Der Fall Oberwölz, ein Schreibmaschinen-Protokoll-Krimi
Der Fall Oberwölz, ein Schreibmaschinen-Protokoll-Krimi
Dieser Artikel behandelt die Frage, um welchen Text es sich bei dem Fall Oberwölz handelt, speziell in seiner Erscheinung als Protokoll und als Schreibmaschinen-Text.
Inhalt des Textes ist ein Krimi: Es ereignet sich ein Verbrechen und ein Polizist versucht es aufzuklären. Ein Vorgang, der in mehr oder weniger Verwicklungen abläuft – in der Verstrickung von Verbrechen und Polizei, und der Schwierigkeit zwischen den beiden Seiten klar zu unterscheiden und natürlich im Unwissen über das Passierte. Hoffnung ist, dass der Inhalt zu einer möglichst spannenden Geschichte führt. Ein Text entsteht, der die Erwartungen an einen herkömmlichen Krimi befriedigt.
Konkreter: Der Fall Oberwölz handelt von der bekannten Figur Kurt K. (Kommissar Kirchbichler), der nicht mehr richtig in die moderne Kriminalpolizei zu passen scheint. Sowohl vom Charakter als auch von seinen Ermittlungsmethoden ist er von der neuen Welt überholt. Ohne Platz und Beschäftigung werden ihm mehr oder weniger sinnlose Tätigkeiten zugeteilt: eine Observation, bzw. selber krank einen anderen Kranken zu überwachen und Kontakt mit ihm aufzunehmen. Es handelt sich um Tätigkeiten, deren Hintergrund K. nicht kennt, nicht weiß, warum er sie macht. Auf diese Weise gelangt er an den titelgebenden Ort, nach Oberwölz. Bei dem anderen Kranken handelt es sich um den Informanten ‚Loser Ziegel‘, der der Polizei über Vorgänge in einer Art Baustellenmafia berichtet. Die beiden Figuren befreunden sich und werden zum Ermittlerpaar, das versucht den Mord am Chef der Baustellenmafia als solchen nachzuweisen – entgegen eines Unfalles, wie es auf der Oberfläche erscheint.
Eine typische Geschichte, die sich dem typischen Motiv der Vermischung der Grenzen zwischen Verbrechen und Polizei bedient: zwischen dem sogenannten Guten und Bösen keine klare Unterscheidung herstellen kann. Andere klassische Konflikte, die die Geschichte sich beinahe stereotyp bedient, sind: der Polizist aus der Stadt, der am Land ermittelt; der alte Polizist, der von neuen Methoden überholt ist, seinen Platz im Betrieb der Polizei verloren hat. Nicht nur in der Absicht ein Verbrechen aufzulösen, sondern auch aus diesen Motiven kann der Text als klassischer Krimi bezeichnet werden.
Doch weder Form noch Erscheinungsbild des Textes stimmen mit der Einordnung als klassischer Krimi überein. Der Text ist als Protokoll geschrieben, hat nicht das neutrale Erscheinungsbild eines Computertextes, sondern ist auf einer Schreibmaschine geschrieben. Zwei Elemente, die auf den ersten Blick einem Krimi entgegenstehen, der keine Ablenkung vom Inhalt durch Form und Erscheinungsbild verträgt – nichts soll von der Handlung und ihrer Spannung ablenken. Dass es sich dabei um einen scheinbaren Widerspruch handelt, ganz im Gegensatz mit anderer Form und Erscheinungsbild gerade die Absicht des Krimis zu Spannung gesteigert wird, zeigt der Fall Oberwölz und muss gleichzeitig erklärt werden. Also, dass das Ziel des klassischen Krimis in der Abweichung von seiner klassischen Form besser erreicht werden kann.
