Ungarn für Durchreisende (nach Pécs): Was sich in der dritten Auflage verändert hat
Ungarn für Durchreisende (nach Pécs): Was sich in der dritten Auflage verändert hat
Die bereits dritte Auflage des Reisetextes des Extrablatt-Verlags zu Pécs hat vollständig sein Erscheinungsbild verändert. Nicht in seinem Äußeren: Weiter gibt es das Format der klassischen Fahrkarte, auch das Cover ist diesem Muster folgend gestaltet. Die Veränderungen im Inneren drücken sich allerdings auch dort schon aus. Die Ergänzung des Titels in der Klammer wurde zu ‚nach Pécs‘, nicht mehr ‚zu Benedikt‘. Der Fahrpreis reduzierte sich – in beiden Währungen auf 0, was sich aus der ‚Ermäßigung‘ ergibt: Es ist ein Fahrschein für das ‚Reisen von zu Hause‘. Ohne Preis keine Zugfahrt; es wird zu Hause geblieben. Möglich wird das, da keine Person mehr Ziel der Reise ist, welche ja nur mit wirklicher Anwesenheit besucht werden kann, sondern eine Stadt. Dass es sich dabei um einen Unterschied handelt, macht spätestens das Vorwort klar. Keine Stadt in der Gegenwart wird angestrebt; Durchreise versteht der Reiseführer vielmehr zeitlich. Es wird eine Stadt beschrieben, die es heute nicht gibt, sondern in vergangenen Punkten, somit nicht mit einer Reise besucht werden kann. Es kann ohne Fahrpreis zu Hause geblieben werden.
Die inhaltliche Veränderung zur dritten Auflage ist somit eine große. Nach Beschreibung des Weges zwischen Wien und Pécs (erste Auflage), Beschreibung des aktuellen Pécs (zweite Auflage), nun Beschreibungen von Pécs aus der Vergangenheit. Die Neuauflage machte das Heft zu einem (unausgesprochenen) weiteren Teil der Reihe des Extrablattverlags ‚Mit alten Reiseführern durch …‘.
Konkret besteht die dritte Auflage aus Texten, die aus sieben verschiedenen Reisetexten übernommen wurde. Chronologisch geordnet stammt der älteste aus dem Jahr 1870, der jüngste von 1992. Stadtbeschreibungen aus mehr als 100 Jahren finden sich im Heft. Die älteren sind vollständig wiedergegeben – da nicht lange. Aus moderneren, die sich ausschließlich Pécs widmen, also umfangreicher sind, ist die allgemeine Vorstellung der Stadt ausgewählt. Der Fokus liegt nicht auf Details wie einzelnen Sehenswürdigkeiten, sondern welcher allgemeine Eindruck von der Stadt gegeben wird.
Mit praktischen Hinweisen findet sich hingegen ein detaillierter Blick auf die Stadt. Aus dem Text der 80er Jahre sind Informationen zu Essen, Trinken, Unterkunft, Anreise usw. übernommen, also wie die Stadt verwendet werden konnte.
In all seinen Texten und Inhalten vermittelt der Reiseführer somit veraltete Informationen, die heute unmittelbar nicht verwendbar sind. (Schon in den ersten Auflagen des Reiseführers fanden sich alte Texte zur Stadt. Sie standen aber jeweils in Verbindung mit einem anderen Ziel. Die ausschließliche Beschäftigung mit der Vergangenheit und die Erweiterung um weitere Texte stellt die Neuerung der dritten Auflage dar.)
Was will der Reiseführer damit, und was hat das mit Durchreise zu tun?
Wenn unmittelbar nicht verwendbares mitgeteilt wird, muss erklärt und begründet werden, warum dies geschieht. Lebt man in einer Stadt oder besucht eine, ist man wenig überraschend mit ihrer Gegenwärtigkeit konfrontiert. Alle Elemente verschmelzen in die Gegenwart des Betrachters. Natürlich stammen die Teile der Stadt aus der Vergangenheit: Wurden zu verschiedenen Zeiten errichtet und veränderten sich in Aussehen, Verwendung und Bedeutung über die Zeit. Der herkömmliche Reiseführer versucht diese Historizität mit der Schilderung von Bau- und Verwendungsgeschichte zu erschließen. Es kommt zu einer Aufzählung und Verbindung von Elementen, die zur aktuellen Erscheinung führen. Wie die Stadt im Betrachten verschmilz auch die Darstellung in Ausrichtung auf die Gegenwart.
Mit der Wiedergabe vergangener Texte soll dem entgegengewirkt werden. Zum Offensichtlichen der Gegenwart der verschwundene Blick der Vergangenheit hinzugefügt werden. Letztlich mit dem Ziel die Stadt und ihre Elemente besser kennenzulernen und zu verstehen, in ihrer Veränderung.
Die Aneinanderreihung von Texten und die siebenfache Wiederholung des gleichen Gegenstandes ergibt die Durchreise. Eine Reise durch Zeit in einzelnen Text-Stationen. Während die ersten beiden Auflagen Durchreise räumlich, als Weg, verstanden, wird sie in der aktuellen Auflage zeitlich verstanden.
Warum die Veränderung zur dritten Auflage?
Grund liegt nicht nur in der grundsätzlichen Interessantheit der Texte aus der Vergangenheit, sondern schlicht im praktischen Grund, dass die Person – zu deren Besuchen der Reiseführer auffordern wollte – nicht mehr vor Ort ist. Der Aufenthalt in Pécs zu Ende, Ziel und Motivation des Reiseführers hat sich erübrigt. Es kann also wieder zu Hause geblieben werden. Dass der Ort trotzdem beachtet und präsent bleibt, wird jetzt ein Blick aus räumlicher und zeitlicher Ferne auf ihn geworfen.

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