Papierkatalog und Wohnungsverpackung, Zwei neue Bücher aus dem Extrablatt-Verlag

 





Papierkatalog und Wohnungsverpackung, Zwei neue Bücher aus dem Extrablatt-Verlag


Papier in Büchern ist neutraler Träger von Informationen. Buchstaben, Bilder oder vergleichbares wird auf Papier gedruckt. Die Aufgabe des Papiers liegt darin störungsfrei die Informationen zu zeigen. Es soll nicht zur Aufmerksamkeit kommen und ist selber informationslos. Die beiden neuen Bücher des Extrablatt-Verlages, die dieser Text vorstellen mag, haben ein anderes Verhältnis zum Papier. Das Papier selber ist Inhalt und Information. Offensichtlich wird das, da auf ihr Papier nichts gedruckt ist, also in klassischer Hinsicht die Bücher leer sind; und das Papier nicht glatt und einheitlich ist, sondern zerknittert oder aus mehreren sich unterscheidenden Papiersorten besteht, das Papier ist nicht neutral.


1 Abstrakt

Das leere Buch stellt die übliche Funktionsweise von Büchern dar und deckt sie dadurch auf. Die Möglichkeit zum Ausdruck, als in der normalen Verwendung verborgenes, kommt durch die Darstellung auf die Oberfläche. Damit wird das Programm der ‚klassischen‘ Abstraktion verfolgt: die Leinwand, der Strich, die Farbe – hier das Papier – wird zur Darstellung etwas anderem verwendet, sondern wird selber zum Gegenstand. In diesem Programm stehen die beiden Bücher in einer Reihe von Extrablatt-Verlag-Büchern, die verschiedene Voraussetzungen der Darstellung von Büchern zur Darstellung bringen: Von den Buchstaben im Buchstabenbuch, zur Bindung im Buchrückenbuch, jetzt zum Papier.

Den Hinweis auf das Papier teilen die neuen Bücher mit den vier Paneelen Ordnung (2023/24 im Extrablatt-Verlag). Auch sie bestehen aus leerem ungleichmäßigem Papier, das zuvor Verpackungsmaterial von Büchern war. Wie der Titel ausdrückt ist die Frage der Ordnung zentral. Die Unregelmäßigkeit des Papiers ist Ergebnis eines regelmäßigen Prozesses. Ist die Basis zerknittert und nicht plan, können keine gleichmäßigen Seiten aus ihr geschnitten werden, auch wenn jeweils die gleichen Abmessungen vermessen und aufgetragen werden. Die Eigenschaft der Gleichmäßigkeit, die mit der klassischen Buchseite verbunden ist, und die der Unregelmäßigkeit, die Hinweis auf die Darstellungsvoraussetzung ist, sind gleichzeitig enthalten. Es ist klassisches Buch und doch nicht. Diese Zweiseitigkeit findet sich auch den Inhalt betreffend: Einerseits sind die Seiten leer, die Papiere sind aber als Verpackungsmaterial gefundene Objekte, womit sie eine spezielle Situation ausdrücken. Es kommt nicht nur zur abstrakten Aussage über die Möglichkeit von Darstellung in Büchern, sondern auch eine bestimmte Situation (die der verwendeten Bücher) als konkreter Inhalt wird gleichzeitig und in Wechselwirkung ausgesagt.

Die Mischung aus (Un-)Ordnung und Leere findet sich auch in den neuen Büchern. Unregelmäßiges Papier ist regelmäßig zugeschnitten. Der Unterschied zu den Paneelen findet sich hingegen zuerst in der Präsentationsform: Die Bücher der Paneele sind in größerer Zahl auf Platten montiert, wodurch die Unregelmäßigkeit, die abstrakte Aussage, sich offensichtlicher und anschaulicher darstellt. Die einzelnen Bücher fügen sich in die Gesamtheit eines Bildes zusammen. Dem steht die kleinere Form der neuen Bücher gegenüber: Sie erscheinen als einzelne Bücher und wollen auch als solche verwendet werden. Als Buch sind sie zuerst geschlossen und verlangen geöffnet zu werden, um im Inneren den Inhalt zu finden. Sie müssen also angegriffen werden, man muss in Interaktion mit ihnen treten – im Vergleich zum Bild der Paneele, das abgeschlossen angeschaut werden muss. Aufgeschlagen kann in der einem entgegentretenden Leere aber nichts gelesen und kaum gesehen werden. Resultat ist, dass die Leere näher und unmittelbarer ist als bei den Paneelen. Ein interessanter visueller Eindruck täuscht nicht über den andersartigen Inhalt der Bücher hinweg. Eine zweite Unterscheidung findet sich im Inhalt, also welches Papier und auf welche Art es verwendet wird. Dem Buchverpackungsmaterial bei den Paneelen stehen mehrere Papierarten oder der Abdruck eines bestimmten Ortes im Papier entgegen, womit der Inhalt, der Ausdruck spezieller Situationen einen größeren Stellenwert bekommt.