Das Protokoll: Neben seinen speziellen sprachlichen Eigenschaften ist das Protokoll Einschränkung auf Perspektive. In ihm kann nur das wiedergegeben werden, was die es schreibende Person zu einem bestimmten Zeitpunkt weiß. Entwicklung (als Verlassen der Zeit) und über das eigene Wissen Hinausgehende (als Verlassen der Figur) können nur Spekulation sein. Im Protokoll gibt es keine Sicherheit, keine allgemeine, übergeordnete Ebene – erzähltheoretisch ausgedrückt: Es gibt keinen alles verbindenden Erzähler. Der Text steckt in der Situation.
Die Handlung der Geschichte ist somit relativ unklar. Da K. nicht weiß, warum er nach Simmering fährt das Haus überwachen, warum er nach Oberwölz fährt, wer die Person (‚Loser Ziegel‘) ist, die er treffen und aushören soll, weiß es keine Ebene des Textes. Und da es K. und der Text nicht weiß, hat auch der Leser kein Wissen darüber. Nicht-Wissen ist die Grundsituation.
Entwicklung und Wissen über die Figuren ergibt sich erst dann, wenn sie sich für die schreibende Person (K.) ereignen, wenn Informationen für ihn bekannt werden. Zu dem grundsätzlichen Nicht-Wissen fügen sich nach und nach Ereignisse hinzu und setzen sich zu einer Geschichte (als sich bildende Kette von Ereignissen) zusammen; genauso passiert es mit den Informationen zu den Figuren. Trotz wachsender Informationsmenge bleibt die Qualität der Informationen fraglich. Das Wissen einer Figur wird wiedergegeben, das als solches ungewiss ist, ob es der Realität entspricht. Folge kann sein, dass es in der Entwicklung zu Widersprüchen kommt: neue Informationen ältere als falsche entlarven. Zur Darstellung kommt ein ständiger Wechsel der Einschätzung durch den Kommissar, die auch die einzige Informationsquelle für den Leser sind. Auch in fortlaufendem Anwachsen der Informationsmenge bleibt die Erzählsituation unklar.
Der Eindruck, der aus der Perspektivierung entsteht, ist in der Erwartung des Krimis nach umfassendem Wissen unbefriedigend: Man mag wissen, wie es um ‚Loser Ziegel‘ steht, warum K. die Reise macht, usw. Auf der anderen Seite bedeutet die Ausgeliefertheit an die Situation Offenheit und Spannung. Wie die Figur sich die Frage nach der Entwicklung (nach der Lösung des Verbrechens) stellt und wie sie entsprechend handeln kann, so muss sich auch der Leser fragen, wie es weitergeht, wie die Informationen eingeschätzt werden können. Die Inhalte werden nicht wie im abgeschlossenen Text quasi automatisch und berechenbar zur Verfügung gestellt. Leser und Figur befinden sich somit auf einer Ebene, so als ob sie sich in der derselben Situation und der Spannung ihrer Entwicklung befinden würden – der Leser selbst ist in die Ereignisse hineingezogen.
Zusammengefasst: Durch die Abweichung von der klassischen Form des Krimis steigert sich die Spannung (die Unklarheit der Situation), womit die Form sich besser erfüllt. Paradox ist das Ergebnis der Verfehlung ein besserer (spannenderer) Krimi.
Auch im Ende des Textes drückt sich dieses Verhältnis aus. Da es keinen größeren Zusammenhang gibt, kann der Text sich auch nicht zu einem die Ereignisse schließenden und auflösenden Abschluss entwickeln; das Protokoll ist einfach zu ende. Das Verbrechen hingegen geht weiter, worin einerseits textintern sich die Notwendigkeit zu weiteren Ermittlungen ergibt, andererseits die Erwartung des Lesers zu einer Fortsetzung: Wie geht es um ‚Loser Ziegel‘ und die Vermischung von Verbrechen und Polizei weiter? Die unabgeschlossene Geschichte erzeugt das Verlangen, dass fortlaufend neue Informationen hinzugefügt werden, in einer andauernden Unabgeschlossenheit.
