüllt werden. In dieser Versteinerung sind sie der Datenmaske vergleichbar, auch darin, dass die Höflichkeitskonstruktionen ihren Ausdruck an Höflichkeit verlieren. Auf der anderen Seite geben sie Sicherheit im Formulieren – man weiß, wie man in welcher Situation sprachlich zu handeln hat. Das, was als Verhinderung der Information erschien, enthält sein Gegenteil, ermöglicht wie die digitale Datenbank Informationsweitergabe.

Geht in der Zeit das Ausmaß der Höflichkeit zurück, also die Menge der feststehenden Konstruktionen, wird das Formulieren des Briefes auf der anderen Seite nicht nur informationslastiger, sondern auch schwieriger: Es gibt kein feststehendes Hilfswerk wie ich mein gegenüber formalisiert zur Handlung überzeugen kann. Das ist auch im Zeitalter der Datenmasken weiter eine Erforderlichkeit. Nicht nur neben den beschränkten Möglichkeiten der Maske, sondern auch diese unmittelbar begleitend, muss frei formuliert werden. Nicht nur nicht von der Maske erfasste Informationen müssen hinzugefügt werden, sondern in erster Linie muss der Handlungsaspekt mit eigener Sprache verfolgt werden. Die schlichte Ansammlung an Information wird nur in den vereinheitlichsten Problemen Handlung auslösen können. Die Form des Geschäftsbriefs erreichte keine vollständige Auflösung in Information und somit auch nicht ihr eigenes Ende.

Die Formalisierung zur Information ist gleichzeitig Entformalisierung und somit Erschwerung in der Praxis des Geschäftsbriefes. Dass das Schreiben gegen die barocken Formen einfacher und schneller wird – und man muss hinzufügen in der speziellen Anpassung an die Situation auch erfolgreicher – bedeutet gleichzeitig persönliche Entscheidungen und Abwiegen von Konstruktionen. In der Erleichterung liegt eine Erschwerung. Das zeigt gleichzeitig, dass in verschiedenen Ausprägungen der Form Geschäftsbrief jeweils als grundlegende Eigenschaft der Gegensatz zwischen Information und Wirkung besteht. Das zu erkennen ermöglicht und erleichtert der Blick zurück in die Postgeschichte.

Die aktuelle Mischung der beiden Funktionen im Geschäftsbrief weist aber auch auf die Schwierigkeit des (Sprach-)Unterrichts für den Geschäftsbrief hin. Wenn es keine feststehenden Formen gibt, gibt es auch kaum Einschränkungen, an denen der Sprachunterricht ansetzen könnte. Bausteine oder Redewendungen zu vermitteln, führt zu einer alten, schlechten und wenig effizienten Form des Geschäftsbriefs; was kaum als Ziel ausgemacht werden kann. Für einen entsprechenden – und somit unbestimmten Unterricht der sprachlichen Formen des Geschäftsbriefes – bietet sich der Umweg über die vergangene Formen an. Der Nachvollzug der historischen Entwicklung könnte sich als didaktischer Trick herausstellen, um zur aktuellen Form und deren Übung zu kommen.


3) Einen weiteren pädagogischen Effekt des Alten kann man damit ausnutzen, dass alte Sachen meist einfach durch ihre Verschiedenheit interessanter sind als die scheinbar bekannten Sachen der Gegenwart. Im Fall des Briefes fängt das mit der Schrift an: Es muss ein Aufwand gesetzt werden, um den Brief zu entschlüsseln, womit sich genauer mit ihm auseinandergesetzt wird. Und es ist nicht nur schlicht ein Aufwand, sondern das Entschlüsseln alter Texte hat (wohl bis zu einer bestimmten Grenze der Unlesbarkeit) einen spielerischen Charakter, den eines Rätsels. Die Beschäftigung wird nicht nur genauer, sondern auch leichter.

Ganz nebenbei gesagt: Die Bekanntschaft mit alten Schriften ist auch Wert an sich. Auch wenn man sich mit den Reduktionen der Auslandsgermanistik mit einem Bereich auseinandersetzt, wird es nicht von Schaden sein, die Schrift einmal gesehen zu haben, mit der dort über einen langen Zeitraum geschrieben wurde.

Inhaltlich werden in alten Briefen ebenfalls mehr Sachen unbekannt sein als in aktuellen. Worauf angespielt wird, was vorausgesetzt wird, ist schwieriger aufzulösen. Damit wird eine Eigenschaft deutlich, die im aktuellen Brief leichter zu verschwinden droht. Zeitgenössisch verschieben sich entweder Voraussetzungen vollständig ins Privaten und somit Unauflösbare und Unverständliche oder sie sind im allgemeinen aktuellen Wissen enthalten. Jeweils verschwindet die Eigenschaft des Nichtwissens, bzw. der Voraussetzungshaftigkeit, im Erwarteten, wird nicht als allgemeine Eigenschaft des Briefes sichtbar. Das eindeutige Nichtwissen fordert seine Auflösung ein, womit wieder zum Spielerischen des Rätsels zurückgekehrt wäre: Um halbwegs zu verstehen muss nachgeschaut und recherchiert werden. Darin wird verbunden: das Detail aus dem Brief mit größerer historischer Entwicklung – womit man wieder beim ersten Punkt des Textes angekommen wäre, der verbindenden Eigenschaft des Blicks in die Postgeschichte.

Im Brief aus dem Jahr 1916 steht etwa, dass der Mann von dem Ereignis entsetzt war, als er es in der Morgenzeitung las. Um welches Ereignis es sich genau handelt, wird und muss nicht gesagt werden: Jedem in dieser Zeit wird es klar gewesen sein, dem der den Brief bekam auf jeden Fall. Aus dem Abstand der Zeit muss dieses Wissen zurückrecherchiert werden, die Ereignisse des Tages nachgelesen werden. Damit wird der kleine Brief mit dem Attentat auf Ministerpräsidenten Stürgkh verbunden und die Eigenschaft der Voraussetzungshaftigkeit des Briefes deutlich gemacht.


Das, was nur als Ablenkung und Nebensächliches erscheint, stellt sich als zentral mit dem Gegenstand verbunden heraus. Mehr sogar, durch den Umweg kommt es nicht nur zu einer genaueren (und abstrakteren und pädagogisch besseren) Aussage über den Gegenstand des Geschäftsbriefes, sondern ebenfalls zu einer Hinzufügung zum schlichten Thema ‚Briefe-Schreiben‘. Man könnte meinen, dass sich die Beschäftigung mit Postgeschichte lohnt.

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