2 Konkret

Die Verbindung zu konkreten Gegenständen und Aussagen besteht bei den beiden Büchern jeweils auf zwei Ebenen. a) Das verwendete Papier kommt aus einer bestimmten Situation, drückt diese auf bestimmte Weise aus und bildet diese ab. b) Die Bücher sind bestehenden Büchern nachgebildet, womit sie sich auf deren Situation beziehen und ausdrücken.


Buch 1, der Papierkatalog: a)

Das Buch besteht aus 16 Lagen, dessen Papier jeweils aus einer anderen Verwendung als Verpackungsmaterial kommt. Der Verwendung entsprechend sind Eigenschaften und Aussehen des Papiers anders: Kräftiges starres Papier steht feinem flexiblem Papier entgegen, grobes graues Papier hellerem oder bedrucktem – bis hin zu Papier, das keine durchgehende Oberfläche hat. Neben den Materialeigenschaften unterscheidet sich das Papier der Verwendung entsprechend auch in seiner Größe und Form: wie zerknittert oder zerrissen es ist, oder wie dick die Lage ist.

Zusammengefasst: Die Verwendung drückt sich im Papier aus und macht es speziell. Anders ausgedrückt; der Gegenstand, der mit dem Papier verpackt war, macht das Papier besonders und findet sich übertragen in diesem wieder. Das Buch ist nicht nur ein Katalog verschiedener (Verpackungs-)Papiersorten, sondern über das Papier vermittelt auch ein Katalog von Gegenständen. Nicht in gegenständlicher Abbildung sind die Gegenstände im Buch enthalten, dass der Gegenstand als mimetische Nachbildung unmittelbar erkannt und als Bild gesehen werden kann; sondern der direkte Kontakt mit dem Gegenstand, indem das Verpackungsmaterial physisch mit dem Gegenstand verbunden war, führt trotz der viel größeren Nähe zum Gegenstand zu allgemeiner nicht figürlicher Darstellung. Im Vergleich zur gegenständlichen Abbildung kommt es zu einer offensichtlichen Veränderung, der Gegenstand kann nicht gesehen werden. Veränderung wiederholt sich auch darin, dass die Papiere aus ihrer Originalgröße in ein einheitliches Format zugeschnitten sind und in eine von der Originalverwendung ganz abweichende Form gebracht werden, in ein Buch zusammengebunden werden. In der Kombination aus Abdruck, Unmittelbarkeit und Veränderung, Abstraktion, entsteht eine andere Form des Realismus.

Konsequenz für die Interpretation ist, dass der Gegenstand und seine Situation in der (Konsum-)Gesellschaft ausgesagt und dokumentiert wird, aber nicht als Bild in seiner mimetischen Illusion und Zufälligkeit.



Papierkatalog: b)

Das Buch-Vorbild ist ein englischer Warenkatalog aus den 30er Jahren. Die Abmessungen des Buches geben das Format des neuen Buches vor; genauso wie Cover und Titel nachgestaltet sind. Aus ‚General Price List‘ wurde ‚General Katalog‘, aus ‚Army & Navy‘ wurde ‚Verpackung & Dokumentation‘. Die Titel ziehen sich jeweils zentriert über den roten Einband.

Durch das Nachmachen des Buches entsteht erneut die Verbindung in die Warenwelt. Im Katalog aus den 30er Jahren werden mit Abbildungen, Beschreibungen, Preis die Gegenstände bezeichnet – zum Ziel die Produkte zu verkaufen werden sie direkt (mimetisch) ausgedrückt. Dieser Inhalt ist aus dem Papierkatalog gelöscht, genauso wie sich gar nicht die Waren in ihm finden, sondern deren Verpackung. Ergebnis des Bezugs zum Vorbild ist, dass sich auch auf anderer Ebene die abstrakte Aussage konkretisiert und dargestellt wird.