Die Entscheidung zu dieser Form des Nicht-Wissens entspricht einer zentralen Eigenschaft des Kommissars. Dieser kann sich nicht als klassischer Kommissar vorgestellt werden, der einem Erzähler entsprechend alles weiß – oder zumindest so tut. Vielmehr ist er in seinen beschränkten kriminalistischen Fähigkeiten der Situation und den Ereignissen ausgeliefert, läuft den Entwicklungen nach, schafft es nicht in diese einzugreifen, um den Fall zu lösen. Die Situation ist stärker als der Polizist – zusammenfassendes und ordnendes Genie von Kommissar und Erzählung funktionieren nicht. Was hingegen funktioniert, ist Nicht-Wissen, Unmittelbarkeit, Offenheit und Spannung; Eigenschaften, die jeweils in der Form des Protokolls angelegt sind.
Die Erscheinung als Schreibmaschinen-Text unterstützt die aufgezählten Eigenschaften der Form des Protokolls und macht sie glaubwürdiger. Man hat es materiell mit einem Protokoll zu tun. Nicht nur werden vermeintliche Regeln der Textsorte Protokoll in einem sprachlich-rhetorischen Trick eingehalten, die den Text als Protokoll erscheinen lassen sollen. Die Eigenschaften eines Schreibmaschinen-Texts lassen den Fall Oberwölz wirklich zu einem im Moment der Situation geschrieben Polizei-Protokoll werden – natürlich weiter nur literarisch scheinbar, doch dass der verbindende Blick aus der Abgeschlossenheit fehlt, unterstreicht die Schreibmaschine.
Schreiben auf der Schreibmaschine bedeutet: Materialität, Fehler und Abweichung, mangelnde Korrekturmöglichkeit, Ausdruck von Zeit. Wie in der Geschichte Zeit vergeht, so auch für die Schreibmaschine, was dem Text fortlaufend ein anderes Erscheinungsbild gibt. Offensichtlichster Ausdruck davon ist, dass die Tinte des Farbbands sich verbraucht, der Abdruck der Buchstaben schwächer wird. Die Verbindung in den Augenblick drückt sich durch die Unmöglichkeit aus jeweils gleich aussehende Buchstaben, Zeilen- und Seitenspiegel zu erzeugen. Die Buchstaben werden mit unterschiedlicher Kraft auf das Papier gedrückt, oder die Mechanik führt zu unterschiedlichen Positionierungen des Seiten- und Zeilenanfangs. Augenblick bedeutet auch, dass Geschriebenes nicht gelöscht werden kann, Korrekturen nicht oder nur als Überschreibung möglich sind. (Für eine genauere Behandlung der Schreibmaschinen-Literatur und ihrer Eigenschaften vgl. Schmettering 22/08/25: https://schmettering.blogspot.com/2025/08/schreibmaschinen-literatur.html)
Folge dieser Eigenschaften ist, dass Fehler sich im Text finden. Im konkreten Text des Fall Oberwölz findet sich: Ein Wechsel von einer Schreibmaschine (Hermes Baby) zu einer anderen (Olympia) mit ihren verschiedensten Unterschieden in Typographie, Seitengestaltung und Behandlung des Papiers. Die Unregelmäßigkeit in Seiten- und Zeilengestaltung. Und natürlich Tipp- und andere Fehler (etwa im Umbruch).
Zusammengefasst: Die Schreibmaschine unterstreicht die Ausgeliefertheit und Bindung an die Situation der Entwicklung und Figur – fügt sich somit in die Verfehlung der Krimiform ein, um diese zu einem besseren (spannenderen) Ergebnis zu führen.
[Exkurs, wie sieht heute ein Protokoll aus? Die Textsorte Protokoll mag mit seinen Eigenschaften Vereinheitlichung und so klare Aussage, Dokumentation und Übermittlung von Information erreichen. Mit digitalen Möglichkeiten hat sich verändert, wie diese Ziele (besser) erreicht werden können. Nicht mehr muss in satzartigen Formulierungen selbst geschrieben werden (und so von dem Ziel abgewichen werden), sondern digitale Datenmasken machen das Protokoll direkter und unmittelbarer und ermöglichen eine weitere Reduktion auf schlichten Inhalt. Entsprechende Inhalte werden angeklickt und standardisiert zusammengefügt. Der Polizist gibt seine Handlungen direkt in vorgefertigten Kategorien in sein Handy ein.
Das Protokoll des Fall Oberwölz entspricht so auf keiner Weise der aktuellen Form und Möglichkeiten eines Protokolls. Nicht nur durch die Verwendung einer Schreibmaschine handelt es sich um einen anachronistischen Text, einen der nicht in die aktuelle Zeit passt.]
Aus technischer Sicht und in der Textsorte überholt, entspricht der Fall Oberwölz nicht der Form Protokoll, wodurch das letzte Argument geliefert wird, dass es sich um einen literarischen Text handelt. Und somit um keine reale Begebenheit, hingegen um Veränderung von Form und Inhalt.
Punkte, an denen die Literarisierung weiter abgelesen werden kann, sind: der unklare Grund, warum das Protokoll geschrieben wird; dass es sich nicht nur um Protokolle einer Person handelt, sondern im Text auch Protokolle von B. enthalten sind; die Abweichung von der schlichten Form des Protokolls hin zu tagebuchartigen Elementen.
Die Punkte hängen zusammen: Warum sollte ein Polizist ein Protokoll über seine privaten Tätigkeiten schreiben, die zusätzlich nicht gerade perfekte Entsprechung eines gesetzlichen Auftrages sind. Die Vorstellung, dass ein Polizist (Beamter) quasi seinen Genen entsprechend in jeder seiner Tätigkeiten an den dienstlichen Erwartungen festhält, ist eine, die aus dem literarischen Motiv des kuk-Beamten resultiert, das diesem den perversen Allumfassendheits-Anspruch seiner Tätigkeit zuschiebt, dass dieser in jeder Lage Beamter ist. In der Erfüllung eines Motivs kann es sich nicht um das Protokoll einer tatsächlichen Begebenheit handeln, Literarisierung liegt vor.
Mit dem von dienstlicher Notwendigkeit abweichenden Charakter des Protokolls hängt der Übergang zum Tagebuch zusammen. Von der Sachlichkeit des Protokolls wird zur Persönlichkeit des Tagebuches gewechselt, mit seinen privaten Beobachtungen und Reflexionen. Damit wird nicht der Gegenstand in den Vordergrund gestellt, sondern der Blick auf diesen, die persönliche Perspektive: ich sehe es so, nicht so ist es.
So wie keine Geschichte in einem Protokoll geschrieben wird, so entsteht doch der Eindruck, dass der Fall Oberwölz in dieser besonderen Form steht, also die Illusion eines Protokolls wird erzeugt. Literarische Veränderung erreicht durch Veränderung (und somit Vereinheitlichung und Organisation), dass der Text gleichzeitig Protokoll und Geschichte sind.
Aus dieser paradoxen Verbindung entsteht die besondere Aussage des Fall Oberwölz. Die Geschichte als literarisches Protokoll erzeugt die Möglichkeit zu einem spannenderen Text zu kommen als er durch die klassische Erzählmethode des Krimis entstehen könnte. Die größere Spannung ergibt sich aus Unmittelbarkeit und Offenheit der Textsorte, gegenüber dem Feststehen in der Abgeschlossenheit des traditionellen Erzählens. Offenheit ist gleichzeitig aber auch Aussage selbst, indem sie den ideologischen Charakter des Abschlusses, der nicht nur in literarischen Texten angestrebt wird, sondern auch gesellschaftlich, ausstellt und somit als falsch kritisiert – Veränderung einfordert.
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