Buch 2, Wohnungsverpackung: a)

Das Konzept ist gleich wie beim Papierkatalog. Aufgebaut wird darauf, dass ein Papier aus enger Verbindung mit einem Gegenstand speziell wird. Also das Papier aus den relativen starren Materialeigenschaften die sich aus dem Kontakt ergebene Form hält und ausdrückt; die besondere Art der Zerknitterung den Gegenstand ausdrückt.

Unterschied zum Papierkatalog ist hingegen, dass nicht gefundene Papiere verwendet werden, solche, die aus einem äußeren Grund und anderer Verwendung (Verpackungsmaterial) in Kontakt mit Gegenständen waren. Bei dem zweiten Buch wurde das Papier absichtlich auf einen Gegenstand aufgebracht, mit dem Ziel, dass das Papier diesem folgend sich zerknittert und diesen ausdrückt. Der Gegenstand war meine Wohnung in Pécs, in der ich fünf Jahre lang lebte.

Eine Bahn Abdeckpapier aus dem Baumarkt befestigte ich an der Ecke der Decke zur Wand. Zog es hinunter zum Boden (über Heizkörper und Sofa), diesem entlang und auf der anderen Seite des Zimmers wieder hinauf zur Decke (über einen Kasten). Das Papier folgte nicht nur der Abmessung des Zimmers (die Länge der Bahn), sondern auch den Gegenständen in ihm – die Knitterung des Papiers ist den Kanten, Krümmungen und Veränderungen des Zimmers entsprechend.

So die Idee. Die Starrheit des Abdeckpapiers ermöglichte aber nicht, dass detailliert den Gegenständen gefolgt werden konnte. Im Papier drückt sich eine Vereinheitlichung aus, die gleichzeitig aber auch nicht die eingedrückten Elemente in sich halten halten kann: Relativ wenige Formen übertragen sich auf das Papier, die dann teilweise wieder verlorengehen. Das Nehmen eines Musters zu einer speziellen Form des Papiers funktioniert nur begrenzt. Die Methode scheitert gewissermaßen.

Die Papierbahn nahm ich anschließend ab und schnitt sie in Bögen, die dem Format des Vorbild-Buches entsprechen. Aus der 1 m breiten Bahn ergaben sich vier nebeneinanderliegende Bögen in der Breite, die sich jeweils 19 Mal wiederholten. Ein Bogen hat die Abmessungen: 45 x 31 cm, was pro Seite 22,5 x 31 cm ergibt. Die Bögen verband ich abschließend zu einem Buch.

Der Realismus der nicht gegenständlichen Darstellung richtet sich auf einen absichtlich ausgewählten Ort. Ein Ort, an dem ich viel Zeit verbrachte und der durch seine Gestaltung einen bestimmenden Rahmen meinem Wohnen, und so meinem Leben gab. Die fixen Betonwände des 10-stöckigen Plattenbauturmes (in Pécs, Ungarn) gaben vor, was möglich war. Verweigert sich der Ort aber auf das Papier zu übertragen – wie es der Fall war –, würde zum Ausdruck kommen, dass die Wohnung auf den Bewohner viel weniger bestimmend ist und keine bestimmten Eigenschaften hat; was der mit dem feststehenden Rahmen verbundenen Erwartung entgegenstehen würde. Das Auflegen des Papiers in die Wohnung würde ein spurloser Prozess sein.

Der Plattenbau als stereotyper (und so falscher) Ausdruck des sozialistischen Bauens steht im Rahmen geplanten Wohnbaus. Die Entwicklung einer Stadt ist im Zusammenhang mit der Entwicklung seiner Arbeitsplätze und Wirtschaft geplant. Ist vorgesehen, dass die Bergwerke in Pécs ausgebaut werden, ist gleichzeitig eingeplant, dass das Wohnungsangebot erweitert wird. Gebaut werden in der geplanten Wirtschaft in die geplante Stadt die in Fabriken hergestellten Plattenbauten. Für das 10-stöckige Haus mit seinen 40 Wohnungen kann gesagt werden, dass es 40 Familien unterbringt, dass es mehr als 100 Personen Wohnung gibt, womit ein gewisser Anteil des Wohnungsbedarfs der Entwicklung der Stadt gedeckt werden kann. Folglich muss eine bestimmte Menge an Neubauten errichtet werden, um den erwartbaren Bedarf zu erfüllen. Die Form der einzelnen Wohnung steht im großen Plan der ökonomischen und gesellschaftlichen Ordnung; also in großer Abhängigkeit.

Der Plan setzt sich in die Gestaltung der einzelnen Wohnung fort. Jede Wohnung des entsprechenden Typs Haus ist gleich aufgebaut. Die 40 Wohnungen des Plattenbauturms sind in jedem Stockwerk gleich. Der Grundriss, die Aufteilung der Zimmer und somit auch die Verwendung – das Leben – laufen in den Wohnungen parallel ab. Wie in einem großen Stockbett wird übereinander geschlafen, gekocht, gesessen, gewaschen usw. Die Wohnung gibt dem Leben einen vereinheitlichenden Rahmen. Beide Formen der Ordnung scheinen aber durch die Papierabdruckmethode nicht zum Ausdruck gebracht werden können.

In der einzelnen Wohnung kann nicht drei Meter hinunter und hinauf in das nächste Bett geschaut werden, es kann nur vermutet werden, dass Raumaufteilung, Einrichtung und Alltag in den anderen Stöcken ähnlich abläuft. Im Detail der einzelnen Wohnung ist die vorgegebene und sich wiederholende Ordnung nicht wirklich sichtbar: Die Ordnung mag im Einzelnen verschwinden.

Schaut man sich die Blätter des Buches genauer an, erkennt man aber doch Spuren der Wohnung. Leichte Spuren, die wie die leichten Vermutungen über das Leben nebenan sind; ansonsten ist das Buch aber leer, wie die Leere der Wohnung hin zur eigenen Gestaltungsmöglichkeit. Leicht aber doch sind die Seiten zerknittert und drücken so die Wohnung in ihrer speziellen Situation und speziellem Verhältnis zur Ordnung aus.


Wohnungsverpackung b)

Das Vorbildbuch kommt nicht nur aus (sozialistischem) Ungarn, sondern ist auch eine Publikation, die einen bestimmten Zeitraum darstellen mag. Magyarország 1945-1960 ist der Titel des Buches, das im Stil einer Jubelausgabe auf die 15 Jahre nach Kriegsende zurückschaut und die Erfolgsgeschichte des sozialistischen Aufbaus darstellt. Der Abdruck der politischen Entscheidungen auf das Land ist eindeutig und führte zu spektakulären Ergebnissen, die in Bildern, Texten und Grafiken dargestellt sind. In der Verbindung ins sozialistische Ungarn gibt es das Muster zum fünfjährigen Jubiläum in der Wohnung – dessen Ergebnis viel weniger eindeutig und erfolgreich ist; aber auch nicht die ordnende Vorgabe macht, dessen Dokumentation und Kritik vielmehr das Wohnungsverpackungsbuch ist.



3 Fortsetzung

Angesichts des abstrakten Bezuges sowohl zur Situation aus der die Papiere stammen, als auch zu den Vorbildbüchern liegt ein Weiterführen der beiden Papierbücher nahe, um den Zusammenhang und die Aussage der konkreten Situationen offensichtlicher zu machen. Die Verbindung ist momentan eine einseitige: Situation und Vorbild überträgt sich in die Produkte der Bücher. Eine Ausweitung und Umdrehung der Bezugnahme könnte hingegen zu einem offensichtlicheren Verhältnis führen.

Die Einbindung in die Situation ist nicht Aufgabe eines Kunstwerkes, sondern eine Frage der Praxis – letztlich die Veränderung der ordnenden Warenwelt, bzw. des Wohnens. Deren Kritik und somit Aufforderung zur Veränderung möchten die beiden Bücher auch in ihrer jetzigen Version schon formulieren. Möglich ist hingegen die Einbindung der beiden Papierbücher in ihre Vorbildbücher, etwas was weiter auf der ästhetischen Ebene der Kunst stehen würde.

Schritt zur Verdeutlichung ist, dass die neuen Bücher sich auch in ihren Vorbildern finden. Konkret, dass das geformte und gefundene Papier in die Vorbilder eingebunden wird, bzw. auch, dass die Geschichte des Entstehens und ihres dokumentarischen Charakters (die fünf Jahre in der Wohnung in Pécs, die Verwendung von Verpackungsmaterial) in den adaptierten Vorbildern mit eindeutigeren Mitteln sich findet – etwa erzählerisch oder auch durch die Darstellungsweisen, der Vorbildbücher: Listen, Bilder, Preise, Statistiken, beschreibende Texte. Durch den umgedrehten Prozess soll auch das Funktionieren und die Art der Vorbildbücher genauer betrachtet, analysiert und dargestellt werden – um nicht zuletzt auch deren bestimmte und historische Situation zu thematisieren und zu kritisieren.

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